Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2704 (2.9.1926)
- Date
- 1926-09-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. £70, Wien, LsnnetMg Tagesbericht. Revublik Kölling. Der „Manchester Guardian" hat kürzlich den Füll des haimovercmischeii Professors Lessing besprochen und ihn als ein besonders skandalöses Beispiel antisemitischer Schurkerei bezeichnet. Dieser Fall ist nicht der einzige und, wie wir wissen, nicht der ärAe. Aber das angesehene englische Blatt hat recht, wenn es sagt, daß der deutesche Antisemitismus sich zu verschlimmern scheint. Dem Fall Lessing, der ja noch nicht liquidiert ist, folgte die freche Ritualmordaffäre in Breslau und schließlich der Fall.Haas in Magdeburg, der die Verlotterung der Rechtspflege in noch grellerem Lichte zeigte. In Hannover hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen die studentischen Terroristen eingestellt; ihren Standpunkt, junge Leute nicht für eine Verfehlung schärfer büßen zu lassen, kann man allenfalls noch akzeptieren. Aber die -Bösartigkeit, die sich in Magdeburg gezeigt hat, scheint überhaupt straflos bleiben zu wollen, obzwar sie sich in Exzessen ausgelebt hat, an denen kein geordneter Staat Vorbeigehen darf. Denn in dieser Affäre ist so ziemlich alles, was ein normal gebauter Europäer unter Korrektheit versteht, ins Gegenteil verwandelt worden. Und weil der Staat, der dies geduldet hat, der Debatte über diesen kitzligen Punkt so lange als nur möglich Vorbeugen will, wird die Aufklärung hinausgezogen. Die Berliner Blätter berichten: „Nach Mitteilungen der Staatsanwaltschaft in Magdeburg wird der Prozeß gegen den Mörder Schröder, der den jüdischen Industriellen Rudolf Haas unter der Einwirkung der Untersuchung fälschlich des Mordes bezichtigte, in der Mitte September beginnenden Schwurgerichtsperiode nicht zur Verhandlung kommen. Als Grund wird angegeben, daß die Akten den höheren Instanzen — dem Ober- . landgericht Naumburg und dem Justizministerium — zuge- ' leitet , worden sind." Das ist wohl die Vorbereitung darauf, daß der tatsächliche Hintergrund des Falles verdunkelt werden soll. Der Anlässe hiefür gibt es mchr als genug. Da" ist ein Polizeikommissär, der mit dem Mörder eng befreundet ist und mit ihm am selben Stammtisch saß. Dieser Poliezikommissär, den das Hakenkreuz am Stahlhelm schmückt, hat gegen seine Vorgesetzte Behörde in Zeitungserklärungen, die teils von einem Hakenkreuzanwalt, teils von einem richtiggehenden Landesgerichtsrat verfaßt wurden, Krieg geführt. Er hat die Untersuchung wissentlich nach der unrichtigen Seite hin geführt. Die Verhöre mit dem Angeklagten wurden nicht protokolliert, dagegen Mitteilungen in die Rechtspresse lanciert, die die öffentliche Meinung in eine bestiminte Richtung drängen, mußten. Nebenbei ist da noch ein Jud', der eingesperrt wurde. Wenn nun in der Kaiserzeit ein Beamter, ein Organ des kaiserlich deutschen Rechtes, sich solcherart gegen die Autorität gestellt hätte, so wäre ihm wohl kurzerhand der Prozeß gemacht worden. (Freilich, wenn kein Jude in passiver Rolle beteiligt gewesen wäre.) Die Autorität wäre auch sehr zornig aufgofahren, wenn ein vom Staat bestellter Professor durch Barrikaden und Geheul am Betreten des Lehrsaales verhindert worden wäre. Aber da in der kaiserlich deutschen Republik die Parteien die Oberhand besitzen, die. die Majestät des Gesetzes mit der Obrigkeit zu einem einzigen Begriff zusammengeschmolzen haben, so verläuft der Fall Lessing so wie der Fall Haas ins Aktenstudium und die antisemitische Schurkerei wird Gegenstand von Betrachtungen eines liberalen englischen Blattes, das es niemals wird verstehen können, daß es eine Republik Kölling geben kann. Wt«n , $tt Breslauer Mu!>erm»r»er gefunden? Me die „Schlesische Zeitung" meldet, wurde von der Kriminalpolizei in Kattowitz der Schlosser Löwe in Nendorf unter dem Verdacht eines Sittlichkeitsverbrechens festgenommen. Er wird beschuldigt, einem siinfjährigen Mädchen mit einem Messer lebensgefährliche Schnittwunden am Unterleib beigebracht zu haben. Da Löwe auch bezüglich des noch immer nicht aufgeklärten Breslauer Kindermordes als Täter in Frage kommt, sind die entsprechenden Ermittlungen seitens der deutschen Kriminalpolizei eingeleitet worden. SInFahrgaft Webt auf de« TarNeater. Aus Nürnberg wird gemeldet: Ein Mjähriger Autodroschkenbesitzer wurde Dienstag von einem Fahrgast plötzlich in den Hinterkopf geschossen. Das Automobil fuhr an einen Daum an und wurde vollständig zertrümmert. Der Chauffeur erlitt außer der Schußverletzung noch einen schweren Schädelbruch und innere Verletzungen. Der Fahrgast wurde verhaftet. krvlofiauskatastrophe kn Srohobtztj- Drei Personen tot, fünfzehn verwundet. Aus Krakau, 1. d., wird uns gemeldet: In D r o h obycz geriet gestern nachmittags infolge der Unvorsichtigkeit eines Chauffeurs, der eine brennende Zigarette wegwarf, ein Haus, in dem sich ein Benzin- und Naphthalager sowie eine Apotheke befanden, in Brand. Infolge der Explosion im Keller stürzte das Gebäude ein. Erst «ach mchr als vierstündiger mühseliger Arbeit gelang es, den Brand so emzudämmen, daß die Gefahr für die Stadl abgewehrt war. Ter schuldige Chauffeur und zwei andere Personen fanden den Tod. Fünfzehn Personen wurden verletzt. Dar DauiingMS in Klein-Pest. Eine Folge der Csepeler Explosion- Budapest, 1. September. Die Beerdigung der acht Todesopfer der K i s p e st e r B a u k a t a st r o ph e findet nun endgültig morgen Donnerstag um. 4 Uhr statt. Die f ö z i a ld emok r a t i s ch e Partei beschloß, zum Zeichen der Trauer nm 4 Uhr nachmittags in allen Betrieben der Haupt-- stadt die Arbeit zehn Minuten lang ruhen zu lassen. Uebcr die Ursache der Katastrophe ging heute in Budapest das Gerücht um, daß das Bauunglück infolge der Csepeler E x p l o s i o n s k a t a st r o P h e entstand, weil die Kraft der Explosion die Unterbauten des eingestürzten Fabriksgebäudes beschädigt hatte. Nutzer und Kind zu Tode geräde^. Schreüensszene in der Station Latznitzhöhe. Aus Graz wird berichtet: In der Station Laßnitzhöhe wurde gestern mittags die Advokatensgattin Ilona Rohany aus Papa, als sie nach mehrtägigem Kurgebrauch mit ihrem drei Jahre alten Töchtercheu bie- Heimfahrt antreten wollte, beim Ueberschreiien des Geleises vom Erlzug erfaßt. Mutter und Kind kamen unter d i e R ä d e r. Das Kind war sofort tot, während Frau Rchany lebensgefährliche Verletzutlgen erlitt. Sie wurde ins Landeskrankenhaus nach Graz gebracht, wo sie bald darauf starb. | Z. VtpWWDV I9BB . -J-... - ■ -... i "in "rirumrm'T-T'iM"-' 100 % reines Fett AMD aus Folcosnüssen "IV2 Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwürden des He m OberraSbiners 8. B. Ehrenfeld, Mattersburg Der Aufruhr der Elemente. Das Erdbeben auf den Azoren. Lissabon, 1. Sepieinber. Die Zahl der Opfer des Erdbebens auf den Azoren soll fünfzig betragen. Der Sachschaden ist sehr bedeutend. Es wurden zahlreiche Häuser zerstört. UeberschwemmungskatastVophe bei Barcelona. Barcelona, 1. September. (Havas.) In Barcelona und Umgebung haben ka tastroPha l e Regenfälle ungewöhnlich großen Schaden angerichtet. 3 6 Personen wurden g e t ö i e t, darunter ein im Auto reisender Industrieller, der mit seiner Frau und fünf Kindern ums Leben gekommen ist. Durch die Ueberschwemmungen wurde der Zug Barcelona- Valencia zur Entgleisung gebracht, wobei siebzehn Personen getötet und '36 verletzt lvurden. Unwetter in London. London, 1. September. Ueber ganz London ging heute ein furchtbares Gewitter nieder, das im Süden der Stadt besonders heftig war. Hier wurden zweiSträtzenbahnwagen vom Blitz getroffen. Auch in sechs Häusern, darunter in eine Schule, schlug der Blitz ein. Glücklicherweise sind nirgends Menschen zu Schaden gekommen. Einige Straßen im East-End stehen unter Wasser. Copyright 1926 by J. Opal osky, New-York. Nachdruck verboten. Set Klan. Von I. Opatoschu. Samstag abends kam Ben mit den Pferden vom Felde zurück. Er tränkte die Tiere, führte sie in den Stall, wo ihn der Staub des frisch aufgebreiteten Strohs in der Nase kitzelte, und schüttete ihnen Hafer vor. Sein Herr, der Farmer Smith, der Heu wendete, sah sich nicht einmal um, als Ben ointrat. Smith war nicht zu sehen, da er im tiefsten Schalten stand; nur die langen schmalen Zinken seiner Heugabel, die in regelmäßigen Abständen in dem dunklen Stall aufblitzten, sagten Ben, daß hinter dem Heustapel der Farmer Smith stand und schlechter Laune war. Ben war besorgt. In der kurzen Zeit, da er auf Smiths Farm arbeitete, waren die zwei besten Kühe gefallen. Der Farmer hatte kein Wort gesprochen, seinen Schmerz in der Arbeit erstickt und war tagelang auf dem Felde geblieben. Smith, von Natur aus schweigsam, sprach sehr wenig mit Ben. Jeden Morgen teilte er ihm in kurzen, fast gezählten Worten die Arbeit zu und ging aufs Feld. Hager und sonnverbrannt, ein Geflecht aus Knochen und Muskeln, war er vorn Morgen bis zum Abend über den Boden gebeugt, stumm und starr gespannt wie seine Drähte, die ein Feld vom andern teilten. Ben hatte seine Pferde besorgt; er wartete nicht erst aus eine Ansprache seines Herrn, sondern ging ins Haus zum Abendbrot, in der Erwartung eines Gesprächs mit der Färmerin. Frau Smith war der Gegensatz ihres Mannes — so sparsam er mit dem Worte umging, so verschwenderisch war sie damit; sie sprach gewissermaßen auch für ihren Mann. Das Haus war leer. Ben setzte sich zu Tisch und begann zu essen. Er fühlte sich fremd als Jude zwischen den Christen. Bei Nacht konnte er lange nicht einschlafen; er lag wach im Stall neben den Pferden und starrte auf die weite Fläche der Felder, die ihn geradezu drückend beengten. Am Sonntagmorgen antwortete der Farmer kaum auf Bens Gruß. Bis Mittag saß er mit der Frau und den Kindern bei der Bibel und atz dann allein ohne die andern. Nach dem Abendessen spannte er ein, setzte seine Familie auf den Wagen und schwang sich auf den Bock, ohne zu sagen, wohin er fuhr. Die Stille im Hof ängstigte Ben; in der unbewegten Luft lag Unruhe,? die der Farmer hinterlassen hatte. Die Magd, die das Vieh wartete und die Kühe molk, trat barfuß auf die Treppe, wo Ben saß und eine Zigarette nach der andern rauchte. Sie fetzte sich still nieder und fragte: „Wissen Sie. Ben, wohin sie gefahren sind?" Ben verneinte es kopfschüttelnd. „Heute wird auf dem Hügel ein Kreuz angezündet," sagte die Magd; dabei sank ihre Stimme zu einem Flüstern. „Was?" — Ben tat einen heftigen Zug an seiner Zigarette und sah in ihrem Schein, daß Angst in den Augen der Magd lag. - „Die Ku-Klux-Klan-Leute zünden ein Kreuz an." — Die Magd rückte näher zu Ben. — „Eigentlich zünden sie zwei an, eines in unserem „County", das zweite in Alster... die zwei „Countys" waren seit den letzten Wahlen verfeindet, heute feiern sie Versöhnung . . ." „Da kommen sie sicher auch auf unsere Farm", warf Ben zögernd, als spräche er ungern, ein. „Und ich habe so Angst vor tom weißen Teufeln!" „Wovor hat Helen Angst?", fragte Ben. - „Ich bin Katholikin." „Und ich Jude." — Ben lächelte. „Da sollte Ben auch Angst haben!" — Vor Schreck lachte Helen mit. — „Das Beste wäre, wir verstecken uns." „Ich nicht!" Ben stand auf und reckte seine Glieder nach dem schweren Arbeitstag gerade. „Sie ziehen unsereins nackt aus, die Klan-Leute," Helen setzte sich breiter hin, da jetzt mehr Platz auf der Treppe war, „und sie tauchen einen dann in Pech; wer sich widersetzt, den hängen sie auf!" „Gehört Mister Smith zum Klan?" fragte Ben. „Heute früh war er wütend; er hat seine Frau angeschrien, daß er Ungläubige im Hause dulden muß, damit hat er uns gemeint. Er glaubt doch, daß ihn deswegen Gott gestraft hat und seine besten Kühe gefallen sind . . ." „So steht es, Helen? Da gehe ich, sofort, ohne Abschied; morgen fängt ohnedies die Woche an." „Ueberall, wohin Sie gehen, Ben, treffen Sie jetzt Klan-Leute." „Ich werde den Fluß übersetzen und mich rechts halten; da weiche ich den Fledermäusen aus!" Ben ließ sich wieder auf die Treppe nieder. Der Jude Ben und die Jrländerin Helen, die eigentlich nicht wußten, warum man sie haßte, schauten in die Nacht hinaus; sie vergaßen ihre alte Feindschaft und kamen einander näher. Von den Feldern strich ein kühler Wind; er brachte Wolken mit, die die Sterne verlöschten. Das Vieh wurde unruhig und rieb sich an den Stallwänden. In der Ferne röhrte ein Hirsch langgezogen und traurig. Aus der Dunkelheit sprühten kalte Regentropfen. Zwei feurige Kreuze zuckten plötzlich in der Nacht auf, spitz und zackig; ihre Flammen strömten nieder, als wären sie MM. Das Haus und die zwei Menschen, die, jeder nt seine Traurigkeit versunken, auf der Treppe saßen, schienen kleiner geworden, eingeschvumpft zu sein. Obwohl beide auf das Aufflammen der Kreuze vorbereitet waren und es erwartet hatten, benahmen ihnen die spitzen Flammen den Atem Ben faßte sich zuerst; er stand auf. „Da bleibe ich nicht!" „Wohin geht Ben?" Er hob die Schultern, wurde größer und spuckte heftig aus, als läge vor ihm nicht die fnrstere Regenuacht ausgebreitet, sondern ein Mensch, sein Feind, stünde vor ihm. „Allein bleibe ich nicht da." Hilflos schmiegte sich Helen an Ben. „Komm' mit mir!" „Und meine Sachen?" Helen riß verwirrt die Augen auf; es ließ sich im Dunkel nicht unterscheiden, ob die Angst vor den Klan« Leuten oder der Aerger über den Verlust ihres Papiermache.« koffers in ihrem Blick lag. „Nimm den Koffer mit," riet Ben. Sie verließen den Hof, er mit einem Rucksack, sie mit einem Koffer, und gingen den Waldrand entlang. Die zwei Feuerkreuze gingen mit; der Regen hatte sie nicht verlöscht; nur ihre Ränder waren verwischt, sie warfen Fetzen Dunkelheit in die Nacht und röteten Berggipfel und Baumspitzen. Die Nacht war voll von Regengepvaffel und Schritten, die verrieten, daß die Klan-Leute von allen Seiten dem Hügel zuströmten.