Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2703 (1.9.1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Oktte S Men. Mktkw^h Rimdlit«. oder Kolonial. Mit». Bo» Dr. Fritz Loewenstein, Jerusalem. Eine Beurteilung-der britischen Mandcitspolitik in Palästina pflegt nur zwei mögliche Standpllntte anzuerkennen: Der eine geht dahin, das; England entsprechend dent Mandat den Aufbau der jüdischen Heimstätte aktiv lntterstühr, wobei die Rechte der Araber entweder ganz vernachlässigt werden oder zum mindesten in den Hintergrund treten. Das ist diejenige Auffassung, die Volt der aktioen arabische« Politik aus systematisch und mit großem Erfolg verbreitet worden ist, die zweifellos auf den Völkerbund von Einfluß gewesen ist und weite Kreise der öffentlichen Meinung beherrscht. Die andere Auffassung charakterisiert die britische Politik dahin, daß sie unter dem Druck der arabischen Gegenströmungen von Jahr zu Jahr den Arabern weiter entgegenkonune, daß sie eine aktive Förderung des nationalen Aufbaues längst eingestellt habe, und daß es ihr zwar gelungen sei, Ruhe und Frieden aufrecht zu erhalten, aber um den Preis völliger Nachgiebigkeit gegenüber beit arabische» Wünschen. Es scheint mir, daß auch diese zweite Auffassung", so viel Richtiges sie an sich hat, nicht vollkommen die wahren Verhältnisse wiedergibt. Beide hier charakterisierten 'Auffassungen stimmen darin überein, daß sie England sozusagen nur als den Schiedsrichter zwischen Araber und Juden ansehen, der je nach der einen oder anderen Auffassung den Wünschen des einen oder anderen mehr Rechnung trägt. Beide Auffassungen vermögen deshalb eine interessante und nicht genügend beachtete Erscheinung nicht zu erklären. Von Jahr zu Jahr mehrt sich die Unzufriedenheit im jüdischen Lager, die zum Beispiel auf der letzten Sitzung des Aktionskomitees einen sehr deutlichen Ausdruck gefunden hat. Seltsamerweise aber sehe» wir keine Zeichen zunehmender Zufriedenheit im arabi s che n Lage r, diedochnichtausbleiben dürfte, wenn wirklich die Mandatspolitik sich immer mehr den arabischen Wünschen a n p a ß te. Wo liegt die Lösung dieses Rätsels? Palästina war vor dem Kriege, wie erinnerlich, der Schauplatz der widerstreitendsten Interessen der Großmächte, was gewiß zum Teil mit den an Palästina geknüpften Imponderabilien zusammenhing, zum anderen Teil aber sicherlich von sehr realen machtpolitischen Voraussetzungen diktiert war. Wenn England schließlich den Sieg öavontrug, so verdankt es das zweifellos zu einem großen Teil der Balsour-Erklärung und der damit inaugurierten zionistischen Politik. Aber Englands reale Interessen bestanden natürlich daneben weiter, und es ist vielleicht ein schwerer Fehler bei all unseren politischen Betrachtungen, daß wir diesen Faktor so völlig ausschalten. Ganz konzentriert auf die Fragen unseres Aufbauwerkes interessieren wir uns häufig nicht für Vorgänge. in Palästina, die mit uns keinen direkten Zusammenhang zu haben scheinen. Ist es nicht eine außerordentlich bemerkenswerte Tatsache, daß Herbert S amu e l in den ersten Jahren seiner Tätigkeit für die Araber in sehr aktjver Weise tätig war, während jetzt von einer solchen Tätigkeit keine Rede ist? In diesen ersten Jahren (bis 1922) wurden nicht weniger als 311 Regierungsschulen begründet, die, wie bekannt, durchaus auf den arabischen Teil der Bevölkerung eingestellt sind und die zur Hebung des Bildungsniveaus erheblich beigetragen haben. In'den letzten Jahren ist die Zahl dieser Schulen konstant geblieben; sie beträgt heute 314. Man vergleiche damit die große Zahl der in den ersten Jahren durchgeführten öffentlichen Arbeiten, während in den letzten Jahren ausschließlich aus strategischen Gründen gebaut wurde. Man erinnere sich an'die Auflösung ganzer Regierungsabteilungen, wie etwa der für Handel und Industrie, der Abteilung fiir Touristik und ähnliche. Man denke an die geplante Verwendung der Nationalanleihe. Was in all diesen Erscheinungen zum Ausdruck kommt, ist weder projüdisch, noch proarabisch zu deuten, sondern kennzeichnet einfach das A»wenden fiskalischer Gesichtspunkte. Und wenn auch jetzt die Regierung alte Arbeiten durch Araber ausführen läßt und trotz der 6000 jüdische» Arbeitslosen durch kein Mittel dazu zu bewegen ist, Juden zu beschäftigen, so dürfte auch hierfür der einfache Ersparnispesichtspunkt maßgebend sein. Das beweist auch die neuerdings hervortretende Neigung, aus dem Sudan Arbeitskräfte in das Land zu ziehen, die noch anspruchsloses: und gefügiger sind, als die palästinensischen Araber. Selbst in der Gendarmeriefrage dürfte ,die Billigkeit und Bedürfnislosigkeit des Arabers ausschlaggebend gewesen sein. Man kann ziemlich genau den Zeitpunkt bestimmen, von dem an diese veränderte Regierungspolitik sich bemerkbar machte. Es ist dxr Zeitpunkt, wo England deutlich erkannte, daß es die ägyptische Position langsam räumen müsse. Als nach Aegypten ei» Zivilist als Oberkommissär gesandt wurde, erhielt Palästina einen Feldmarschall zum Oberkommissär. Jetzt verlautet sogar, daß Plumer durch A l l e n b y ersetzt werden soll, also durch de» Mann, der Englands Sieg im Wiener Morsenzettit«" 1. September 1996 Kr. 2708 vorderen Orient militärisch entschieden hat. Man nehme dazu noch einige Tatsachen: die Tendenz zur engeren Angliederung Transjordaniens, die Nachricht über die E richtung eines befestigten Grenzpostens int äußersten Süden' Palästinas. Es ergibt sich daraus ei» ziemlich lückenloses Bild, F e st i g u n g d e r b r i t i s ch e n Position in P a l ä st i n a nt 11 den v e r s ch i e d e n st e n Mittel n, vor allem auch nt 11 einer Ersparnispolitik großen Stils. Für uns kann diese Erkenntnis mir eines bedeuten. Unsere aufklärende politische Arbeit muß stärker als bisher auf den Mandatsbegriff Hinweisen, sie mutz nachd r ü ck l i ch st verlangen, daß England Mandat s p o l it i k und nicht K o l oni a l p o l i t i k treibe. Wesentlich aber ist die Erkenntnis von dieser Richtung der britischen Politik vor allem für die Araber und für die Möglichkeit einer arabisch-jüdischen Verständigung. Es gibt gewisse Anzeichen, die auf eine veränderte Stellungnahme im arabischen Lager hilldeuten, wo man vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet weitgehende Jnteresstnkonflikten, die zweifellos existieren, es doch heute schon vor allem auf wirtschaftlichenr Gebiet weitgehende Interessengemeinschaften zwifähen Jude» und Arabern gibt, die zumindest einen Burgfrieden empfehlenswert erscheinen lasten. Man denke nur an alle Fragen der Steuer- und Zollpolitik, denke an Verkehrsfragen wie Hafen- und Eisenbahnbcmten wie auch a» stärkere Aktivität der Regierung in Gesundheits- und Schulfragen. Vielleicht lohnt es, diesen Möglichkeiten einmal nachzugehen und damit reale Voraussetzungen, für eine' jüdisch-arabische B e r st ä » d i g u n g zrr schaffen, um die man sich bei uns sonst allzusehr, von einem ideologischen und irrrealen Standpunkt aus zu bemühen pflegt. Gerade in bett letzten Wochen ist der von Dr. Ruppin angeregte u»d geleitete „B r i t h H a s ch a l o m" etwas mehr an das Licht der palästinensischen Oeffentlichkeit getreten. So weit sich dieser Bund einer internen Erziehungsaufgabe widmet, soweit er den Jischuw verständigungsbereiter machen Will als er heute ist, wird man seine Bestrebungen unterstützen müsse». Aber ob heute die Zeit gekommen ist, über Verfassungsentwürfe zu diskutieren und endgültige Regelungen des Zusammenlebens der beide» Volker vorzuschlagen, ist sehr zweifelhaft. Man widme sich statt dessen jenen wirtschaftlichen Fragen, in welchen gemeinsame Interessen vorliegen und in denen aktuelle Probleme eine Lösung in absehbarer. Zeit erwarten lassen. Ohne Zweifel wird eine derartige praktische Zusammenarbeit anch eine Fühlungnahme im allgemeinen ermögliche« und vorbereiten. Die arabisch-jüdische Frage ist zn kompliziert, als daß bloße Friedensbeteuerungen, so ehrlich sie gemeint sind, weiterführen werden. Auf de« Weg zum grotzarabifchen Mock? (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Jerusalem, 30. August. Der kürzlich abgeschlossene Freundschaftsvertrag zwischen Hedschas und'?-Jemen —- besser gesagt, zwischen Jbn Saud und dem Imam Jahia — hat als erste Folge die Unterwerfung des Emirs von Assir, Said Jdris, unter den Jemen gezeitigt. Damit schließt sich auch eines der letzten noch unabhängige» Emirate in Südaräbien (es ist dos Küstengebiet südlich von Mekka mit dem Hase» Hodeida) der Einflußsphäre des Wahabitenfüyrers Jbn Saud an, der die Bildung eines großaräbischen Blocks anstrebt. Kommunistische Intrigen in Palästina? K. London, 31. August. Wie der „Jewish Times" aus Jerusalem telegraphiert wird, ist die dortige Polizei in den Besitz lbeweiskräftiger Dokumente gelangt, aus denen hervorgeht, daß die Kommunisten in England in enger Verbindung mit der kommunistischen Gruppe in Palästina stehen sowie daß die letzten Exzesse der Arbeitslosen in den Räumen der Z i on i st i s ch e n Exekutive in Jerusalem auf Anweisung aus London hin erfolgten. Bei diesen Ausschreitungen wurden sivie gemeldet) dreizehn Arbeitslose verhaftet und zu je zehn Tagen Arrest verurteilt. Das Gericht beantragte außerdem ihre Ausweisung. Aus den Dokumenten gehe auch hervor, daß die koinnmnistifche Gruppe in Palästina Weisung hat, innerhalb der palästinensischen Arbeiterorganisation Histadrnth Haawodah eine eigene Zelle zu, organisieren mit dem Zweck, die Arbeilerotganisation zu demoralisieren. Ferner wurden die Kommunisten in Palästina von ihren Londoner Auftraggebern angewiesen, enge Fühlung mit der a r a b i s ch - p a l ä st i n e n s i s ch e n Exekutive zu nehnren, um den Zionismus und die ganze politische und administrative Arbeit im Lande zu diskreditieren. Diese Aufträge sirtd von Moskau inspiriert, wo der Einwirkung auf die Araber erhöhtes Augenmerk zugewendet wird. Zn diesem Zweck hat auch in letzter Zeit eine größere Zahl von jüdischen Studenten am Institut für orientalische Sprachen in Moskau ihre Studien ausgenommen, nach deren Absolvierung sie als Emmissäre dienen sollen. Ae Kümpfe in Börten. Jerusalem, 31. August. (United Preß.) Nach arabischen w^etdungen sind bei den Kämpfen der letzten Woche im Damaskusgebiet 25 Drusendörfer verbrannt oder durch Geschützfcuer v o l l st ä n 0 i g z e r st ö r t worden. Hunderte von Plantagen in der Jftris-Ottse sind ohne Wasser. Zurzeit herrscht im Kampfgebiet Ruhe. Die französischen Truppen haben in einigen der eroberten Dörfer Befestigungen angelegt. Die Aufständischen ha^n sich Mit angeblich nur geringen Verlusten in die bcivaldelen Gebiete ö st i i ch v o n D a m a s k u s zurückgezogen, von wo sic gelegentlich Ausfälle ans die französischen Posten unternehmen. _ Konferenz der radikalen zionifte« ln Berlin. K. Berlin, 31. August. Heute begann in Berlin die Konferenz der radikalen Zionisten. Anwesend sind unter anderen Deputierter G r ü n b a n m (Warschau), Oberbaurat Stricker (Wien), Dr. Emil M a r g u l i e s (Prag), Nahum G o ldmann (Berlin), O l s v a n g e r, L i t io i n. Nach den Erösfnungssormalitäten nahm die Konferenz einen Bericht über die letzte Sitzung des Aktionskomitees entgegen, ferner wurden Berichte über die Zionistentagungen tu Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei erstattet. Die Konferenz, die bis Mittwoch abends tagen dürfte, wird weiters ihre Stellung zu den vom Präsidenten W e i z m a n n anläßlich seiner Anwesenheit in Amerika beabsichtigten Verhandlungen über die Erweiterung der Jewish Agency präzisieren Der englische Ausrmhmszuftand verlängert. Vertagung des Unterhauses. London, 30. August. Das Unterhaus hat' gestern nach der Ablehnung mehrerer sozialistischer Zusatzanträge mit 232 gegen 91 Stimmen die Regierungsvorlage iiber die Verla ngerungdesA ns nahmSzustandes bis Ende Sevtember genehmigt. Heute fand eine allgemeine Aussprache über die Krise im Kohlenbergbau statt. Hierauf vertagte sich das Unterhaus bis 29. September, um dann, wenn notwendig, eine ne^l erliche Verlängerung des AuSwahmSz u st a n d e S zu beschließen. Konfiskation feilte* ©ütce. London, 31. August. Nach einer Meldung aus Athen beabsichtigt der neue Justizminister, Pangalos und seine Mitarbeiter wegen Hochverrats unter Anklage zu stellen. Dieser wird darin erblickt, daß sich Pangalos eigenmächtig die Regierungsgewalt aneignete und eine Regierung bildete, ohne hiezu einen moralischen Auftrag von der Volksmehrheit ersten zu haben. , Ferner werden Pangalos und feine Genossen gemeiner -Verbrechen beschuldigt, da sie die Macht zur Schädigung privater und öffentlicher Interessen ausgenützl Men. Es .verlautet, daß die Negierung die Besitztümer des Generals Pangalos und aller übrigen Angeklagten beschlagnahmen »verde. Bulgarien« Antwortnote. Sofia, 31. August. Die bulgarische Regierung hat die Kolleklivnote der Nachbarstaaten in einem umfangreichen Dokument beantwortet, in welchem sie zusagt, die Tätigkeit der illegalen Organisationen mit allen Mitteln zu bekämpfen. Die Regierung ist bereit, die Frage dem Völkerbund v o r z u l e g e n und nimmt schon im vorhinein alle vo>- dieser Körperschaft empföhle nett Maßnahmen auf sich. Nie Staatsbürgerfchaktrsrage in Polen. » Warschau, 31. August. In zwei Zirkularen an die Woi» woben verlangt das Ministerium des Innern eine st r e n g e und sehr vorsichtige Behandlung jener Personen in der S t a a t s b ü r g e r s ch a f t s f r a g e, die seinerzeit in: Hauptberuf im russischen Staats-, beziehungsweise Militärdienst standen, ferner jener Personen, die Immobilien allgekauft haben, die die rustische Regierung nach dem Aufstand des Jahres 1863 konfisziert hatte. Dagegen wird im Zirkul«r betont, daß die Gesuche jener Personen, die in Polen geboren, in russische Grundbücher aber eingetragen sind, und solcher, die im russischen Heer gedient haben, raschestens und günstigst zu erledigen sind. Der Sfterreichisch-mmiluische Schiedsgerichts- und Uusliefetnngtbertrag perfekt. Bukarest, 31. August. „Shtmineata" erfährt van authentischer Quelle, daß der ö st e r r e i ch i s ch - r u m ä u t f rii e Vertrau betreffend die Schiedsgerichtsbarkeit lmddasAuSlteferungsverfahren als perfekt angesehen werden. Beide Abkommell sind nach dem Muster der Verträge zwischen Rumänien und der Schweiz abgefaßt und werden nach der Rückkehr des österreichischen Gesandten Lukes nach Bukarest unterzeichnet werden. beträgt der Anteil des Keren Kajemeth am diesjährigen Erez-Israel-Budget! Soll es ein papierenes Budget bleiben? Wenn nicht, sobeteillgteuchaktivander