Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2697 (26.8.1926)
- Date
- 1926-08-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette L Men, DonnerStag Wiener Morgenzettung!. August 1SS6 M. 2697 . Ii.il. Ml I— ■». I. - . .- " — Der ewige Blitzableiter. Gin« Jndenfrage in Belgien. tzBo-n ucherenl A.-G.-Berichtovstatter.) Antwerpen, 38. August. Dw französische und belgische Presse bringt mit Be- Hsgeu eine Meldung, daß der mandschurische Marschall Tsang>Tso-Lin 12 Devisenspekulantelr erschießen ließ. Mau glaubt auch hier deu Verfall der Landeswährung trotz aller Logik nur der Spekulation verdanken zu haben und sucht nach einem Sündenbock. Bei uns hat man ihn dieser Tage auch gefunden. Ma,r hat 20 Juden Ausweisungsbefehle zugestellt, _ nachdem man schon vor Wochen zwei jüdischen Wechselstuben das Handwerk gelegt hat. Die Wirkung auf den Franken ist wohl ausgeblieben, aber die belgische und nanrentlich die Antwerpener Presse konnte sich gütlich daran hm, iunttec wieder auf die „polnischen" Frankenspekulauten hinzuweisen. Es ist überhaupt Brauch geworden, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aus die Polen loszugeben, worunter man natürlich die I u d en versteht. Man spricht offiziell gerne vom polnischen Volke, man will nicht rückständig und antisemitisch erscheinen und man nennt darum jeden, der seinem Namen nach als Jude gelten kann, ein polnisches Individuum. Es ist wohl begreiflich, das; inan in Belgien jetzt den Kopf verliert, daß man besorgt um die Zukunft ist und Mittel und Wege sucht, um die ersehnte Sanierung des F r a n ke n durchzuführen. Eö 'st nur sehr verwunderlich, daß man auch in diesem freien Lande mit den: Iudenschreck beginnt, wenn die Situation ernst wird. Bei sachlichen! und ruhigem Denken käme es gewiß nicht zu solchen Maßnahmen. Aber der Instinkt spielt hier wie überall eine große Rolle. Man hat die Juden nun einurgl nicht gerne und wenn sich eine Gelegenheit ergibt, das zu beweisen, wird zuerst gehandelt und dann erst ü.''erlkgt. Als im Jahre 1924 der Franken plötzlich zu sinken begann, wurde eine Razzia in der Iuoengegens gemacht. Als vor kurzen! nach der mißlungenen Stabilisierung der Franken um 50 Prozent im Werte sank, wurden wieder zwei jüdische Wechselstuben von der Staatsanwaltschaft belacht. Die Affäre wurde mit einer erheblichen Geldstrafe für unbefugte Handlungen dieser Wechselstuben erledigt, ubne daß man einen Einfluß auf das Steigen der Wahrung konstatieren konnte. Bei dieser Gelegenheit befanden sich einige Personen an den Schaltern. Sie wurden netrert und vor einer Woche haben nun 2O von ihnen den Ausweisungsbefehl bekommen. Selbstverständlich sind das n:chr rne Reichsten und nicht die Einflußreichstnt Es sind 20 arme Leute. Niemand hat sie einvernommen, niemand hat ihnen mitgeteilt, was ihnen vorgeworfen wird, Nach uersi'nlichem Einschreiten einzelner wurae die Auswcisungsfrist von 24 Stunden (!) auf 14 Tage verlängert und es werden jetzt Demarchen gerecht, um diese unmenschliche und zivilisierter Staaten unwürdige Maßregel obzuschwächen. Nur in Rußland unter dem Zarenregime warm solche' Maßnahmen Möglich. Es kann ja sein, daß einer oder mehrere dieser Ausgewteienen gegen das Gesetz geha.-.'clt haben. Es sind Leute darunter, die meh« als 30 Jahre im Lande wohnen — sie können dafür doch vor de.ni Gerichte zur Verantwortung gezogen werden. ist nnerhör.. sonst unbescholtene 'M.'n'llen. ohne Verhör und ohne Untersuchung über di? Grenze zu schicken, weil vielleicht irgendein bezahlter Agent „Material" geliefert hat. Aerger als das ist aber die Rechtsuns ich e r h e i t, die durch ein solches Vorgehen geschaffen wird. Wohl sind in den letzten Monaten zirka 60 jü- Fremde naturalisiert worden. Die Masse der in ^Allgien ansässigen Juden bleiben aber Fremde. Sie wohnen zumeist seit mehreren Jahrzehnten im Lande uüd selbst ihre Feinde müssen ihnen zugeben, daß sie em nützliches fleißiges Element sind, das nament- ■ "ch der belgischen Diamantenindustrie unentbehrlich ist. Wenn Antwerpen ein Diamantenzentrum von solcher Bedeutung geworden ist, hat es das nur den Juden zu danken. Das wird von keinem ernsten Belgier bestritten. Als der Krieg beendet war, hat man dieseJudenausHollandzurückgerufen, wohin sie zu Kriegsbeginn geflüchtet waren. Nun bemächtigt sich dieser Juden, die Fremde blerben müssen, weil die Naturalisation im Gegensatz zu Frankreich in Belgien sehr schwer gemacht und sehr unfern gesehen wird, ernstliche Unruhe. Es ist unter Hinweis auf eine alte Regierungsordonanz, die Fremden gegenüber ohne Angabe von Gründen d i e cn ^u jederzeit gestattet, eine Rechts unsicher heit geschaffen worden. Jeder \ Nchlt sich bedroht. Wo es sich um ein banales Polizeivergehen handelt, kann ohne Angabe von Grürtt>en ausgewiesen werden. Man beginnt sich unsicher zu fühlen. Auch wirtschaftlich muß bas sehr üble Folgen haben. Das Diamantengeschäft und die damit zusammenhängende Industrie sind reiche Einnahmsquellen für den belgischen Staat. Me Geschäfte werden meist von Fremden (sage Juden) mit Fremden (sage Juden) gemacht. Wenn die sichere Grundlage für beide Teile fehlt, wenn ihnen das Recht des Wohnsitzes ohne Angabe von Gründen genommen -werden kann, bliebe nichts übrig — als weiterzuwandern. Die belgische Regierung dürfte es kaum dazu kommen lassen. Im eigenen Interesse und im Interesse des guten Rufes dieses freien. Landes. Wenn die Hetzpresse auch hofft, daß kein Belgier sich dazu hergeben wird, diese Maß» nahmen zu ändern -rsteht Belgien doch weit höher als seine Presse. Der Instinkt hat zu übereiltem Handeln geführt. Jetzt kommt das Ueberlegm — und damit die bessere Einsicht. , * Die Ausweisungsangelegenheit hat iit^ der ganzen Judenschaft Belgiens begreifliche Erregung hervorgerufen. Nicht wegen der Personen, die unschuldig oder schuldig sein mögen, sondern wegen der geschaffenen Rechtsunsicherheit. Da die Judenschaft Belgiens trotz aller Mahnrufe von berufener Seite sich jeder organisatorischen Zusammenfassung widersetzte, fehlt ihr auch das entsprechende Organ zur Vertretung ihrer Interessen. Es ist aber doch notwendig, baß man auch hier au die Organisierung schreitet, weil man sonst in Momenten wie heute wehrlos dasteht und aus Schutz durch andere angewiesen ist. Es scheint, daß uns Juden nie Beispiele genügen. Wir müssen immer erst von neuen: die Schläge am eigenen Leibe erfahren haben, bevor wir uns aufraffen. inimMnuiTTiiiTTmiiiHiTTTnim Zionist. Landeskomiiee fflr Oesterr.: Donnerstag: den 2. September 1926 in den Olynipia-Sülen, I., Rotgasse 5 VORTRAG des Oberrabb. Prof« Dr. Ch. P.Chajes „Die Lage im Zionismus im Hinblick auf die letzte Aktionskomiteesitzung“! Beginn 8 Uhr abends Regiebeitrag 1 Schilling Bor einet Regierungskrise in Polen? Unstimniigkeiten in Finanzfvagen. L. Warschau, 25. August. Aus dem Kreise des Marschalls Pilsudski treten mit Bestimmtheit Gerüchte von einer in Kürze bevorstehenden Demission des Ministerpräsidenten Bartel auf. Als Grund hiefür wird angegeben, daß Marschall Pilsudski sich gegen die Finanzpolitik des Finanzministers Klar«er ausgesprochen habe, die Ministerpräsident Bartel unterstützt. Bei diesen Meinungsverschiedenheiten handelt es sich vornehmlich um die Gehälter der Militärpersonen, denen Finanzminister Klarner die Funktionszulagen streichen will, während Marschall Pilsudski für die Zahlung der Funktionszulagen eintritt. Als Nachfolger Bartels wird der gegenwärtige Minister für Landwirtschaft, Raezynski, der dem engsten Kreise Pilsudskis angehört, genannt. Die polnischen Gisenbahntarife. Ferner steht, wie der Eisenbahnrninister Romocki in einer Pressekonferenz heute nfftteilte, eine durchgreifende Reorganisation des E is e n b ah n m i n i sie r iu m s bevor, Es soll bereits in Kürze ein gemeinsames Kommunikationsmini st erium errichtet werden, denr außer den Agenden des Eisenbahnministeriums auch die bisher dem Handelsministerium unterstehende Generalpostdirektion und die bisher zum Arbeitsministerium gehörigen Departements für Land- und Wasserstraßen ängegliedert werden sollen. Auf die Frage der Pressevertreter, ob das Eisenbahnmimsterium eine T är i f e r.h ö h u n g b e i d c tt Dahnen vorbereite, äußerte sich der Minister nicht dezidiert, gab jedoch zu verstehen, daß sowohl er als auch der Finanzminister für eine Tarisevhöhmrg seien. Der englische Bergarbeiterstreil vor dem Zusammenbruch. Cook ersucht um Intervention der Regierung. London, 25. August. (Reuter.) Der Vollzugsausschuß des Bergarbeiterverbandes hat heute den ganzen Tag hindurch die Lage in den Kohlenrevieren erörtert, um Grundlagen für eine Regelung des Konfliktes ausfindig zu machen. Nachmittag stellte der Sekretär -des Bergarbeiterverbandes Cook das Ersuchen, sich mit dem A rb e i 1 s m i n st e r zu besprechen. Der Minister des Innern hat die Mobilisierung von P o l i z e i a b t c i l u n g e n in London und anderen Orten verfügt, um die Einschüchterung der Arbeitswilligen -durch Streikposten zu bekämpfen. Die Gerüchte von Unruhen in den Kohlenrevieren sind oft übertrieben. Doch ist die Lage jedenfalls schwierig. Kondmiotir — Präsident von Griechenland. Athen, 25. August. (Agence d'Athenes.) General K o nd y!! s und die Führer aller politischen Parteien traten gestern abends unter dem Vorsitz des Admirals Kondur i o t i S zu einer Beratung zusammen und beschlossen einmütig die offizielle Anerkennung, des Admirals als Präsidenten der Republik. Aus diese Entschließung hin veröffentlicht das Amtsblatt heute folgende Botschaft des Admirals Konduriotis an das Volk: Da die D i kt a t u r niedergeschlagen worden ist, übernehme ich von heute an die Ausübung meiner Funktionen als Präsident, zu denen mich die vierte Nationalversammlung der Hellenen berufen hat. * General Kondylis, Präsident Konduriotts und alle politischen Führer haben sich über die Notwendigkeit geeinigt, ein KoalitionSkabinett zu bilden Ser Delegiertentag der deutschen Sioniften geschlossen. VeetnruenSvotitm für den Vorsitzenden. K. Erfurt, 26. August. Das Referat Dr. Ruppins über die Lage in Palästina unb das Problem der Palästina» anlethe, das größtem Interesse begegnet, war bezüglich der Entwicklung des jüdischen.Aufbauwerkes überaus optimistisch. Ruppin wies daraus hin, daß von Akko bis Gaza sich jetzt ein einziger fruchtbarer Garten ziehe. Während der letzten sieben Jahre hat sich die jüdische Bevölkerung von 60.000 auf 155.000 Köpfe vermehrt. „Noch zehn Jahre" — fuhr Ruppin fort —, „und wir haben unser Ziel erreicht. Dazu wird es aber notwendig sein, jährlich 30.000 Menschen nach Palästina zu bringen." Dr. Ruppi-n ist der Ansicht, daß die Kolonisten zu einem Drittel in landwirtschaftliche, zu einem Drittel in industrielle und zu einem Drittel in andere Berufe geleitet werden müßten. Dr. Hugo Schachtel erstattete das Referat über den Jüdischen Nationalfonds, das in dem Antrag ausklang, aus Anlaß de8 heuer fallenden 25jährigen Jubiläums des Jüdischen Natiönalfonds das auf Deutschland fallende Kontingent zu verdoppeln. Diese Resolution wurde einstimmig angenommen. In der Schlußsitzung des Delögierkentages, der Dienstag nachts sein Ende fand, wurde eine Resolution angenommen, in der die Politik des Vorsitzende» de« deutschen Organisation gebilligt wird. Dökwr Waltsch forderte für die jüdische Rundschau", die in den Debatten mehrmals angegriffen wurde, ein Vertrauensvotum, das auch mst allen gegen 10 Stimmen erteilt wurde. Bei den Wahlen wurde zum Vorsitzenden der Zionistischen Organisation Deutschlands Herr Kurt Blumen seid, zu seinem Stellvertreter Dr. Martin R ose nblüth gewählt. Kn Hoteltrust l» Berlin.- Berlin, 26.. August. (Tel.-Komp.) Wie die „Bofsrsche Zeitung" meldet, ist heute in Berlin der größte H o t e 11t u ft Europas gegründet worden. Die neue Interestengemeinschast bringt es mit sich, daß dre drei größten Hotels in Berlin am Potsdamerplatz, Fürstenhof, Palace nnd Bellevue in einer Hand vereinigt werden. Zu der neuen Hotelgemeinschaft gehört das Cafe Kranzler, das Cafe Bauer und der neu renovierte W i n t e r g a r t e n. Der Anschlag auf den Barliu-Kölner 0>Zug. Racheakt eines entlassenen Beamten? Hannover, 26. August. Bei der Dtaatsanwaltschast in H t l d e s h e t m ist ein am 21. d. auf dem Postamt IV m B e r lin aufgegebeu er Brief eingetroffen, der offenbar mit verstellter Hand geschrieben ist und die Unterschrift .Ulter" lRacher) trägt. Darin wird erklärt, derAnschlagavf den B e r l i n—K 8 l n e r 0 - Z n g, . der zur furchtbaren Katastrovhe bei Lehrte führte, sei ein Racheakt einer ehemaligen, wegen Verfehlungen entlassenen Beamten. Der Brief klingt phantastisch, da der Schreiber weiter erklärt, man habe sein Lebe» vernichtet, weshalb er tausend Menschen daS Leben vernichten wolle. Nachdem es erst 21 Tote seien, so werde er demnächst bei Berti« ein zweites Attentat auf einen Zug verüben. , Der Hochverratsprozeß in Angora. Angora, 33. Äugnst. Der StaatsaMoaltt hielt gestern vor, dem Unabhängig! ettsgericht in dem H o ch v e rratsprüzeß gegen dteMttglieder der nnionistifchenParteisein Plädoyer. Nachdem er auf die Verantwortung der unionistischen Partei hingewiesen hatte, dt« das Land in eine Katastrophe gestürzt habe, klagte er den früheren Finanzminister D s ch a w i d B e y, ferner A r d a'n und den früheren Sekretär der uniontsttschen Partei N a y l an. sie hätten eine Verschwörung angezettelt, um die Macht an sich zu reißen. Er becmtragto gegen sie die Todesstrafe oder lebenslängliche Zwangsarbeit. Gegen sieben Angeklagte, darunter gegen den Abgeordneten R e u f und den früheren Gouverneur von Smyrna Nahmt beantragte er lebenslängliche Verbannung. Für die übrigen Angeklagten beantragte der Staatsanwalt Freispruch. _ Der österreichische Nationalrat, Die ZentraLbankaffäre. Für den 31. d. hat die Regierung den Nativ mal rat einber-uftn. Auf der Tagesordnung der Sitzung stcht, wie schon, bekannt, der Bericht des Msschufles über tyn sozialdemokratischen Antrag auf Erhebung der M i n ist c r a n k l a g e wegen des ohne parlamentarische Genehmigung erteilten Kredits von 62,6 Millionen Schilltzig an die Zentralbank der deutschen Sparkassen. Erst n a ch der Erledigung. dieses Antrages werden die Vertreter der Regierung nach Gens Mr Tagung des Völkerbundes abreisen. * Die Verhandlungen der Regierung mit den Banken und Sparkassen zwecks Refundierung der an die Zentralbank gegebenen Summe sind am toten Punkt angekommen. In diestr Woche sanderr überhauPt keineBesPrechungen statt. Gegenwärtig scheint man sich mit dem Gedanken einer Losemission zu tragen, der aber kaum Aussicht auf Verwirklichung hätte, zumal bereits.für Anfang September die neue B a u l o s e m i s s i o n ausgeschrieben ist, die in Berücksichtigurlg der Marktverhältllisse im ganzen auf ein Nominale von sechs Millionen Schilling tauten wird. ch Der Aussch« ß für die Zentral'ban'kangekegenhett hält am 30. d. eine Sitzung o6, in welcher eine Aussprache mit dem Kuratorium der Zentralbänk Vovgenvmmen werden wird.