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Wiener Morgenzeitung · 1926-08-22 · Heft 2693 (22.8.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2693 (22.8.1926)
Date
1926-08-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2693 Wien. Sonntag Wiener Morrüenzeitimg Tagesbericht. Antisemitische Propaganda im Bundesheer. Was der jüdische Staatsbürger bezahlen mutz. Die Armee des Herrn V a u g o i n kostet die öfter reichischen Steuerzahler jährlich 700 Milliarden Kronen, dafür aber darf sich der österreichische Bürger des Gefühles der Sicherheit und des Schutzes erfreuen. D; c jüdischen Bürger dieses Staates, die einen nicht geringen Teil zu den Steuern beitragen, aus denen d'e Armee des Herrn Bangoin erhellen wird, haben selbstverständlich auf diese Sicherheit und den Schutz durch das Bundesheer Anspruch. Wie es im Ernst falle damit aussehen würde, ist eine andere Frage. Fm österreichischen BundeShecr wird nämlich — natürlich von den Offizieren von Vaugoms Gnaden — mehr nnoerhüllt als verhüllt die unverschämteste antisemitische Propaganda betrieben. Ein Beispiel für viele gibt der Bataillonskommandobefehl des 3. Bataillons des Jnfanteriregiments Nr. 3 vom 23. Juli 1926, der in seinem ersten Punkt die Folgen nach einer Exekution zur Belehrung für d'e Mannschaft behandelt. Die Mannschaft wird, was recht und billig ist, vor leichtsinnigen Schuldemnachen gewarnt, vornehmlich davor, leichtsinnig Warenkäufe gegen Schuldschein vorzunöhmen. Dann heißt es: ,^J ed e r einzelne wird vor solchen meist jüdischen Machinationen ge warn t." Diese Verlautbarung, die bei jeder Gebührenauszahlung, also zweimal im Monat, weiterhin regelmäßig erfolgen wird, ist ein Dokument für den Geist, in dem die Offiziere ihre Mannschaft erziehen. Wenn jemand gegen einen leichtsinnigen SchuldenMacher die ihm durch Recht und Gesetz zustehenden Mittel anwcndet, so ist das nach der Auffassung des Bataillonskommandos eine jüdische Machination. Das Exekutionsgericht ist wahrscheinlich auch eine solche. Gewiß war das Verfahren früherer Zeiten, daß der Gläubiger (besonders der jüdische) einfach erschlagen wurde, weitaus bequemer. Das ist eben die arische Machination bei der Schuldeintreibung. Das Bataillonskommando scheint diese heiß herbeizusehnen und stellt Kaufleute und Steuerzahler, aus deren Arbeit die Leute im Bataillonskommando die Möglichkeit für ihre Soldatenschindereien und ihre höchst überflüssigen Wehrmachtspielereien nehmen, als tückische Ausbeuter hin, die den armen Soldaten zum Schnldenmachm treiben, um ihn zugrunde zu richten. Dies ist der Geist, mit dem der Herr Major Freudenseiher, der als Bataillonskommandant, und der Stabshanptmann Laudenbach, der als Bataillonsadjutant den Befehl gefertigt hat, ihre Mannschaft wahrscheinlich „im Geiste der Tradition" schlagfertig erhalten wollen. Der Herr Stabshanptmann Laudenlbach, der ja als Adjutant der Tradition gemäß mit der Abfassung der Tagesbefehle betraut ist, gehört übrigens zu jenen hakenkveuzlerifchen Agitatoren, die in der Baugvin- Armee von Tag zu Tag ärger ihr Unwesen treiben. Er sorgt väterlich für die geistige Ausbildung seiner Mannschaft, indem er ihr als Lektüre die „Protokolle der Weisen von Zion" und sonstige Hakenkreuzliteratur gibt, und läßt keine Gelegenheit vorübergehen. uni seinem Unmut gegen die Inden in seinen Belehrungen an die Mannschaft Luft zu machen. Die jüdischen Steuerzahler, welche genötigt sind, für die Armee des Herrn Baugoin Geld herzugeben, müssen sich diese Praxis der Laudeu- "xrch und Konsorten nicht gefallen lassen. LLOYD TRSE3T1NO / TRIEST Direkte Linie Triest- Jaffa Rituelle Verpflegung Reduzierte Preise I Expresslinie nach Aegypten, Konsianiinopcl, Indien Postlinien nach den Schwarzen-Meer-Häfen, Syrien und dem fernen Osten Gemrat-Agenturi Wien, t., KSrnlnerrlns 6 Die 8uSerr Wiens. Eine statistische Studie.*) Pon Tr. Leo Goldhammer. Tausbewegung. Das österreichische Staatsgvundgesetz von: 25. 'Diät 1808 überlaß: jeder in Oesterreich lobenden Person, ohne Unterschied des Geschlechtes, nach vollendetem vierzehnten Lebensjahre die freie Wahl des Religionsbekenntnisses. Der Austritt aus einer Religionsgemeinschaft erlang: gesetzliche Wirkung durch Die Anzeige bei Der politischen Behörde, die sodann die verlassene Religionsgemeinschaft davon verständigt. Kinder sind i-m Falle des Religionswechsels eines oder beider Elrecnteile (beziehungsweise der unehelichen ° Mutter) bis zum erreichten siebenten Lebensjahre in bezug aus ihre Religion so zu behandeln, als wären sie erst nach dem Religioirsmechsel der Eltern geboren lvorden. Das heißt mit anderen Worten: Kinder unter sieben Fahreit änderil nti: de-nr Religionswechsel der Eltern ipso jure ihre Konfession, ohne daß die politische Behörde davon zn benachrichtigen wäre; die Konfession von Kindern im Alter von sieben bis vierzehn Jahren kann nicht geändert werdem In den Fahren 1911 bis 1923 fanden in Wien folgende Bcründernngen in den Rctigioucn statt: A.usir'tie C-'utrnte 9.150 58.3*0 5.505 84!) ‘> •>:->{) 7 047 *2 451 10 97« 030 2 IIM 2f!.Ss2 ~ 7kIL — öLB-iö'.-f 1/.416 + 101i5 + 1-403+-c9 8*>2 Diese Tabelle gibt.,, die Zechl der Ueber:ri:!e nicht vollständig wieder, weil der Eintritt in eine neue Neiigionsgemeinjchast nicht angomeldet werden muß. Diejenigen Personen also/vre nicht angeben, ob und;n welcher Religion sie überireteu wollen, werden in, der Regel den Konfessionslosen zu gezählt. Die süvijche Bevölkerung ha: durch KonfessionSändcrnng in der angeführten Zeirperiodc einen Verlust von 7211 Angehörigen zu verzeichnen. Berücksichtigt man die allgemeine Bevölkerungsabnahme von 8,10 Prozent in diesen! Zeitraum, so bedeutet dies für die jüdische Bevökerung einen weiteren Verlust von 14.201 Personen, zusammen also 21.412. ,Dabei sind die Kinder unter sieben Fahren, welche, wie schon ans-geführ:, am Reli- *) Siche „Wiener Morgeuzoitnng" vorn 25. Juli. 1. fin'b 8. August 1920. Schönwetter. Ein UrlnubsSrief. Droben aus der Ruine, allwo die Raubritter den tiefen, kiesen Rachen des Turmschachtes mit kräftigen Messern bespickten, damit der Hinabgestürzte, rundherum hübsch aufgeschlitzt, unten aufklatschte — dort oben in der idyllisch umgrünten Grabstatt vieler reisender Kaufleute honst »ein steinalter Mann, von den Aelplern der näheren und weiteren Umgebung als Wetterprophet verehrt: Er hat uns in seiner trockenen Sachlichkeit und ohne Anzeichen von Teilnahme recht Unerwünschtes verkündet, die unendlichen Regengüsse, mit zornigem Rauschen auf die fröstelnde Landschaft niederprasselnd, würden bis in die letzten Septembertage andauern. Kurze Unterbrechungen hat er zugebilligt. Man möge ihnen nicht trauen. Auch der Regengott muß ansschnanfen. Zwei Stunden später drang die Sonne durchs Gewölk, die schwarzgraue Himmelsdecke, geballt wie die Sprache des Dramatikers Georg Kaiser, wurde von unsichtbaren Händen weggezerrt, und nun haben wir schon den vierten Tag das herrlichste Wetter. Kein Dichter müßte sich jetzt der bequemen poetischen Lizenzen bedienen, um die Wiesen smaragden, die Berge blau, den See lachend, die Fernen lockend zu finden. Unvergleichlich ist die Wirkung der himmlischen Regie, auch wenn sie sich des vulgärsten Mittels theatralischen Bluffs, des Kontrastes, bedient. Nach düstern naßkalten Wochen präsentieren sich Hänge mit Blütenfülle, lauten Insekten und stummen, leuchtenden Schmetterlingen doppelt vorteilhaft. Die winzigen Halme sind den Tautropfen heitere Rutschbahn, die mächtigen Föhren den Eichhörnchen idealer Turnplatz, das ländliche Haustier, vom geschmeidigen Kätzchen bis zur schweren Milchkuh, ist sehr aufgeräumt. Die gründlich geivaschene Luft gestattet klarste Fernsicht, jede Schneefalte „am Antlitz der Bergriesen" ist herausgearbeitet. Die Grille zirpt, die Geier kreisen. Und alles ist erfrischt, dich zu erfrischen. + Aber der Mensch, durch solches Entgegenkommen der Natur gefördert, ist uicht besser als'bei schicchem Wetter. Der Seewirt, ein Feschak aus dem Bayrischen, die Feder am Hut, den Hirschfänger im Gurt, ist eine Hcrreunatur. Des Winters auswärts, im . sashionablcn Wintersport beschäftigt, wird er von den großstädtischen Mädchen und Müttern verwohnt, die er im Skilausen unterrichtet und auch sonst amüsiert. So will er auch des Sommers daheim Hahn im Korbe sein. Keiner darf ihm ein Dirndl streitig machen. Auch der eigene Sohn nicht. Ta er ihn mit einer, die er sür sich reklamierte, am Seeufer lustwandeln sah, rief er, landesüblich die -Hände als Schalltrichter nützend, kräftig aber harmlos den Jungen heim. Tann schlug er ihn mit einem irdenen Maßkrug nieder, der Alle.' Als der Sproß seiner Lenden aus tiefer Ohnmacht erwacht war — die See vir! in, ein braves, müdes Arbeitstier, hatte ihm die Stirn verbunden —, ging er den Vater an. Stammgäste griffen rechtzeitig ein und rieten dem Jungen, das unwirsche väterliche Haus zu verlassen. Lautlos, au schweigendes Schuften gewöhnt, bedient die Seewirtin die Touristen. Im Stall, beim zweiten Sohn, eitlem Krüppel, abgerissen, schlecht gehalten, deili Erzeuger ein ungeliebter Anblick, in der Wirtsstube nicht gcdirldet, hat sie sich ausgeweint/ -i- Jur See ist ein Knabe ertrunken. Er ritt, der lieben Sonne froh, im seichten Wasser auf eitlem Baumstamm, der Baumstamm. schwamm hinaus, warf..den Reiter ab, der Knabe schrie, die Leutchen ani Ufer schrierl noch mehr und halfen nicht; als der Bademeister vom anderen Ufer herangekeucht kam, Wales zu spät. Sie haben die Leiche ans Land gebracht. Dort saß die Mutter des Knaben lind war stumm. Die Augenzeugen -nahmen ihr die Fassungslosigkeit sehr übel. Noch heute ist man darüber elttrüstet, daß sie bei solchenl Unglücksfall nicht gejanimert, gefchrien hat, die Hartherzige: Auch hier in den Bergen, fern von: Schienenstrang, weiß man, was die trauernd Hinterbliebene dem Publikum schuldig ist. Sie hat ihnen das Rühmngsintermezzo vorenthalten. Die 22. August 1926 Seite 3 gionslvechsel ihrer Giern ohne weiteres teilnchmen, nicht mibinbe« griffen. Wir haben jedoch früher konstatiert, vaß die Jubenschast Wiens in den Jahren 1911 bis 1923 einen Zuwachs von 20.195 Seelen zu verzeichnen hat. Dieses Plus kann sonnt nur ans die Zuwanderung zuriickgefiihrt werden. Wir können es uns hier nicht versagen, das von den Antisemiten so häufig gebrauchte Argument zurnckznweisen, daß Wien infolge des Krieges „ver- , östlich!" wurde. In den Jahren 1900 bis 1910 wuchs die jüdische Bevölkerung um 28.392 Seelen, während sie in der Zeit von 1911 bis 1923 lediglich um 20.195 Seelen zu nahm. Sie hat sich also innerhalb der letzien dreizehn Jahre, in welche die Kriegsze-it fällt, um 2197 Seelen weniger vermehrt, als in den vorangegangenen zehn Jahren. Im nachfoigenben geben wir einen Ueberbllck über die AustriNsbewegung in Oesterreich «in Zeitperivden von je fünf Jahren: Jahr Inden absolut Prozent römisch-kath. Evangel. 1891- 1895 1.807 94,7 2.771 58-2 1890- 1900 2.971 31.7 4.191 742 1901- 1905 2.901 80 4 5.442 985 1906 — 19:0 2.818 27.2 6.008 1.264 1911- 1915 2.648 22,4 7.104 1.695 1910 - 1920 4 415 22,0 19.100 1.792 1921 1011 10.1 8.168 691 1922 897 8.1 9.268 649 1923 1.158 4.5 23.969 1201 Während also die Anzahl der aus dem Judentum Ausgetretenen vom Jahre 1891 bis zum Jahre 1920 von einem Drittel des gesamten Religionswechsels in Wien auf uirgefähr ein Fünftel sank, tri:: von diesem Jahre an ein völliger Umschwung ein. Die Juden uchnleli nur noch mit 4,5 Prozent Anteil an dem Gesamt - austcitt, während immnehr der größte Prozentsatz von den Katholiken gestellt wird. Damit ist aber keineswegs gesagt, daß die Taufbewegung bei den Juden in Oesterreich sine geringere wurde. Dies läßt sich aus der nachfolgenden Tabelle am besten ersehen: Auf je 1000 Seelen entfielen bei den Juden Austritte: 1901 - 1905 9.59 1906 1910 3.50 1911 1915 2.50 101 19 -0. 4,67 19 kl 5.96 1922 4,76 1929 6,14 Es hat sich also die Zahl der -.vis dem Judentum Austreten» den gegenüber dem Jahrfünft 1901 bis 1905 fast verdoppelt. Die Mehrzahl der aus den: Judentum Austretenden, das ist 48,0 Prozent, schließt sich, soweit die Daten darüber erfaßbar sind, der kachoiifchrn Kirche an. Zu verwundern iist nur, daß trotz des geringfügigen Prozentsatzes, den die evangelische Kirche in der Geiamtbevölkerung stellt, sich ungefähr 25 Prozent der jüdischen Täuflinge dieser Kirche anfchließen. In der letzten Zeit wurden die meisten austrctenden Juden konfejjionslos. Interessant ist die Zusammensetzung der aus dem Judentum Austrelenveu nach dem Geschlecht. Im Durchschnitt traten aus dem Judentum ans: Jahr Männer Frauen 1R6S 1RS0 30 24 188) ISO) 138 104 1891!900 . 299 191 1901 1910 814 268 1911. 271 267 1912 284 281 1919 249 255 1914 276 256 Bis znm Jahre 1910 war also die Zahl der Männer, die aus dem Judentum austra'.rn, vivl größer als die der Frauen, weil in diesen Zeitperivden weniger, das 'Moment der Eheschließung mir einer Christin das bewegende Moment war, als wirtschaftliche Umstände, insbesondere die Erlangung irgend einer staatlichen Versorgung. Von da ab wächst die Zahl der Frauen und gleicht sich der der Männer immer mehr an. Hier spickt bereits das Mornent der kleine Beamtensfran, die nttf dem anämischen Buben zur Erholung kani und ohne ihu nach Linz hermsährt, ließ die üb> Nachrede zurück. ( » * Ter Umschlag in der Witterung begünstigt das Sommerfest arn See. Mangels organisierten Fremdenverkehrs sind Jazzband, Fünfnhrtce, Toibettenlnxus in diesen Alpenw'inkel noch nicht vorgedrnngen. Richtige Bauerninnsik. Tanzboden im Freien, Horngebläse am See, Ringschlagen, Sacklaufen und ein entzückendes Kinderwettrennen. Mit dem Löffel in der vorgestreckten Hand, ans dem ein Gipsei balanciert, laufen sie bergan, dem Ziele zu. Der ereignisreiche Wettbewerb zieht mit Recht die Aufmerksamkeit auf sich. Das paßt dem Baucrnturschen nicht, Her im vollen Sonntag-schm-ck ans dem Nachbardorf kam. Er ist eben erst eiugetrosfen, sah die Bierfasseln und Weinkrüge und mimt schon den Betrunkenen. Ta man ihn, des Kinderspiels froh und vorläufig arlch sonst sanft, nicht entdecken will, rempelt er unsanft die Leute an, torkelt von Tisch zu Tisch, läßt die Silbermünzen an der Uhrkette klirren und Jodler ertönen. Der Seewirt, fremder Rohheit nicht gewogen, lockert den Hirschfänger im Gurt und meint, den werde er sich auifs Korn nehmen. Wir ivollen es nicht abwarten, zumal die Programmnummer „Ring, kampf" bei Kämpfern und Kiebitzen herbere Formen anzmtehmen -beginnt. * Täglich um die sechste Morgenstunde keucht ein Hund den Peng hinan, in ein Wägelchen gespannt, das mit tüchtigen Milchkannen beladen ist. Er kennt die Stationen seines Leidensweges, sinkt todmüde nieder, wo Milch abzugeben ist und wartet, bis ihn sein Peiniger, der gemächlich nachkommt, wieder aufjagt. Unsere Hausfrau ist ihm gewogen, bringt ihm einen Imbiß und einen Trunk. Ich habe noch nie ein Tier so müde, so gleichmütig fressen gesehen. Die Pkorgensonne quält ihn, die Fliegen sind dreister, das Geschirr ist drückender — der hat nichts vom Schönwetter als verschärfte Plage. Otto Abeles

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