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Wiener Morgenzeitung · 1926-08-18 · Heft 2689 (18.8.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2689 (18.8.1926)
Date
1926-08-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2E Mn, Mittwoch Wkenee Morgenzeitun« 18. August 1926 r Soldfieber in Me». Di« AaldschMiN««. Die Ausgabe von österreichischen Goldmünzen hat unter der Bevölkerung lebhafte Bewegung hervorgcrusen. Freilich kann das Interesse für die neuen Fünsundz w a n z i g- und Hundert schilling stücke bei den verarmten Wienern zumeist nur platonischer Natur sein. Immerhin hat sich bereits ein schwunghafter Schleichhandel mit den neuen Goldstücken entwickelt und die Goldschillinghamsterei ist im Gange. Gegen Ueberlassung einer entsprechenden Goldmenge oder Bezahlung eines kleinen Agios sind die Goldmünzen für jedermann beim M ü n z a m t zu haben. Außerdem sind sie in den Bakgeschäften und Wechselstuben erhältlich, di« freilich ein größeres Agio verlangen, meist 70 Groschen für das 26-Schilling-Stück und bis zu drei Schilling für die 100-Schilling-Münze. Bisher wurden ungefähr 3000 G o l d st ü ck « zu 100 Schilling geprägt und in der nächsten Zeit dürften schätzungsweise 6000 bis 7000 neue Hundert- Schilling-Stücke fertig werden. Unter den privaten Auftraggebern auf die Prägung von Goldschillingen figurieren in erster Linie die Banken, die täglich gegen 500 bis 600 Goldstücke zu 100 Schilling bestellen, um so größere Mengen ihres freiliegenden Goldschatzes in klingende Münzen umzuwandeln. Aber auch Einzelpersonen erscheinen an der Hauptkassa des Münzamtes, so daß der Andrang im Münzamt täglich ziemlich groß ist. In manchen Zeitungen findet man heute Annoncen, worin Goldschillinge zu höherem Kurs angeboten werden. Das Fieber wird wohl erst dann Nachlassen, bis Wien „in Gold schwimmen" wird. Darauf kann man aber lange warten. Der Amban Ser Straße« in Lesterreich. Unüberwindliche finanzielle Schwierigkeiten. Mit Beziehung auf Las in den letzten Tagen vielfach erörterte Problem der österreichischen Straßen wird der Politischen Kcrrespcudcuz von amtlicher Seite mitgeteilt: Das Bunde-ruinisterium für Handel und Verkehr hat ein generelles Projekt ausgearbeitet, das den Ausbau der Bundesstraßen zunächst in drei Etappen vorsieht und vor allem bezweckt, jene Zntcrlagen;.u beschaffen, die notwendig sind, um die finanzielle Seite des Problems, unsere Bundesstraßen dem nieuältlichen Verkehr anzupassen, beurteilen zu können. An eine unmätclbar bevorstehende Verwirklichung dieses Projektes, so wün'.'chcuswerl dies wäre, kann jedoch gegenwärtig nsi.cht gedacht werden, weil die immerhin sehr bedeutenden Geldmittel für eine derartige großzügige Bauaktion erst beschafft werden müssen und die Lösung der finanziellen Frage begreiflichere eise große Schwierigkeiten bereitet. Auch die Mitteilungen über wesentlich erhöhte Mittel für die lausenden Crha'tuugsarbeiten an den Bundesstraßen, die für das nächste Jahr zu gewärtigen seien, sind zumindest verfrüht, weil die Erfordernisse für das Jahr 1927 erst bei Vorlage des Pnndcsvoranschlages, der im Herbst dem Nationalrat unterbreitet werden soll, ziffernmäßig fcststehen werden. Das eingeMrzte Stiegenhanr. Schlechtes Sandsteinmaterial. Der Stiegeneinsturz im Hause Stroheckgasfe 9 hat in Wien großes Aufsehen erregt. Es wurde festgestellt, daß die Stufen des Hauses aus einen: Sandsteiumaterial hergestellt sind, das zur Zeit der Erbauung dieses Hauses vor 3 5 Jahren verwendet worden sein dürfte. Heute wird der Gebrauch dieses Materials vom Stadtbauamt nicht mehr gestattet, da die Erfahrungen int Laufe der Jahre erwiesen haben, daß sich ein solcher Sandstein für den Stufenbau nicht eignet. Im Hause selbst wurden noch im Laufe der «Nacht, nachdem die Feuerwehr die S i ch e r h e i t s a r b e <i t e n dnrchgeführt hatte, eine N o ttreppe aus Holz errichtet, um den Verkehr der Parteien zu ermöglichen. Der Mord des ungarischen SefandtschaftrsekretSrs iu Warschau. Zu der bereits gemeldeten Eifersuchtstragödie in Z o l iho r z werden uns aus Warschau noch folgende Einzelheiten berichtet: Der gewesene Chef der ungarischen Gesandtschaftskauzlei, Tibor P l a t t i, lernte vor drei Jahren eine Beamtin des Verwaltungsgerichtshoses, di« 23jährige Maria W i er zbicka, kennen und bemühte sich um ihre .Haud. Platti fand 'keilte Gegenliebe und in der letzten Zeit forderte Fräulein Wierzbicka kategorisch den Abbruch der Beziehungen. Sie wollte einen Obersten heiraten. Platti, der im Jkli vorigen Jahres Nach Veruntreuung einiger t a u f e n b Dollar verschwunden war und sich nun Salomon Bo hör nannte, erschien Freitag um 12 Uhr mittags 'bei Fräuleiu Wierzbicka und wurde von ihr im Salon empfangen. Nach einer kurzen erregten Aussprache hörte der im Nachbarzimmer befindliche Bruder der Beamtin, Wladislaw Wierzbicka, einen Schuß und eilte in den Salon. Als er hier seine Schwester blutüberströmt am Fußboden liegend sah, griff er nach einem Sessel und schleuderte ihn nach dem Mörder. Platti richtete den Revolver auf den Bruder und gab einen Schliß ah, der jedoch fehlschlug. Mit vier Schüssen tötete sich nun Platti selbst. Nach abgegebenem Schuß lebte noch Fräulein Wierzbicka einen Augenblick und rief zur ebenfalls herbeigeeilten Schwester: „hanka, rette!" Saida» Maßregelung. Prag, 17. August. In einer ausführlichen Besprechung des Falles Gajda stellt die halbamtliche tschechoslowakische Korrespondenz fest, gegen General Gajda seien bei den verantwortlichen Stellen Angaben sehr ernster Natur eingelangt, so daß ihre Aufklärung unausweichlich war. Ueber die Ergebnisse der Untersikchung schreibt das offiziöse Organ: So viel ist gewiß, daß das Resultat die Unvereinbarkeit der verborgenen oder offenkundigen Tätigkeit zugunsten einer destruktiven Bewegung mit den beschworenen Pflichten eines Soldaten, möge er welcher Rangstufe immer angehören, unzweifelhaft dargetan hat. Was sich bei uns als Faszismus ausgibt, erstrebt in den letzten Zielen eine Umstülpung der nach der Verfassungsurkunde geltenden Rechtsordnung, und mit solchen Tendenzen darf am allerwenigsten ein hoher Offizier fraternisieren. Dü Kampf «m den Hradschin. Prag, 17. August. Das nationaldemokratische Blatt „Role" schreibt: „Mit dem ganzen Linksregime in der Republik wird im Mai 1927, das ist bei der N e u w a h l d e s P r ä sidenten der Republik, abgerechnet werden, wer immer für dieses Regime kandidieren wird. Wir glauben nicht, daß Dr. B e n e s ch so kurzsichtig ist, für ein Amt zu kandidieren, das er nicht erhalten kann. Er hat die Möglichkeit verloren, Präsident der Republik zu werden." * Diese Stimme des nationaldemokratischen Blattes charakterisiert die innere Lage. Die Gegner der sogenannten B u r g p o.l i t i k sammeln sich für den bevorstehenden Kampf um den Hradschin. Die Neuwahl des Präsidenten der Republik wird die Entscheidung zwischen rechts und links bringen. Bedingungslos für Masarhk sind nur die sozialistischen Parteien. Die Klerikalen, die fast die Hälfte der gegenwärtigen deutsch-tschechischen Mehrheit ausmachen, machen kein Hehl aus ihrer Abneigung gegen Masarhk. Die Haltung der Agrarier ist zumindest zweifelhaft. Unter -diesen Umständen wird den Deutschen ein bestimmender Einfluß bei der Neuwahl des Präsidenten der Republik zufallen. ' Dvehla in Prag. Prag, 17. August. Ter gewesene Ministerpräsident Doktor S v e h l a, der seit seinem Rücktritt im Ausland geweilt hat, ist heute nach Prag zurückgekehrt und hat sich sofort zum Kuraufenthalt nach Karlsbad begeben. Di« Rückkehr Doktor Svehlas ist bedeutungsvoll für die weitere Entwicklung der innerpolitischen Lage, da zu erwarten ist, daß er bald aktiv in die deutsch-tschechoslowakischen Verhandlungen einoreifen wird. Reform der Eonntagrrahe in Polen. L. Warschau, 17. August. Das Arbeitsministerium hat die neue Verordnung über die'Henderung der Arbeitszeit im .Handelsgewerbe den Zvir.sschaftlichen Körperschaften zur Begutachtung vorgelegt. Wie Ihr Korrespondent, erfährt, sieht die neue Verordnung im Gemischiwarenhandel eine' Arbeitszeit von zwölf Stunden, für alle anderen Geschäfte eine solche von zehn Stunden vor. Wichtig ist die Bestimmung, daß die Verwaltungsbehörden das Recht haben, das Offenhalten der Gemischtwarenläden während dreier Stunden, von 7 bis 10 Uhr, anSonntagen zu gestatten. Damit wäre eine weltgehende Erleichterung in der. Zwangssonntagsruhe erreicht. Der polnische Getreideervort. — Warschau, 17. August. In einem Pressegespräch erklärte der Vorsitzende des landwirtschaftlichen Syndikats in Polen, Herr C h r z a n o w s k i, daß der Getreideexport aus Polen gegenwärtig vor großen Hindernissen stehe, die aus der Preisdifferenz zum Ausland resultieren. Deprimierend wirkt auch die gewaltige Steigerung des amerikanischen Getveideexports, der alle Märkte erobern wird. Die Untersuchung in fifepel. Budapest, 17. August. Die gemischte Untersuchungskommiffion für die Untersuchung über die Ursache der Explosionskatastrophe in Csepel setzte heute ihre Arbeiten fort und hat in den Nachmittagsstunden einen provisorischen Bericht für die Oberstadthauptmannschaft fertiggestellt. Wie „Esti Kurir" erfahren haben will, ist die Untersuchungskommission der Ansicht, daß die Explosion ausschließlich durch E i n w i r k u u g e n von außen verursacht wurde. Diese Ansicht der Kommission wird dadurch bestärkt, daß die 12 Pulvermagazine, die in einer Reihe am Donauufer-liegen, und die ganze Donaufront bloß von ztvei Wachposten überwacht wurde, so daß die Schießpulverkammern für jedermann sehr leicht zugänglich waren. Der endgültige Bericht der Untersuchungskommission wird heute abends in einer Sachverständigenkonferenz im Ackerbauministerium festgesetzt werden. Stabil zieht seine Aussagen zurück. Der Budapester Frankenfälscherprozeß. Budapest, 17. August. Am zweiten Tag des Revisions- Prozesses war das Interesse des Publikums womöglich noch geringer als gestern. Der Beisitzer des Senates Dr. Fol k- •utattn referierte über die Vorgeschichte der Fälschungen. Er berichtete unter anderem über das Schicksal jenes Ansuchens, mit dem sich die Budapester Polizei an die französische Polizei gewendet hatte, um den Namen jener Person zu erfahren, die bereits im Mary 1924 der Nizzaer Polizei über die Angelegenheit Bericht erstattet hatte. Der Budapester französische Gesandte hatte aus die diesbezügliche Anfrage des Ministeriums des Aeußern im Namen seiner Regierung erklärt, daß diese zwar das größte Gewicht darauf lege, daß alle Einzelheiten der Frankenfälschungsaffäre aufgeklärt werden, doch könne sie ihre Einwilligung zur Namhaftmachung der betreffenden Person nicht geben. Gleichzeittg erklärte der Gesandte, daß die französische Polizei diese Anzeige aus dem Grunde nicht früher zur Kenntnis der Budapester Polizei gebracht hatte, weil sie es vermeiden wollte, gegen eine hochstehende Persönlichkeit wegen eines in einem Berliner Gasthaus belauschten Gespräches die Anzeige zu erstatten. Gleichfalls von allgemeiner Bedeutung ist das Geständnis Artur S ch u l z e s, 'das er im Jahre 1926 vor der deutschen Polizei gemacht hat, wonach Schulze die Bekanntschaft mit dem Prinzen Windischgrätz in Sarospatak gemacht und den Grafen Paul Teleky persönlich niemals gekannt habe. Den Namen derjenigen Person, durch die Schulze im Jahre 1922 nach Budapest kam, wollte er nicht nennen. Sodann referierte Dr. Folkmann über das vor der deutschen Polizei gemachte Geständnis des Leiters der Münchener Kartographischen Anstalt über die geschäftlichen Beziehungen der Budapester zur Mimchener Kartographischen Anstalt. Prinz Ludwig Windischgrätz ist, entgegen der gestern gemachten Ankündigung des Verteidigers, auch heute nicht im Gerichtssaal erschienen. Nach der Verlesung des Urteils der ersten Instanz wurden die einzelnen Angeklagten aufgerusen. Nach Gerö erfolgte die Einvernahme R a b a s, der folgende sensationelle Erklärung abgab: Er ziehe alle in der Verhandlung der ersten Instanz gemachten, andere belastenden Aussagen zurück und erkläre, daß ihm diese Aussagen nur von seinem früheren Rechtsanwalt, Dr. Teleky, suggeriert worden stien. Unwahr seien die Anklagen, die er gegen den Ministerpräsidenten Grafen B e t h l e n, gegen den Grasen Paul T e l e k i, den Feldbischos Zadravecz, gegen den Generaldirektor der Postsparkasse B a r o s z und die übrigen erhoben habe. krlütts Prozeß nach zwei Fahre« fortgesetzt. Budapest, 17. August. Morgen wird vor dem Strafgericht die vor zwei Jahren abgebrochene Hauptverhandlung gegen den ehemaligen Sekretär des verstorbenen Ackerbauministers Stephan Szabo-Naghatad, Ludwig Eskütt, fortgesetzt. Eskütt wind sich diesmal wegen Verleumdung des Ministerpräsidenten Grasen Bethlen und der Finanzminister Kallay und Bud zu verantworten haben, die er beschuldigt hat, daß sie sich aus den Geldern des sogenannten „Ausfuhrpan am a" im Ackerbauministerium bestechen ließen. IM ersten Prozeß Eskütt, vor eih>a bvai Jahren, wurde der Angeklagte wegen Betruges und Amtsveruntreuung zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Der zweite Prozeß gegen Eskütt, wegen Verleumdung Bechlens und der anderen Minister, wurde vor zwei Jahren aus unbestimmte Zeit vertagt, weil damals gewisse Anzeichen dafür sprachen, daß Ludwig Eskütt nicht normal sei. Die Gerichtspsychiater stellten jedoch die volle Zurechnungsfähigkeit des Eskütt fest. Der gewesene Privatsekretär des Acker'bauministers Szabo sitzt gegenwärtig in Untersuchungshaft, da das Urteil der ersten Instanz im Betru'gsprozeß noch nicht in Rechtskraft erwachsen ist. Morgen wird ein Senat des Strafgerichtes, unter Vorsitz des Präsidenten Töreky, den Verleumdungsprozeß gegen Ludwig Eskütt zu Ende führen. Vor einigen Tagen hat Eskütt aus dem Gefängnis dem Ministerpräsidium ein Memorandum zukommen lassen, worin er sich bereit, erklärt, nichts Kompromittierendes gegen Bethlen, Bud und Kallay auszusagen, wenn er, Eskütt, soort auf freien Fuß gesetzt wird, wenn man das Strafverfahren gegen ihn einstellt ud ihm überdies ein — Abgeordnetenmandat für die Natromrlversammkmg zusichert. Das Memorandum blieb unbeanttvvrtet. Die morgige Verhandlung verspricht einen sensationellen Verlauf zu nehnren, da Eskütt voraussichtlich alles versuchen wird, die Minister in die Ausfuhr-Panamaaffäve des Ackerbaunnuisteriums hineiuzuzerren. Bethlen gegen Panenropa. Budapest, 1k. August. Nach dem „A Rcggel" hat Mnisterpräsident Graf Bethlen den Abgeordneten Georg Lukacs, der vor einiger Zeit zum PräsAenten des Ungarichen Paneuropabundes gewählt wurde, ausgefordert, diese Stelle zurückzu legen und sich von der Paneuro-Päischen Bewegung zurückzuziehen. Der Ministerpräsident soll diese Anforderung damit begründet haben, daß in der PaneuroPäischen Bewegung auch u u g a r i s ch e Oktobristen und Emigranten eine große Rolle spielen. Lukacs ist der Aufforderung des Ministerpräsidenten bereits nachgekommen. Sine amerikanische Anleihe Kr Siemens- Schnckrrt. Berlin, 17. August. Das Bankhaus Drllon, Read and Co. ührt Verhandlungen über eine Anleihe an die Siemens- Schuckcrt-Werke. Die Anleihe soll, wie an der Börse verlautet, 30 Millionen Dollar betragen, wovon ein Teil in Deutschland aufgelegt werden dürfte. Der Erlös der Anleihe soll für die Elektrifizierung belgischer und vielleicht auch französischer Eisenbahnen verwendet werden. - t i

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