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Wiener Morgenzeitung · 1926-08-14 · Heft 2685 (14.8.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2685 (14.8.1926)
Date
1926-08-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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, «W 3 MM. SaRMg Der -everal im Ruhestand. Gemrak Gajda ist in den Ruhestand verseht worden. Die dürre amtliche Mitteilung aus Prag wird durch Zeitungsnachrichten da hm ergänzt, daß das SuperarbitrierungSprvtvkvN — solche Dinge gibt es noch! — ihn als «and körperlich ungeeignet für den Dienst erklärt. neral hatte der Vorladung vor die Kommission keine Folge geleistet, sondern mußte von dem Arzt im Automobil hernmgesucht werden. Wie noch erinnerlich, war die Angelegenheit Gajda auch Gegenstand einer politischen Untersuchung, die mit der orakelhaften Feststellung schloß, daß für ein gerichtliches Einschreiten kein Anlaß vorliege. Die binzugetretene militärärztliche Bchandkrmg vermag die Rätsel dieser Vorgänge , nicht auszuklären. Es ist keine alltägliche Äche, daß ein Mann, der es in kurzer Frist vom Feldwebel eines österreichischen Landlvehrregiments zum General der in Sibirien operierenden Legionen und dann zum stellvertretenden Chef des Generalstabes eines jungen, militaristisch organisierten Staates gebracht hat, so plötzlich aus der Fülle der Macht abberrrfen wird und dies unter Umständen, die auf der Linie Parks—Warschau—Moskau die größte Sensation erregt hatten. General Gajda fällt über den Borivurf der Spionage, begangen für Rußland gegen Frankreich und der seinerzeit so viel bewunderte Raid Budjennys bis Warschau lmrd mit den Informationen durch den General, der zu jener Zeit Militärattache in Paris war. in ursächlichen Konnex gebracht. Dieser militärische Hintergrund hat auch noch eine innenpolitische Kulisse und sie ist nicht minder bedeutungsvoll zur Erkenntnis der Art, wie über Leben und Schicksal von Völkern entschieden wird und in welchen Küchen das Gift gebraut wird, das man dann in patriotischer Dosierung den Massen vorzusetzen wagen kann. General Gajda ist die Hoffnung eines an Zahl und geistiger Bedeutung sehr geringfügigen Kreises von Chauvinisten, deren Ideenwelt von dem Muffolinischen Faszismus erfüllt wird. Es sind das Menschen von der Art jener, die Deutschland ruiniert haben, die sich Italiens bemächtigten, Griechenland beherrschen und die sich auch sporadisch in Frankreich und England zeigen, die überall dort auftreten, wo die soziale Not gegen die wirtschaftlichen Folgen des Krieges kämpft. Diese Bewegung besitzt in der tschechoslowakischen Republik ihr ganz besonderes Gepräge. Ihre Führer sind tatsächlich der Ansicht, daß es möglich ist, eine Art Staatsgewerkschaft einzurichten, die die Ansprüche, die berechtigten Ansprüche der nationalen Minoritäten auf Sprache, Kultur und Jugenderziehung einfach zu negieren. Diese Minoritäten sind fast die Hälfte der Bevölkerung und sie sind, was das Experiment im gegebenen Fall zu einer Staatskatastrophe gestalten würde, nicht isoliert, sondern nm durch Grenzlinien von dem Muttervolk geschieden. Die offizielle tschechische Politik, die der Menschenfreund Masaryk und der weltkluge Benesch leiten, ist nach Ueberwindung vieler, aus der Jugend der Freiheit sich ergebender Hemmnisse zu den ersten Anfängen einer Ausgleichung der Gegensätze gelangt, die auf deutscher Seite viel Anklang gefunden hat, aber auch von der überwiegenden Mehrheit der Tschechen begrüßt wurde. Die tschechische Politik hat mit Problemen zu tun, die fast haargenau denen der alten Mostarchie entsprechen und ihr steht neben den: Nationalismus auch noch der römische Katholizismus und der slowakische Separatismus feindlich gegenüber. Zwischen diesen Rissen muß die Staatskunst lavieren und da ihre Elemente vor allem durch die Rücksichten der Industrie- Wirtschaft und des Außenhandels bedingt werden, so bietet jeder Tag den . besorgten Patrioten, an denen auch baä tschechische Volk eine erkleckliche Anzahl besitzt, neuen Stofs zur Furcht um die heiligsten Güter der Nation. Der Nachtwächter von Leitomischl hat den Krieg und die Revolution überstanden und seine begeisterten Jünger tragen das Rutenbündel im Knopfloch. Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nie dasselbe, und das Beispiel Italiens, dessen AuHang man ja bisher noch nicht kennt, ist auf den tschechischen Nationalitätenstaat nicht anwendbar, der wirtschaftsgeographrsch durch die Absperrung von: Meer sehr benachteiligt und aus das Vertragssystem der Freundschaft mit den Nachbarn angewiesen ist. ' Er muß im Innern die Versöhnlichkeit betreiben und dieses Bestreben hat in der letzten Zeit die besondere Aktivität der Nationalisten erzeugt. Die Verbindungen zu dem jungen Offizier, der sich durch seine Kämpfe mit den Bolschewiken besondere Popularität erworben hatte, waren sehr rege und es scheint, daß die Regierung die ihr vorliegenden Informationen als Ausgangspunkt für ein rasches und energisches Einschreiten benützt hat. Die weitere Entwicklung wird zeigen, ob sie dem General nicht die Märlyrergloviole in den Ruhestand mitgegeben hat. Es wüÄw aber nicht der Pikanterie entbehren, wenn sich auch hier die geistige Affinität zwischen nationalem Radikalismus und Korruption erweisen würde. Senrral Saida bereit« snverarbttriert. Prag, 13. August. Ms einziger Blatt bringt „Ruhe Pravo" die Meldung, daß General Gajda gestern um halb 1 Uhr von: Dienst stcherarbitriert wurde. Als Grund gab die SuperarbitrierungSlkommiffion an, daß Gajda körperlich und geistigzuw Dienste in der Armee unfähig, sei. Das Matt meldet dazu, daß Gajda sich dem Befehl nicht gestellt habe und erst mit dem Automobil gesucht werden mußte. Die Diskussion über Gajda hat noch lange nicht ihren Abschluß gefunden. Offenkundig ergreift die sozialistische Presse die Offensive. Die fozialdemÄralifche Pilsener „Nova Doba" schreibt, daß Frankreich selbst um die Einleitung der Untersuchung gegen Gajda wegen Spionage angesucht habe. WLtmt Morsrnzettim«* Das nationalsozialistische „Ceske Slovo" droht, die sozialistische Agitation in die Kasernen zu verlegen, ivenii die s a s z i st i s ch c Agitation unter dem Offizierskorps nicht augenblicklich eingestellt werde. * Amtlich wird abends berichket: Das Superarbilrierungsverfahren gegen General R. Gajda, den ersten Stellvertreter des Generalstabschefs, ist beendet worden. General Gajda wurde in den Ru he ft and versetzt. Wie „Nnrodrii Lisch" melden, begab sich cneral Eeeek mittels Flugzeuges von P r a g n a ch T o p o l t s ch a n, von wo er nach kurzer Audienz beim Präsidenten der Republik scffort wieder nach Prag znrückkehrte. Die Reffe hatte'angeblich den Zweck, den Präsidenten über die Angelegenheit Gajda;u informieren. Als Nachfolger des Generals Gajda wird in den tschechoslowakischen Blättern der bisherige Kommandant der T v r n a n e r Division, General Vojtechovsky, genannt. |> Sa» ResiernngsWeni in btt Tschechoslowakei. Prag, 12. August. Bei cincme>>rrralislcnempfang in Trents ch i n - T e p l i h erklärte, nach einer Meldung des „Pragai Magyar Hkrlap", Außenminister Dr. Benes ch, daß das Beamtenkabinett die Ttaatsgeschäfte bis Ende des Jahres führen irerdc. Zur Bildung einer parlamentarischen Negierung werde es e r st im F r ü h j a h r kommen. Die Aufgabe dieser Regierung werde sein, die Präsidentenwahl durchzuführen. Fasse — russischer Gesandter in Warschau. K. Warfckvu, 13. August. Wie in hiesigen politischen Kreisen verlautet, soll demnächst an Stelle des -Herrn Wojkow der frühere russische Gesandte in Wien, Herr Joffe, zum Vertreter der Sowjetunion ernannt werden. Die polnischen Monarchisttn. L. Warschau, 13. August. Wie wir seinerzeit berichtet haben, ist das Gesuch der polnischen Monarchisten um Legalisierung ihrer Organisation vom Innenminister a bg e lehnt worden. Tie Organisation hat nun die Klage an den Vermatt ungsgerichtshof eingebracht. &!tt Ramenrftreit zwischen Polen und Danzig. Aus Warschau wird uns berichtet: Ter Senat der Freistadt Danzig hat dem Behörden anfgctragen, in allen Aktenstücken die Namen der polnischen Städte polnisch zu benennen, mit Ausnahme der -Hauptstadt Warschau, die mit dem dmffchen-Namen genannt werden soll. Als Antwort darauf hat der polnische Ministerrat beschlossen, alle aus Danzigcr Territorium liegenden Ortschaften deutsch zu benennen, mit Ausnahme von Danzig, das Gdansk genannt wird. Rulstlch'benlsche» Amneftlellbereinkommen. Berlin, 19. August. Nach der „Germania" soll das Reichskabinett in seiner heutigen Sitzung seine Zustimmung da;n erteilt haken, daß der zum Tode verurteilte und später zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigte russische Kommunist , S o k o l v w s k i vo l Istän dig begnadigt und aus dem Reichsgebiet' ausgewiesen werde. Nach der gleichen. Zeitung,soll sich die S o w j e t ust i o n ihrerseits entschlossen haben. 14 Reichsangchörigc, darunter die drei i m B o r}ahre i n M o s ka ü z ü schweren Strafen verurteilten Studenten, zu begnadigen. Balakrepointion gegen ßuza. Bukarest, 13. August. Die antisemitische christliche Liga scheint einer schweren Krise entgegenMgehen, da der Chef der Partei, Univevsitätsprofessor C u z a von einem Teile seiner Anhänger. direkt fallen gelassen wurde. Sonntag fand in P u t n <a in der Bukowina ein Kongreß der Partei statt, an dom Cuza nicht mehr teiluahm. Es wurde beschlossen, die Führerschaft der Partei Cu za endgültig zu' entziehen und ihn nur zum Ehrenpräsidenten zu ernenneil. Cnqa hat sich daraufhin entschlossen, einen neuen Kongreß nach Jaffy oinzubevufen und dort den Ausschluß aller Parteimitglieder zu beantragen, die in Putna gegen ihn Stellung genommen haben. Cuziften Überfällen die Nn-bautzer Synagoge. Nach einer Meldung des „Czernowitzer Morgenblattes" aus Radautz überfiel ein Trupp Cuzisten aus im Regat letzten Samstag den Radautzer Tempel und mißhandelten besonders alte Leute, wobei sie den 75jährigen Leib Ni ederhoff c r und den 73jährigen Abraham Äutman n mit Fußtritten traktierten und mit Knüppeln schlugen. Die herbeigerufene Polizei nahm den cuzistischen «Helden das Nationale äb. Ehrhardt will ins Parlament lOerlin, 18. August. Der frühere Kapitän Ehrhardt hat sich nach einer Meldung des „Berliner Tageblattes" m einem Rundschreiben an die rheinisch-westfälische Schwerindustrie gewendet, um diese für seine neuen politischen Pläne zu gewinnen. Er. behauptet, jetzt eingasehen zu haben, daß mau auf deru Wege der Putsche nichts erreichen könne und vill nunmehr den Weg des Parlamentr ism u s beschreiten. Er verlangt hiezu die finanzielle Unterstützung der Industrie und fordert die Empfänger der Briese auf, ihre Beiträge nicht mehr den politischen Parteien, sondern ausschließlich den sogenannten vaterländischen Verbänden zu geben. Unter den Vertretern, die diese 14. August im Nr. 2688 > Verbände ins Parlament schicken würden, steht natürlich in erster Reihe Ehrhardt selbst. Er will sich, wie das genannte Blatt weiter meldet, die parlamentarische Jmmunit ä t sichern, um dadurch ungehinderter seine Ziele verfolgen zu können. Er soll unter den Industriellen des Rhelnlandes tatsächlich Unterstützung für seine abenteuerlichen Pläne gefunden HMn. _ Der Magdebnrger Fnftizstandni. (EigendkeNst der „Wiener Morgeirzektung".) K. Magjdedmg, 13. August. Nunmehr werden sich der Oberlandgerichtspräsident und der Gencralstaatsanwalt in N a u m b u r g Mit der Aufklärung und Prüfung der Frage befassen, ob Anlaß zu einem disziplinären Einschreiten gegen den Untersuchungsrichter Kölling sowie auch gegen andere Magdeburger Justiz beamte gegeben ist. Auch die Veröffentlichung des Landgerichtsdirektors Hoffmann werde Gegenstand einer Prüfung sein. In dieser Veröffentlichung, die in der deutschnationalen „Magdeburger Zeitung" erfolgt ist, erzählt (wie bereits berichtet) Hoffmaun, daß er den bekannten Brief Köllings an den Polizeipräsidenten selbst entworfen habe. Die Prüstlng des Materials erstreckt sich auch auf die Frage, ob nicht H o ffm a n n an Verhören des Schröder durch Kolling teilgcnommen hat, sowie ans die vielfach noch -unklare .Haltung des Kommissärs Ten Holt. Es heißt, daß dieser Freund des Mörders nicht mehr aus seinen Posten zurückkehren wird. ,_ Französische Spionage in den Dardanellen? (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 13. August. Wie der Korrespondent des „Exchange Telegraph" meldet, wurden bei^ den Dardanellen fünf französische Staatsangehörige, darunter zwei frühere, dem Generalstab des Generals G o u r a u d angehörige Offiziere, Wegen Spiouagc verhaftet. Man hat bei ihnen wichtige Dokumente gestlnden. Allgemeiner Ausstand in Tanger. Ein Protest gegen die Knebelung der Presse. London, 13. August. Die Blätter melden, daß in T a nge r ein allgemeiner Ausstand herrscht. Alle Geschäfte sind geschlossen, Omnibusse und Automobile verkehren nicht. Ter Zweck des Ausstandes ist, gegen das vorgcschlagene Gesetz zu protestieren, das die Freiheit der Presse und das Recht, öffentliche Versa mm lungen abzuhalten, beschränken soll. Die Schließung der ausländischen Handelsjammern in Konstantinopel. Konstantmopel, 12. August. Die hiesigen ausländischen Handelskammern haben den Auftrag erhalten, ihre Tätigkeit von h e u t e ob einzustellen. Tie hiesigen ausländischen Kreise können sich die Beweggründe. des Befehls, nicht ■ erklären. - >: ■ Gewerkschaft und Politik. LondonML. August. 'Ter Führer des Seemannsverbandes Havelock WiWon erklärte in einer Rede, es sei für die Arbeiterbewegung das größte Unglück gewesen, daß sie sich in die Politik eingemischt habe. Die Gewerkschaften seien heute in einer sehr ernsten Lage. Fast jede Gewerkschaft sei am Ende des dreizchntägigen Streiks im Mai bankrott oewsseu und HunderttaU'stnde non Arbeitern hätten erklärt, daß sie niemals mehr etwas für die Gcliverkschaftskassen zählen würden. Die Arbeiterschaft könne nicht ohne das Kapital und dieses nicht ohne die Arbeiterschaft a u s t o m men. Wenn man davon rede, daß das Kapital vernichtet werden müsse, so sage man damit, daß mau sich selbst vernichten wolle. Jeder Streik seit dem Kriege Hab' mit der Verelendung der Arbeiter geendet. Fulavd. Reue Beamtenforderungen. Gestern vormittags brach eine Abordnung «des Fünf-- undzwanz-iger-Awsschusses auf Einladung der Bundesregierung im Bundeskanzleramt vor. Zu gleicher Zeit erschien eine Abordnung des g e m e i n s am e n Zentralausschusses der Post- und Telegraphena n g e st e l l t e u im Finanzministerium. Die Abordnung des Mnfundzwanziger-Äl'Usschrtffes erklärte, die Wünsche aufrechtzuerhalten, die in der Denkschrift vom 27. Mai d. I. entlhalten ivaren, insbesondere die Forderung nach Novellierung des Gehaltsgesetzes und, bis zu deren Durchführung, nach Gewährung vierteljähriger Zuschüsse im Ausmaß eines halben Monatsgehaltes. Die Abordnung anerkannte, daß einige von dieseUj Wünschen in der Zwischenzeit bereits erstillt tvordsrr seien und betonte, daß in anderen Punkten, so in der Frage des E x i st e n z in i n i m u m s, Ergänzungen notwendig wären. Die Abordnung des Zentralausschusses verwies auf ihren Wunsch nach einer Dauerregelung der Bezüge in der Form einer Erhöhung um 200 Prozent eines M o n a t s b e z n g e s bei ent sprechender Festsetzung des ExistenMinünums. In der Aussprache wurde als vorläufige Maßnahme vor Durchführung der Dauerregulierung der Wunsch nach Auszahlung eines halben Monatsbezuges zrrm Ausdnick gebracht. Den beiden Abordrmngen wurde die eheste Weiterlei lang ihrer Wünsche an die Bundesregierung zugesichert.

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