Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2684 (13.8.1926)
- Date
- 1926-08-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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W«, Kvettag Wiener MorgEN-ettun IS. MM 1986 Nr. 8684 Ae eingefrorene Bersaffung. Die alte Mainlinie lebt noch. Sie war bei der Verfaffungsfeier am 11. August zu sehen. Bayern, Württemberg und Thüringen ignorierten den Tag und der bayrische Ministerpräsident lieh durch eine Agentur den Zeitungen mitteileu, daß im Hintergrund der Weimarer Verfassung „die schmachvollsten Monate deutscher Geschichte" stehen. Die Feier blieb also auf Berlin und die großen Städte beschränkt und auch hier waren es nur die Behörden utld die Arbeiterschaft, die von dem Datum Kenntnis nahmen. Die ersteren mit anbefohlener Freude, die letzteren mit trüben Empfindungen und, wie die sozialdemokratischen Zeitungen ausführten, voll Entschlossenheit, die Republik und die Verfassung gegen jeden Feind zu verteidigen. Dem Fest, dessen Anhänger sich die Helme fester binden, blieb das Bürgertum im großen ferne. Es hat heute, nach sieben Jahren noch kein wärmeres Verhältnis zu dem Akt von Weimar gefunden, der doch in seiner Geburtsstunde ein kraftvolles Zeichen des Willens zu einem neuen Leben war. Die Verfassung entstand, während im Westen die feindliclwn Truppen lagerten und vom Osten üer, unterstützt durch Not und Hunger, der 'Bolschewismus sich herantastete. Trotzdem fand die Nationalversammlung den Mut, den Willen zur Einheit und zum Aufbau des Reiches einmütig zu dokumentieren und auszusprechen, daß in der ^-'tschen Republik alle Macht vom Volke ausgehe. Es war das deutsche Bürgertum, das die Verfassung beschworen hat. Aber seither ist der Mut verraucht und der Spiritus zum Teufel gegangen. Aber nicht das Phlegma ist geblieben, sondern die Republik steht einer zum Offcusivkampf gerüsteten Todfeindschaft gegenüber. Die Republik füllet an ihrem (Geburtstag nur ärmliche". Grus; der Freunde, die sich nicht recht hervorwagen. Die Gegenströmung ist zu stark. Sie war es nicht, aber sie ist cS geworden, weil die deutsche Demokratie in der Freude über ihren ersten Erfolg stecken geblieben ist. Sie hat eine Verladung gesch'/sen, die trotz ihr r Wenn und Avers, trotz aller Verbeugungen vor dem Ländler-Separatismuö die Achtung der Umwelt erworben hatte. Aber in Deutschland selbst geriet sie sehr bald in Vergessenheit, weil sich keine Macht hinter sie stellte. Der Konservativismus verschwisterte sich sehr bald mit der wagemutigen Reaktion. In Frankreich war die republikanische Verfassung nach dem Frankfurter Frieden mit einer einzigen Stimme Mehrheit von den: Kongreß angenommen worden. Aber seither hat sich das Prinzip festgesetzt und die Reaktion, die ja auch in Frankreich nicht müßig geht, richtet sich heute gegeil ganz andere Angriffspunkte, nachdem sie mit ihren Vorstößen gegen die Republik im Dreyfusprozeß auf den energischen Widerstand der Nation gestoßen war. In Deutschland aber steht die Verfassungsfeier im Schatten von Magdeburg. Nachdem erst der Fall Lessing die Gleichheit der Bürger so eklatant dementiert hat, zeigt sich jetzt in der Affäre Haas das geradezu groteske Bild eines publizistischen Katz-undMaus-Spielens zwischen der gut' willigen, aber rückgratsschwachen Regierung und der schneidigen Bureaukratie, die sich das jüdische Opfer ihrer Zwangsvorstellungen nicht ans den Klauen reißen lassen wollte und auch noch nach der Aufdeckung des geplanten Verbrechens nicht nachgibt. Solcher Ereignisse hat es seit Weimar sehr viele gegeben und sie haben in ihrer fortschreitenden Wiederholung inuner mehr Boden von der Grundlage der Republik abgerissen, die sich kaum gewehrt hat. Sie hat der alten Zeit ihre Reverenz erwiesen und jede Gegenanstrengung gescheut. So mußte es kommen, daß sie ihren Geburtstag nur mehr mit offizieller Küble begehen kann. y Die Sympathien aber, die auch diese .Kreise für die militaristischen Traditionen hegen, sind auch bei der Feier im Reichstag zum Ausdruck gekommen. Der demokratische Innenminister hielt es für notwendig, den pazifistischen Gedanken zu definieren und ihn an die Wehrhaftigkeit zu binden. Das ist die Anwendung der alten und noch immer .als unwahr erwiesenen These, daß, wer Frieden haben will, gerüstet sein müsse. Das ist die Theorie, die unweigerlich zum Krieg führen muß und die im schärfsten Widerspruch steht zn dem Weimarer. Werk, das da fordert, daß das Gesetz zur Macht komme. 'Aber freilich hat diese Meanarer Verfassung der Jude Hugo Prenß niedergeschrieben, der in Deutschland ein Vorläufer des Professors Leffmg als Objekt des Haffes war. Herbert Simmels Reife nach Amerika. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) K. Berlin, 12. August. Am Mittivoch find aus London die Herren Louis L ips kh und Dr. F e i to e Iin Titisee im Schwaitzwald eingetrassen, um dem dort weilenden Sir .Herbert Samuel einen Beisuch abzefftatten. Wie schon berichtet,''bildete die angekündigte Reise Sir Herberts nach Amerika den Gegenstand der Aussprache. -Herr Lipssy ist heute nach Antwerpen geraist, um die WÄtkonferenz des M i s r a ch i im Namen der Zionistischen Exekutive Kr hegmtzs». Ae volnisch-rMche Slseadlchakonserenr. (Gigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) L. Warschau, 12. August. In Posen wurde heute die Konferenz der polnischen und ruffischen Eistnbahnvertvetier geschlossen. Es wurde ein Abkommen erzielt, wonach beide Staaten einander Erl eichte r'ungen beim Warentransit gewähren. Es wurde beschlossen, die Lastwaggons derartig einzurichten, daß sie ohne Hindernis ans beiden Geleisen rollen können. Godard an die jüdische Zugend. -er sranMche Politiker über gadentnm «ud «eltfrieden. Wie bereits kurz berichtet wurde, .hat der in Paris stctttgefundene Kongreß der j ü d i sch e n I u g^e n d seine Tagung mit einenr großen Propagandaabsud abgeschlossen. Bon den in der Versammlung verklungenen Raden lvar die Begrüßungs- .rede des gewesenen französischen Ministers Fustin Godard die bkdeutungiivollste, der unter anderem ausführte: „Mit aufrichtiger Freude kam ich hicher, um euch, junge Juden, zu begrüßen! Ich bin euch in inniger Freundschaft zugetan, bin gerührt von eurer Vergangenheit, eurer Gegenwart, die n o ch n i ch t frei i st v o n L e i d u n d Verfolgung und von der großem Zudmst, der. ihr entgegengeht und nicht zuletzt von der Größe der Arbeit, die ihr für eure Zukunft in Angriff genommen habt. Ich bin kein Jude und auch nicht mehr jung. Bei euch aber finde ich Frische und Jugend — deshalb wiederhole ich gern die Bcgrttßungscvvrte Jabot i nskys an euch: „Sees jung — f-eid dreist!" Worte haben ihren Wert, aber wertvoller als Worte sind Taten. Die Gesellschaft France Pälestine, die ich hier vertrete, hat es auf sich genommen, pvaktischa Arbeit für Palästina -zu leisten. W i r f i n d entschlossen, die Juden Frankreichs ans ihrer Lethargie zu iv e ck e n." Der Redner wirst einen Rückblick aus die bisherigen Ergebnisse der Arbeit seiner Gesellschaft, weist darauf hin, daß die freundschaftlichen Beziehungen zwischen > der Pajrisar und der JMrßalemer Universität bereits so weit gediehen sind, daß schon in der nächsten Zeit zwischen beiden Hochschulen ein Professors na ustausch 'beginnen wird. „In voller Erkenntnis der Wichtigkeit der BerbreiMng dör hebräischen Sprache, unter der Jugend", setz« Godärd feine Ausführungen unter lebhaftem Beifall -bei Auditoriumfort, ,chat France Palcftine die Errichtung einer Lehrkanzel für h e b r ä i f ch e S p r a ch e an der Hochschule sü, orientalische Sprachen durchgesetzt, während für di» Vorbereitung von Chalnzirn in der Nähe von Paris eine dcm Sonderzwecke angepaßte landwirtschaftlich, Lehranstalt errichtet werden wird. Ich fühle mich besonders glücklich, daß der jüdische Jugendkongreß in sein Programm auch allgemein »menschliche Fragen ausgenommen und daß .ihr von der Idee des allgemeinen Weltfrichens beseelt seid. Man braucht keinen schrkionksren Beweis, als frai letzten Krieg, um die Schändlichkeit de- Völkerf ch l a ch t e n - zu erfassen! Ich bitte «ch, verbreitet Me Friedensidee! Ihr, in der gachrn Welt zerstreuten Jrsderr, seimit eurer bewunderungswürdigen Energie die b erufensten Apostel des Friedens. Es ist eiue schöne Pflicht, es auch zu werdtn! Eure Arbeit für euer Volk und den Welffriedrn ist ein« vornehme, schön« Arbeit. Möce die jüdische Jugend in der Jugend der ganzen Welt den" Idealismus erwecken. Ich begrüße euch mit dem innigen Wunsche, daß eure g-voße Arbeit von Erfolg ge- -krönt werben möge!" . . 9os tschechische Lrgloniirargan über Gasda. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Prag, 12. August. Das Legionärorgan „Narvdni Osvobozeui" .schreibt, man könne sich nicht bloß der moralischen Erbitterung, sondern noch mehr des Erstaunens über die Tatsache nicht erwehren, daß General Gajda die täglich gegen ihn erhobenen Anschuldigungen geduldet hat, ohne olles zu unternehmen, um sich rein zu waschen. General Gajda werde der Spionage gegen F ra n kr e i ch beschuldigt und wiederholt wurde darauf verwiesen, daß er sie gegen Anna h m e von Geld betrieben' l^abe, das er nur ' bott Sow j e t r u ß l a n d erhalten koin'.e. In einem solchen Falle würde jeder gemeine Soldat nicht einen Augenblick zögern, seine Ankläger gerichtlich zu verfolgen. General Gajda aber, derin den letzten Wochen bestrebt gewesen sei, seine militärische und politische Position durch wenig ehrenhafte Mittel -r, er wurde einige Male öffentlich der Lüge geziehen — ausrechtzuerhalten, der die Grundgebot-e der militärischen Disziplin verletzt habe, stabe nicht das Einfachste unternommen, nämlich seine militärische und L -e g i o n ä r s e h r e vor Gericht zu Verteidigen. , Auch ZK-Pfennigsiülle werde« gefälscht! Metzingen, 12. August. Hier wurde eine Falschmünzerwertslätte entdeckt, in der falsch« Fünfzigpfennigst ü ck e angesertigt wurden. Die Falschmünzer, eine dreiüöpsige Fam i'lie, wurden ver haftet. «SUerrecht. FmanmitArrecht. Radkorecht. Die letzten Beschüsse des Internationalen« Juristenkongresses. Am letzten Tag des Internationalen Juristenkongresses wurde eine Reihe sehr wichtiger und aktueller Rechtsprobleme behandelt. Großes Interesse erregte ein von dem Dozenten der Heidelberger Universität, Dr. Friedrich von R a n ch h a u P t vorgelegter Entwurf eines Völkerr e ch t s g e s e tz b n ch e s. Das Elaborat enthält zunächst ein System des Gesetzbuches und bereits einige ausgearbeitete Partien des Völkerrechtes. Professor Rauchhaupt hat fein. Referat nicht persönlich erstatten können, weil er gegenwärtig über Einladung der Regierung völkerrechtliche Vorträge an der Universität B u e n o s - A i r e s hält. Der Entivurf. fand e i n st i mm i g Annahme. Ein zweiter Entwurf, der von den! Frankfurter BölkerrechtsleHrer Dr. Strupp, derzeit Professor am völkerrechtlichen Institut im Haag, stammt, enthält eine Kodrf i ka 1 i o n des I m m u n i t ä t 8 r« ch t e s der ausländischen diplomatischen Vertretungen und bezieht insbesondere die Handelsattache es in diese Exterritorialität ein. Auch dieser Entwurf wurde ei nsti mm ig angcnpmmcit. liebet das Auslieferuugsrecht legte der französische Delegierte Maitre Pawlikowski einen Entwurf vor, der einen Staatsvertrag vorsteht, in dem die Auslieferungspflicht der Staaten festgestellt, und die Tatbestände prnäzisiert werden, die zur Auslieserunng verpflichten. Dabei wird der Begriff des Po l i t i s ch e n Deliktes nach den Beschlüssen den „Instituts für Völkerrecht" definiert/ Auch dieser Antrag wurde vom Plenum angenommen. Eine andere Kommission beschäftigte sich nrit dem aktuellen Problem des R a d i o r e ch t e s. Der Referent Dr. Templc Gr eh führt« aus, es sei jetzt durchaus möglich, daß ein Staat mit einer genügend starken Sendestation 'denn ganzen Luftraum beherrschen und dadurch Störungen der Sende- und Empfangsstationen der anderen Staaten Hervorrufen kann. Diese Störungen werden Gegenstand besonderer Verträge sein müssen, da das Radio namentlich seit der Entdeckung der Radiotelephonie einer der größten Verkehrsvermittler ist. Dies hat sich im e n glischen Generalstreik während dar Einstellung der Zeitungen gezeigt. Der Redner ernpfahl, diese Fragen einer ähnlichen Regelung zu unterziehen, wie sie bereits das englische Luftmimsterium getroffen hat. Im Anschluß an dieses Referat berichteten die Delegierten Professor Baumgarten und Dr. Urbach über die Regelung der Luftpost. Sie verlangten die Befreiung der Luftpost von einer besonderen Gedicht mit .bet Begründung, daß die Vermehrung des Verkehrs die Luftpost retabler gestalten werde. Auch diese Beschlüsse wurden« a n g e n o m m e n. In der Kommission über den unlauteren Wettbewerb regt«, der Referent Dr. Comar (New-Pork) die Schaffung eines internationalen Gerichtshofes an. Nach längerer Debatte wurde ein Antrag angenommen, der ausspricht, daß eine Ordnung der Angelegenheiten des unlauteren Wettbewerbes i:ine Förderung des Friedens bedeutet und daß eine internationale Gegenseitigkeit zum Schutze gegen den unlauteren Wettbewerb geschaffen werden möge. 6!n Wischer BizebürgermMer in Stryk. ' Aus Strhj wird uns berichtet: Der feit langem geführt« Kampf der hiesigen jüdischien Bevölkerung um eine ihrer Zahl und Bedeutung entsprechende Vertretung in der Städtloerwallung ist nunmehr erfolgreich abgeschlossen. Die Regierung ge- »nehmigte im wie'sentlichen die unter Führung der g io n isti- .s ch e n Organisation au^earbeiteten Vorschläge der gereinigten jüdischen Örteren und Körperschaften^ auf Grund /deren der hiesige Stadtroi acht jüdiische Ratsmänner zählen ,'oird, von denen. der Vizepräsident der Stryjer Zionistischen .Organisation, Tr. Wolf,P r e ss« r, zum Bizebürgermeister der Stadt gewählt wurde. '' . , . . , ■ , Sie NekSmvsnng des Lyphu« in PMtiim. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Infolge der enevgifchen' samlären .Maßnahmen, ,die die Zioniftifchq Palästina exekutive zur Bekämpfung der Typhusepidemie in den landwirtschastllichen' Sisdlnngen' des Emek Jefreel ergriffen hat — zirka 180 Fälle waren bisher gemeldet —, steht ein baldiger Rückgang der Erkrankungen in Aussicht. Herr C. Q. Henriques, früher beim Public Works Department rn Indien, jetzt Bewässerungsibeirgt der Paläftinaexekubive, trifft die.sanitären Maßnahmen, ,welche die Siedler selbst zu seiner Zufriedenheit durchführen, die Exekutive liefert die erforderlichen neuen Materialien. Dr. Pell er von der Universität in Wien, der jetzt der Expert des Gesundheitsamtes der Palästinaexekutive ist, leitet die medizinische Arbeit. Das Problem der' Unterbringung der Kmnkon ist dadurch sehr .erleichtert, daß das Gofumdlheitsamt der.Regierung im Regierungshospital in Haifa 80 Betten für die Thphuskranken ans dem Emek bersi-tgeftellt Hot, Soweit die Kranken hier nicht au'fgenommcn werden können, werden sie im Höspital der Krankenkasse in Ain-Charod untergebracht. In Sedjera hat man ein Heim für Typhusrekonvaleszenten eingerichtet. In Jaffa sind im Regierungshospital ebenfalls 20 Betten für Typhuskvanke zur Verfügung geistellt worden. Die Zahl des jüdischen Pflegepersonals in den Regiermtgshospitälevn von Haifa urvd Jaiffa ist vergrößert worden. Abermals eine Ritualmordlegeude in Lttanen. In dem litauischen Städtchen.Sudarg entstand plötzlich die Legende von einenl jüdischen Ritualmord, als die im Hause' des Bäckermeisters Josef Jozefowitz beschäftigte Dienftmagd verschwunden war. Aufgehetzt durch den Pfarrer des Ortes und einige Mönche, rottete sich ein Teil der christlichen Einwohner zusamnren und nahm eine drohende Haltung gegen die jüdische Einwohnerschaft an. Fast wäre es schon zu Ausschreitungen gekommen, att glücklicherweise einige Bauern aus nahen Dörfern zum Wochenmarft eintrafen und erzählten, sie.hätten da'S totgeglaubte Dienstmädchen lebend ge sehen..Das Dienstmädchen hat einfach dle Stellung unge- Limdigt verlassen und sich auf die Wandevimg begehen.