Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2679 (8.8.1926)
- Date
- 1926-08-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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t ._ lESHejtgf W «f ft 8. AuArft 1926 Sette S Tagesbericht. Re brbkSWe llaiverMt in Jerusalem. Aus London wird uns berichtet: Das Zionistische sMtionskomitee akzeptierte den Entwurf einer Verfassung j bet Universität, die vorläufig für ein Jahr gelten soll. Die iLeitung der Universität besteht aus einem Kura-! torium und einem akademischen Rat. In das K u r a t o r i it.tn wurden sagende Personen gewählt: Nahum Sokolotv, Sir H. Samuel, Dr. S. Wise, Dr. D. Kaliski, Chaim Nachman Bialilk, Prof. Dr. Brodettzky, Norman Bentwich, Doktor Levin, Dr. M. D. Eder, Dr. A. Ruppin, Felix Marburg, Judge Mack, Malter Mayer, Roger Straus, Liebmann, Doktor Ratnoff, James de Rothschild, Sir Alfred Mond, Dr. Schloessinger, Irving Lehman, Dr. Cyrus Mer, Cardoze, Dr. H. P. C Hajes, Prof. Siegmnnd Freund, Chief Rabbi Dr. Hertz, Prof. Dr. S. Ornstein, Prof. Horowitz, Prof. Hadomad, Proi fessor Ehrmann, Prof. Landau, Dr. Martin Huber, Dr. Ch. Mcizmann, Prof. Einstein und Tr. I. L. Magnes. Unruhen in Fez wegen Wsffrrmangel. BeschuDlgung der nrc^llan'schen Juden. Paris, 7. August. Wie denk „Journal" aus Rabat gemeldet wird, zeigen sich die Eingebornen der französischen Zone, die noch als Dissidenten zu bezeichnen sind, immer angriffslustiger. Sie haben bereits zivei Äämme angegriffen. Die Meldung besagt ferner, das; in Fes wegen des eingctrctenrn Wassermangels große Erregung herrsche. Der aus Eingebornen bestehende Stadtrat hat gedreht, zurückzukreten. Es sei bereits zu Kundgebungen und Zusammenstößen gekommen, die von Israeliten hervorgerufen werden seien. Cs ist abzuwartcn, welche Tatsachen dieser Meldung zugrunde liegen.. Ter von den Arabern unterdrückte marokkanische Jude neigt für gewöhnlich nicht zu Gewalttätigkeiten. Doch ist von Algier aus eine von dem Bürgermeister von Oran, einem gewesenen deutscheiz Hakenkreuzstudentcn namens Molde, gelcitolc ex-efsiv antijüdische -Bewegung auch in Marokko eingedrungen. Tie Red. Der Borkumer Hetzpastor. Aus Berlin wird uns gemeldet: Dem Inhaber der lull-erischen Pfarrstelle in Borkum, dem bisherigen Pfarrer M ü n ch m e y e r in Borkum, ist, wie die „B. Z. anr Mittag" meldet. der ihm bei seinem Rücktritt aus dem Pfarramt noch 'belassene Titel „Pfarrer a. D." vom Landeskirchenamt Hannover entzogen worden. Münchmcher Hatte bekanntlich nach dem. bekannten Sittlichkeitsprozeß und nach seiner. Verabschiedung aus der Landeskirche die v ö l k i s ch e A g -i t a t i ö n in verstärktem Umfang wieder ausgenommen. kii! finniger Verbrecher. Warschau, 7. August. Die Warschauer Polizei erhielt die N..^richt, daß der berühmte Einbrecher Zielinski sich in fcen 'trocken gelegenen Kanälen hinter dem Schloß in W i.l a n o w verborgen hält. Es wurde sofort eine Pylizoipatrouille abf gesandt, die tatsächlich in einem der Kanäle eine vollkommen eingerichtete Wohnung mit elektrischem Licht, Radio und einer Dynamomaschine vorgestrnden hat. Im 'Schrank, der äuch im Kanal stand, fand man auch verschiedene Getränke lind' Anzüge. Statt des Verbrechers aber fanden die Polizisten nur ein zartes. Brieflein folgenden Inhalts: „Ich bin wie der Wind auf dem Felde, habt ihr den Wind schon je gefangen?" Schließlich wurde ein zweiter Eingang in den Kanal entdeckt, deucher Verbrecher zur Flucht benützt hatte. Die Luxuswohnung^ im Kanal wurde versiegelt. unseres Sommerlagers in hochmodernen Kleidern. Mäntel, Komplets, Kostümen. Abend« und Kochmittags«Toiletten werden z« Preisen abgegeben Neueste HerbstmodeNs in hocheleganten Mänteln, Abendn. Nachmitlagr« Toiletten zu 'W m«s mmi VII., Kaiserftmke 111-115 Sie z»«e» Sft«.*) Eine statistische Studie von Dr. Leo Goldhammer. Geburten, Todesfälle, Geburtenüberfchust. Ließen schon die Ergebnisse, die wir in den vorigen Ab-' schnitten konstatiert haben, nämlich höhers Atter der EheschPeßenden und häufigeres Ledigbleiben bei den Inden sowie öie höhere Ziffer der Mischehen, welche erfahrungsgemäß meistens steril sind, den Schluß zu, daß auch die Zahl der Geburten bei den Juden niedriger sein muß als bei den Ntchtjnden, so kommen noch folgende Momente hinzu, welche ebenfalls eine geringere Geburtenzahl bewirken: Mit der größeren Lebensfürsorglichkeit, mit der zunehmenden Bildung und Wohlhabenheit einer Bevölkerung nimmt auch ihre Kinderzahl ab; ferner lehrt die Beobachtung, daß in den besser situierten Gesellschaftskreisen die Ungeneigtheit der Frauen zum Geburtsakt zunimmt; schließlich kommt noch dazu die Berufsgliederung, vön der noch später gesprochen werden soll und die bei den Juden eine derartig ist, daß sie das häufige Auftreten von nervösen Erkrankungen hervorruft. Die nachstehenden Zusammenstellungen geben uns ein Bild von der Entwicklung der Geburtsverhältnrsse bei den Juden und Nichtjnden, wobei wir zunächst die absoluten Zahlen bringen wollen: Jahr Juden Richlinden 1914 2616 36.284 191b 2864 27.291 1916 2064 22.576 1917 2685 19.093 1918 1961 17:613 1919 2466 22.849 192» 2744 28.086 1921 3080 28,687 1922 2964 29 903 1913 2704 27.907 1924 ‘2546 27.239 Auf 1000 Seelen eirtstelen Geburten; Jahr Juden Nichtjnden 1890 22,18 32,34 1900 22,17 2t,66 1901-1910 IS/’ö 26,94 1911 - 1913 14,86 20,20 1914-1920 13,73 17,06 1921-1924 15,60 16,10 Wir ersehen daraus, daß die Zahl der Geburten bei den Juden Diel fletrtcr ist als bei der allgemeinen Bevölkerung und daß sie innerhalb der angeführten Zeitperiode stetig gesunken ist. Wohl ist auch bei der allgemeinen Bevölkerung die Geburtenzahl znrückgegangen, war jedoch vor vier Dezennien noch eine sehr hohe, während sie bei den Juden schon damals um ein Drittel kleiner war als bei den Nichtjuden. Interessant ist das Bild, das sich bei der Erurittlnng der Totgeburten bei Juden UWp Nichtjnden ergibt: Auf je 100 Geburten entfielen Totgeburten r Jahr Juden Richlinde« 1895-1899 2,90 3;8L 1900— 1905 ' 2>3 817 1903-1914 2/27 3.12 \ 915 - 1920 . 2,40 3,79 Die Zahl der Totgeburten war also bei den Juden stets niedriger als bei den Mchtjuden und blieb im wescntlichen immer gleich, während bei der allgemeinen Bevölkerung in der Kriegsperiode 1915—1920 eine erhebliche Steigerung zu beobachten ist. *) Siehe „Wiener Morgenzeitung" von« 25. Juli und 1. d. 1926. krinnerungeu an Israel Kanswill. Bon Jakob Krausz. Meine erst? Begegnung mit dein Dichter des ,Königs der Schnorrer" geschah auf recht seltsame.Weise. Es war in Men im Jahre 1913, zur Ze^t des ersten und auch letzten Kongresses der Jto, der diese Bezeichnung verdiente. Zangwill wer im Hotel Metropol abgestiegen und ich wurde gebeten, ihn um 8 Uhr früh aufznsnchen, um mit ihm wegen der Uebersetznng seiner großen Kongreßrede, die in englischer und deutscher Sprache zum Vortrag gebracht werden sollte, zu beraten. Ich war pünktlich zur Stelle — Zangwill war der pünktlichste Mensch der Welt — und wurde bereits von dem großen Dichter und Schwärmer erwartet. Erwartet — in seiner Reisebade wanne während er sein obligates, englisches Morgenbad nahm. Er stand in der Gummiwanne, spritzte um sich, das kleine Zimmer glich einem Wasserbassin. Kurze Begrüßung als alte Bekannt auf Grund früherer Korrespondenzen und fünf Minuten später waren wir bereits mitten in der anregendsten Besprechung jüdisch-politischer Fragen. Zangwill nxn' ein entzückend häßlicher Mann, der die Herzen aller, die ihm nühertreten durften, sofort gefangen nahm. Dieser große Mensch mit dem ewig kindlichen Gemüt, hatte ein überaus weiches Herz, das nur dann revoltierte, wenn es seine Ohnmacht fühlte, seinen leidenden Mitmenschen zu helfen. Da konnte er hart werden, hart in seinem Groll, hart in den Mitteln, feinen Groll fühlen zu lassen. Und er besaß ein furchtbares Mittel: Seine beißende Ironie seinen geißelnden Humor und eine Art der Satire, die mitunter mörderisch wirkte. Nicht nur wegen der Wucht-des Witzes selbst, sondern mehr noch wegen des satouischeu Ausdruckes, den sein Gesicht bei einer solchen satirischen, Keule anzunehmen pflegte. Zangwill bediente sich :n seinen Schriften, wie in seinen Reden unr im äußersten Notfall des Hortwitzes, für den sich die englische Sprache übrigens nicht sehr eignet. Er war ein Meister des Situationswitzes, der Milieuanekdote. . * Zangwill war der naivste Poet, den ich je kennenlernte, und er übertrug seine Kindlichkeit auch in die Politik. Er litt unter, der Ungerechtigkeit, die seinen Brüdern in der ganzen Welt angetan wird, erschrak über die wild? Flucht aus ihren Wohnländern vertriebener Juden und stieß, wie ein ^erschrecktes K>nd den Nerzweislungsschrei .Wohin?" aus. Und da sich damals niemand fand, der aus diese Schicksalsfrage, sofort eine befriedigende Antwort zu geben vermochte, ging cher „Träumer des Ghetto" in seiner kindlich-störrischen Ungeduld selbst auf die Suche nach einem „Wohin" und schuf einen ehrlichen, utopistiichen Landsucherroman nach dem andern denn Palästina war weit —, seinem das gesamte jüdische Volk umspannenden Blick zu klein und der Araber in Erez Israelin viel . . , - : 1 Besonders die Araber hatten cs ihm angetan und die Trägheit der jüdischen Massen, mit ihrem Hang zur Unterwerfung und Anbiederung an die Mehrheitsnationeu. In allen seinen Reden, in allen seinen Lehrvorträgen über Zionismus unb Jtoismus klang die Befürchtung heraus, daß eine politisch nicht gründlich vorbereitete und jüdischnatioiwl rechtlich fundierte Besiedlung Palästinas mit der Zeit Araber mosaischer Konfession schaffen würde, einen jüdische» Menschenschlag der noch abstoßender, gefährlicher wirken müßte, als die ähnlichen europäischen Typen. -r- Zangwill war der intransigentefte Nationaljude und die schwerste Tragik seines Lebens — gleichfalls eine Folge seiner politischen Naivität — war sein Glaube, mit Hilfe reicher Assimilanten einen jüdischen Nationalismus zu schaffen, der erst auf dem zu findenden eigenen Territorium wirksam werden sollte. Er stundete diesen Assimilanteu gewissermaßen den Nationalismus bis zur Erwerbung des Territoriums. Lord Rothschild, Lucien Wolf in England, Moriz Mezei Max Szabolesi bildeten für ihn gewissermaßen die erweiterte Jewish Ilgency der Jto. Und Zangwill hatte mit seiner erweiterten Llgcncy auch kein Glück . . . Die Assinlilanten mißbrauchten seine Unerfahrenheit, um sich für ihre angebliche attjüdische Liebe ern Alibi zu schaffen, sammelten ettvas Geld, fälschten — besonders war dies in Ungarn der Fall — seine Kundgebungen in eine antinationale Fassung um, wovon der ahnungslose Führer .Zangwill keine Ahnung hatte. Als ich über. sein Ersuchen zur Landeskonferenz der ungarländischen Jto nach Budapest fuhr und dort in e'mer Rede hervorhob. d?ß die Jto'dem indischen Volk ein Territorium schaffen wolle — in Palästina oder anderswo —, w» es sich ungehindert national auslebsn kann, tvurde ich vom alten . Moriz Mezei, der den Vorsitz'führte, unter allgemeiner Zustimmung der Anwesenden unterbrochen und mußte meine Rede rasch schließen. Um aber auch den letzten Nest deS schlechten Eindruckes meiner Ausführungen zu vermischen, hielten Mezei und die nächstfolgenden „prominenten" Redner, lange Ansprachen, in welchen ich als unverbesserlicher und noch nicht völlig bekehrter Nationassjude, der sich in die Jto verirrt habe, abgetan wurde. * Zangwill war ein überaus fleißiger und ausdauernder Arbeiter. Seine Roden bereitete er sorgfältig vor-und er tvar stets von der Sorge gequält, daß seine politischen Reden in der Ueberfetzung nicht genau wiedergegeben würden. Die deutsche Sprache beherrschte er nur notdürftig. Ms ich auf dem Wiener Jtokongreß seine englisch gesprochene Programmrede in deutscher Sprache vorgetragsn hatte, dankte er mir für dte „vortreffliche" Uebersetzung. „Wie können Die die Übersetzung beurteilen? Dazu beherrschen Sie ja die deutsche Sprache zu wenig, M-r. -Zangwill?" lohnte ich den Dank ab. „Das Auditorium hat an den wichtigen Stellen gelacht. Es hat die Satire verstanden," antwortete Zangwill. Der gute Mensch mit dem edlen Herzen, der einett beträchtlichem Teil seiner nicht immer auskömmlichen Einkünfte verschenkte, der buchstäblich Tränen vorgoß, wenn er von der' Not der Juden sprach, war glücklich, wenn er ihnen Lachen spenden konnte. Merdings war auch ein bißchen Bosheit dabei..... 32