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Wiener Morgenzeitung · 1926-08-06 · Heft 2677 (6.8.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2677 (6.8.1926)
Date
1926-08-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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SBHernt Msrgenzerturrs i e. August rafc Dreiviertel-MajorM für Wncare. Me Schaffung der AmoMattonskaffe beschloffen. K. Paris, 5. August. Die Kammer hat mit 4 2 0 gegen 14 OStimmen den Gesetzentwurf betreffend die S ch a ffung einer Amortisatianskasfe angenommen. Ministerpräsident P o i n c a r e benützte die heutige Morgensitzung der Kammer zur Fühlungnahme mit verschiedenen Abgeordneten über die Einberufung der Nationalversammlung. Aus den in den Wandelgängen geführten Unterredungen geht hervor, daß der Ministerpräsident bis Freitag abends mit der Erledigung der beiden Regierungsvorlagen über die A m o r t i s i e r u n g s k a s s e und den D e v i se n a n ka u f der Bank von Frankreich und mit einer Dotierung des Antrages auf die Einberufung der Nationalversammlung in den beiden Häusern am Samstag rechnet, so daß die Nationalversanrmlung, wie ursprünglich vorgesehen, am Dienstag in Versailles zusammentreten könnte. Am Mittwoch, bezw. wenn die Nationawersammnuvg länger als einen Tag dauern sollte, am Tage nach deren Schluß würde dann in der Kammer das Dekret zur Schließung der Session verlesen werden. Poincare scheint die Absicht, die Session nicht durch Dekret zu beenden, um so dem Parlament die Möglichkeit zum jeberzeitigen Zusammentritt zu lassen, nicht mehr zu hegen, denn er machte in den Besprechungen geltend, daß durch ein derartig außergewöhnliches Verfahren die öffentliche Meinung beunruhigt werde,! könnte. Voraussichtlich wird daher die Kammer am 15. August in die Ferien gehen. , . „■ Die Sozialisten werden in der Sitzung der Nationalversammlung einen Vorschlag auf Beschränkung der Kompetenzen des Senats einbringen. Kr. 267'« Men, Freitag Tagesbericht. 8ln WM« Dokument aus der Rapoleünreit. Ter jüdische Gelehrte und Historiker Deputierter des polnischen Sejms Dr. Schipper hat, wie uns aus Warschau berichtet wird, einen äußerst interessanten historischen Fund gemacht. Auf Grund verschiedener historischer Dokumente konnte fcstgcstellt werden, daß, als Napoleon in Polen war und sich in Marschau im Hotel „Angelslki" aushielt, er eines Tages von einem jungen jüdischen Soldaten aus Szwole; aufgesucht wurde, der ihnk verschiedene von ihn, selbst ausgearbeitete stralegi s ch e Pläne vorlegte. Napoleon fand an dem jungen Mann (Gefallen und zog ihn, obgleich er seine Vorschläge nicht akzeptierte, seinem engeren Stabe zu. Bekannt war auch, daß dieser junge jüdische Soldat Memoiren hinterlassen hat; wohin diese wichtigen Aufzeichnungen geraten sind, konnte lange nicht eruiert werden. Tr. S ch i p p e r, der sich der Erforschung dieser Memoiren mit besonderen, Eifer widmete, gelang es, festzustellen, daß der jüdische Memoirenschreiber Kinder hinterlassen!habe und daß mehrere seiner Nachkommen auch heute noch in Polen leben. Es ist die Familie Kempner; ein Zweig der Familie trägt den Nan,en K e m p i n s k i. Dr. Schipper verfolgte diese Spsir weiter und seine Bemühungen waren von Erfolg gekrönt. Er erhielt vor einigen Tagen die Mitteilung eines Herrn Tr. Kempinski in Szerady, 'daß er unter den von feinen, Vater hinterlassenen.Papieren und Akten ein Paket alter, vergilbter, zum Teil verschimmelter, in polnischer und französischer Sprache beschriebene Blätter gefunden habe, die er Doktor Schipper zur Einsicht und Begutachtung oinsende. Tr. Schipper konnte schon nach kurzer Durchsicht erkennen, daß er in der Tat die Urschrift jener vielgesuchten Memoiren vor sich 'habe. Noch mehr: Zwischen den Blättern fand Dr. Schipper fünf Bogen Handschriften in französischer Sprache — eigenhändige Aufzeichnungen des großen Bonaparte. Diese Memoiren besitzen hohe historische Bedeutung und beleuchtenverschiedene noch nicht ganz aufgeklärte Momente der Geschichte der Juden in Polen, denn der Verfasser behandelt auch die damalige Judenfrage in Polen. Tie Entdeckung der Memoiren des jüdischen Mitgliedes des Napoleonischen Stabes in Polen, die in einem glänzenden Polnisch geschrieben sind, haben begreiflicherweise in der jüdischen Gelehricuwelt große Sensation hervorgerufcn. Sie werden in der Bearbeitung Dr. Schippers binnen kurzem in Buchform erscheinen. Reue vutoeckungen in Mesopotamien. Ein zweieinhalb Jahrtausende altes Museum. Aufmerksam geworden durch den Zigurat, einen terra,,ensörn,igen Turm an der Stelle wo man Ur, die Heimat Abraham s, vernmtete, veranstaltete eine Expedition unter Leitung von C. Leonard Wo lieh, einem amerikanischen Orientalisten, Ausgrabungen in Mesopotamien mit der ausgesprochenen Absicht, die biblischen Berichte über Abraham und seine Zeit zu prüfen. Obwohl sich die Ausgrabungen in aller Stille vollzogen, find ihre Ergebnisse für die Kenntnis der Geschichte des Zweistromlandes äußerst wichtig. Im Anfang der begonnenen Ausgrabungen (Arbeiten in der mesopotamischen Wüste sind >für den Europäer und Nordamerikaner nur in, Winter möglich, und auch da übertrifft die Temperatur die unseres Hochsommers) wuä>e eine Steint a f e l gefunden, deren Alter auf 6700 Jahre geschätzt wird, auf der vom König Aanipada die Rede ist, bald darauf ein steinerner Schwellenkranz, auf dem die Geschichte des vom König B-Ur-Sin um 2200 v. Chr. erbauten Mondtempels .„ , .. An der Schwelle einer neuen Aera. * » E Von Ch. N. Bialik. Der „United Palestine Appeal" versendet soeben den Bericht über das erste Jahr seiner Tätigkeit (1926-26). Den, eigentlichen Bericht sind einige Aussätze vorausgeschickt, darunter das nachstehende Geleitwort des großen hebräischen Dichters. In den fünf Monaten, die ich in Amerika verbracht habe, konnte ich das Leben unseres Volkes nur sozusagen in, Fluge beobachten. Ich konnte nicht alle Seiten seines Lebens, sondern nur kleine Ausschnitte aus ihm, wenige, sehr eng umgrenzte Bilder betrachten. Ich kam in der Hauptsache nur mit den Zionisten in den großen Städten in Berührung, und auch diese zeigten sich mir nicht in ihrer gewöhnlichen Gestalt, sondern gewisser,näßen im Fesigewande, auf Versaiittnlttngsfeiern oder an Bankettafeln. Nur gelegentlich durfte ich auch einen Blick in die Elemente ihres knltilrellen Lebens, in ihre Schulen und ihre anderen Erziehungsanstalten, ihre Synagogen, Bibliotheken usiv. werfen. Deshalb werde ich mir kein allgemeines, und sicher kein abschließendes Urteil über ein Leben erlauben, von den, ich nur oberflächliche und zufällige Eindrücke gewonnen habe. Nichtsdestoweniger muß ich über das Wenige, was ich gesehen habe, meiner Meinung Ausdruck geben. Und da muß 'ch aus tiefstem Herzen sagen, daß die amerikanische Judenheit heute für das zerstörte jüdische Leben in den anderen Ländern der Diaspora zwar noch keinen vollwertigen, aber doch einen teilweisen Ersatz bildet. Cs hat den Anschein, als sei die amerikanische Judenheit plötzlich aus tiefstem Schlummer ausgerüttelt, als sei ihr Bewußtsein vor, einen, neuen Geist, von einer Art Verantwortungsgefühl ergriffen worden. Der schwach gewordene Puls des Judentums geht wieder kräftiger und wird in Kürze seine alte Kraft wiedererlangt haben. Ern bisher ververzeichnet ist. Dieser Mondtempel diente nicht nur kultischen Zwecken, sondern war auch Sitz der Staatsvertvaltung und des Gerichtswesens. Ermutigt durch diese Erfolge, wurden die Ausgrabungen eifrig fortgesetzt. Man fand Trünnner einer Marmortasel, die sich nach der Zusammensetzung als eine Stele herausstellre. Auf ihr war teils bildlich, teils keilinschriftlich dargestellt, wie der König Ur-Eng-Ur um das Jahr 2300 v. Chr. auf eine göttliche Inspiration hin den Zignratturm und den Tempel in, Bannkreise der Burg erbaute. Ans der Rückseite befindet sich eine Aufzählung der von dem König gebauten Kanäle, zugleich allegorische Darstellungen von diesen Bauten, wie z. B. einen Engel mit einem Füllhorn, aus dem fich verschiedene Wasserströme ergießen, um den Landwirt und Schnitter mit ihren Geräten stehen. Während die Gelehrten noch mit der Entzifferung der Stele beschäftigt waren, war bei den weiteren Ausschachtungsarbeiten ein Araber in einer Höhlung verschwunden. Als man ihn herausholte, sah man, daß er in einen großen, unter der Sandwüste gut erhaltenen Saal gefallen war. Nach einer Inschrift ist dieser Saal erbaut um 650 v. Chr. von der Hohepriesterin im Mondtempel, der Tochter des geschichtlichen Königs von Babylon Nabonidus, die in diesem Saal die Funde, die bei Straßenbauten gemacht wurden, dem Volke zur Verehrung ausstellte. Die Gegenstände sollen bis in das Jahr 4000 v. Chr. zurückreichen und dürften viel zur Bereicherung unserer ältesten geschichtlichen Kenntnisse beitragen. Verhaftung der AtteuMerr auf Vere» Stein? Paris, 5. August. Die Polizei führte in den Pensionen und Internaten, in denen vornehmlich Ukrainer Unterkunft zu suchen pflegen, Nachforschungen und Hausdurchsuchungen durch, um auf die Spur des Attentäters kommen zu können, der den Ueiberfall ans den Zeugen im Schwarzbarth-Prozeß, Perez Stein, verübt hat. Die Polizei hat hiebei mehrere Verhaftungen vorgenommen und die Verhafteten dem Untersuchungsrichter im Schwarzbarth- Prozeß emgeliesert. Die Polizei ist der festen Ueberzeugung, daß sich unter den Verhafteten der Attentäter und seine Mitschuldigen befinden. Die an Stein vorgenommene Operation war erfolgreich. Die Projektile sind aus dem Körper entfernt und es besteht die Hoffnung, Stein am Leben zu erhalten. Meder ein neuer zeuge gegen Betliura. Lodz, 4. August. In Ergänzung der Meldung über das sensationelle Schreiben des Mitgliedes der Mission des dänischen borgener Durst nach dem „Worte Gottes" macht sich in der amerikanischen Judenheit bemerkbar, eine unbestimmte Sehnsucht' nach Selbstbesinnung und Konzentration. „Und Israel strebt seinem Gotte nach." (1. Samuel 7, 2.) Es ist ein fester Wille zur Selbstbesinnung vorhanden, ein Wille aus der geistigen Armut auf die breite Straße, den „Königsweg" der jüdischen Geschichte, zu kommen und zum verantwortlichen Träger, dieser Geschichte zu werden. Und sogleich beugt die amerikanische Judenheit ihre Schultern, bereit, alle Lasten und Pflichten, die dieses Bewußtsein im Gefolge hat, auf sich zu nehmen. Es ist mir ganz klar, daß die amerikanische Judenheit vor dem Abschluß einer Periode ihres Lebens steht, der Periode der Selbstanpassung an die Bedingungen ihres Adoptionslandes, und daß sie jetzt an der Schwelle einer zweiten Periode steht, die größer sein wird, als die erste tvar. Mit wen, kann man die an,erikanische Judenheit in diesen, Augenblick vergleichen? Mit einen,, der das erste Stockwerk des Hauses, das er sich baut, beendet hat und mit dem zweiten beginnt. Die Vorbereitungen für die Fortsetzung der Aufgabe, die ihren Ursprung ans tiefem Erwachen und leidenschaftlichem Eifer gewonnen hat, liegen klar zu Tage. Schritt für Schritt, mit außerordentlichem Eifer und wie von Konknrrenzgeist getrieben, bauen die jüdischen Gemeinden in Amerika alle möglichen Arten Gebäude, „Cerrtres", wie sie sagen: Bersammlungssäle, Schulen, Synagogen, Bibliotheken, philanthropische Institutionen, kurz nichts als Gebäude . . . Alle sind von einer Bauleidenschaft erfaßt. Eine große Welle geistiger Energie ist aus den Tiefen der amerikanischen Judenheit aufgestiegen und sucht sich ein Ziel. Heute ist unser ganzes Volk noch n,it der Bereitung der „Formen" beschäftigt, aber einst wird auch der „Inhalt" kommen, dann werden sich die „Formen" allntählich von selbst füllen. „Die Natur scheut die Leere," sagen die Gelehrten. Welches aber wird der Charakter dieser Inhalte sein? Das kann' man natürlich unmöglich Vorhersagen. Alles Roten Kreuzes in Prosknrow, Przaworski, an Dr. Mickiewicz berichten die „Miadomosei Codzienne", daß sich an Dr. Mwkiewicz auch der gewesene Hauptmann der Armee Petljuras Nikolaus L u k j a n o w gewendet hat, der als Zeuge im Prozeß Schwarzbarth auftreten will. Lukjanow besitzt reiches Material, das Peiljura schwer kompromittieren wird. Amwavderungrkchwindler. X. Brüssel, 6. August. Die Polizei hat gestern ein seit drei Monaten bestehendes Emigrantenbureau aufgeho><„ uno bte Bücher beschlagnahmt. Das Bureau hat Auswanderern. b>e rach Kanada strebten, unter schwindelhaften Vorspiegelungen namhafte Summen herausgelockt. _ Iammbriichlataftrophe in China. 3000 Tote. New-Iork, 5. August. (Wolfs.) Nach einer Meldung ans' i Ha nkau sind durch das Bersten der Dämme an, Jang*1 tsekiang im südöstlichen Teile der Prov,nz Hupeh^ 3000 Menschen ums Leben gekommen. 2000 Quadratmeilen Landes stehen unter Wasser. iAjj Große Ueberschwemrrrungen auf Korea. 1 Tokio, 5. August. In der Provinz Korea sind infolge der letzten schweren Regengüsse mehrere tau send Acres Land von den aus den Ufern getretenen Flüssen überschwemmt worden. Dabei sollen 7 5 Personen n m s Leben gekommen sein. Ei« zwWensall im BaMa«. Rom, 5. August. Erst heute erfährt die Oeffentlichkcit von einem Zwischenfall im Vatikan. Vor einigen Tagen wurden 22 amerikanische Studenten unter Führung de8 protestantischen Professors Nelson vom Papst in Privataudienz emvfangeu. Im Verlauf der Zeremonie unterließ Prof. Nelson trotz Aufforderung des päpstlichen Kämmerers das Niederknien, blieb vielmehr mitverschränktenArmen stehen. Nach der Zeremonie wurde Prof. Nelson von päpstlichen Garden abgeführt, ein vernommen und erst nach zwei Stundenwieder freigelassen. Auf diesen Zwischenfall ist die vor einigen Tagen erschienene Verordnung zurückzufiibren, die bis auf weiteres den Empfang von Nichtkatholiken durch den Papst ausschließt. So wurde eine amerikanische Gesellschaft, bestehend aus 50 Personen, denen der Empfang bereits zugvsagt worden war, a b gewiss e n. ___._ wird von den Leitern und Führern abhängen, die in der nächsten Zukunft die öffentliche Meinung der amerikanischen Judenheit bestimmen werden. Gegenwärtig schwingt der Pendel noch hierhin und dahin, und es ist schwer ihm eine Richtung zu geben. Dennoch aber kann schon heute jemand, der Sehergabe besitzt, erkennen, daß sich ein Kampf vorbereitet. Schon in naher Zukunft wird der Kampf auf der ganzen Front entbren^m: Auf der einen Seite werden alle die stehen, die das Galuth in allen seinen verschiedenen Formen bejahen, und auf der anderen Seite die, die es grundsätzlich verneinen. Ueber den Ausgang des Kampfes aber bin ich mir nicht im Zweifel. Ich glaube, daß die positiven, aufbauenden Kräfte der amerikanischen Judenheit die destruktiven Kräfte überwinden und aus dem Kampfe gestählt und versehen mit allen für ein normales Leben, soweit ein solches im Galuth überhaupt möglich ist, erforderlichen '„Formen" und „Inhalten", hervorgehen werden. Außerdem aber wird die amerikanische Judenheit in sich selbst noch die Kräfte und die Energien entdecken, um sich von den unmittelbaren Problemen des Tages, von den Sorgen des Heute freizumachen für die Problenre des Morgen, für das eigene „ewige Leben" und das ganz Israels. Ich glaube an die Erfüllung der historischen Aufgabe der amerikanischen Judenheit, die heute als völlig geschlossene jüdische Gruppe die Mehrheit der gesamten Weltjudenheit davstellt. Sie wird unser Land wieder aufbauen. Wir können nur darum beten, daß sie möglichst lange in Ruhe lebe und ihre natürliche Entwicklung nicht durch plötzliche Ereignisse gestört werde. Fürwahr, die amerikanische Judenheit hat noch eine große Arbeit vor sich, und der Arbeiter sind wenige, sehr wenige sogar. Jedoch mit dem Wachstum des nationalen Bewußtseins wird auch die Zahl der Arbeiter wachsen, und der Erfolg wird die Arbeit krönen. Möge Gott der amerikanischen Judenheit eine lange Epoche der Ruhe und des Friedens bescheren, dann wird sich ihr Herz von selbst weiten.

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