Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2672 (1.8.1926)
- Date
- 1926-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981759--27191-3015099- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
©fat, Sonntag 1. NuDfi tm Ikr. mrt Ser -ttllch.religiöse Lehrplan. Gestern abends wurde der neue Lehrplan für die allgemeinen Volksschulen knndgemacht. Er ist bekanntlich nach einem langen Ringen zwischen dem Wiener Stadtschulrat und dem Unterrichtsministerium zustande gekommen. An dem Streit um die Lehrpläne hat der Unterrichtsminister Dr. Schneider sein Portefeuille verloren und erst dem neuen Unterrichtsminister Dr. Rinteleu ist es gelungen, ein faules Kompromiß zu schließen. Der Präsident des Wiener StadtsclMrates Glücket hat vieles von seinen pädagogisch-didaktischen Plänen in den n'uen Lehrplan hineinretten können, mußte aber manche Position räumen. Da sein provisorischer Reformplan des Jahres 1H20 nicht mehr verlängert worden ist und auch der Erlaß des Unterrichtsmiuisters Schneider suspendiert wurde, wäre für das Unterrichtswesen schließlich nur die sogenannte Liechlensteinsche Fassung des Reichsvolksschulgesetzes vom Jahre 1883 übriggeblieben, die weder hinsichtlich der kulturpolitischen Seite noch vorn Standpunkte der Schulerneuerung die Wiener Schulrefonner hätte befriedigen können. Zwar hat Glücket dem Teil des Erlasses seine Zustimmung versagt, der in das Unterrichtvwesen deutschnationale und katholisterende Tendenzen hineiutragen will, verhindert hat er aber nur das Wort sittlichreligiöse (katholische) Taterziehung, während es der Wortlaut des neuen Erlasses als eines der Ziele der Volksschule bezeichnet, einen Unterricht zu sichern, der die Kinder zum Handeln im Geiste „volklicher" und „sittlichreligiöser" Erziehung hinleitet. Unter den allgemeinen Lehr- und Bildungszielen zählt der Erlaß Dr. Rintelens. im Gesangsunterricht die Erwerbung eines Schatzes von geistlichen Volksliedern auf, worunter auch das bodenständige Kirchenlied unter entsprechender Berücksichtigung der konfessionellen Zusammensetzung der Schulklasse in Betracht kommt. Trotz der Versicherung, daß entsprechende Rücksicht auf die konfessionelle Zusammensetzung der Schulklassen genommen wird, kann man sich nicht des Eindruckes erwehren, daß in diesem Teile des Erlasses eine Reminiszenz an die vor alters in Oesterreich geübte Praxis zn erblicken sei, nach der Nichtkatholiken verhalten waren, dem katholischen Gottesdienst beizuwohnen. Den Großdeutschen zuliebe hat man wahrscheinlich in den Erlaß das^ schöne Wörtchen „volklich" ausgenommen, was wohl auf deutsch „national", beziehungsweise hier „deutschnational" heißen soll. Zu untersuchen wäre hier, ob nicht die nichtdeutschen Minoritäten in Oesterreich, denen der Friedensvertrag ganz bestimmte Garantien für den Unterricht ihrer Kinder in den staatlichen Schulen gibt, hier eine Beeinträchtigung erfahren. Insoweit ihnen der Bund nicht die entsprechenden Mittel zur Erhaltung eigener Schulen einräumt und sie gezwungen sind, ihre Kinder in die allgemeinen Simultanschulen zu schicken, müßte zumindest dieselbe Bedachtnahme wie bei der Pflege des Kirchenliedes auch auf die „volklische" Zusammensetzung der einzelnen Schulklassen verlangt werden. Indien drei ersten Schulklassen wird von einK strengen Scheidung des Lehrstoffes nach bestimmten Stunden und- Fächern Abstand genommen werden. Der Stundenplan beschränkt sich hier nur auf die Angabe -von Beginn und Ende der täglichen Unterrichtszeit sowie derjenigen Unterrichtsstunden, die wie Religion und weibliche Handarbeiten nicht vom Klassenlehrer erteilt werden. Bon Beginn der vierten Schulstufe an kann zu eineni gefächerten, in seiner Durchführung elastischen Stundenplan übergegangen werden; vom zweiten Halbjahr der vierten Schulklasse an ist der Unterricht jedenfalls nach cinern gefächerten Stundenplan zu erteilen. Das mit Beendigung der fünften Schulklasse zu erreichende Lehrziel ist sehr bescheiden. Keinesfalls würde ein Absolvent der fünften Volksschulklasse die Aufnahmsprüfung in eine Mittelschule bestehen können. Dies scheint auch der Grund zu sein, weshalb nun in den Realschulen und Realgymnasien das erste Schuljahr fremdsprachenfrei sein wird und als Uebergang zum eigentlichen Mittelschulstudium, hinüberleiten soll. Erfreulicherweise läßt der neue Lehrplan die Möglichkeit offen, daß bereits in der ersten Klasse die Lateinschrift lesen und schreiben gelehrt wird, die viel einfacher, handlicher und für das Auge gefälliger ist als die spitze Kursivschreibschrift oder gar als die verschnörkelte Fraktur-Druckschrift, die in dem neuen Lehrplan — und das scheint auch eine der Errungenschaften der Großdeutschen zu sein — geflissentlich als deutsche Schrift bezeichnet wird. Sie ist natürlich ebensowenig deutsch wie etwa die Antiquaschrift französisch und nur schwerer lesbar ak diese. Lehrpläne sind ausschließlich und endlich nicht allein bas Entscheidende für das Unterrichts- und Erziehungsziel, das tatsächlich erreicht wird. Aus der Konkordatsschule ist die Generation des aufrechten Liberalismus in Oesterreich erwachsen und das Reichsvoltsschulgesetz, die stolzeste Schöpfung der Liberalen, hat es nicht gehindert, daß die Generationen, die in seinem Geiste erzogen werden sollten, namentlich in den deutschen Teilen des ehemaligen Oesterreich die reaktionären Parteien ans Ruder brachten. Es komnit vor allem auf den Geist an, der in den Schulen herrscht. Die besten Schulen wären für Oesterreich gerade gut genug, kann doch dieses so ressourcenarme Land seinen Heranwachsenden Bundesbürgern nicht viel mehr für den Existenzkampf rmd für den Wettbewerb mit den Staatsbürgern anderer glücklicherer Länder nrit auf ihren künftigen Wog geben als Kenntnisse und eme gute Erziehung. Irr neue «usstand in Syrien. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitrmg".) Paris, 31. Mi. Der „Quotwien". das Organ Herriots, meldet über die Vorgänge in Syrien: Der Aufstand trat sich beinahe auf ganz Syrien ausgedehnt. Das ganze »Gebiet von' Damaskus, der Dschebesdrns, Nordlibanon und der 'südöstliche Libanon befinden sich in Helle m A u f r u h r. Ohne Ztveifel sind i 'e, letzten militärischen Operationen mit vielem -Geschick vorgenommen worden, aber die Politik Ikü alle Erfolge des Militärs zunichte gemacht. Man unterwirft Stämme, -man erhält auch anscheinend Genugtuung, aber kaum haben die Soldaten das Land verlasse n, bricht der Aufstand von neuem aus und man muß alles wieder von vorn -an fangen. Wenn man nicht itfS ganze Land in Hellen Aufruhr gegen das französische Mandat versetzen will, ist cs höchste Zeit, in Svrien eine Politik zu betreiben, die der Mentalität der Syrier entpricht. Ueber den M'habitenWnig Jbn Sand wird mitgeteilt, -daß die nordarabischen Stämme dem syrischen National i s m u s vollkommen ergeben feien, und daß das Eingreifen Jbn Sauds nlit seinen starken berittenen Truppen, die sehr gut bewaffnet unö ebenso tapfer wie tic Drusen feien, e i n e e r n st e Lage schaffe. •Dauentrfimpfe haben Weltruf w* Elegant, unverwüstlich / Ueberall erhältlich Zentrale: LEO SUSSMANN Wien» 1. Be*irk, Schwertgasse Nr. 2 Mmmammmmmmammmmam Sie polnlsch-tnUchen HanvelsveiHandlunsr«. L. Warschoäi, 31. Juli. In der nächsten Zeit werden die Polnifch-nMchen HandelÄonferenzcn eröffnet werden. Gegen die Autonomiebewegnng im Asch. Paris, 31. Juli. Justizminister Bartou hat in der Kammer einen Gesetzentwurf eingcbracht, durch den die Regierung ermächtigt wird, alle Propagand aalte zu unterdrücken, die darauf hinzielen, einzelne Gebietsteile des Staates der uneingeschränkten Autorität der Regierung zu entziehen. Die Spitze dieses Gesetzentwurfes, für den, wie verlautet, die Regierung in der Kammer das Dringlichkeitsverfahren bei der Zustimmung beantragen wird, richtet sich unverkennbar gegen die au t o n orn ist isch e Bewegung im Elsaß. Ar Tagung des zionistischen Aktionskomitees in London. Ser Schluß der politische« Debatte. T. London, 30. Juli. Der Abschluß der politischen Debatte erfolgte am Dienstag. W e i z m a n n hielt, wie schon berichtet, das Schlußwort. Ans der vorhergegangenen Debatte seien hier noch die folgenden Redner nachgetragen, die am Montag zu Worte kamen und in unserem telegraphischen Bericht nur erwähnt werden konnten. Der erste Redner ist Abg. Dr. Leon Reich. Er begrüßt die Entsendung der Delegation des Waad Leumi nach Genf und anerkennt die politische Leistung Dr. Jacobsons. Er bedauert den Mißerfolg in der Frage der Gendarmerie und fordert Maßnahmen, durch die alle Inden in Palästina zu Mitgliedern der jüdischen Gemeinde gemacht werden. Er verspricht, sich, von der Reise Dr. Weizmanns nach Amerika im Herbst eine endgültige Regelung der Ageneh- Frage, die auch für außeramerikansschc Länder von Bedentnng sein kann. B«rl Locker anerkennt die politische Arbeit des Präsidenten der Organisation und seiner Kollegen während des letzten Jahres. Er hält aber die Situation trotzdem für keineswegs besonders günstig. Die Frage einer Ausdehnung unserer Kolonisationsarbeit auf transjordauisches und . syrisches Gebiet sei durchaus ernst zu nehmen, muffe aber mit großer Voraussicht behandelt werden. Er halte cs zum Beispiel fiir einen Fehler, wenn Dr. Weizmann. in Paris zusanimen mit Herrn de Jouvenel öffentlich auftritt, weil das auf die arabische Welt einen ungünstigen Eindruck machen muß. Tie jüdffche Einwanderung in Palästina soll kontrolliert werden, aber nicht von der Regierung, sondern von der Zionist i s ch e n Organisation. Die Regierung tue nichts, um der jüdischen Arbeitslosigkeit abzuhelfcn; es sollte gefordert werden, daß die Regierung ihren Einnahmcüberschuß für diesen Zweck verwende. Die Naturalisation sei durch die hohe Gebühr von einem Pfund erschwert, ebenso aber auch durch das unumschränkte Recht des High Commissioner, gegebenenfalls eine schon erteilte Naturalisation zurückzn ziehen. Ein solches Recht könne gelegentlich zu politischen Zwecken mißbraucht werden. Dr. B. Moffinson spricht ebenfalls über die einzelnen in den Referaten von Doktor Weizmann und Kolonel Kisch aufgerollten Fragen. Remes Heilwasser ^Tafelwässer m, natürlicher malischer SAUERBRUNN bund, zweifelt aber daran, ob die Schaffung einer GefÄsschast nach dem Borbilde der France-Palästiue in Amerika derart zweckmäßig wäre. Dr. Weizmann gibt eine Reche von Erg-ärpHUNg-o» zn den einzelnen Punkten, die im Laufe der Debatte berührt wurden. * Am Montag nachmittags veranstaltete die engkrsche gtom* stische Föderation für die Mitglieder des Aktionskomitees einen Ausflug nach Richmond, an welchen sich ein Tee -bei dem Schatzmeister des englischen Keren Hajessod, Councillor Ho-witck, anfchloß. Am Abend fanden SlHrmgen sämtlicher Komntrssionew statt. * In der achten Sitzung (Dienstag vornrMayS)'wandte sich Dr. B. Rosenblatt gegen die i« einigen zionistischen Organen geführte Propaganda gegen die vierte Alijcch mtb die Einwanderung von Juden ans Palen nach Palästina. Der Vizepräsident der Zionistischen Organisation Amerikas, Wh Goldberg, führte ans: Man mich England sagen, daß es, wenn die Inden die Geldmittel stellen, verpflichtet ist, dadurch zu helfen, daß es die Möglichkeiten für die Errichtung des nationalen Hermes schafft. Redner begrüßt den Gedanken eines „Grvßer-Palästrna" und bespricht die Bedeutung einer Ausdehnung der Mischen Kolonisation. Die jüdische Mehrheit in Palästina muß sich aufbauen durch die Konzentration der Mischen Bevölkerung an lebensfähigen Punkten. Abg. Gränbaum: In verschiedenen zionistischen Kressen besteht die Tendenz, aus der Not eine Tugend zu machen. Die Wirkung ist, daß bei gewien Zioniffsten besonders bei einem Teil der deutschen Zionisten, die Gefahr der Zerstörung der Idee des Nationalheims besteht. Der politische Stand der Juden in Palästina.muß viel höher sein als irgenwvo in der Galuth. Das politische Werk war nicht systematisch, es übte keinen Einfluß auf den Ji- «schuw, sondern wurde von ihm beeinflußt. Bezüglich der Jewish Agency glaubt Redner, daß sich in Amerika die Begeisterung für diesen Planverflüchtigt hat. Wenigstens glichen einige AeUßcrungen des Herrn Lipsky einem Widerstreben gegen die Ageniy. Wenn die Marschallgruppe gewonnen werden soll, müßte man ihr sehr gewichtige Konzessionen.machen, was aber zum Ruin der gesamten Organisation führen würde. Diese Gruppe kann sich uns nicht nähern und muß bekämpft werden. Ein Zionismus, der nicht national ist, wäre eine unmännliche Bewegung. Die Verhandlungen mit den jüdischen Finanziers sind niemals gut gestanden nnd widerstreben -dem Mittelstand und den Massen. wirft die Frage der Landpolit: k auf. Es gebe in Palästina noch drei Millionen Dunam, die für jüdische Kolonisation geeignet seien. Er kritisiert die Zionistische Organisation von Amerika, die ihre Zusage, entsprechende Summen für den Jüdischen Nationalfonds aufzubringen, nicht gehalten habe. Schließlich bespricht er die Leistungen des Solelbonch, der nur deswegen nicht ein höheres Maßvon Wirkungsmöglichkeit erlangt habe, weil es ihm an einem ausreichenden Betriebskapital fehlt. Jakob Fishman stellt die Aeußerungen des Vorredners über Zusagen der amerikanischen Organisation für den Keren Kajemeth richtig. Dr. Stephen Wise betont, daß die Regierung nicht nur verpflichtet sei, unsere Arbeit nicht zu stören, sondern sie aktiv zu unter st ü tz e n. Daß nur eine so geringe Zahl von Juden sich naturalisieren lasse, sei bedauerlich, beruhe aber zweifellos auf der Befürchtung, daß die neue Staatsbürgerschaft auf Grund der Verordnung in einzelnen Fällen wieder zurückgezogen werden könne. Der Redner tritt für die Politik Dr. Weizmanns ein. Er stimmt Kolonel Kisch in der Forderung zu, daß in Palästina die Parteidifferenzen in den Hintergrund geschoben werden sollen. Er freut' sich über die Erfolge Dr. Jakobsons in Bezug auf den Bölker- Herr Ussischkin erklärt sein Einverständnis mit den Ausführungen Grunbanm--. Er geht dann zur Frage der Einbürgerung in Palästina übur nnd schließt sich Kolonel Kisch an, daß alle Inden das Bürgerrecht in Palästina bekomnten müssen, ohne die Schwierigke'ten und Formalitäten, die gewisse Härten enthalten. Er beklagt d i e I ndifferenz, die viele Juden bezüglich dieser Frage an den Oig legen. Die besten und wertvollsten Menschen werden von dcn Stadtverwaltungen serngehalten, wenn sie nicht Palüstinabürgcr sind. Er verlangt eine energische Aktion. Herr M o tz k i n verliest ein Telegramm des Waad hair von Jerusalcur, in welchem das Aktionskomitee aufgefordert wird, sich mit der Einbürgernngsfrage zu beschäftigen. De. NrMnn leitet die Sitzungen der Anleihe» komnrission. Die Siebenerkommission, die den Plan einer jüdischen Nationalanleihe vorgubereiten hat, wird nach Schluß der Aktionskomiteetagnng in London zusammentreten. Der schon vom Kongreß bestimmte Vorsitzende der Kommission, Dr. Artur Rnppin, ist bereits in London eii'M'tr,'Nl>„ >"'> lungen zu leiten. aa