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Wiener Morgenzeitung · 1926-07-30 · Heft 2670 (30.7.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2670 (30.7.1926)
Date
1926-07-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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*t. MO DK», Fkefwg mitmt Morsenzermns Tagesbericht. Salfours 78. Sebvrtrtag. Glückwunsch -er Zionistischen Organisation. Wie schon berichtet, hat Lord Balfonr, der Präsident des britischen Staatsrates, am 26. d. seinen 78. Geburtstag gefeiert. Die Zionistische Exekutive hat aus diesem Anlaß an Lord Balfaur die folgende Glückwunschdepesche gerichtet: „Die Weltexekutive der Zionistischen Organisation als die Vertreterin der Z i o n i st e n d e r g a n z e n W e l t übermittelt Ihnen die herzlichsten Glückwünsche zu der Vollendung Ihres 78. Lebensjahres und gibt dabei der Hoffnung Ausdruck, daß es Ihnen noch viele Jahre vergönnt sein wird, Ihre in der h i st o r i s ch g e w o r d e n e n Deklaration niedergelegten Wünsche betreffend den Aufbau des jüdischen Nationalheims in Palästina verwirklicht zu sehen." Die Tagung drr zionistischen Aklionskomiteer in London. Aus der Debatte des dritten Tages ist noch die Rede ves Vorsitzenden der Hitachduth, Sprinzak, nachzutragen. Er wies darauf hin, daß die Persönlichkeit fehle, die sich das gan z e Jahr hindurch m i t d er Wirisch a f t beschäftige, insbesondere fehle eine solche Persönlichkeit für den M i t t e l st a n d. Die vorgebrachten Vorwürfe der Parteilichkeit seien ungerechtfertigt; bei den geringen zur Verfügung stehenden Mitteln höre jede Interessenvertretung von selbst auf. Die Zeit bis zum to. Kongreß müsse durchgehalten werden, jetzt sei nicht Zeit für Debatten, sondern für Taten. Geistige zusammenarbei». Ein Projekt Robert Baranys. Aus Genf wir uns geschrieben: Das von der interstationa-en Kommission für g e i st i g e Z u 1° a m m enarbeit zebildete internationale Komitee für die Beziehungen zwischen Sen Universitäten befaßte sich mit'einem Projekt einer internationalen Schule für hohe politische Studien zur Heranbildung von Staatsmännern, Diplomaten, Politikorn, Redakteuren und Hochschulprofessoren für politische Wissenschaften. «Das Projekt war von dem Nobelpreisträger Prof. Dr. Robert B a r a n y, Direktor der Otolaryngologischen Klinik von Upsala, einem von: Hakenkreuz aus Wi e n ver-' triebenen jüdischen Gelehrten cingcreicht worden. Nach längerer Beratung nahnl das Komitee, eine Entschließung an, in der die Gründung einer derartigen Schule als außerordentlich wünschenswert bezeichnet und das Internationale Institut in Paris mit einer Prüfung'der--Möglichkeiten-.für die Verwirklichung des Projekts beauftragt wird.. Ser gute Richter gestorben. Der ehemalige Deputierte Jean M a g n a n d, der als Präsident des Gerichtes in Chateau-Thierry unter dem Beinamen „g u t er Richte r" bekannt war, ist, wie aus Paris gemeldet wird, im 78. Lebensjahre gestorben. Infolge der Entwicklung der Anstalt und der Eröffnung des 3. Jahreskurses in der Hoch* und Tiefbau-Abteilung werden rum Beginn des nächsten Studienjahres tOktober 1926) einige neue Lehrkräfte gesucht! 2 Bauingenieure die je nach Wahl zwei der nachstehenden Lehrfächer zu übernehmen bereit sind: Straßen* und Eisenbahnbau, Wasserbau, Brückenbau, Geodäsie, darstellende Geometrie 1 Architekt für die Fächer: ßaukonslruktionen und Perspektive sowie zur Erteilung von Fachunterricht in Abendkursen für Bau* Handwerker (Maurer, Holzarbeiter usw.). — Ferner wird 1 jüngerer Architekt gesucht als Assistent für die Uebungen in Baukonstrution, Entwerfen von Hochbauten und Foi men lehre, der auch Unterrichtinden erwähnten Abendkursen übernehmen kann. DieBewerber müssen eine Hochschule absolviert und längere Efaktische Erfahrung in ihren Unterrichtsfächern erworben aben. Erwünscht ist es, daß sie bereits in Palästina gearbeitet haben und die besonderen Landesverhälintsse kennen. Eine ausreichende Kenntnis der hebräischen Unterrichtssprache ist Bedingung. Interessenten werden gebeten, möglichst bald an den Direktor des Hebräischen Technikum, Haifa, »P. O. B 210, ihre Bewerbungen einzureichen mit Angaben über Lebenslauf, Vorbildung und Berufstätigkeit. Der Direktor* TonriftenungiÜst ober Versicherungsbetrug. Aus Linz wird gemeldet: Dienstag wurde der in M a tt i g h o f e n ansässige Zahntechniker Karl Pape rl c i t n e r und dessen Assistentin Wilhelmine Zechner durch die dortige Gendarmerie verhaftet. Payerleitner wird zur Last gelegt, ant 13. Mai d. I. den Zahntechnikergehilfen Berger, zu einer Tour ins Höllengebirge überredet zu haben, auf der sie auch ein Agent einer B e r s i ch e r u n g sg e felis ch a ft begleitet hat. Auf diesem Ausflug sei Berger in die Tiefe gestoßen worden und Payerleitner sei zu ihm abgestiegen, scheinbar, um den „Verunglückten" zu retten. Statt dessen aber habe ihm Payerleitner eine tödliche Injektion gegeben. Berger hinterließ merkwürdigerweise eine überaus hohe Lebensversicherungspolizze und ist wenige Tage darauf im St. Iohannisspital in-.Salzburg gestorben. Die ganze Angelegenheit ist beim Landesgericht in Salzburg anhängig. Kaiser Wilhelm gegen Klausner. K. Berlin, 29. Juli.' Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Jerusalem: Die hiesigen Zeitungen berichten, daß der Exf a i s e r W i I Helm in der amerikanischen „Contempe-rary Review" das Buch des Schriftstellers Dr. Klausner über Ae Mutt« Rathenau, gestorben. Aus Berlin wird gemeldet: In der Nacht aus gestern ist auf ihrem Schloß in Freienwalde, ohne vorhergegcmgene Krankheit, die Mutter Walter Rathenaus, Frau Ge- 'heimrat R a t h e n a u, im Alter von 82 Jahren gestorben. An der Bestattungsfeier wird als Vertreter der Reichsregierung wahrscheinlich Reichsinnenminister Dr. Külz teilnehmen. Reichskanzler Dr. Marx wird an die Familie namens der Reichsregierung ein Beileidstelegramm richten. Frau Martha Rathenau entstammt der Frankfurter B a n k i e r s f a m i I i c Nachmann. Als Gattin Emil Rathenaus spielte sie im Gesellschastsleben Berlins eine führende Rolle und ihr Haus war Jahrzehnte hindurch ein Treffpunkt des künstlerischen, literarischen und Politischen Berlin. ' ' Im Jahre 1903 traf sie als erster schwerer Schlag &cv Tod ihres dreißigjährigen Sohnes Erich, im .Jahre 1913 verschied ihr Gatte Emil Rathenau, der Begründer der A. E. G. und damit wurde es still um die jüügst Verstorbene. Sie lebte mrr mehr ihren Kindern, ihrer Tochter, Frau Andre, und ihrem Sohne Walter, dem sie nicht mir Mutter, sondern auch die vertraute Beraterin war, mit der er alle seine literarischen Pläne besprach. Seine.Ermordung traf sie mit furchtbarer Wucht, doch besaß sie die Kraft, auch in diesen schweren Tagen Größe und Haltung zu bewahren, wovon de: Brief an die Mutter Techows, der ihren Schn ermordete, Kenntnis gibt. Sie verzieh dem Verblendeten und reichte seiner Mutter über -das Grab ihres Sohnes hinweg die Hand. Die Mörder haben sich der tapferen Frau gegenüber nicht so vornehme benommen. Eine Stunde nach dem Attentat wurde so vornehm benommen. Eine Stunde nach dem Attentat wurde verständlich anonymen Lumpen m der ekelhaftesten Weise beschimpft. In den letzten Jahren beschäftigte.sich Frau Rathenau ausschließlich mit der Herausgabe des li t e rarische n Nachlasses Malter Rathenaus, dessen Briefe unter ihrer Leitung gesammelt und geordnet vor einiger Zeit in zwei Bänden herausgegeben wurden. ••-1 i ■■ Das Ende des Dramas von Raabs. Das die Untersuchung in der bekannten Wäre von Raabs führende Kreisgericht Krems hat das gegen den Schiloßherrn Hugo Klinger schwebende Verfahren e i ng e st e I l't, offenbar weil die Ergebnisse der Untersuchung keinen Zweifel-daran ließen, daß Hugo Klinger an dem Tode Cyrill Orlows keine Schuld habe. 1 Orlvw hatte, wie erinnerlich, immer behauptet, er sei zu dem Schuß gegen Klinger dadurch gezwungen worden; daß dieser zuerst sein G e w e h r g e g e n i h n e r h o b e n hätte, daß er also in Notwehr gehandelt hat. Es handelte sich nun darum, festzustellen, ob tatsächlich bezüglich Hugo Klingers das Delikt der fahrlässigen Tötung oorliege. Es ist nach dew Einftellungsbeschlutz anzunehmen, daß die Untersuchung diesen Verdacht gegen Hugo Klinger nicht bestätigt hat. Frau K l i n g e r hat S e l b st m o r d begangen, O *r I o w ist der Verletzung erleg e n, die er..hei dem Zusammentreffen Mit Klinger im Walde erlitten hattet Mit der nunmehr erfolgten Einstellung des Verfahrens gegen Klinger ist die Angelegenheit, soweit es sich um die Hauptpersonen des Dramas von Raabs handelt, abgeschlossen. Jas Strandleben in Tel Awilv Von C. S. Sirkes (Tel-Awiw). Das Auge hat viel zu bewältigen. Links in der Ferne Jaffa. Die flachen Bauten hügelförmig getürmt, schwere, gelbe Sanvsteinmassen eingebettet zwischen Himmel und Meer, glühend in der Fülle des Lichtes. Rechts gegenüber auf einenl hohen Sandberg ein alter arabischer Friedhof und dazwischen der bizarr gewundene Strand, besät mit Menschengrnppen, die sich in bunter Beweglichkeit um das helle, leuchtende Meer verteilen. Vor allein anl Sabbat. Obzwar es kein Verkehrsmittel gibt, ist der Strand schon ant frühesten Morgen dicht bevölkert. Man stellt Zelte auf, man richtet sich für den' ganzen Tag ein, lebendiges Treiben, ein Fluten und Glühen von Farben, nicht zu schildern. Dichte Menschenzeilen säumen die Sandküste den ganzen Tag hindurch, bis die Sterne am Himmel, die Lichter m der Stadt den Sabbatausgang verkünden. Aber auch der Alltag ist am Strande sehr bewegt. Es ist, als würde das Meer im Mittelpunkt des Denkens und Tuns der Einwohnerschaft von Ael-Awiw stehen. Ant frühen Morgen beginnt schon die Wanderung. Bollgefüllte Autobusse, Fahrzeuge verschiedenster Art und dazwischen Fnßgäuger, Frauen mit Kinderwagen, alt und jung, mit Tasrljtm, Burealunappen, Paketen beladen, strömen der Küste zu, verschwindctt in -den Badeanstalten oder ziehert das Baden im Freien vor. * Tel-Awiw ist kein Kurort, der Arbeitstag fordert gebieterisch genaue Zeiteinteilung. Nach der Badezeit könnte man vielleicht die soziale Schichtung der Bewohner seststellen. Frühaufsteher, Beantte, Kattsleute, Fabriksarbeiter, arbeitettde Frauen kottttnen zuerst, um nach einer kurzen Weile das Feld wieder zu räumen. Dann die Schulen, Kindergärten. Gruppenweise belagern Kinderscharen den Strand, rosig-braune, zierliche Geschöpfe tanzen laut jubelnd im Sande, turnen, schwimmen, spielen am Ufer mit der schäumenden Gischt. Vormittags sind am Strande meistens Arbeitslose, unfreiwillige Müßiggänger, verwöhnte Haustöchter, gelegentlich Zugereiste und die, welche sich die Erholung ant Meer ztt jeder Tageszeit leistett könnet, die Bemittelten. . Daneben Arbeiter, bis an die Knie im Wasser wateitd, die den Meevsand in kleine Körbe füllen, am Ufer in Haufen timatca Fuhrwerke, die den Sand holen. Kamele. die in... langgezogeneu Reihen mit rhythmischem Glockengeläute langsam schreiten, aus dem gewölbten Rücken Menschen oder Lasten tragend. Aufscher zur Ermahnung der zu Waghalsigen, Photographen, jüdische, jemenitische und arabische Händler, die Erfrischungen, Obst anbieten. In der Mittagssonne, wenn die Glut schweratmend Himmel, Meer und Sand ttmspanttt, lichten sich allmählich die Scharen, der Verkehr beginnt, zu stocken,, um gegen 4 Uhr mit verstärkter Intensität cinznsetzen. Nach beendeter Tagesarbeit eilt alles, was lebt, ans der Stadt hinaus zttm Strand, dem Meere zu. * Das Meer, offen, mit wuchtiger Brandung, tückisch, voll ungeahnter Wirrnisse, die in die Tiefe ziehen, übt eine gewaltige Anziehungskraft aus. Es ist nicht nur das Bedürfnis nach Abkühlung, welches Tausende und Tausende zum Wasser treibt,, cs ist auch der Duft der Natnritähe, die Macht 'des Grenzenlosen, die strahlende Lichtfülle, die bewußt oder unbewußt mitwirkert und fesseln. Die Erinnerung an dunkle, enge Gassett, an schwere Vergangenheit verblaßt. Durch die Berührung mit den Elementen werden unsichtbare Fäden geschlungen, neue Wirklichkeitett geboren. Das Kövpergefühl erwacht, das Glück dev gesttnden Glieder, das Bewußtsein der eigenen Kraft, Lebensfreude, Mut, Heroismus kontmen zum Vorschein. * Es geschah in beit letzten Tagen. Das Meer war sehr stürmisch, trieb beim wolkenlosen Himmel, dumpf rollend, manneshohe Wellen an das Ufer. Ein markerschütternder Schrei zerriß plötzlich die Luft. Ein riesengroßer Wasserberg hat einen jungen, badenden Arbeiter in den Strudel gerissen. Blitzschnell, bevor man noch das Schreckliche begriffen hat, stürztett vom Strande zwei junge Bursche dem Ertrinkenden zu Hilfe. In der atembeklemmenden Stille sah man einen Augenblick lang — Sekunden, die eine Ewigkeit bedeuten — die drei ineinander verklammert, von den schäumenden Kämmen hin und hex getrieben, mit den Fluten ringen. Und dann . . . wurden die zum unförmigen Knäuel' verhallten Leiber an das Ufer gespült. — Drei Leichen. Ein Unbekannter, welchem zwei völlig fremde Existenzen im Augenblick der Gefahr das Höchste und Letzte, das Leben, bedenkenlos geopfert haben. Dieser tragische Fall, der hoffnungsvolle Jugend Plötzlich vernichtete. hat erwiesen, wie im neuen Jifchuw die Idee der Brüderlichkeit, der. Nächstenliebe wurzelt und zur Selbstaufopferung befähigt. * Mit dem Sonnenuntergang — Prachtvoll die glühende Kugel, die langsam von den Gewässern, die sie färbt, aufgesogen wird —, mit der jäh ohne Uebergang hereinbrechenden Dunkelheit, wenn die Stadt zu leuchten beginnt, wird es ans dem Strande einsam. Doch nur für eine Weile. Am Abend strömt die Menge wiederum zum Meer. Wundervoll die Mondnächte in. Tel- Awiw. Starkes, blaues Licht, eine Helle, in der sich die Konturen der Stadt scharf und . geheimnisvoll abheben, das Meer ein grenzenloser silberner Spiegel. Still und dunkel liegen die Badeanstalten am Wege. Ein Teil der Spaziergänger bleibt im Kasino — einem Sommeretablissement, auf Säulen über dem Wasser erbaut — beim Konzert. Mitunter, wenn die Wellen an die Säulen schlagen und mit Wucht zerschellen, wenn die Dunkelheit ringsum alles aufsaugt, wähnt man sich auf einem Schiffe, fernen Zielen entgegensteuernd. Ein Teil placiert sich auf den Liegestühlen, die vor einem Kiosk aufgestellt, vermietet werden. Beq-uem ausgcstreckt liegt ntan da, von der stark duftenden würzigen Brise umfächelt, versunken im Anblick der Wasserlandschaft. Wenige Schritte weiter ist der Sandstreifen, soweit das Aüge reicht, dicht mit weitzschimmernden Flecken betupft: Die im Sande Ruhenden. Allmählich ersterben die Lichtaugen in den Mauern der Stadt. Lautlos verinnt die Zeit. Man erzählt, daß früher am Meeresufer viel gesungen wurde. Das Lied ist jetzt verstummt. Sind es die schweren wirtschaftlichen Kämpfe, die es zum Schweigen gebracht haben, oder sind die alten Weisen der Galuth welk geworden, abgefallen, und die nette Melodie, aus den Säften dieser Gegenwart geboren, ist erst im Werden? Schwer trennt man sich vom Meere, der bald, bald heranbrechende neue Tag zwingt zum Aufbruch. Immer weniger und ^weniger Menschen bleiben am Strand. Die letzten Heimkehrer werden schon von dem Glockengeläute der Kamele begleitet, die dem neuen Arbeitstag entgegengehen. Am Horizont beginnt es zu grauen. Nur für Stunden schläft der Strand. Mit den ersten Sonnenstrahlen beginnt wieder das lebensvolle Treiben

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