Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2658 (18.7.1926)
- Date
- 1926-07-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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He. 8888 ENen, Tonnkag Tagesbericht. Si e werd en gesu nd Set Locarno-Geist in Deutschland. Heftet die geheimen Rüstungen der deutschen Nationalisten kommen wieder neue Mitteilungen ans Licht. Die 'Beschlüsse der interalliierten Militärkommission, die jüngst jder Botschafterkonferenz die Einleitung einer aftermaligen Uefterprüsung der Verhältnisse tu Deutschland vorschlugen, .wurden von dem Sund bis an den Belt mit viel Lärm ausgenommen. Die Rechtspresse, das ist in Deutschland die Presse der führenden Kreise, schrie üfter einen neuen jüdischen Anschlag und spielte die Pogromflöte. Deutschland hafte ftis zur völligen Schwäche aftgerüstet und sei direkt pazifistisch orientiert. Es denke nicht an Krieg, noch an Waffe und vertraue einzig auf die Arbeit der Zeit. Die verschiedenartigen Vorgänge, der Fahnenersatz, die eigentümliche Behandlung der »Fememorde durch die bayrische Regierung, die alle Aufklärungen verweigert, die Vorgänge in Hannover und noch Jtotcle andere, die den Geist der revanchelüsternen Elemente ’m vollster Tätigkeit zeigen — diese Widersprüche zu den amtlichen Versicherungen sprechen allerdings deutlich genug und finden ihre Ergänzung in dem Verbot des Potemkin- Films und in der Maßregelung des mutigen Leo Lama, der die Waffengeschäste der schwarzen Reichswehr und ihrer Unterstützung durch die offiziellen Stellen aufgedeckt hat. After das alles konnte noch immer mit Beschwichtigungen abgetan werden. i Nun kommt aber Friedrich F o e r st e r, ein Pazifist -und Demokrat von ehrenvollem Namen, ein Mann, der für seine Uefterzeugung gelitten hat, und gibt Daten üfter die Organisation des Kampfgeistes durch eine im Geheimen Wirkende Neftenregierung. An seinen Angaben kann wan nicht vorbei; sie werden, obzwar sie nur Bekanntes bestätigen, in Deutschland wieder dementiert werden. After sie beleuchten doch das frevle Spiel mit Locarno, das in Deutschland — und nicht nur in Deutschland allein — betrieben wird. Professor Foerster, ein dem Zentrum nahestehender Gelehrter, unterstreicht die Verbindung des unter dem Namen H e i m a t s ch u tz aufgestellten Zivilheeres mit der Reichsarmee, er weist die unterirdische Besteuerung der Grundbesitzer und den Boykott der Unwilligen nach und er betont, daß alle diese Treibereien auch durch die Subventionen der Schwerindustrie und des Großgrundbesitzes ihren ganz besonderen innerpolitischen Charakter bekommen.! Es wird natürlich wieder in Deutschland vom Landesverrat gesprochen werden und von der Preisgabe der Geheimnisse des Vaterlandes. So oft die Reaktion beim Namen genannt wird, legt sie sich auf die patriotische Seite. Aber die Aufdeckung dieser Vorgänge ist doch eine , der Begrüßung werte Tat. Sie geschieht in der Zeit, in der der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund die weltpolitische Situation beherrscht. Der Grundgedanke bei den Verhandlungen von Locarno war doch das völlige Vertrauen auf die Friedensbereitschast der regierenden Schichten Deutschggfetiet MorgenMutt« lands. Von ihr erwartete insbesondere die so schwer um ihre Position ringende französische Demokratie eine Entlastung und dadurch eine Stärkung. Frankreich steckt in einer alle seine Kräfte lähmenden Krise, die vor allem auf ein Versagen des inneren Vertrauens zurückzuführen ist. Die unselige Erbschaft des Poincarismus beginnt sich jetzt erst zu entwickeln. Ihr Ausgangspunkt waren die Rüstungen und die Furcht vor dem deutschen Uefterfall, eine Furcht, die von Deutschland aus geflissentlich genährt wurde. Indem der deutsche Chauvinismus alle Förderer . und Führer der Friedenspolitik wegschoß, hat er den französischen Gegenspielern immer wieder Oberwasser verschafft und die französische Politik unter das Diktat der Kanoneninduftrie gebracht. Dies lag so sehr auf der Linie der Profitpatrioten, daß alle psychologffchen Voraussetzungen für die Soulenierung der unterirdischen deutschen Mordverbände durch Frankreich mehr als gegeben sind. Wahrscheinlich begeistert jetzt der Mckfall in Frankreich auch jetzt den deutschen .Hurrapatriotismus zu neuer Rührigkeit. Die Paraden mehren sich und auch der Herr v. Oldenburg und Januschau, der einmal alle sozialen Fragen von einem Leutnant und zehn Mann läsen lassen wollte, hat sich wieder gemeldet. Er hat erzählt, dev Präsident H i u denburg werde in naher Zeit die Kandare wieder fester anziehe n. Die Rechtsparteien fühlen frischen Wind, ihre Presse hat die Judenhetze mit neuer Kraft ausgenommen und bis zum heutigen Tage hat sich noch keine amtliche Stelle gefunden, die den Breslauer Ritualmordfkandal in die Schranken weist. Die Ent- 'hüllungen des Prof. Foerster stechen in das.System. Sie geben ein klares Bild der Verfälschung der Wahcheit, die mit in das Getriebe gchvrt, von den: der Völkerbund bis zuv Bewegungs- 'losigkeit umsponnen wird. Das ist der Locarnogeist in Darffchland. -; Der englische Bergarbetterstreik. London, 17. Juli. Der Bischof von Litchfield hat an den Premierminister ein Schreiben gerichtet, worin er ihn ersucht, eine Abordnung der Kirchenfürsten in Angelegenheit der Kohlenkrise Zu empfangen. Ministerpräsident Baldwin erwiderte, er sei bereit, die Abordnung Montag äbenlds zu empfangen, fugte jedoch hinzu, die Bedingungen für eine Wiederaufnahme der Arbeit könnten nur durch ein Einvernehmen zwischen den Grubenbesitzern und den Bergarbeitern geregelt werden. Die Regierung könne auf keinen Fall der angeregten weiteren Unterstützung d-e r Kohlenindustrie zustimmen, um die Arbeitsaufnahme auf der alten Grundlage zu ermöglichen. Verbilligung der oberfchlesischen Kohle. ^.Warschau, 17. Juli. Die oberschlesischen Grüben haben auf Intervention der Regierung den Preis derKohle nm 10 Prozent herunter'ge setzt.; . i In Ka t tow itz ist eine russische Delegation eingetroffen, um ein Uebereinkpmmen für die Lieferung von einer halben Million Tonnen polnischer Kohle nach Rußland abzuschließen. Die Hälfte des Kontingents wird über Danzig, idle andere .Wste Mer die Landesgrenze gehen. 8k» neuer Marokkokrieg. Paris, 17. Juli. Nach einer Agenturmeldung aus Fes soll El Fogg a r, den man als Nachfolger Abd el Krims bezeichnet, sich mit C h o r >i r o und Budra verständigt haben, um einen Block «der Dschebala, Mohares und Souhedschas zur Wiederaufnahme des Kampfes gegen die Spanier zu organisieren. Bud ra organisiere bereits den Widerstand. 18. JuN 1926 Leite 3 Lissiamky-Schuhe S ommer ~Räuimmg$~ Verkauf I SD* SIT sar SS» braun fliwreaax diverse Grau feinfarbige beige Ciievreaux Spangen o.Pariser Chevreaux-Spangen Molibre «.Spangen neueste Modelle fit Absätze irr. Absätze frz. Absätze frz. Absätze I Direkt aus der Fabrik VDL, Kaiserstrasse 44*46, im Stock Die Seelenfängerei von Maria- Lanzendorf. Me Mutter des getauften Kindes wendet sich an die Oeffentttchkeit. Wir hckben schr ausführlich über die Umstände berichtet, unter welchen das russisch-siidische Kind Jakob Klemmann als Pflegling der Wiener israelitischen Kultnsgomeinde zu den frommen Schwestern von Maria-Lanzendorf kam nnd nach vollendetem 14. Lebensjahr dortselbst getauft wurde. Wir haben auch einige Briefe der unglücklichen Mutter des Kindes wivdergegeben, aus denen hervorging, daß ihr der Religionslwechsel ihres Sohnes keineswegs gleichgültig ist. .Herr Kupfermann, der sich (auch darüber haben wir berichtet) des Knaben stets angenommen hat, erscheint nun wieder in unserer Redaktion >und überb ringt einen 16 Seiten starken jiddisch geschriebenen, verzweifelten Brief der Frau Kleinmanu. Wiv -geben hier in deutscher Uebertragnng die wicht Wen Stellen dieses Schreibens wieder, welches an die ga nze j üd ifche Bevölkerung Wiens gerichtet ist: ,Mer nur ein Gefühl von Liebe zu Kindern besitzt, höre mich, unglückliche Mutter Schewa Kleinmann aus Satanow. Das Unglück hat es .gefügt, daß' mein einziger Schn Jankale unter die Aufsicht der Seelenfänger von Maria-Lanzendorf kam. Väter und Mütter, scharet euch um mich und helfet mir, mein entrissenes Kind wiederzugewinnen! Ich bin eine Witwe und hoffte, daß mein Sohn wird -zurückkehren können, um die Stelle des Vaters fftci den Zwei kleineren Geschwistern .Zu vertreten, und mir, der Mutter, ein Beschützer gu sein. Und nun höre ich, daß sie unter der Maske von Versorgung von unglücklichen, verkoppelten Kindern ihn der Mutter und zwei kleinen Schwestern entrissen halben. Leider kann ich seit acht Jchren nicht mehr zu ihm kommen, da mir der Weg abgesperrt ist. In seinem letzten Brief von Chanuka, den er ,gemeinsam -mit Hern Salomon Kupfermann geschrieben hat, sehnte er sich schr nach mir. Ich habe i'm Jahre 1917 mein Kind nach Wien gebracht und 400 Gulden ftet einem .Herrn Scharfberg, der sich damals um ihn kümmerte, .zurückgelassen, in der Hoffnung, daß in der großen Stadt Wien wo sich so viÄe Professoren nnd Wohltäter befinden, Ein Kind genesen wird. Herr Professor Schnitzler hat mich auch. getröstet und mir alle Hoffnungen auf die Wiederherstellung des Kindes gemacht. Ich verstehe es nicht, wie man es zu einem so großen Unglück hat kommen lassen, wo doch der Ezortlkvwer und Hussyatiner Rabbi von meinem Kinde gewußt haiben. Auch beim zwei Skizzen. Von Abraham Reffen. Mein Freund. Er stand allein in der Welt — außer mich als feinen Freund hatte er niemand. Aber auch mit mir war er feiner Sache nicht sicher. Ich hatte ja auch noch andere Freunde. Er war auf sie eifersüchtig, hatte aber keinen von ihnen jemals auch nur mit einem Wort beleidigt. - Dann und wann sagte er zu mir: „Wenn ich sterbe, so wird nur Ihrem Hirn eine Erinnerung an mich bleiben. Wenn nun Sie sterben, dann bleibt nichts mehr von mir §uruck." Nach diesen Worten pflegte er eigentümlich zu lächeln, eine Weile zu verstummen, seinen Blick auf mich zu heften und hiMMfügen:;° „Das ist schrecklich, nicht wahr?" . Oft begann er auch daran zu zweifeln, daß ich ftei mir fein Gedächtnis bewahren werde. Er schenkte mir daher sehr häufig Bücher, die seine Inschrift trugen: Zum ewigen Andenken. Die Jnfchrfften schrieb er mit guter Tinte, grub die Worte fest ins Papier. Mir viel das besonders auf. Dann aber begann er auch an den Büchern zu zweifeln: Wie lange kann ein Buch schon leben! Da verfiel er ans Photographien, die er mit seinen letzten Groschen bestellte. Er schenkte mir Exemplare von jeder Pose mit der Aufschrift: Zum einigen Andenken. Häufig pflegte er nachzuforschen: „Wo hast du meine Photographien?" Sein Ausschen nahm dabei Ernst und Strenge ckn. Zeigte ich sie ihn: in bester Verfassung, dann beruhigte er sich ein wenig und murmelte: „Behüte sie!" Einmal fragte er ganz plötzlich: „Wie lange, glaubst du, kann ein Baum leben?" „Ein Baum?" fragte ich, von dieser Frage überrascht, „ich bin kein Botaniker..." „Eine Eiche zunl Beispiel, eine hohe Eiche," fragte er weiter und sah mich sonderbar an. „Eine Eiche? . . ■. Eine Eiche kann tausend Jahve leben," warf ich so nebenbei ein. „Tausend Jahre?" klammerte er sich strahlenden Auges fest, „wenn dem fo ist . . ." „Was ist dann?" wunderte ich mich. Er gab keine Antwort. Nach einer Woche gingen wir beide im Walde spazieren. Er ging stumm und besah jeden Baum. „Gerne würde ich mir ein Eiche an sehen . . ." Ich bemerkte: „Sonderbar, keine Eiche zu sehen." ' ,Momm', hilf mir eine Eiche suchen," bat er. Wir gingen tiefer in den Wald. Plötzlich schrie er wild vor Freude auf: „Hier ist eine Eiche!" „Ja, das ist eine Eiche!" Er betrachtete den Baum von allen Seiten, umarmte ihn mit beiden Händen. Zn guter Letzt zog er ein Taschenmesser hervor. „Was willst du tun?" Er lächelte und sagte: ,^Jch will meinen Namen einritzen." Das tat er auch. Jeden Buchstaben seines Namens ritzte er tief in den Baum ein. Dann wischte er sich den Schireiß von der Stirne, den die Arbeit hervorgelockt hätte, und wandte sich an mich: „Bist du desien sicher, daß eine Eiche tausend Jahre leben kann?" „Wenn sie nicht der Blitz fällt . . ." gab ich kurz zur Antwort. Sein Gesicht wurde kreidebleich. Er konnte nur noch kaum lispeln: „Komm!" Wir verließen den Bann: und gingen schweigend durch den alten, dichten Wald, der melancholisch rauschte. Nach einigen Wochen brachte er mir wieder ein BW mit der Aufschrift: Zum ewigen Andenken! Die Bettlerin. Sie selbst, die Bettlerin, konnte alles, ivas sie nur ivollte, mit i-hrmr Gesicht machen: es zum Gebet verzerren. die Augen zum Zeichen höchster Verzweiflung hervorquellen lasten und, wenn es nötig war, ans ihnen Tränenbäche strömen lasten. After dieses eineinhalb Jahre alte Kind auf dem: Arm, das ist ein Tunichtgut; es taugt nicht zur Arbeit. So ein Bengel, liegt auf der Hand und — lacht! Es ist ja wahr, das Kind hat keine Schuld. Es fft schöner, sonniger Tag. Ganze Strahlenbündel fallen auf das Gesicht des Kindes. Die Wärme, die Helligkeit gefällt ihm sehr. Es tanzt fast vor Freude auf >den Händen der Bettlerin. „Eine verdammte Freude zeigt.der Bengel!" murmelt sie böse und kneift es. After das Kind verzieht nicht einmal eine Miene zum; Weinen. Da fährt ja gerade die Tramway vorbei/ Die Tram-; way klingelt nnd klingelt, das Kind jauchzt vor Glück. „Das wird nie wie ein armes Kind ausschen," grämt; sich die Bettlerin. Und im Herzen weiß sie ja, daß ihm wirklich nichts; fehlt. Seine Mutter, bei der sie sich das Kind ausborgt für : einige Stunden, pflegt es und verzärtelt es. Sie soll nur das Geld, das ich ihr für das Kind gebe, i für Kranksein vergeuden," schilt sie voller-Wut, so oft das; Kind über irgend etwas, das ihm auf der Straße gefällt, hell : auflacht. Sie hat auch einmal ein eigenes Kind besessen — so | kommt ihr die Erinnerung —, aber das war ein goldigesj Kindchen: immer hat es geweint und das Gosichtchen der- : zogen. Wer immer vorbei kam, ist von Mitleid erfaßt wori den. Ja, da hat uralt verdient. Da ist es aber hingegangen und! ist gestorben. Und bei dieser Erinnerung weint sie wirklich echte; Tränen. Das fremde Kind sicht sie verwundert an und weiß : nicht, was das zu bedeuten hat. Aber ihre Tränen vermögen - nicht für lange seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Ein großer j Wagen fährt vorbei, von zwei Pferden gezogen. Das Kind; wird voller Freude, zappelt auf den Armen der Bettlerin! und will sich hinbewegen zu den zwei großen, schwarzen Pferden. (Ws dem Wdffchen von P.