Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2657 (17.7.1926)
- Date
- 1926-07-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WWN, 0tiJ!l9KIQ wmm DwdNMrttna ,« -». i wtrzm, Tagesbericht. Ser letzte Wes. Abschied von De. Uqx Rosenber^. Mr haben gestern unseren Freund und Kollegen Doktor j MaxR osenber g, den uns ein grausames Schicksal allzu früh entrissen hat, zu Grabe getragen. Außerordentlich groß tvar die; Beteiligung derer, die gekommen waren, um ihm die letzte Ehre j zu erweisen. Allen stand der junge, lebensfrohe, grundgütige; Mensch noch vor Argen, alle waren tief erschüttert, als die Redner in" ihren Abschiedsworten des trefflichen Mannes, des i guten Juden und hervorragenden Publizisten gedachten. Die allgenMne Anteilnahme wandte sich dem Bruder des Verstorbenen, dem Arzt Dr. Jakob Rosenberg, und seiner Schwester, : Frau Frieda Peschka, zu. Die greisen Eltern und die beiden i anderen Schwestern, die in Rumänien weilen, konnten dem l Leichenbegängnis nicht beiwohnen. ■ Die kantoralen Funktionen versah ein Chor unter Leitung des Oberkantors Mathias in ergreifender Weste. Die Ge-; denkrede hielt in schlichten, eindrucksvollen, Al Herzen gehenden Worten Rabbiner Dr. Feuchtwang. Wir entnehmen seiner Rede das folgende: „Wir beklagen tief und aufrichtig den allzu frühen Heimgang eines ausgezeichneten, nicht gewöhnlich begabten, hervorragenden Kämpfers für dieses jüdische Ideal, eines begeisterten und begeisternden Helfers auf dem Gebiete dieses Aufbaues. Ich habe Dr. Max Rosenberg persönlich nur flüchtig gekannt, aber lch weiß dennoch, was wir an ihm besaßen und was wir durch seinen Heimgang verloren haben. Den Schmerz der Familienangehörigen kann ich nicht beschreiben, denn sie fühlen ihn tiefer als ich. Ich könnte ihn durch schwache Worte nur profanieren. Ich weiß nur, daß wir alle, die wir hier stehen, und die vielen, vielen, die nicht hiehcr kommen konnten, von tiefer Trauer bewegt sind. Au den Leidtragenden zählt aber noch das angesehene jüdische Blatt, dem er als einer seiner tüchtigsten und hervorragendsten Redakteure angohörte. Dieses Blatt steht in tiefer Trauer durch seine Vertreter hier an der Bahre. Mit der Feder in der Hand, mitten aus der Gedankenarbeit heraus, aus seiner idealen Begeisterung für die Sache, der er gedient hat, wurde er geholt, doch er wollte die Feder nicht aus der Hand legen, die seine Gedanken so meisterhaft ausgedrückt, hat. Eine große Hoffnung ist mit ihm verloren gegangen, denn eine weite, zu großen Leistungen berechtigte Zukunft lag vor ihm. Zunächst war cs das jüdische Palästina, dem er mit Eifer und Hingebung lebte. Ein leidenschaftlicher Freund von Gottes Natur, hat er jede Ackerkrume, die im heiligen Lande aufgegraben wurde, jeden Baum, der gepflanzt wurde, begrüßt, weil seine Leidenschaft Erez Israel galt. Das Judentum hat für diesen vornehmen, edlen Menschen nicht eine Verengung, sondern eine Erweiterung seines Horizonts bedeutet. So behalten wir ihn alle in unserem Andenken." Sodann nahm der Chefredakteur der „Wiener Morgenzeitung", Herr Julius L öwy, von dem. verblichenen Kollegen namens der Redaktion mit folgenden Worten Abschied: „Von dem Freund und Mitkämpfer, der drei Jahre lang mit uns gegangen ist, müssen wir Abschied nehmen. Diese drei Jahre waren reich an schweren Tagen und darum fällt es uns doppelt hart, dem treuen Mann, dessen Rat nie versagt hat, das letzte Geleite zu geben. Wir haben ihn in Stunden erproben können, in denen ein Mann seinen ganzen Wert zeigt, und wir hüben ihn als einen ideal denkenden, makellosen Mitarbeiter erkannt, der uns stets ein Bruder gewesen ist. Die Gemeinschaft unseres Blattes dient einer Idee, der Idee der Freiheit des 'jüdischen Volkes. Dieses Dienere heißt, daß . . . . t „Menschen und Affen." Bctrachlungen, die Albert Ehren stein in den Jahren 1910 bis 1925 anstellte und aufzuzeichnen für wert fand, sind in diesem Bande gesammelt.*) Wir wollen diese Betrachtungen betrachten. Das Buch hebt an mit „Die Rederr Gotamo Buddhas". Aus den wunderschön gedruckten acht Buchseiten (Titel, Initialen, Einbandentwur-f, Druckleitung E. R. W e i ß) erfährt man wider Erwarten von Gotamo Buddha nicht viel mehr, als daß Karl Engen Reumann ein genialer Uebersetzer ist und daß uns Ehrenstein ernstlich anrät, die Reden Gotamo Buddhos zu lesen, zu studieren und zu beherzigen. Dann folgt ein Essay über „Liebe". Ich fand darin folgenden Satz: „Gottesglauben, Gottesdienst als Religion war der überirdisch mcgalomane Beziehungswahn des aus Angst vor den: Todesschlaf schlaflos Unsterblichkeitsmhthen spinnenden Menschen." Man hätte diesem Sang an die Licbesfreudc' mehr Grazie des Stils gewünscht, auf Geständnisse Ehrensteins hingegen gern verzichtet: „Ich habe leider keine Lust am Manne. Mir ist ein Franenleib lieber als ein Bubikopf. — Anderen anderes." Das erzähle, der Dichter Ehrenstein seinem Eckermann, damit er's für die Nachwelt verbuche. In einen Band Essays, vierzehn Jahre eines schaffenden Geistes umspannend, gehören solche höchst persönliche Bemerkungen bestiimnt nicht. Schuster bleib' bei deinem Leisten: Be! Bnddho und in Hellas, bei Lukian und im Kommunismus ist der Referent weniger zu .Hanse als im Zionismus. Er wird sich also bei den Aufsätzen des Buches „Zion und der Zionismus", ferner „Vom deutschen Adel jüdischer Nation" ein wenig aufhalten. Ein Zitat: „Trotz gegen diese Kleinwelt mag es gewesen sein, die mich, dem Gebot orthcdoxer Großeltern gehorsam, in Wien oder in der Slowakei, wo es noch weniger an drastischen Beschimpfungen fehlte, vor katholischen Prozessionen in die Toreinfahrt trieb, das Kreuz nicht grüßen Al müssen. Dies war Flucht: Zionis- *) Albert Eh r c n st ei n: „Menschen und Affen." Ernst Rowohlt Verlag, Berlin. > bin Förderer des Palästina-Aufbaues. Der Londoner jüdische Industrielle Bernhard Baron, dessen Bild wir bringen, hat sich wiederholt als warmer, opferfreudiger Freund des Palästinaailfbanes bewährt. Im Vorjahr leistete er den Betrag von 100.000 Pfund für die hebräische Universität in Jerusalem. Wie wir bereits meldeten, hat Herr Bernhard Baron jüngst anläßlich einer zu Ehren des Marschalls Allenby veranstalteten Feier dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Dr. Ehaim W e i z m a n n, als seine Leistung für das wichtigste Finanzinstrnment des Palästinaanfbaucs, den Keren Hajessod, den Betrag von 23.000 Pfund übergeben. jeder sein Bestes, sein Eigenstes, sein Letztes aus den Altar zu legen hat. Eine Gemeinschaft, deren Zusammenleben durch solchen Dienst die Weihe erhält, wächst zu einer einzigen Familie zusammen.' Im Namen unserer Faniilic, der du mit Freude und mit stets bereiter Kraft angchört hast, wünsche ich, du toter Bruder, Frieden in deine letzte Stätte hinab. Mit mir nimmt die Leftrgemeinde der „Wiener Morgenzeitung", das ganze jüdische Volk, dem du ein Diener gewesen bist, Abschied von dir, voll Dank für dein selbstvergessenes Wirken, voll Trauer ob der Härte des Geschickes, das dich in der Blüte des Lebens von uns und von den Deinen eeristen hat. In unserem Gedenken wirst du fortlcben." . Namens des Alten-Herren-Verbandes der zionistischen Studentenverbindung Zesira sprach Rechtsanwalt Tr. Kinsbrunner warme Worte des Gedenkens für den Tahingeschiedenen. mus!" — Allerhand Hochachtung vor Ehrensteins tiefer Erkenntnis vom Sinn nud Wesen der zionistischen Bewegung. Er würde solch brillantes Wort im Salon jener Jourjüdinnen, die er richtig beschreibt, mit Erfolg von sich geben. In diesem vornehm ansgestatteten, wunderschön gedruckten Buche aber enthüllt dieser As'horisma doch mir präpotentes Jüngeltum. Es deklariert sickferner unzweideutig in Wortklischees, wie: „Eurasien" nnd „Barbaropa", ferner in her Bemerkung, daß er (Chrcnstein) den Juden noch nicht „in den vegetativen Ruhestand, in den nabelbeschaulichen, lebenfristendcn Ackerbau, auf Milch- und Honigflüssen dahinzutreiben, entlassen möchte". Ter Literat sollte ein wenig die Milch- und Honigflüsse auskosten, ans welchen — etwa jetzt im Juli — die jüdischen Pioniere im Emek und in Obcrgaliläa beim Straßenbau nnd in: Steinbruck) dahintreiben". Wozu der ganze Rummel? meint Ehrenstein, man treibe doch den Kindern nur zwei Sähe ins Hirn: „Du sollst nicht töten" und „Behandle deinen Nächsten als dich selbst". Die Erkenntnis ist funkelnagelneu. Auch seine Anregung, ein Asyl für die Armen, Bedrängten bereitzustcllen, ist Erleuchtung und ward nicht mehr gehört, seitdem die altliberalen Israeliten vor den znströmenden Pcgromflüchtlingen Angst hatten. Die Zionisten werden schleunigst die von Ehrenstein vorgeschlagcne Formel: „Altersheim fitr dem Antisemitismus Weichende" akzeptieren müssen. Er selbst hat wenig Hoffnung, denn „der Zionismus scheint mir nicht bis zu meiner Sentenz: ,/§s hat die Seele keinen Bosporus, noch Vogesen" vorgedrnugen zu sein". Wir werden uns endlich Mühe geben. * Ehrenstein für seinen Teil weicht den: Geständnis, Jude zu sein, nicht aus. Es sind ja seit dem Auftreten Herzls dockeinige Jahrzehnte verstrichen, und wenn er auch dekretiert, Palästina fei ein „entwundener, überwundener Zustand", und in der nächsten Zeile — er ist nun einmal, der Verehrer Gotamo Buddhos, für Morte, die mehr effektvoll aufgemacht, als verantwortungsvoll sind — Zionisnms sei „Blutschande mit dem Mutterlande", so hat er gegenüber der vorhergehenden Literatengeneration doch schon zugelernt, daß es keinen Sinn hat, sich 0 rt‘ '3WT17 ___ Tief ergriffen nahm hierauf das Mitglied des Direktoriums des Zionistischen Landeskomitees, Dr. Leo Goldhammet, das Wort: „In den allerletzten Tagen hatte ich noch das Glück, mit dir, lieber, alter Schulkamerad, über Tinge zu sprechen, die dir am Herzen lagen. Du warst gerade daran, einen neuen Plan für den Aufbau Palästinas zu studieren, und ich gab meiner Hoffnung mwerhchlen Ausdruck, daß gerade fcu der geeigneteste Mensch bist, diesen Plan dnrchznsühren. Mit der dir eigenen Bescheidenheit hast du die Worte des Lobes abgewehrt. Nach kann: acht Tagen sind alle Hoffnungen, die wir in dich gesetzt hatten, dahingegangen. Im Namen des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich danke ich dir für deine unermüdliche, ansopferungsvolle Mitarbeit und versichere dir, daß wir dir ein treues Angedenken bewahren werden." Am offenen Grabe nahm für den Bukewinacr Zentralverband Herr A. M. Ehrlich von denk Verblichenen Abschied. Dann wurde unter großer Bewegung der Sarg in die Tieft gelassen und die Erdschollen fielen dumpf auf ihn... * Der Redaktion haben gestern kondoliert die Herren Redakteur Dr. R e i ch m a n n („Oesterr. Volkszeitung"), Dr. Malter N a g e l st o ck („Neues Wiener Journal") und Dr. Adolf Lippe („The Exchange Telegraph", London). Das Wiener Zerrtralburcau des Keren Kajemeth l'Jsrael schreibt uns: „Wir fühlen mit Ihnen den schweren Verlust, den Ihr Blatt durch beit Tod Dr. Rosenbergs erlitten hat." Frankfurter Demokratie. Die unentwegte Demokratie der „Frankfurter Zeitung" zerbricht sich andauernd den Kopf der Juden. Man sollte glauben, daß sie in dem Deutschland von heute mit seiner kaiserlich republikanischen Feme ein genügend großes Betätigungsfeld vorfindet. Aber das Frankfurter Organ hat nun einmal die Sorge für das Judentum und seine Stellung unter den Nationen freiwillig auf sich genoxnmen. Wie sich's für deutsche Demokraten von selbst versteht, wird die jüdische Frage nur negativ angefaßt; der Zionismus und der Palästinaaufbau sind unbeliebt, weil das Herz der Demokratie für die Araber schlägt, die von den bösen Zionisten expropriiert werden und weil zweitens der Zionismus einen doppelten Patriotismus erzeugt, nicht ganz von der Sorte der deutschen Fürsten, die gegen ihre Nation den Friedensvertrag anrufen. Aber immerhin ... Dort, wo die Zionisten tatsächlich den Beweis erbringen, daß sie dem falschen Bekenntnis Vorbeugen wollen, dort trifft sie wiedex der Bannstrahl der „Frankfurter Zeitung". Sie nimmt sich jetzt der Juden in der Tschechoslowakei an. Diese seien, so wird in einem Artikel „Der böhmische Kanevas" ausgeführt, in einer paradoxen Situation. Die Paradoxie besteht darin, daß die Juden sich als eigene Nation bekennen, um nicht zwischen den beiden Feuern des deutschen und des tschechischen Nationalismus zu verbrennen. Es ist zwar falsch und spricht für die hochfahrende Ignoranz dieser Demokratie, die politische Wandlung des Judentmus aus bloßem Opportunismus abzuleiten. Die Gründe liegen viel tiefer und das Judentum der Tschechoslowakei hat eine vollkommen positive Einstellung zu seinen Lebensfragen. Aber wenn ihn: das Bekenntnis zu sich selbst den Vorteil bringt, daß es aus dem Gefechtsfeld der Chauvinisten ausgeschaltet wird, weshalb sollte es ihn abweisen? Das liberale Geraunze über die Kulturzuscnnmenhänqe ist schon muffig geworden und kann heute niemanden mehr rühren. Die jüdische Assimilation, der wir gewiß keine Träne nachweinen wollen, hat sich für das Deutschtum aufgeopfert, ist bis zur lächerlichsten -drücken zu wollen: „Ich kann also nur von mir direkt behaupten, daß ich, durch den nie neukatholisch korrigierten Zufall der Geburt, der Rasse nach Jude bin." Von dem „Nicht-lcugnenkönnen" bis zum Bekenntnis ist immerhin noch ein Schritt. Ehrenstein tut ihn nicht. Ans ästhetischen Gründen: ... „Wenn wir von den gewerbsmäßigen Zionisten absehcn, finden wir wenig jüdische Dichter, denen so ein Primitives, einfaches Selbstbekenntnis Freude macht." Ter Mann, dessen Seele bis an den Rand mit Gotamo Bnddho gefüllt ist, Hut für das Primitive, Einfache nichts übrig. * 1 Dafür ist seine Kritik über Zeilerscheinungen und Zeitgenossen haarscharf zutreffend. Bon Beer-Hofmonn zum Beispiel findet er, es sei ihm so lange perverse Erotik vorgeworfeu worden, bis ihm „der unausbleibliche Schntzkarton der Gesamtausgabe wie eine Mandarinenmütze der allgemeinen Hochachtung anss kahlere Haupt gestülpt ward". Ein genialisches Werturteil. Hier trifft wirklich alles zu: der Vorwurf perverser Erotik, der Schutzkarton der voluminösen Gesamtausgabe und schließlich auch -as kahlere Haupt. (Dem Umfang nach ist das Gesamtwert Beer-Hosmanns um nicht viel Druckseiten größer als dieser Band Ehrenstcinscher Betrachtungen). * Es gibt in diesem Band des intelligenten, maßlos von sich eingenommenen, weniger anmuligen als kecken Autors einige gut lesbare und keineswegs wertlose Anffätze, wie es Insbesondere der. über Peter Altenberg lind Georg Trakl ist. Aber gegen den Schluß hin versetzt er uns einen „Prolog znm Affentheater", in dem er sehr militant wird. „Wir leiden unter Journalisten, Dichtern und Stänkern, die sich als Dichter und Denker gebärden, unter Sophisten, die sich als Propheten ausschreien, unter als Erlöser etablierten Prositjuden, Kritikaster, in immer gerührtere Bewunderung ihrer Perücken versunken, lasten kein gutes Haar an anderen, die eigenes haben. Assen vor'm Spiegel." Dieses Buch ist der Spiegel Albert Ehrensteins. Ott» Abel es. ^4