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Wiener Morgenzeitung · 1926-07-16 · Heft 2656 (16.7.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2656 (16.7.1926)
Date
1926-07-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wv"WM' Mm, Fttttsg_ ' Mener MoegeuzLitutts_ 16. Juli 1926 ___«Zelle S Tagesbericht. Die Redaktion der „Wiener Allgemeinen Zeitung" schreibt »NS: f J 0. Dr. Max Rosenbergl DaS Leichenbegängnis unseres Kollegen Dr. Max .Rosenberg findet heute Freitag um 11 Uhr vormUtags auf dem Zenttalsriedhos, 3. Tor, statt. * Heileidsschreiben der zionistischen Zentralstellen. Sehr geehrte Redaktion! Das Präsidium der Zionistischen Landesorganisation sür Oesterreich drückt Ihnen anläßlich des großen Verlustes, den Ihr geschätztes Blatt durch den plötzlichen Tod Ihres Redakteurs, Herrn Dr. Max Rosenberg, erlitten hat, sein tiefempfundenes Beileid aus. Durch den Tod Dr. Max Rosenbergs verliert die Zionistische Organisation einen ihrer besten und bravsten Gesinnungsgenossen. Das Zionistische Landcskomitee für Oesterreich. * Sehr geehrte Redaktion! Tieferschüttert durch die Nachricht vom Tode des verdienten und geschätzten Mitgliedes Ihrer werten Redaktion, Herrn Dr. Max N o s e n b e r g, gestattet sich das Unterzeichnete Präsidium der österreichischen Keren-Hajessod-Kommission Ihnen zu diesem schweren Verlust sein tiefgefühltes Beileid auszusprechen. Mit Dr. Max Rosenberg verliert nicht nur Ihr geschätztes Blatt, sondern auch die jüdische Renaissancebewegung einen ihrer besten und treuesten Mitarbeiter. Der Keren Hajessod, Abt. Oesterreich. * Ein Nachruf der „Neuen Wirtschaft". Die „Neue Wirtschaft", Organ für Finanzpolitik und Volkswirtschaft, widmet unserem verstorbenen Kollegen, der ihr Mitarbeiter war, einen Nachruf, dem wir das Folgende entnehmen: „Er war einer der gebildetsten und kenntnisreichsten unter den volkswirtschaftlichen Publizisten Wiens und wurde auch als solcher in allen Kreisen der wirtschaftlichen Praxis, mit denen er in Berührung kam, geschätzt. Am allerhöchsten aber wurde die Lauterkeit seines Charakters gewertet, die Tatsache, daß er stets den ehrlichen, geraden Weg gegangen ist, niemals einen jener Seitenpfade beschritten hat, auf welche man bürgerliche Wirtschaftspublizisten gerne zu verlocken pflegt. Daher war auch die Objektivität und Unvoreingenommenheit seines Urteils niemals getrübt, was gerade bei seinem finanziellen Spezialfach, bei der kritischen Betrachtung des Bank- und Börsenwesens, von ausschlaggebender Bedeutung ist. Dem Namen des Dr. Max Rosenberg wird in der Geschichte des Wiener Journalismus ein ehrenvolles Andenken bewahrt bleiben, und das höchste Wort des Ruhmes, das ihm nachgesagt werden kann, lautet:' Er war ein bürgerlicher Volkswirt, aber kein Bankjournalist!" * Im Laufe der beiden letzten Tage sind in unserer Redaktion zahlreiche briefliche und telegraphische Kondolenzen eingelaufen. Telephonisch haben der Redaktion kondoliert: Der Chefredakteur des „Tarifanzeiger" Herr Rudolf Natscheradetz, der Pressereferent der Bundesbahnen Regierungsrat S ch l wg?der Direktor der Merkurbank Herr K o h n. * Namens der Redaktion und des Verlages sowie aller ehemaligen Kollegen unseres seinerzeitigen Mitgliedes, des nunmehr verstorbenen I. fl. Dr. Max Rosenberg, spreche - ich Ihnen aus Anlaß des herben Verlustes, den Ihre Redaktion erlitten hat, das tief empfundene Beileid aus. Auch wir lernten Dr. Max Rosenberg als einen aufrichtigen Kameraden kennen, der in der Zeit der Zugehörigkeit zur „Wiener Allgemeinen Zeitung" durch seine trefflichen Aufsätze viel zum Ansehen der volkswirtschaftlichen Rubrik unseres Blattes beitrug. * .Herr Dr. Heinrich Schreiber, der Pressekonsulent der Nnionbank, schreibt uns: „Aufs tiefste erschüttert ob des frühen Heimganges Ihres Herrn Dr. Max Rosenberg, des gewiegten und kenntnisreichen Publizisten, erlaube ich mir, der geehrten Redaktion der „Wiener Morgenzeitung" zu dem schmerzlichen Verluste dieser kraftvollen, von edler Menschlichkeit beseelten Persönlichkeit das innigste Beileid anszusprechcn." * Der Herausgeber des „Holzmarkt", der „Neuen Weinzeitung" und des „Lebensmittelmarkt", Herr Karl Bondy, telegraphiert uns aus Pörtschach: Innigstes Beileid zu dem großen Verlust, der die Redaktion und alle Ihre Leser trifft. — Karl Bond y." Ein Gespräch mit Tagore. Ueber Zionismus und Judentum. In einem langen weißen Leinenkittel empfängt Rabindranath Tagore. Mit einem freundlichen Lächeln in den riesengroßen braunen Augen. In dem großen Arbeitszimmer im Hotel Bristol hebt sich das patriarchalische Gesicht des Denkers merkwürdig exotisch ab von der grau-europäischen Umgebung. Bevor ich noch meine Frage zu Ende gesprochen habe, weiß Tagore schon: „über den Zionismus". Ja, über die jüdische Wiedergeburtsbewegung habe ihm eine Dame aus Palästina, Schulamith Flau m, die seine Schule in Sa n i,i n i k e ta n besucht hatte, berichtet. Die Freundin hatte ihm auch Literatur über den Zionismus geschickt. „Ich habe immer die große Beteiligung der Juden an der Kultur und ihren -Einfluß auf die geistige Entwicklung der Menschheit bewundert und geschätzt. Es wäre ein Unglück, wenn die Inden ihre charakteristischen Merkmale verlieren würden. Ihr Land ist zwar die ganze große Welt, aber es ist gut, einen besonderen Platz in der Welt zu haben, der der eigene ist." „Die nationale Betvegmig ist das Bewußtsein der besonderen Existenz als Rasse. Dieses Betvußtsein können aber die Inden unter verschiedenen Nassen und in den verschiedenen Ländern so lange nicht aufrechterhalten, als sie nicht ein eigenes Land besitzen. Ja, der Umstand der Erhaltung der Eigenart war die Ursache aller Anfeindungen. Es wird nicht möglich sein, daß alle Juden in die Heimat zurückkehren, Palästina soll ein Zentrum, ein Symbol werden. Der Radius wird ebenso groß sein wie bisher. Ich bringe der jüdischen Wiedergeburtsbewegung die größte Sympathie entgegen. Es ist für die Welt ein Segen gewesen, daß die Juden imstande waren, der Welt so diel zu geben. Europa hat an die Juden eine Dankesschuld abzuzahlen; so viel große Persönlichkeiten hat das Judentum Europa geschenkt." Rabindranath Tagore glaubt an eine besondere Mission des Judentums. Ich frage nach dem Zeitpunkt der Reise nach Palästina. Tagore und seine Begleiter haben schon Platze auf einem japanischen Schiff, welches im Oktober nach Indien abgeht. Der Dichter hofft aber, schon früher, im September, mit einem Schiff nach Port-Said zu fahren, um bis zur Abreise nach Indien in Palästina derweilen;n können, Auf meine Bemerkung, daß während des Vortrages im Konzerthaussaal sehr viel .Hebräisch gesprochen wurde und ein großer Teil des Publikums jiidische Jugend war, erzählt Tagore, daß ihm schon längst ausgefallen sei, unter den Juden seine verständnisvoll st cit Zuhörer gefunden zu haben. In New-York habe ihn einmal ein Rabbi aufgefordert, für arme Juden, die sich keine Eintrittskarte leisten können, einen Vortrag zu halten. Tagore kam dieser Einladung nach und sprach in Brooklyn, in einem vollbesetzten Saal, zu jungen, zum größten Teil erst vor kurzem eingewanderten, russischen Juden. Das war seine begeistertste Zuhörerschaft. Mit einer Gebärde, wie zum Gebet, verabschiedet mich Tagore. In der Natürlichkeit, die um ihn ist, ruht seine Religiosität. l. th. Irr Kaiser der Sahara. Jacques Lebaudhs Besitz wird versteigert. Eine lakonische New-Yorker Meldung besagt, daß in New- York der „ungeheure Besitz von Humstead Plains", der auf 15 Millionen Dollar geschätzt wird, infolge der N i ch tzahlnng der Steuern verkauft wird. Diese Meldung ist das Finale eines großen Abenteurerschicksals des „Kaisers der Sahara", der in seinem bürgerlichen Leben der Zuckerfabrikant Jacques Lebaudy war. Die phantastische Expedition des reichen Zuckerfabrikanten nach der Wüste, wo er sein so vergängliches Reich gründete, hat seinerzeit ungeheures Aufsehen erregt, und man fragte sich, ob Jacques Lebaudy eine komische Figur oder ein größenwahnsinniger Narr sei. Man sah vielleicht zn viel von seinem äußerlichen, närrischen Getriebe und übersah, daß im Grunde dieses phantastischen Planes eine Idee verborgen war, die nicht der Größe entbehrte. Als er seine im Zuckerhandel erworbenen Millionen in sein phantastisches Unternehmen steckte, schwebte ihm der große Gedanke vor, die Wüste Sahara zn bevölkern, indem er alle Wasserquellen miteinander verband. Den großen Weg durch die Sahara wollte er durch eine im Zickzack laufende Straße ersetzen, weil er glaubte, das; um jeden der gebohrten Brunnen rfflie Stadt aufblühen müßte, und daß sich diese Städte zum grötcn und mächtigsten Reich der Erde erweitern würden. Er ging zuerst den Weg aller Entdecker, von Bureau zu Bureau, von einem einflußreichen Mann zum andern, und erntete überall Hohnlachen oder ein bedauerndes Achselzucken. Ein Minister gab auf eine Anfrage die kurze Antwort: „Wirhaben ihn den „Entdeckern" zugezählt. Nachdem er nun einmal als verrückt galt, sah JacqueS Lebaudy nicht ein, warum er nicht diesen Ruf ausnützen sollte. Man hielt ihn fiir wahnsinig und er kam der öffentlichen Meinung darin bereitwillig entgegen. Und so gründete er, halb aus Wut gegen seine Landsleute, halb aus dem Gefühl, den Eingeborenen imponieren zn muffen, sein Land mit der Hauptstadt, die er „Troja" nannte. Bald darauf wurde jedoch sein Lager von Arabern angegriffen, und die französische Regierung sah sich genötigt, sich um das Schicksal ihrer Untertanen zu kümmern, die von den Arabern in die Wüste verschleppt wurden. Schnell und unrühmlich war das Ende des Reiches, das das größte und mächtigste der Welt werden sollte. Der „Kaiser" lebte noch in dem Glanz seiner „Krone" in London, von einem großen Hofstaat umgeben, so lange die Millionen der Zuckerfabrik reichten. Hier machte er durch sein Gesinnungsgenossen und Freunde des Keren Kajemeth! Gedenket hei eurem WBi MacheiVeranstaltunaen Sommer auf enthalt des B ImCIJ wl ffl II Bl zu seinen Gunsten! Eami. Von Schalom Asch. La mi — ist kein Phon taste na me, und das, wovon ich erzählen will — ist keine Erfindung. Sami lebte in unserem Dorfe. Ein Junge von siebzehn Jahren — ein richtiger Dorfbursch. Er kam unter Bauern zur Welt uuö wuchs unter den Bauern auf, er sprach, er lebte, er dachte wie ein Bauer und mar über alle bäuerlichen Angelegenheiten im Bilde. Er wußte, was Iwan hat, was dem Iwan fehlt, was Iwan einmal haben und was er niemals erreichen wird. Weil aber Sami nicht der Sohn des Iwan, sondern der des Naphtali war, konnte er lesen, jüdisch und russisch, er konnte beten, ja — weil er eben Naphtalis Sohn war und nicht der des Iwan, las er sogar Zeitungen und wußte, ivas in ihnen steht: vonl Krieg und vom Frieden, vom Streik, vorn Aufruhr, von den Manifesterr und Pogromen. Und vor; allen jenen Vorkommnissen, an welchen unser heiliges Rußlarrd so überreich ist. „Ihr seid ganz ungebildet," sprach Sami oft zu den Bauern, „ihr wißt ja gar nicht, was in der Welt vorgeht. Dumnr seid ihr." „Ja, ja, — so ist es," stimmten ihm die Bauern bei, ,Mr sind noch sehr dumm. Erzähle uns doch mal rvas aus der Zeitung, was die gebildeten Herren da schreiben." Und nicht bloß in dem Dorfe, wo Samis Eltern wohnten,' war sein Name bekannt. In fünfzehn Dörfern ringsherum galt Sami als ein Gelehrter. Auf einmal ging durch das Dorf ein Gerede, .daß nran in den Städten die Juden verhaut. Und es kamen Bauern aus fünfzehn Dörfern zu Sann, daß er ihnen aus der Zeitung den Befehl des Zaren vor lese, in welchem steht, daß man Juden schlagen soll, drei Tage lang. „Geht nach Hause," sagte ihnen Sami, es gibt keinen solchen Befehl, daß man die Juden schlagen soll." Die Bauern ließen sich nicht gleich aLweisen; es hat doch geheißen, daß ein Befehl... sie standen da, libßen sich vom Sami nochmals alles erklären, standen herum und überlegten ... Schließlich meinte einer von ihnen, Sami selbst brauche ja keine Angst zu haben, ihn: würde bestimnit nichts geschehen. Aber Sami verstand mit ihnen" zu reden. Sie begriffen endlich, daß es einer; solchen Befehl nicht geben kann und ste gingen nach.Hause. Und Sanii wußte, daß er jetzt ruhig schlafen kann, daß seine Bauern keinen Juden anrühren werden. Und wenn fremde Bauern kommen sollten, dann werden schon seine Bauern denen heimleuchten. Und seine Ballern kamen wieder zu ihnr. Er möge doch einmal in der Zeitung nachschauen, was schon wieder im heiligen Rllßland vorgeht; nran redet von irgend einer Konstitution und daß die Bauern Boden bekommen werden. Und wieder mußte Sami ihnen erklären, was es mit der Konstitution an sich hat und wieviel Boden jeder Bauer zugeteilt bekommen wird."Die Ballern waren ihm dankbar und fern Ansehen wuchs. ,Ha, wenn wir Sami nicht hätten?" Da kam plötzlich ein „Vorsteher" aus der Stadt ins Dorf und mit ihm ein „Unteroffizier". Er brachte mit sich das Manifest vom 17. Oktober. Der Unteroffizier trieb die Bauern aus den fünfzehn Dörfern zusammen und las ihnen das Manifest vor. Die Bauern horchten, was da Vorgehen wird, dann ließen ste Sami kommen, damit er ihnen erkläre, was der da vorliest. Als er kam, stellten ste ihn auf ein Faß und baten chn, er selbst möge ihnen das Papier vorlesen und es ihnen erklären, denn sie glauben niemandem, nur ihm. Der Unteroffizier war beleidigt und er machte eine Anzeige bei seiner Vorgesetzten Behörde. Es dauerte nicht lange, kamen aus der Stadt zwei Gendarmen und ste forderten die Herausgabe dieses jüdischen Aufwieglers. Als das die Bauern hörten, benachrichtigten sie hievon Sami, sie kleideten ihn rasch in Bauernkleider und gingen zusammen mit ihm von Halls zu Haus, den jüdischen Aufwiegler suchen. Und seit dieser Zeit kommt jeden Montag ein Befehl aus der Stadt, man möge nicht aufhören, den jüdischen Aufwiegler Sami zu suchen, manchmal kommen auch Geheimagenten und Kosaken, und man sucht bis heute Sami. Sami, den Aufwiegler. Und alle helfen mit und sie finden ihn nicht. Denn was sollten die fünfzehn Dörfer ohne Sami. Deutsch von Grete Neufeld.

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