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Wiener Morgenzeitung · 1926-07-14 · Heft 2654 (14.7.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2654 (14.7.1926)
Date
1926-07-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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SM fl Dien. Mittwoch SfOtcttct MovgenzettuttA 14. «Jttrt 1S23 Vir. tföo4 Meder darr 8ud! Debatte im österreichischen Aattoaalral. KLUB RADIKALER ZIONISTEN Mente Mittwoch den 14. Juli um lja9 t/hr abends im Cafi Ailashef (Rtnblokal), 1. Bezirk, Aspernplatz Klubversammlung ö c g e n s t fl n d: „Das Krimprojekt und die Eri Weiterung der Jewish Agency “ j Referentr Dr. J. Waldmann Diskussion , Die Klubversamm’tingen finden jeden Mittwoch s'att. Erscheinen der Mltj giieder Pflicht, von Kiubraitgliederu eingeführte Zionisten, welche im Östet- J reichischen Landesverband organisiert sind, als Gäste willkommen. Friedrich Wiefer. Zu feinem 75» (£}e&u?tdto߀. Von Dr. Leo Goldhammer. Fast olle Gelehrten von Namen nnd Rang auf dem ttationalökonomischen und soziologischen Gebiete werden sich fieser Tage znsammensinden, um ihrem Meister. Lcbrer nnd (freund die Glücktvnnsche zu seinem 75. Geburtstage darzutringen. Bei diesem ganz seltenen Jubelfest darf die Stimme der jüdischen Akademikerschaft nicht fehlen: war ca doch Hofrat Wieser, der während des Krieges als einziger an der Wiener Universität sich fürsorglich der jüdischen Studentenschaft gnnahm! Es rann nicht unsere Absicht sein, an dieser Stelle eine eingehende Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen Wiesers vorzunehmen. Wir müssen uns darauf beschränken, auf einige Tatsachen hinzuweisen, die beachtet werden müssen, wenn die Persönlichkeit und das Werk Hofrat Wiesers erkannt werden sollen. Hoßrat Wiefer ist der einzige Ueberlebende desjenigen Kleeblattes, welches die -sogenannte „O e st e r r e i ch i s ch c Schul e" der Nationalökonomie geschaffen hat; denn was Karl Menger begründet,-Döhm-Bawerk ausgebant, hat Hofrat, Wiefer vollendet. Mit Recht konstatiert Schumpeter in seiner Arbeit über Menger, daß das Schicksal diesem bei der Durchsetzung seines Gedankens das seltene Glück zuteil werden ließ: die Bundesgenossenschaft zweier ihm ebenbürtiger Geister, die sein Werk unmittelbar auf gleichem Niveau originärer Kraft fortführen konnten. Das Charakteristische der „Oesterreichischen Schute" ist die sogenannte „G r e n z n n tz e nt h e o r i.e", wobei nicht unerwähnt bleiben darf, daß Hofrat Wiefer es war, der den Ausdruck „Grenznutzen" geprägt hat. Diese Theorie, besagt vornehmlich, daß der Wert aller Stücke eines Vorrates sich nach der Dignität des Einzelbedürfnisses bestimmt, das mit dem letzten Stuck des Vorrates gesättigt wird» Es hat demnach jedes Stück einen höheren Wert, das eincm höheren Grenznutzen hat, und umgekehrt jedes einen höheren Grenznutzen, das einen höheren Wert hat. Wenn also zwei Personen, die Zusammentreffen, jede eine andere Art von Gütern in einigen Exemplaren besitzt, so ist für jede von ihnen Grenznutzen und Grenzwert ihres eigenen Gutes viel kleiner als der, den sie dem fremden Gute beimißt. Darauf basiert die Möglichkeit des Austausches von der-' fchiedenen Gutem. .Es muß nicht besonders hervorgehoben werden, daß diese Theorie, die die wirtschaftlichen Erscheinungen aus den Handlungen der einzelnen Individuen und beziehungsweise aus dem von diesen Individuen mit ihren Handlungen verbundenen.Sinn zu erklären sucht, vielfachen Angriffen ausgesetzt war. Hofrat Wieser war es, der in seinen durch strenge Sachlichkeit und unermüdliche Denkkraft ausgezeichneten, zahlreichen Aufsätzen und Abhandlungen zur Festigung, zum Aushau und zur Vollendung dieser Theorie beitrug. Der Jubilar ist auch der Schöpfer des sogenannten „Wieserschen Gesetzes", wonach nicht die Kosten der Herstellung eines Gegenstandes, sondern der Nutzen des verfügbaren Gütervorrates den endgültigen Bestimmungsgrund der Wertschätzungen bilden, auf Grund deren sich sodann die Preise ausarbeiten. c In seinem im Jahre 1914 erschienenen, vor wenigen Jahren neu aufgelegten Werke „Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft" hat Hofrat Wieser seine Gedanken, die in den Aufsätzen und Abhandlungen zerstreut waren, zu einem einheitlichen System zusammengefaßt. Man kann auch manchmal die Ansicht hören, daß, ebenso wie die anderen Anhänger der „Oesterreichischen Schule", auch Hofrat Wieser ganz weltfremd sei. Es genügt zur Widerlegung dieser Ansicht, daß man auf seine Tätigkeit als Handelsminister, die durch den Zusammenbruch der Oesterreichisch-ungarischen Monarchie ein jähes Ende fand, hinweist, ferner auf seine systematische Darstellung des österreichischen Gebührenrechtes sowie auf seine Abhandlungen über Währungs-, Steuer- und Wahlrechtsfragen. Schließlich sei auch noch daS an dieser Stelle bereits gewürdigte, in diesem Jahre erschienene soziologische Werk Hofrat Wiesers „Das Gesetz der Macht" erwähnt, in welchem er die gesellschaftlichen Herrschafts- und Machtvevhältnisse mit überlegener Erfahrung darzustellen weiß. Man muß auch seiner Lehrtätigkeit gedenken, die uns allen, die wir ihn hören durften, feine unvergeßliche Erinnerung ist. .ES soll daher nicht als eine konventionelle Redensart angesehen werden, wenn wir an diesem seinem Ehrentage ihm wünschen, noch viele Jahre in derselben geistigen und körperlichen Frische zu erleben, zum Nutzen der nationälökonomischen Wissenschaft, Die ungemütliche Situation im Parlainent erhellt schon daraus, daß selbst bei dev nichtigsten Anlässen die Leidenschaften aufeinander prallen und wüstes Geschrei das Haus erfüllt. Für gestern war die Wähl des Untersuchungsausschusses in der Zentralbankaffäre angesetzt. Vorher wurde eine Ersatzwahl in den Verfassnugsausschuß für das durch den Tod des Richters N eum an n-Et t enreich erledigte Mandat durchgeführt. Diese ganz belanglose Sache war Ursache von Krawallszenen, die sich wiederum um das Wörtlein „Jnd'" drehten. Die Sozialdemokraten schicken anscheinend immer bei Dingen, deren Vertretung ein gewisses Maß von Gehässigkeit vorausgesetzt oder von denen man erwarten muß, daß sie von der Mehrheit nicht ruhig hingenommen werden, jüdische Abgeordnete in die Debatte. Tr. Danneberg, der Hansisraelit des sozialdemokratischen Verbandes, hatte nun gestern den Auftrag erhalten, gegen den Wahlvorschlag der Christlichsozialen, die in den Verfassungsgerichtshof den ehemaligen Marktamtsdirektor der Gemeinde Wien, Dr. Wanschnra, entsenden wollten, aufzutreten. Dr. Tanneberg erinnerte nun daran, daß Wanschnra seine Karriere beim Wiener Magistrat als «in treuer christlichsozialer Wahlgehilfe des Herrn Pawelka gemacht habe und an allen Dingen, die in dem berüchtigten christlichsozialen Wahlkataster begangen worden sind, Anteil habe. Nur weil er ein guter Christlichsozialer sei und weil die Christlichsozialen das Bestreben hätten, die Verwaltung so zu verludern, wie die Gerichte, sei er in Vorschlag gebracht worden. Diese Ausführungen Dannebergs quittierten die Christlichsozialen mit Pfuirufen und der Christlichsoziale Dr. Tostal rief: Indische Frechheit! Die Sozialdemokraten antworteten mit großem Lärm und Bukarest, 13. Juli. (I. T. A.) Die letzten Sitzungen der rumänischen Kammer standen im Zeichen des antisemitischen R a d a u s, den der Antisemitenführer Professor Cuza, bczichungsweise seine Elfmannersraktion, durch Reden, Demonstrativanträge und Zwischenrufe verursachten. Die Mehrheit der Kammer unterstützt diese antisemitische Offensive, die sich zum großen Teil gegen die gesamte Opposition auswirkt, um auf diese Weise die Klagen der Opposition wegen der Wahlmißbräuche in den Hintergrund zu drängen. Als in der heutigen Sitzung der Abgeordnete des Wahlkreises Chotin, Betzianu, schwere Anklagen wegen Wahlmißbräuche der Behörden vorbrachte, rief Cuza: „D i e Juden haben kein Recht, zu wählen, sie sind Fremde." Als sich-Betzianu auf die Verfassung berief, schrie Cuza und seine Leute: „Wir werden die Verfassung schon so e i n r.i ch t e n, daß die Juden als Fremde zu gelten haben. Schon die alte Verfassung hatte den Artikel 7, der die Juden von Bürgerrechten ausschloß. Wir werden noch weitergehen." In der.Nachtsitzung hielt der Cuzist Dr. Valerian Pop eine antisemitische Hetzrede und griff die jüdischen Deputierten an. Er sagte, in Transsylvanien seien die Cuzisten in ihrer Propaganda gestört worden. Das Abkommen' der Regierung mit den Juden bedeute eine schwere Sünde gegen das Bäte r l a n d. Hier rief ein M i n i st e r dazwischen: „Wir haben mit den Juden niemals ein Abkommen geschlossen!" Abg. Pop sagte: -Was wir brauchen, i st, e t n Diktato r: Alle lateinischen Länder hatten Diktatoren. Jetzt hat Italien seinen Mussolini. Auch dem rumänischen Volk wird ein Diktator erstehen! Hier machte der Abgeordnete eine Wendung gegen Innenminister G o g a, der von den rumänischen Faszisten gestützt wird, wobei die Mehrheit des Hauses in Beifall ausbrach. Diese Wendung in der Rede des antisemitischen Abgeordneten war ein Dank für die vorhergegangene Rede Gogas, in der der Minister sich zu offenen antisemitischen Aeußerungen und zu Beleidigungen der jüdischen Journalisten im Parlament Hinreißen ließ. Dr. Gbiier über die Vorfälle in Telenesti. Wie schon mitgeteilt, hat ein antisemitischer Lehrer im beßarabischen Städtchen T e l e n e st i die jüdischen Kinder seiner Klasse in einen engen Raum gesperrt, Feuer in den Kamin gelegt, ohne das Abzugsrohr zu öffnen. Die besorgten Angehörigen befreiten die' Kinder vor dem sicheren E r st i ck u n g s t o d e; einige der Kinder hatten bereits das Bewußtsein verloren. Die Angehörigen verprügelten dann den Lehrer und wurden deswegen verhaftet. Im Parlament stellten die Cnzisten die Sache so dar, daß die Juden ein M o r d a t t e n t a t auf den „unschuldigen" Lehrer vorbereitet hatten und forderten eine Untersuchungskommission. In der Kammer erklärte der jüdische Deputierte Doktor Mayer Ebner, er schließe sich der Forderung der Cuzisten nach einer parlamentarischen Enquete an und verlange, baß zur Sicherung der Unparteilichkeit auch ein Vertreter der jüdischen Bevölkerung in die UntersuchungskoMmission gewählt werde. Die Juden hätten das größte Interesse an einer unparteilichen Feststellung. Irr MaroNovertrag unterzeichnet. Parts, 13. Juli. Primo de Ribera wurde heute vom Präsidenten der Republik, D o u m e r g u e, empfangen, dem er in Namen der spanischen Negierung das Halsband des Ordens vom Goldenen Vließe überreichte. Darauf begab er sich in dqs Ministerium des Aeußern, wo sänitliche Mitglieder der französischen Wd hex spanischen Maiokkotzelegatlog versammelt drohten mit Handgreiflichkeiten. Danneberg Meinte nun, die Christlichsozialen mögen über die Bankjuden schimpfen, die die christlichsozialen Banken anshalten und ihnen das Geld für die verkrachten Wiener Banken geben. Nun mischte sich auch die Galerie in die Verhandlungen ein. Danneberg rief: Die Hausantisemiten der Bankjuden hätten kein Recht mehr, sich hier als Antiseiniten anfzuspiclen. llnter unausgesetztem Lärm, aus dem nur soviel zu vernehmen war, daß Mehrheit und Minderheit die Juden irgendwie mit der Wahl des Herrn Wanschnra in Verbindung bringen wollten, beendete Danneberg feine Rede. Tann sprach der Christlichsoziale Dr. Kienböck, der den Sozialdemokraten zu bedenken gab, daß sie die Republik untergraben, wenn sie . gegen den christlichsozialen Wahlvorschlag Bedenken äilßern. Dar nahm die Linke natürlich auch nicht ruhig auf und warf der Mehrheit in Zwischenrufen Defraudation von Steuergeldern zugunsten der Zentralbank vor. Der Sozialdemokrat L c u t h n e r führte als Beweis dafür, daß Dr. Wanschura für einen Richter des BersassnugsausschusseS nicht der geeignete Mann sei, den Umstand cm, daß der Präsident des Versa ssungsgerichtshofcs in eigener Person beim Bundeskanzler erschienen sei, um ihm Vorstellungen zu machen, damit er verhindere, daß Tr. Wanschura in den Vcrfassungsgerichtshof ausgenommen wurde, weil durch diesen Mann das Niveau des Gerichthofes herabgedrückt werde. Selbstverständlich wurde Wanschura mit den Stimmen der Großdeutschen und Christlichsozialen zum Mitglied des Verfasiungsgerichtshofes gewählt. Die nächste Sitzung des Nationalrates wird in schriftlichem Wege einberusen werden. waren. Um 1 Uhr mittags wurde der Marokkovertrag, an dem auf Wunsch der spanischen Delegation noch in letzter Stunde eine Aenderung vorgenomen worden wa-r, von Primo de Ribera und Briand unterzeichnet. Der Text des Abkommens soll heute abends bekannt gegeben werden. Nach der Unterzeichnung des Vertrages teilte Ministerpräsident Briand mit, daß im Einverständnis mit der spanischen Regierung die Insel Reunion, die 700 Kilometer östlich von Madagaskar im Stillen Ozean liegt, z-nm künftigen Aufenthaltsorte A b d e l K r i m s bestimmt wurde. Der spanische Diktator, Briand, - Finanzrninister C a i l l a u x, der kurz vorher im Flugzeug aus London zurückgekehrt war, sowie aridere Minister und Unterstaatssekretäre nahmen daraus an einem vom Kriegsminister Guilleaumat Air Feier der französischen Nation gegebenen Dejeuner teil. .Die Deportation de» Priistdenten von Portugal. Paris, 13. Juli. Im Gegensatz zu den Gerüchten, daß die Bemannung des . portugiesischen Kreuzers „Carvalho Auraulo" gemeutert und den zur D e p o r t a t i o y nach den Azoren bestimmten General da Costa in Oporto gelandet habe, worauf fünf Divisionen zu da Costa übergingen, besagt eine offizielle Mitteilung des Marmeministeriums in Lissabon, daß der Kreuzer „Carvalho Auraulo" seine Fahrt nach den Azoren befehlsgemäß fortsetze. Ungarische Wahlen. Budapest, 13. Juli. Bei der Ersatzwahl im Bezirk von B i h a r - K e r e s z t e s wurde der Kleinlandwirt Karl H e g y e s i mit dem Progranrm der Einheitspartei mit 1132 gegen 1050 Stimmen des oppositionellen Kandidaten Ludwig S z i l a g y i zum Abgeordneten gewählt. Die Wahl dürste ein parlamentarisches Nachspiel finden. Der oppositionelle Kandidat Szilagyi wurde nämlich, als er gegen den Terror der Wahlmacher des Regierungskandidaten protestierte, von Gendarmen f e st g e n o m m e n und kurzer Hand aus dem Bezirk abgeschöben. Szilagy beabsichtigt, nun, die Einberufung einer außerordentlichen Sitzung der Nationalversammlung herbeizuführen, um die skandalösen Vorkommnisse bei der Ersatzwahl zur Sprache zu bringen. Der Rakofi-Prvzeß. Budapest, 13. Juli. In der heutigen Verhandlung des Komnmnisienprozesses wurde die Einvevnahme des Angeklagten Rakoft fortgesetzt. Rakoii erklärte, er wolle sich nicht verteidigen. Auf eine Anfrage des Präsidenten gab der Angeklagte an, daß das Endziel der Bewegung die Ausrufungder R ä t ediktatur war. Keineswegs aber habe er für die Organ isievung der ungarischen Kommunisten größere Geldbeträge empfangen. Der Angeklagte Ignaz Gögös, der der Finanzmann der ganzen Aktion war, will sich vor dem Gericht über die Geldbeträge, die er erhielt und verausgabte, n i ch t äußern und erklärt, die Aeußerungen, die er vor'der Polizei darüber machte, seien ihm durch die gröbsten Mißhandlungen abgepreßt worden. Er mußte alle Fragen der Polizei mit Ja beantworten, da er sonst die heutige Haupiverhandlung überhaupt nicht erlebt hätte. Auch Katharina Hamann gibt an, daß der Zweck der Aktion die Schaffung einer legalen kommunistischen Partei in Ungarn war, daß über die Endziele überhaupt nicht gesprochen wurde, zumal die Aktion noch im Eniwicklungsstadium anfgedeckt wurde. Die Verhandlung wird sodann auf morgen vertagt. 8uza und Toga

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