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Wiener Morgenzeitung · 1926-07-11 · Heft 2651 (11.7.1926) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2651 (11.7.1926)
Date
1926-07-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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©effe 6 Wien, Sonntag Wiener MotMttzettttns 11. Kuli 1926 F Nr. 2681 Las Archiv über Petljma. Sin Gespräch mit dem Gründer der historischen Pogromarchivs Herrn 8. Tscherikower. Das Archiv des Mdischen Märtyrertums in der Ukraine. — Einzelne Fälle von Petljuras Schuld. — Ist Samossenko erschossen worden? — Tie Franzosen und die Ukrainer. — Die sechs jüdischen Vtttglieder der ukrainischen Regierungen: Silverfarb, Layki, Krayni, Margottn, Rewutzki und Goldelmnnn. — Die Lüge von Schlvarzbarths Kommunismus. (Von unserem Berliner I. K.-Korrespon-cnten.) Bor einigen Jrchren war au§ Rußland das historische Archiv Mit dem Material über die Petljuraschen, Denikinschen und andere Pogrome nach Berlin gebracht worden. Alan konnte sich damals, zur Zeit der U ober sich ru ng, noch nicht ganz klar vorstellen, welche bedeutende Rolle diesem historischen Archiv beschert sein wird. Das Archiv Mrrde ausschließlich zu historischen Studienzwecken gegründet — wer konnte Voraussagen, daß es einmal berufen sein wird, unentbehrliche Dienste von horvorragender Bedeutung in einem Prozeß zu leisten, den die gesamte jüdische Welt mit spannendem Interesse erwartet, wie dies der Fall im Prozeß Schwarzbarth ist? Es unterliegt feinem Zweifel, daß das Archiv diel Material zur Verteidigung Schwarzbarchs wird liefern können. Dieses historische Archiv ist sicher die beste Quelle zur Beleuchtung der tragischesten Ereignisse in der Ukraine; diese unschätzbare Sammlung, die seinerzeit mit so viel Mühe nach Berlin gebracht und hier mit Liebe und Hingabe bearbeitet worden ist, stellt heutzutage das eigenartigste und interessanteste historische Archiv dar, das nicht nur von den Pogromen, sondern auch aus der neuesten Geschichte der Juden in der Ukraine viel zu erzählen hat. Hier sind sämtliche, von den jüdischen Gemeinden und dem jüdischen nationalem Sekretariat in der Ukraine gesammelten Meldungen und Protokolle enthalten. Hier sind auch das Material des Hilfskomitees Kope, des Roten Kreuzes, verschiedene Privatsammlungen, Ausschnitte aus der gesamten Presse der Pogromjahre in ukrainischer, jiddischer und russischer Sprache, die Literatrnc, die Verordnungen, Rundschreiben, Lichtbilder und Zeugenaussagen konzentriert. Die historischen Bände, die das Archiv herauszugeben begonnen hat (der erste Band von Tscherikower ist erschienen, der zweite ist voll gesetzt), geben einen orientierenden Begriff über den Chaaakter der Petlfura-Regievung im Zusammenhang mit dem „Powstantschestwo", über die Beteiligung der Petljura-Truppen an verschiedenen Pogromen, über die Straflosigkeit der Schuldigen, übsr die unzähligen Interventionen jüdischer und nichtjüdischer Abordnungen bei der Negierung und bei Petljura. Auch viel noch unveröffentlichtes Material über die Beziehungen Petlju-ras zu seiner Umgebung und zu den Pogromen ist da vorhanden. Alles dies sollte schon längst in einer Reihe von Büchern veröffentlicht werden. Leider i't dies wegen Geldmangels bis jetzt nicht geschchen. Angesichte des Schwarzbarth-Prozesses ist es besonders zu bedauern, Ixif? diese Arbeit nicht schon längst zu Ende geführt ivorden ist. Hoffentlich wird jetzt alles nachgeholt ^vcvt>en. Ich wandte mich an Herrn Tscherikower, dem Gründer und unermüdlichen Leiter des Archivs, und fragte: „Ist es wahr und nachweisbar, daß Petljura selbst Pogrombesehle erlassen hat?" — „Ich glaube nicht daran", war die Antwort, „meiner Ansicht nach ist das eine Legende. Das ist aber auch unwichtig, es ist Unsinn, gerade solche Dokumente mit Petljuras Unterschrift zu suchen. Im allgemeinen muß ich sagen, daß es zwei falsche Richtimgeri sind, die sich anläßlich des Schtvarzbarth-Prozesses bemerkbar machten. Einerseits kam die Tendenz znm Borschein, den geistigen Zustand des Täters zu prüfen. Das ist sicher ein falscher Weg, der mit dem Problem selbst nichts $u tun hat. Uebrigens bewies bereits die Expertise, daß S ch w a r z b a r t h gesund ist und die volle Verantwortung für seine Tat trägt. Bon der zweiten Seite versucht man die Untersuchungen dahin zu lenken, daß nach direkten Pogrvnwerordnnngen Petljuras gesucht wird. Diesen Weg gehen, heißt, keine Ahnung von den Ereignissen in der Ukraine zu haben. Dieser Unsinn käme noch deutlicher zum Vorschein, wenn man sich dessen bewußt wäre, daß sogar solche Pegromanstifter, wie Grigorjew und der Ataman (Ansühror) Struck — von denen man unzweifelhaft weiß, daß sic grauenvolle Blutbäder unter den Juden angerichte! -haben —, daß sogar diese Mörder keine P o g r o m f l u gschriften ausgegeben haben. Das Archiv hat in seinem Besitz Tausende von Dokumenten, doch ist darunter mvr eine Proklamation einer unbedeutenden Bande, die einen direkten Pogromaufrus darstellt. Bei der zu jener Zeit herrschenden chaotischen Atmosphäre genügte jede Andeutung, jede Anspielung, um .zu einem Pogrom zu führen. Es genügte zum Beispiel zu schreiben, daß bei Inden Waren vorrätig sind und bei Christen wicht, damit ein Pogrom entstehe. Es ist gar nicht notwendig, Petljuras Unterschrift auf Hetzdokumenten zu suchen, die Hauptsache ist, daß Petljura über die Pogrom e d c -r u k r a i n i s ch e n A r m e e unterrichtet war. Es konnte auch nicht anders sein, weil znm Beispiel bei dem System der Verproviantierung, das eie ukrainische Regierung eingeführt hatte, die jüdischen Städtchen untergeben mußten. Dieses System bestand darin, daß das jüdisch« Städtchen die Truppen ernähren soll, daß Juden Kontribution zahlen sollen, datz jüdische Geiseln genommen ' werden sollen... Taboi drohte man mit den schlimmsten Folgen, wenn diese Forderungen nicht ausgeführt rrvrden waren. Das bedeutete — bewußt Pogrome zu organisieren. ( „Welche kon treten Fälle von Exzessen", fragte ich weite-' Herrn Tscherikower, „könnten Sie als Beweise für Petljuras direkte Schulst» anführen?" . „Dieser Fälle ist eine ganze Menge. Bände könr^ ten darüber geschrieben werden. Wenn Tie es gerade wünschen, kann ich einige ermähnen: { Das Direktvriumsmitglicd Andrcjewski, das Petlrjnra sehr nahe stand, nahm teil an dem sogenannten militärischen Zentrum, das die Pogrome in Schitomir und in Berditschew organisiert. Der Chef der politischen Polizei, Kowenkv (man hat ihm den charakteristischen Namen gegeben: Chef der Tschcka), beteiligt sich an den genannten Pogroincn und erklärt später vor R eö w u tz k i und G ü t c r m a n n: j „Wir haben geschlachtet und werden schlachten." Diese schauderhafte Tatsache wird auch in deni Protokoll einet dritten Person, des Ministers K ra ß n i, bestätigt. P a l i e n k o, der die Pogrome in S ch i t o m i r u n d in Berditschew angarichtet hat, war der Chef der besten Militärabteilnng Petlsirras, des sogenannten „Kürenj smerti" (Todesrcgiment). (Er ist, wie berichtet, zurzeit in Berlin und will beim Prozeß gegen Sch.varzbarth als Ion ge auftreten. — Red.) - Der Ausschuß für die Untersuchung des zweiten Pogronis in Schitoniir im Jahre 1019, bei bent über 400 Juden hingeschlachtet wurden, stellte fest, daß der Hauptschuldige der Garnisonsches Petrow sei. Später wird er bei Petljura Kriegsminister. Petljura selbst hält sich mährend des Schitomirer Pogroms ans dem Bahnhof auf. Eine Abordnung von J'U'den und Christen begibt sich zu ihm, wird aber nicht empfangen, wobei der Chef der südwestlichen Front, O s' k i l k o, erklärt, Petljura habe keine Zeit. Im Jänner 1919 gibt Wlnnilschenko den erregten jüdischen Abordnungen die Versicherung, daß der Ataman Angell, der besonders grauenhafte Morde ans der Bahnlinie um Tschernigow angerichtet hat, bereits erschossen wurde. In seinem unlängst erschienenen Buche erklärt Winnitschenko, daß er im Sornffler-Räumungsveritauh WEGEN UMBAU UND VERGROSSERUNG im führenden Leopoldstädter Warenhaus Brüder Schiffmami, II. Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 Telephon 43-408 Wir müssen unsere Lagervorräte an Sommerwaren anläßlich des Umbaues und der Vergrößerung unserer Verkaufsräume abstoßen und veranstalten daher einen ungewöhnlich billigen Räumungsverkauf sämtlicher SeidenWasch- und Wollstoffe für Kleider und Kostüme, Waschwaren, Damen- und Herrenwäsche, Mode- und Badeartikel Qualitätsware! Der gewaltige Kundenzustrom und die wachsende Popularität unseres Kaufhauses beweisen unsere besondere Leistungsfähigkeit Großer Umsatz — Kleiner Nutzen! 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