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Wiener Morgenzeitung · 1926-07-04 · Heft 2644 (4.7.1926) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2644 (4.7.1926)
Date
1926-07-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Kr. 3644 Wie», Sonntag 4. JMl IWV ««MM Petljuras Schuld und LerantwortMeit. Me« und Ukrainer. — Rararnkr Sharatteritzik de« Sdeeatamaa« «nd sei«yr Umgebung. Ter Jude Schalonr Schwarzbarth hat sein Leben eingesetzt, um an Semjon P e t l \ u t a, dem Oberataman der Ostukraine, die nach vielen Zehntausenden zählenden jüdischen Opfer der Pogrome zu rächen. Die Stellungnahme des Judentums zur Gewalt und Wiedervergeltung ist bekannt. Ebenso klar sind die Motive der Tat Schwarzbarths. Der Versuch der Ukrainer, den Fall zu verdunkeln, ist geeignet, Unheil zu stiften und beide Völker, Juden und Ukrainer, in einen zumindest jüdischerseits ungewollten Gegensatz zu bringen. Mall ist bemüht, Petljura zum Nationalhelden zu stempeln. Man ist bestrebt, Schwarzbarth Bolschewismus in die Schuhe zu schieben. Wir begreifen, daß cs den Ukrainern peinlich ist, wenn die Schüsse in Paris dazu den Anlaß geben, daß das Bild einer der. blutigsten Tragödien aus der jüdischen Geschichte in einer, Gerichtsverhandlung vor der ganzen zivilisierten Welt abgerottt werden wird. Es ist anzimehmen, daß die Mehrheit des ukrainischen Volkes die Pogrome nicht wollte, daß die Intelligenz der Ukraine, der gesunde Teil der Nation diese Untaten verdammt, daß sich die Ukrainer ihrer schämen. Auch wir -haben in diesen schrecklichen Monaten gewiß nicht übers Notwendige hinaus angeklagt, wir haben keine Gelegenheit gesucht, um Wunden aufzureißen, die mit der Zeit vernarbt wären. Heilen können die ja kaum. Schwarzbarth hat niemanden gefragt. Aber seine Tat ist geschehen, und da heißt cs ruhig und sachlich Tatsachen feststellen, Tatsachen den Bemühungen, Geschichte zu fälschen, entgegensetzen. Es ist nicht -unsere Sache, für andere zu denken. Wir haben 'unserer eigenen Sorgen genug. Doch glauben wir, daß die Ukrainer mit ihrem Beginnen wideerum im Begriffe sind, selbst ihre Sache schädigen. Das Verhältnis der Juden zu ihrem Selbstättdigkeitsdrauge, zu ihren nationalen Bestrebungen ist bekannt. Doch geht es nicht an, daß gedroht wird, wenn die Tatsache des schrecklichen Blutbades, der Schuld Petljuras behauptet und bewiesen wird. Im Bollbewstßtsein unserer Verantwortlichkeit und der JfrogtöciOc des hier gesprochenen Wortes müssen wir das Wü^re sagen und versuchen, die Angelegenheit in die richtige Bahn zu bringen. . Je länger die hier gekennzeichnete Propaganda dauert, um so mehr wächst die Gestalt des O b e r a t a m a n s in das Heroische; er wird zum Träger der gesamten ukrainisch-natio- . nalen Ideen. Zur gleichen Zeit aber tritt das, was er getan, was an den Juden getan.worden ist, in den Hintergrund. In einer planmäßigen Propaganda wird die Welt und in die ukrainischen Massen die Ansicht hineingetragen, daß das Judentum, das jüdische Volk, einen Mann ausgesandt habe, um Petljura für eine angsdichtete Schuld zu bestrafen. In «der Ukraine sind zu her Zeit, als Petljura in -der Ausübung der vollsten Macht stand, viele, viele, Zohntausende von Juden, sind jüdische Männer, Frauen und Kinder niedergemetzelt worden. Aber wenn man die Aussätze der ukrainischen Zeitungen, die Reden der ukrainischen Politiker liest, dann gewinnt cs den Anschein, als ob diese Massenmetzgereien a b.g el c u g ne t werden zu dem Zweck, das jähe Ende des Atamans als das Resultat eines gegen die nationale ukrainische Idee gerichteten Aktes des Judentums hinzustelleu.' Die Führer der Propaganda wissen sehr wohl, daß eine solche Annahme der Logak der Geschichte ins Gesicht schlägt, denn das jüdische Volk kann niemals gegen ein anderes Volk sich vergehen, es h'atdres noch n i c g e t a n und es hat nie gegen das ukrainische Boy und seine Freiheitsbestrebnngen Stellung genommen. Dw ukrainischen Führer stehen im'Begriffe, ihre vielen Fehler gegen die politische Psychologie noch zu vermehren, aus der blutigen Frage der Pogrome eine Frage der ukrainischen Nation zu machen. I, Versucht mau cs, unbefangen und unabhängig von den wirren Ereignissen des Tages, den Standpunkt dieser ukrainischen Führer zu analysieren, so ergibt sich als. Zentrum ihrer Argumentation, daß in der Ukraine keine Pogrome in dem von den Inden, behaupteten Umfang stattgefunden haben, daß, wenn diese Pogrome sich tatsächlich ereignet haben, die Inden den Anlaß gegeben haben, daß verantwortliche ukrainische Personen an diesen Pogromen nicht teilgenommen haben, und baß schließlich für alle Falle der Oberataman Petljura mit den Pogromen in. keiner Verbindung gestanden ist. Bei diesen Metzeleien sind ganze jüdische Gemeinden ausgerottet worden. Die Massakers sichen in der an solchen Ereignissen wahrlich nicht armen jüdischen Geschichte ohne Beispiel da und können nur noch mit den Schlächtereien W ukrainischen Atamans Bohdan Chnuelnitzkyj verglichen werden, die in denselben Gegenden am Ende des 30jährigen Krieges vorgefallen sind. Die nach der Revolution aus dpr Ukraine nach dem Westen gebrachten Archive mit ganzen Schränken voll beweiskräftiger Dokumente und Protokolle, hie jüdischen Minister, Publizisten, die große Schar der jüdischen Flüchtlinge, die sich nach Mitteleuropa retten konnten, sind Zeugen der grausigsten Einzelheiten jener Tage und der übsspgroßen Schuld des Atamans, der damals der mächtigste Mann in der Ukraine war. Die Behauptungen über Petljuras ' Schuld und Verantwortlichkeit finden guch ihre Bestätigung von ukrainischer Seite. Ten bisher van uns veröffentlichten Aeußerungen Mudrijs, Winnit^enkos und O kuniewskis können wir hier eine der gewichtigsten Aussagen anschließen, die ebenfalls aus dem ukrainischen Lager stammt. Dr. Osyp Nazaruk, zur Zeit der österreichischen Monarchie Angehöriger der radikcck-ukrainischen Partei OstgalizienH war Minister in der Großukraine. Er gehörte dem Kabinett än, über welchem das Direktorium mit Winnitschenko als Pr§sidenten und Petljura als Mitglied und Oberkommandierenden stand. Nazaruk konnte die Ereignisse aus der nächsten Mhe und als führender Politiker beobachten. In seinem im Jahre 1920 in Wien erschienenen Erinnerungen „Ein Jahr inrder großen Ukraine" finden wir eine Stelle, die wir hier folgest lassen und der man volle Beweiskraft wird zubilligen müssen: „In dieser Zeit bewegten mich tief Nachrichten über Pogrome. Solche Meldungen zirkulierten noch zur Zeit, als wir in Kiew waren und als sich die Lage unserer Armee zu verschlimmern begann. Dies führte zu der in allen geschlagenen Armeen sich zeigenden Stimmung, welche für alles nach schuldigen" sucht. Die Regierung war machtlos und Winnitschenko zeigte sich sehr beunruhigt wegen der Erregung, welche sich überall geltend zu machen begann. Ich berief in W i n n i tz a die Vertreter aller jüdischen Parteien und des Gemeinderates zu einer Versammlung, um zu beraten, wie ein Unglück verhindert werden könnte. Ich habe Aufrufe und Aufsätze geschrieben und Vorträge gehalten. Am meisten wirkte das Argument, daß die Pogrome das Wirtschaftsleben in der Ukraine , zugrunde richten, daß sie die Lebensmittelversorgung der Armee unmöglich machen und den Ausbau der ukrainischen Staatlichkeit verhindern. Es wurde mir gesagt, daß dieIuden den Bolschewismus organisieren und daß sie oft ukrainische Formationen im Rücken angreifen. Ich erwiderte, daß sich unter den bolschewikischen Aufständischen überall zehnmal mehr Ukrainer als Juden befinden; auch hatten die jüdischen Frauen und Kinder, die abgeschlachtet wurden, den Bolschewismus nicht organisiert. Einen besonders traurigen Eindruck machten auf mich die Folgen des Pogroms in Proskurow. Ich war dort einige Tage nach der vollbrachten Untat: ganze Straßen leer. Augenzeugen erzählten mir, daß die Mörder aus den Häusern kamen, die Hände bis zu den Ellenbogen mit frischem Blut besudelt." Die ukrainische Agitation zeigt sich bemüht, den Oberatamän Petljura als eine über dem Streit der Parteien stehende Kristallisationsfigur aller ukrainisch-nationalen Ideale ins Licht der Verklärung zu rücken. Das ist ein falsches Beginnen. Petljura war eine der umstrittensten Persönlichkeiten und er konnte zu keiner Zeit als.der Repräsentant der gesamten Nation'gelten, wurde auch nie als solcher betrachtet. Welche Meinung über ihn herrschte, darüber ist wieder Nazaruk zu hören. Er hatte mit dem Chef der französischen Mission in Odessa, dem Obersten Frendenberg, Verhandlungen begonnen, mu konkrete Beziehungen herznstellen. Der Oberst antwortete Nazaruk, daß die französische Armee mit Petljura als einem Bandenführer nicht kooperieren könne. Bon höchstem Interesse aber ist die Charakteristik, welche Nazaruk von Petljura und seiner Umgebung entwirft. Petljüras Vorbildung: irgend ein russisches geistliches Seminar, später.kurze Zeit außerordentlicher Hörer der Lemberger philosophischen Fakultät. In einer regulären Armee hat er nie gedient, hat also auch nie einen höheren Rang besessen. Mit der Zeit haben sich fast alle Menschen mit Verstand und Selbstachtung von chm zurückgezogen und es blieben nur zwei oder drei Menschen, mit denen man sprechen konnte, aber auch diese konnten es in dieser Atmosphäre kaum aüshalten. „Ich weiß dies", sagt Nazaruk, „von einen: dieser Männer, der sich einigemal bei mir beklagte, wobei ich ihn immer zu bestimmen suchte, er möge solange als nur möglich bleiben." Die übrige Umgebung Petljuras lebte in einem prätorianischzäsgristrschem Wahn, so daß jeder Verkehr mit ihnen unangenehm war. Es waren Menschen mit geringer Bildung, aber ungeheurer Einbildung — Quadratschädel, Mannequinköpfe, an die schade war, ein Wort zu verschwenden. >,Es ist nur eine Legende, daß Petljura eine dauernde Popularität bei den ukrainischen Massen genossen hätte. Äese Legende kommt aus zwei Quellen, aus staatlichen Publikationen und aus dem Umstande, daß die Bauernschaft unter dem Drucke der bolschewikischen Requisitionen zu sagen pflegte: „Ach, wenn doch Petljura käme!" So oft aber Petljuras Militär irgendwo erschien, wurde uns sofort mitgeteilt, daß die Bauern fragten: „Wer rvählt ihn zum Petljura?" (Die Bauern betrachteten den Namen als die Bezeichnung einer Würde.) Auch in den nächsten Orten hatte ich selbst die Gelegenheit, von de» Bauern zu hören: „Ach, wenn doch jemand käme, auf den wir hören müffen!" und Aehnliches mehr. Es wurden auch auf den Straßen Personen verhaftet, die im Streit einander als Borwurf zugerufen hatten: „Wozu hast du dich mir angehängt wie Petljura der Ukraine?" „Dieser Ansicht", sagt Nazaruk weiter, „waren alle vernünftigen Menschen, denen ich diese Charakteristik vorgelegt habe, ehe ich sie veröffentlichte, damit nicht anf mich allein die Verantwortlichkeit falle für die Folgen der von mir geäußerten Wahrheit. Uebrigens — Zweiklasslge Privat Wien, IX., Hürlgasse 12 / Zweijährige und einjährige Tageshandelakurse, Abiturientenkurse (dreimonatig), Stenographie- und Maschinschreibkurse Schnlinhabung: Direktor Emst Deniith 690 ständig gerichtlich beeideter Sachverständiger Fernruf 17-2-38 ich hübe nicht alles gesagt, was ich sagen hattekonne n." ,^Jm Ministerium saßen in der Mehrzahl Leute, welche auch für eine gewöhnliche Tätigkeit unfähig vmreu. So manchen von ihnen hätte man noch in die Schule schicke» müssen, damit er sich wenigstens die allgemeinen Kenntnisse eines Beamten aneignet, geschweige denn eines Ressort- Ministers, So manchen hätte man in eine Besserungsanstalt bringe» und ihn dort festhalten müssen, damit, er bei entsprechender Lehre und Umgebung eine nützliche Tätig-. keit verrichte, anstatt von Dingen zu flunkern, von denen & er keine Ahnung hatte. Die Berantwortlichkeitfür dieses Kabinett lag ausschließlich auf dem Ob erat am an Petljura, der es zM-sammem gestellt hatte." An einer anderen Stelle vermerkt Nazaruk die Äußerung des Delegierten des schweizerischen Roten Kreuzes in K a m e n e z P o dols k i, der ihm sagte: ,Mei jeder'Nation ist die Intelligenz das Gehirn des Volkes, aber hier ist sie ein s ch w ä re n d e r Abszeß, welcher den garten Organismus vergiftet." Alle Revolutionen und nationalen Erhebungen zeigen die Erscheinung, daß-im Verlauf der Ereignisse der trübe Bodensatz in die Höhe kommt. Um so mehr müßte dies in einem Gebiete geschehen wie der Ukraine,- die unter der russischen Herrschaft in einem Zustande der kulturellen Verwahrlosung und Vernachlässigung gelebt und eben alle Schrecken des Weltkrieges mit ganzen Fluten von Invasionen der Soldateska durchgemacht hatte. Das ukrainische. Volk hat schwere Leiden ertragen und es hat selbst unter den Ereignissen geseufzt, deren wehrloses Opfer die jüdische Bevölkerung war. Die ukrainische Nation kann und wird niemand .für diese Pogrome verantwortlich machen. Es ist ein falsches Beginnen, wenn verantwortliche Sprecher dieses Volkes — und in solchen Zeiten ist jedermann verantwortlich für sein Tun und Lassen —. Ereignisse ableugnen oder in der Schuldfrage verschieben, die noch frisch in dem wunden Gedächtnis leben. Es besteht kein Zweifel daran, daß Petljuras Sck/uld . eine übergroße war und sie wird durch die Zeugnisse von Zeitgenossen, von jüdischen wie von ukrainischen, bewiesen. Sie wird bewiesen durch die Massengräber in der Ukraine, durch die Tausende von ermordeten, geschändeten, gefolterten Mischen Frauen, 'Greisen und Kindern, und wenn es in Paris zu der Verhandlung gegen Schwarzbarth kommen wird, dann werden diese Toten auferstehen und gegen Petljura zeugen, aber auch gegen diejenigen, die sich jetzt mit ihm solidarisch eckklären und die seinen Tod zu einem Mittel ihrer sinnlosen und erlogenen Hetze benützen wollen. - Es ist erwies e u, daß Petljura die Schuld an den Pogromen tragt nnd daß ihn dür volle Verantwortlichkeit trifft. Es ist erwiesen, daß die Joden der Mradre keinen Anlaß zu den Pogromen gegeben habe«. Es ist e r w i e s e n, daß die Tat Schwarzbarihs nur von diesen Ereignissen veranlaßt War. Es Ware klüger und vernünftiger, wenn die Führer der Ukrainer das Bemühen, das grausige BU-d der Ereignisse und ihrer Konsequenzen zu verschleiern, aufgebeu würden. Auch sie haben die Pfticht, auf dem Felde der Wahrheit zu bleiben. Ser Prozetz gegen SchwarKart. Paris, 3. JrE. Ihr Korrespondent erfährt von informierter Seite, daß der golvesene Präsident Miller and es endgültig abgelehnt hat, im Aufträge der Familie Petljura s als N e b e n k l ä g e r in dem Prozeß gegen Schwavzbarth aufzutreten. Man versichert, daß die Ukrainer seinen Honoraransprüchen nicht folgen konnten. Andererseits wird jedoch mitgeteilt, daß Millerand bei der gegenwärtigen Haltung der öffentlichen Meinung Frankreichs des Ausfalles des Prozesses nicht sicher fei. Petljuras Familie hat einen anderen Rechtsanwalt bestellt. Es soll ein in den Pariser politischen Kreisen sehr gut bekannter Jurist sein, der sich schon durch die Vertretung ähnlicher Fälle einen Namen gemacht hat. Me verlautet, wird die Familie auch Schadenersatzansprüche stellen. Die' Zeugen Schwarzbarths werden erst in drei Monaten vernommen werden. Palienko als Zeuge. K. Berlin, 3. Juli. Aus guter Quelle erfahrt Ihr Korrespondent, daß sich Palienko, der berüchtigte O rg anisator des Z itomi rer Pogroms, seit Marz 1919 bis jetzt in Berlin auMt. Er war: längere Zeit in einer Krankenanstalt und wohnt.derzeit in Tegel bei Berlin. Es soll die Absicht bestehen, ihn als Zeugen im Prozeß Schwarzbarth auftreten zu lassen. Bei den Pogromen in Zitomir wurde« MB Juden ermordet.

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