Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2642 (2.7.1926)
- Date
- 1926-07-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wiener Morgenzettung_ _Tem » Der FrauenschlSchter von der Aeichsbrücke verhaftet. «in FlMhaaergehllfe erichistst feine Fron nnO zerstückelt vie Leiche. Das Geheimnis des abgehackten Frauenbeines von der Reichsbrücke ist g e l ö st. Der Täter des scheußlichen Verbrechens ist eruiert. Es ist ein Fleischhauergehilfe, der seine Frau im Streite erschlagen hat und dann die Leiche zerstückelte, um die Teile in die Donau zu versenken. Spät abends wird uns gemeldet: Der Schauspieler Fritz Raimund hat gestern gegen viertel 9 Uhr abends, als er in einem Straßenbahnzug der Linie 2 die Franzens-brücke passierte, am Donaukanalufer unterhalb der Verbindungsbahnbrücke einen Mann sitzen gesehen, der eben ein längliches Paket in das Wasser geworfen hat. Er verständigte sofort den Oberwachmann Schramse i s. Als der Mann den Wachmann kommen sah, ergriff er sofort die Flucht. Er konnte aber bei der Laufenberggasse festgenommen werden. Er trug unter dem Rock einen Jutesack, über dessen Provenienz befragt, er jede Auskunft vertveigerte. Er wurde in das Wachzimmer Waschhausgasse gebracht. Der Sack verbreitete dort einen üblen Verwesungsgeruch. Der Mann wurde zum Kommissariat Leopoldstadt geschafft. Er war sehr aufgeregt, zitterte am ganzen Körper, war leichenblaß. Nach einer Weile legte er dem Bezirksinspektor H o n d der Sicherheitsivache das Geständnis ab, daß er am Montag seine Frau nach einem Familienstreit, als sie mit einem Messer auf ihn losgehen wollte, mit einer Hacke erschlagen hat. Er hat sie dann unter das Bett geworfen und liegen gelassen. Da er nicht wußte, wie er das Verbrechen verbergen sollte, kam ihn: die Idee, die Leiche zu zerst ü ck e l n und die einzelnen Stücke in das W ass e r zu werfen. Er hat die Leiche tatsächlich ganz zerstückelt und bis auf einige Körperteile, wie Brust und einem Arm und einige Innereien, die noch unter dem Bett seiner Wohnung liegen, bereits in das Wasser geworfen. Der Mann ist der Fleischhauergehilfe Johann W i m p ass i n g e r, am 19. Februar 1878 zu Wien geboren, dorthin zuständig, katholisch, verheiratet, Volkertstraße Nr. 17 wohnhaft. Seine Frau ist um drei Jahre älter als er. Er wurde auf dem Kommissariat Leopoldstadt vom stellvertretenden Bczirksrat Polizeirat Dr. Richter und vom Journalbeaniten Komissär Dr. Singer dem ersten Verhör unterzogen. Noch in der Nacht wurde er dem Sicherheitsbureau überstellt. Am Kommissariat Leopoldstadt fand sich auch der Leiter des Sicherheitsburcaus Wahl mit dem Journalbeamten Polizeirat Maurer ein, der die Führung der Amtshanlung übernahm. Der Mörder ist mit geradezu bestialischer Roheit mit seinem Opfer vorgegangen. Er hat ganz kunstgerecht den Köper zerlegt, selbst die Eingeweide aus dem Bauche genommen, die Brüste afgcschnitten und in dem Raume, wo die Bluttat geschehen ist un) die Leichenreste seither lagen, die kleinen Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren schlafen lassen. Die Ermordete Marie Wiimpasfinger war 51 Jahre alt. Sie war angeflich streitsüchtig und soll am Montag mit einem Messer eines der zwei Kinder des Ehepaares f e d r o h 1 haben. Darüber geriet der Fleischisauergehilse in maßlose Wut, er faßte eine Hacke und versetzte der Frau einen derartigen Schlag gegen den Kopf, diß die Schädel decke zertrümmert wurde und das Gehirn aus dem K op f e s P r i tz t c. Die Frau muß auf der Stelle tot gewesen sein. Die Polizeikommisfion faitb in der Küche im Waschtisch, der mit Bretter verlegt war, den Rumpf der Ermordeten. Der Kopf, mit dem oberen Halse war unterhalb der Wirbelsäule glatt durchgeschnitten, ebenso waren beide Arme kunstgerecht herausgeschnitten und ebenso fehlten die unteren Extrmitäten und ein Teil des Bauches, aus dem die Eingeweihte herausgenommen waren. Ferner fand die Kommission in der Kommode der Küche eingepackt die beiden Brüste der Ermordeten und die beiden abgeschnittenen Gesäßbacken. Die übrigen Leichenteile waren schon in die Donau geworfen. -rr. Wien, yreuag AM «ad Wirtschaft. Die Vorgänge, welche sich in Verfolg der Angelegenheit der Zentralbank deutscher Sparkassen abspielen, zeigen, zu welch verderblichen Folgen es führt, wenn die Politik mit der Wirtschaft vermengt wird. Es ist hier ein Komplex von Fehlern begangen worden, die sich nunmehr an der Wirtschaft zu rächen beginnen. Es war schon ein Fehler, daß der Zentralbank von der christlichsozialen Regierung zugemutet worden war, dem Prestigeverlust, der ihr durch den Zusammenbruch der Niederöstcrrelchischen Bauernbank, der Steirerbank und ähnlicher Institute erwachsen könnte, dadurch zu begegnen, daß der Zentralbank die Fusion mit diesen halbverkrachten Instituten aufgedrängt wurde. Auch Fusionen sind nur dann wirtschaftlich vorteilhaft, wenn es sich tatsächlich um ein Institut handelt, das an und für sich aktiv ist. Eine Fusion aber, bei welcher ein Institut vor dem Zusam- --menbrnch und der Deklarierung seiner Insolvenz gerettet werden soll, kann sich nicht gut auswirken, wenn das offene L o ch, das durch die Wirtschaftsführung des betreffenden Instituts entstanden ist, notdürftig zngedeckt worden ist. Einmal kommt cs doch bei dcni fusionierten Gebilde wieder zum Vorschein. Dies hat sich jetzt bei der Zentralbank der deutschen Sparkassen gezeigt. Selbst der gesündeste Wirtschaftskörper kann durch solche politische Fusionen allmählich ausgehöhlt werden. Der zweite Fehler bestand darin, daß gerade die Versuche einer Rekonstruktion des Unternehmens von gegnerischer Seite aus politischen Motiven gestört wurden. Schließlich zieht der Zusamnienbruch eines langbestehenden angesehenen Finanzinstitnts weitere Kreise, was der Wirtschaft nicht allzu förderlich sein kann. Und selbst wenn eine Konkurrenz für die eigenen Sparkassen abgewehrt werden soll, genügen doch noch andere Mittel. Sei dem wie iinmer, die ganze Aufmachung der Angelegenheit zeigt, wie verderblich cs ist, Politik und Wirtschaft zu v e rm enge n. Wir haben immer vor dieser Praxis gewarnt. Wie recht wir hatten, erhellt daraus, daß bis auf einige wenige Ausnahmen sämtliche „rein arische Banken" von der Deutschen Bodenbank bis zur Tiroler Alpcnveremsbank zusammengebrochett sind, daß die der sozialdemokratischen Partei nahestehenden Organisationen mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben und daß die H a m m e r b r o t w e rk e abgestoßen werden mußten, um die Partei vor einem drohenden Debakel zu bewahren. Wirtschaft verträgt nicht die Beeinflussung durch die Politik. W-er gegen diesen Grundsatz verstößt, schädigt nicht nur die Wirtschaft als solche, sondern euch am ehesten diejenigen eigenen Institute, bei welchen nach gleichen Grundsätzen gehandelt wird. Mae rrotze Stillung für dea PalSftiaaaafbaa. Durch eine Indiskretion des Londoner Vertreters der I. T. A. gefährdet? Eine Indiskretion des Londoner Vertreters der Jüdischen Telegraphen-Agentur (I. T. A.) hält gegenwärtig die z i o n i ft ischcn Kreise in starker Erregung. Es handelt sich um die von uns gestern kurz gemeldete Stiftung des Tabakindustriellen B a r o n für Palästina. Der Londoner Korrespondent des New-Iorker „Jewish Morning Journal" berichtet hierüber: „Vor einigen Wochen, zur Zeit der Anwesenheit Louis Lipskis in London, verhandelte Dr. W e i z m a n n mit Bernar) Baron wegen eines Beitrages zur zionistischen Arbeit, und zwar in der Höhe von einer Million Pfunö (5 Millionen Dollar). Die wichtigsten Punkte für die Widmung waren bereits beschlossen, aber die Angelegenheit durfte nicht vor dem 21. Juni, an welchem Tage ein Bankett zu Ehren M r. Barons geplant wurde und bei welchem Lord Balfour als Festredner hätte fungieren sollen, der Oeffentlichkeit übergeben werden. Um zu verhüten, daß Presfeberichterstatter vorzeitig die über diese Angelegenheit umlaufenden Gerüchte veröffentlichen, lud Tr. W e i z m a u n die Vertreter der jüdischen Presse ein, machte sie mit dem Gang der Verhandlungen bekannt und nahm ihnen das Ehrenwort ab, daß sie den Inhalt der Unterredung nicht vor dem Bankett veröffentlichen würden. Dr. Weizmann reiste dann nach Genf zur'Tagung des Bälle rbuudes. Inzwischen erfuhren einige bekannte Gegner des Zionismus von der Widinungsabsicht Mr. Barons und begannen ihre Arbeit zur Hintertreibung des ganzen Planes. Diese Kreise hielten Mr. Baron vor, daß der von ihin geplante Beitrag zu hoch sei und daß es, wenn er schon entschlossen sei, einen solchen Betrag zu widmen, besser wäre, ihn einer englisch-jüdischen Gesellschaft an;nvertrane», welche den Fonds verwalten soll. Diese Gesellschaft möge bann auch für Palästina größere Summen ausweisen. Als Dr. Weizmann hiervon erfuhr, kani er sofort aus Genf nach London zurück, um die fast zerstörte Angelegenheit wieder in Ordnung zu bringen. Ob ihm dies geglückt ist oder nicht, ist noch nicht mit Bestimmtheit bekannt. Dr. Weizmann verbrachte bloß zwölf Stunden in London und fuhr dann in Begleitung von Doktor Fe iwe l und Dr. Eder nach Berlin, von wo er nach Genf weiter reiste. Im kritischesten Zeitpunkte dieser wichtigen Angelegenheit wurde in London bekannt, daß die I. T. A. die Nachricht in Ncw-Fork, datiert aus Jerusalem, vorzeitig veröffentlicht hatte. Dieses Vorgehen hat im Zionistischen Bureau das größte Erstaunen hervorgernfen, da man befürchtet, daß die Angelegenheit dadurch noch mehr kompliziert wird. Die Feinde des Zionismus werden natürlich die Schuld für die vorzeitige Veröffentlichung der Zionistischen Organisation oder einzelnen zionistischen Führern in die Schuhe schieben und damit ihre Argumente dafür, daß der Zionistischen Organisation ein so großer Fonds nicht anvertraut werden könne, unterstützen. Sie werden erklären, daß die Zionisten indiskret und unverläßlich seien und Dinge in die Presse bringen, die noch nicht spruchreif und endgültig festgesetzt sind. Die in London anwesenden zionistischen Beamten Leo Hermann, Josef Co wen und Lieber mann veröffentlichen folgende Erklärung: „Der Bericht ist in der Ivrm, in der er von der I. T. A. veröffentlicht Wurde, unrichtig. Es ist wahr, daß Verhandlungen im Zuge sind, bestimmte Ergebnisse sind jedoch vorläufig nicht vorhanden." Herr Jakob Landau, der Direktor der I. T. A. in Amerika, sprach den Vertretern des „Jewish Morning Journal" gegenüber fein Bedauern darüber aus, daß die Depesche durch seine Agentur infolge eines Mißverständnisses ausgegeben wurde. Die Depesche sei aus Jerusalem über London um 4 Uhr früh eingelanfcn. Uni diese Zeit waren die verantwortlichen 'Redakteure der I. T. A., denen die Angelegenheit von früher her, wie auch das Versprechen bezüglich «der Nichtveröffcntlichung bekannt war, nicht in der Redaktion. Der Nachtrcdakteur vervielfältigte die Depesche und schickte sie an die jüdischen Nachmittagsblättcr aus. Um 11 Uhr vormittags kam eine weitere Dopeschc aus London an, welche anordnete, die erste Depesche nicht zum Abdruck zu bringen. Es war jedoch bereits zu spät, da die jüdischen Nachmittagsblätter schon in Truck nxtveu. .Herr Landau belegte seine Behauptung mit den Originalen der beiden Depeschen. Das „Jewish Morning Journal" fügt hiuzn: „Eines bleibt jedoch nilverftändlich. Beide Depeschen kamen ans London und der Londoner Vertreter der I. T. A. mußte doch von dem vertraulichen Abkommen Kenntnis haben und durfte die erste Depesche aus Jerusalem nicht absenden, bevor er sie in London verifiziert hatte, selbst auf die Gefahr hin, daß er damit einen Tag hätte tvarten müssen." Mn Mesenlegat Sir Stnart Samuels für Palästina? Der „Nvwh Dziennik" meldet aus P a l ä st i u a, es sei dort eine bisher noch unbestätigte Nachricht eingelangt, wonach der Bruder Sir Herbert Samuels, der jüngst verstorbene S i r Stuart Samuel, in seinem Testament eine große Summe — über eine hal b c Millio n P f u n d — für den Aufbau Palästinas bestimmt hat. Sollte sich diese Nachricht als wahr erweisen, so würde die gegenwärtige wirtschaftliche Situation Palästinas eine wesentliche Verbesserung erfahren, insbesondere in her Richtung der Pc tzcbu »g der Arbeitslosigkeit. Bundeskanzler Dr. Ramek über die Zentralbank deutscher Evarkafsen. Budeskanzler Dr. Ramek sprach gestern in einer Versammlung über politische Tagesfragen, erörterte die Lage der Zentralbank der Deutschen Sparkassen und führte nach kurzer Schilderung der Vorgeschichte folgendes aus: Die Negierung hat sich angesichts der besonderen Natur der Zentralbank der Deutschen Sparkassen, also eines Ueberorgans unserer Sparinstitute, zu dem einzig möglichen Schritte entschlossen, d. h. sie hat Vorsorge getroffen, daß keinem Einleger auch nur ein Heller seiner Einlagen verloren gehen kann. Schon gestern hat die Regierung durch eine Erklärung die ft a a t l i ch e Garantie für die Einlagen ausgesprochen. Der Ministcrrat hält an dieser staatlichen Garantie unverrückbar fest. Es wird kein Einleger irgend einen Verlust erleiden und ich bin überzeugt, daß in Bälde volle Ruhe eintreten wird. Der Regierung obliegt aber nicht nur die Aufgabe, diesen einen Fall zu lösen, sondern es muß Vorsorge getroffen werden, daß sich ein solcher Fall in Zukunft nicht mehr ereignen kann. Der Ministerrat hat daher heute beschlossen, der nächsten Sitzung des Nationalratcs einen Gesetzentwurf zu unterbreiten, der die nötigen Vorsorgen bringen wird. Der Erste Wiener Konfnmdereiu vor der Ansgleichseröffnung. Verschärfung dar ©fcutotfoft. Die Verhandlungen, welche wegen der Sanierung j>es Ko-nfurnverams geführt wurden, sind auf einem toten Punkt angelangt. Es konnte keine Einigung erzielt werden, da die-Forderungen, welche von den intervenierenden Banken für ihr Eingreifen erhoben werden, für den Konsumverein unannehmbar erscheinen. Unter anderen! soll beantragt worden sein, der Firma Meinl einen großen Teil der Geschäfte des Konsumvereins zu überlassen. Dagegen wehren sich aber die anderen Gläubiger. Bor einiger Zeit ivandte sich nun die Leitung des Ersten Wiener Kousnmvereins an die G r oß e i n ka ufsg es ell s cha f t und au die Arbeiterbank mit dem Ersuchen, diese sollten den Konsumverein sanieren. Die Untevhanidler des Ersten Wiener Konsumvereins verwiesen dabei auf eine Empfehlung, die sie von einer n ichtfozialdemokrat:scheu Persönlichkeit erhalten haben. Es wnrde aber den Unterhändlern des Ersten Wiener Konsumvereins bedeutet, daß die Großeinkaufsgesellschast und die Arbeilerlank die Sanierung des Ersten Wiener Konsum- Vereins in diesem Stadium nicht m e h r du r ch f üh r e n könne n. Sollte nicht in den nächsten Stunden eine Einigung erzielt werden, wird der Konsumverein zur Erk'lär u n g der I n s o l v e n z genötigt sein. Frau Kurie ans Bortransreisen in Amerika. Madame Curie, die Gattin und Mitarbeiterin des verstorbenen berühmten Radinmforschers, hat von der Regierung von Uruguay eine Einladung erhalten, in Montevideo eine Reihe von Borträgen zu halten. Madame Curie hat den Auftrag angenommen.