Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2641 (1.7.1926)
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2641 Wien, Donnerstag Wiener Morgenzerim.. 1. Mi 193s, Teil« l Allerfeinsfe ß'oir'jnHr# Eiiits Hofurbuficr. mm mTb-Jsu ♦ Sie Staatenlosen organisieren sich. Ein Verband in Köln am Rhein. böic uns mUficteilt wwd, ist in Köln a. Rh. ein Verband der lantcitlofcH mit einem Rcchtsschnybureau gebildet worden, der die Forderungen dieser Kategorie Non Kriegsopfern vor dem Bölkcrbnnd vertreten will. Die Geschäftsstelle befindet sich in «Siöln, Rianritiiiswall 31. Die Frage der Staatenlosen steht schon seit geraumer Zeit vor der Politischen Oeffentlichkeit, ohne aber deren stärkeres Interesse erwecken zu können. Diese Frage, die Europa vor dem Kriege kaum getaicnt hat, ist aus der in den Friedensverträgen vvrgcnoinnlenen Grenzziehung entstanden. Sie hat in Elsaß-Lothringen z» schweren Konflikten zwischen der übernommenen deutschen Bevölkerung und der französischen Regierung geführt und sie ist im Osten Europas in den neuen Staaten, aber glich in Oesterreich und Deutschland in einen unerträglicheil Zustand ansgeartet. Hier nimmt diese Angelegenheit fast ausschließlich jüdischen Eharakter an. Personen aus der Bukowina lind aus Galizien, die im Sinne des Friedeilsvertrages als Angehörige der gewesenen Monarchie das Optivnsrecht besaßen, sind durch listige Allwendi.ng der Bertragsbestimmungen betrogen worden und wir in Oesterreich haben noch die Waberschen Dekrete, deren Ben'snng ans „Rasse und Sprache" durch die Spruchpraxis des Berwaltiingsgerichtshofes zu einem legalen Pogrom ausgesialtel tvurde. In den polnisch-russischen und rumänisch-russischen Grenzgebieten gibt es Tausende von jüdischen Unglücklichen, dereli Exislenz in der Luft schweb! uild die stets ein lvehrloses Objekt der Grenzpolizei bilden. Bon der gleichen Katastrophe sind die Balkanländer ereilt worden und ein gut Stück der Konflikte Bulgariens mit Jugoslawien und Griechenland ist von diesem mmschenfresserischcn Fehler der Versailler Verträge verursacht worden. Diese staatsrechtliche Anomalie ist bisher von den Regierungen und vom Völkerbund nur lässig behandelt worden. Dies ii. ans der Situation heraus erklärlich. Die Staatenlosen sind Ei n zel Individuen ohne Macht und ohne Vertretung, die man der Wmlnr der Bnreaukratie überlassen konnte. Wenn sie sich nun- >ue!ir organisieren und als Gesamtheit den Völkerbund an seine V-'rpslichtnngen mahnen, so liegt dies nur im Interesse der sriedlirf'cn Neuordnung. EL muß eine einheitliche Rechtsnorm geschaffen werden, die diesen Verfolgten eine Sicherung ihrer physischen und materiellen Existenz bringt. ♦ Große Katastrophen in aller Wett Erdbeben auf Sumatra. London, 130. Juni. Sumatra wurde von einein gewaltigen Erdbeben hei ingesucht. Eisenbahnen und Landstraßen wurden zum größten Teil zerstört, ebenso die Eisenbahnstation, das Postgebälide, die Schule >md ein Teil des Ehinesenviertels. M e h r e r e h undert P e v f o n e n wurden g etötet, viele verletzt. Nach einer Erklärung des Gouverneurs, der die vom Erdbeben heimgesuchlen Gegenden besichtigt hat, ist es schwer, die Zahl der umS Leben Gekommenen annähernd abzuschätzen. In Pada ng-Pandja n g ivar gerade Markttag, als sich die Katastrophe ereignete. Man glaubt, daß 2 0 Chinesen und 5 0 Eingcbor e n e ums Leben gekommen sind. Fast alle aus Stein gebaut e n H änse r sind e i n g est ü r 3 t. Die Bevö l k e r n n g lagert i n Z c l t e n, da neue Erdbeben befürchtet werden. Starke Erdstöße in .Kalifornien. San Franzisko, 30. Juni. In Kalifornien wurden gestern spät nachmittags Erdstöße ans Santa Mvnica, Los Angeles und Santa Barbara gemeldet. Straßenbahnwagen wurden aus den Schienet: g e w o r f e n. Hochwasser in Deutschland. Berlin, 30. Juni. Len; e n ist vom Rückstanhochwasser e i n g e s ch! o s s e n. Man errichtet Dämme, um das Eindringen des Wassers in den Ort zu verhüten. I » D a n n e n b e r g ist das W a s s er in dü -e St a d l e i n g e d v n n g e n. Bei P e n t e f i tz ist heute nachts ein Tommerdcich gebrochen. Das dahinterliegende Gelände wurde überschwemmt. In Hitzacker ist heute das Hochwasser gestiegen. Bleie Uferstraßen stehen unter Wasser. Tie in den letzten Tagen stark befestigten Deiche werden dem Truck des Wassers wahrscheinlich widerstehen. Im Kreise Ost Havelland bat heute das .Hochwasser den Höchststand erreicht und 3 5.0 0 0 M o r g e n L a n d ü b e ischwemmt. Bei Parcy siche» die Wiesen zweieinhalb M e t c t tief nute r W affe r. Große Ucbcrschwemin ungcn in Jugoslawien. Belgrad, 30. Juni. Ans dem Donautal oberhalb Belgrad iverden große N e b e r s ch w c m m n n g e n geue.i det, da der D a m m in der Umgebung von Achtin ) n r 1 b v o cl) e n rnnvoe. Die Stadt Z> o m b o r dürste geräumt werden müssen. Die Truppen und die Bevölkerung arbeiten eilig an den Schutzmaßnahnien Pest in Mexiko. Leon (Mexiko), 30. Juni. Im Gefolge der NeberschweAtmungen ist die Pest ausgetreten. 0000 Familien und o h n c O b d a ch und N a h r it u g. Die Zahl d c r To! e n hat sich bis jetzt auf 2 50 erhöht. Eine große Spende für den PaiMno-Antbansonds. Durch eine Indiskretion gefährdet. London, 30. Juni. Teilt Präsidenten der Zionistischen Exekutive Tr. Weizmann war eS gelungen, von dem bekannten englischen Tabakindustriellen Bernhard Baron die Zusage einer Spende von einer Million Pfund Sterling für den Palästinaanfban zu erhalten. Die Publizierung dieses Beitrages sollte auf einem Bankett bei Lord Balsonr erfolgen, z>r welchem die führenden Finanzgrößen der englischen Indenheit geladen waren. Durch eine Indiskretion erfuhren die Gegner des Zionismus von den Absichten Barons und fetzten ihren Einfluß ein, um ihn zu bewegen, den Betrag anderen Zwecken zuzuführen. Ties war die Ursache für die plötzliche Rückkehr Weizinanns aus Genf nach London. Die Verhandlungen werden fortgesetzt. Eine Stiftung für orientalische Knnjt an der hebMchen IniverfilSt. A i- ' : r u f a l e m schreibt man uns : Herr I a k o b M Mole s i! Baltimore, und seine Vcrtvandten haben zur Erinnerung an leine im Jahre 1918 verdorbene Frau Hortense G. Atolls einen Fonds Qcftiftet dessen Erträgnis zugunsten einer Abieilung für orientalische Kunst an der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem bestimmt ist. Als e r st e r A »kauf ans den Ei trägen dieser Stiftung wurde eine Sammlung von 2 5 0 0 Photographien von größienteils mohammedanischen Gebäuden angekanst. Diese Sammlung soll zum Ausbau des Handapparates für isla m is ch e Archäologie an der Universität dienen. Die Photographien flammen von dem engli'chen Architcklu - i isloriker C a p t a i n E r e s w e l l, der sie in der Zeit seit Beginn der englischen Okknvation in A e g v p t e n, S y r i e u n u d K o n st a n t i n o p e l ausgenommen lat. Die Sammlung in iu der G o l d z i h e r - B i b l t o t h e k anfgestelll worden und wird vom n ä ch fl e n S e m e st e r ab Interessen:en zugänglich sein. Lsü Urteil im Kntisker-Prozeß. Berlin, 30. Juni. (Wo!ff.) Im K u I i s k e r-P r v z e ß w'.iwe 1 eute folgendes Urteil verkündet: Der Angeklagte Iwan K u t i s k e r erhält fünf Jahre Zuchthaus, vier M i l l i o n e n M a r k G e I d st r a f e und zehnJalire E h r v e r l u st. Der Angeklagte H o l z m a n n erhält eineinhalb Jahre Gefängnis. Der Angeklagte Strikter echält eineinhalb Jahre Gefängnis: außerdem wird gegen ihn ein Haftbefehl erlassen, weilergeflüchtet ist. Die Angeklagten Grieger. Blau, Bley, Alexander K u t i s k e r und Grobe eihalten je s e ch s M o n a t e Gesang n i s; ihnen wird eine B e w ä h r u n g s f r i st vonr c t Jahren zugestanden. Die Untersuchungshaft wird in Anrechnung gebracht. Verhaftung des kranken Kntisker. Berlin, 30. Juni. Kurze Zeit nach der Verkündung deS Urieils im Kntisker-Prozeß ersch enen aus A n o r dnungderStaatsanwaltschafr in der Privatwohnung K u t i s k e r s mehrere Kriminalbeamte und nahmen die Verhaftung K u t i s k e r s vor. Er wurde trotz seiner Proteste in einem Krankenwagen alsGefangener zur Charitä gebracht. Nach dem ..Lokalanzeiger" haben sämtliche Verurteilte des Kutisker -Prozesses Re- Vision eingelegt. Znm Meilen Sonderheft des „Juden". Die Frage 2er jüdischen Erziehung gehöri zu den brenne, osten der modernen jüdischen Bewegung. Das Um und Auf de: stiPchen Anomalien wird in ihr zur krassesten und sichtbarsten Erscheinung. Denn keine so wie sie stellt die Existenz des Volkes vor das Ja oder Nein. An dem Erziehungsproblem ist auch am meisten gesündigt worden. Der völlige Mange! an Einheitlichkeit, der die Aktionen der modernen jüdisü)en Bewegung erkennen läßt, hat die stoische Erziehung zu der beängstigenden Krise gebracht, in der sie sich honte befindet, zu der Tatsache, daß der überwältigend größere Teil der jüdischen Jugend in der ganzen Welt dem Enlindnngsprozeß verfallen ist. Die Gefahr, daß Ke heroische Anstrengung, jüdische Renaissanoe genannt, eine Sishphusanstrengnng sein könnte, ist znm nicht geringen Teil darauf zurüitgisühreu, daß man sich stets nur den geiviß sehr wichtigen Aln gen bl 'cksforLer-ungen mit Pehemcn; und Elan hingibt, alles n'Wge aber als „für diesen Zeitpunkt nicht in Betracht kommend" ree nach'ässigt oder znrücksteltt. Es gibt aber weder primäre, nach sekundäre Dinge für eure Bewegung, die ein aus allen Gebieten völlig desorientiertes Voll in den Stand normalen Fnnktionierens bringen soll. Die Eoergieentfa'tnng darf für keinen Augenblick einem „Nur" gelten. Nur Politik oder nur Wirtschaft, oder nur Kultur. Das Gesährlichste ist die Nacheinauderarbeit, statt der Nedeneinauderarbeit. Im übrigen ist auch die Nacheinanderarbeit bei uns nicht planmäßig, sondern leider das Gegenteil. Aeußere Einslüsfe bewirten dieses Nacheinander. Die Planlosigkeit rächt sich, weit in ihr das Verhängnis der auch nie zum gewünschten Resultat sübrenden Teilleistung liegt, trotz des oft grandiosen Schivullgs, den man für die Einzelausgabe aufbringt. Mein beginnt allmählich den Fehler einzusehen. Der Ri'f nach Intensivierung der Arbeit gilt jetzt im Gegensatz zu früher nach mehr ausschließlich einem Gebiet, sondern allen: Politik, Wirtschaft, Kultur usm. Und vielleicht zum erstenmal fragt und ruft mau so intensiv und besorgt nach der jüdischen Erziehung m der ganzen Welt. Der Vielaestaltigkeit diejpS Problems ustrh zum erstenmal auch von der Allgemeinheit ins Auge geblickt. In Persammlnngeri, Konsercnzen und in der Presse wird dieses, den Nerv des jüdischen Voltes treffende Problem besprochen. Wenn der sich jetzt zeigende Ernst der Fragestellung, die die Mittel und Wege für eine jüdische Erziehung und der Verbreitung der hebräischen Sprache such!, deibehaiten wird, so wird auch wie ans allen anderen Gebieten hier die Tat die Folge sein und die Schäden des Versäumten wettmachen. Am erfreulichsteil ist, daß auch der jüdische Westen die Erziehnngsfrage in den Bereich seiner Anstnertsamteit zieht. Man beginnt auch hier den Riß zwischen Bekenntnis und Tat zu fühlen. Das der jüdischen Erziehung gewidmete Sonderheft des „Inden" legt davon Zeugnis ab. Es ist Frage, ob man das jüdische Erziehnngsproblem von einem '.veilanschauliclp.'n Standpunkt — ran diesem auf das Praktische zielend — sehen kann und darf, oder ob nicht vielmehr praktische Gegebenheiten, das sind spezifische kulturelle, politische, soziologische Bindungen der Indenheiten ausschlaggebend sind für d'.e Behandlung des Problems. Ob das Wollen in einer bejiinunleit Richtung oder das Sollen nach einem bestimmten Ziel Richtschnur für das schmerzlichste der jüdischen Probleme zu sein Hai. Mau setzt sich immerhin der Gefahr aus, gerade auf diesem Gebiete einem Extrem m verfallen, das im erste reu, psychologisch-pädagogische Experimente nahezu 1 'an ponr I'art-mäßig predigen heißt, was gründlich am Geivollten — j ü d i s ch e Erziehung — vorbeischießen kann oder, im letzteren, durch radikale Umkehrung der Vorzeichen das Gewünschte zu verfehlen. Der Weg zur Behandlung der Frage scheint in der Mitte zu liegen. Jedenfalls ist für eine Publikation, d e ausschließlich dieser Frage gcwidmei ist, vonnöten, sie von allen Seiten zu sehen und objektiv zu betrachten, da sie sonst eher Verwirrung als Klärung bringt. In diesem Sinne ist Ge Behandlung der Erziehungsfrage in dem Sonderheft des „Iudmi" uich: ganz erschöpfend und von .eiuer gewissen eniicilKjcn Einstellung nicht sreizilsprechen. ES fehlt darin vor allem die Behandlung des jüdischen Erziehungsproblems in seiner Beziehung zu den spezifischen Fragen des Westjndentums und auch die Aufsätze über das jüdische Erziehungssystcm und -Wesen in den jüdischen Massensiediungen des Ostens lassen die Beleuchtung der Lernstenden; «dieser jüdischen Zentren vermissen. Im Abstrakten nur, das Probleni in seiner Totalität behandelnd, erscheint der Aufsatz Viktor Kellners „Die Problematik jüdischer Erziehung" erschöpfend, nämlich in der Beleuchtung der negativen Kräfte, die einer einheitlichen jüdischen Erziehung entgotzenstehen, und in der Darlegung der inneren Situation, welche nach ihr verlangt. Ueberhaupt ist dieser Aufsatz in der Problemstellung und der Prvgrammverkündigung, wie im Erfassen des wesentlich Jüdischen trotz der knappen Formulierung eine Meisterleistung und der interessanteste des Heftes. Besser als die Erziehnngsfrage der Galnth — die Erziehnngssragen des Mischen Amerika sind in diesem Heft leider nicht einmal gestreift — sind die Fragen der jüdischen Erziehung in Palästina behandelt. Es stört nur, daß cs unter dem Aspekt einer bestimmten geistigen und politischen Richtung im Zionismus geschieht. Höchst einseitig aber sind die Aufsätze über Religion und Religiosität, znm Programmatischen der jüdischen Erziehung gestellt, in diesem Sonderheft geblieben, da gerade diese Fragen von allzu literarischen Gesichtspunkten behandelt wurden. Die Mange! ändern nichts au oer Tatsactze, das; das Sonderheft, das iradi'.ionelle Niveau der führenden westjüdischen Zeitschrift wahrend, nicht nur durch die Stellung des Problems den ernsten Teil der Westjudenheit zn ihm zu führen geeignet ist. Tic in dem Hest cntlialtenen sechzehn Aufsätze — wenn man sie nicht von einem einheitlichen Gesichtspunkt steht, sondern jeden für sich betrachtet — zwingen zu. nachdenklicher Stellungnahme und zur Ergänzung des ihnen Fehlenden. Bon den »ich: prinzipiellen, sondern berichtenden Arbeiten in Heft sind die Aufsätze über das Kinderdorf im Emek Iesrecl und aus dem Loben des jüdischen Kinderhanses in Kowno von besonderem Wert. — Das Wie und Was der jüdischen Erziehung ist zur Diskussion gestellt. Es ist zu hoffen, daß es nicht bei ihr bleibt. P. Haller.