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Wiener Morgenzeitung · 1926-06-27 · Heft 2637 (27.6.1926) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2637 (27.6.1926)
Date
1926-06-27
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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9t. S8S7 Wkn, Somttag Wiener Morgenzelttttts A. Juni 1986 Weite r Der Pogrom von Proskurow. Von WM Wir bringen fm nachfolgenden ans den „Erinnerungen" des Redakteurs "des ukrainischen Taablatteö in Lemberq Wassil M n d r y \ einen Mschnitt über den Proskurower Pogrom, der im Kalender „Proswita" für das Jahr 1926 erschienen ist. Aus diesen Aufzeichnungen eines ukrainischen Augenzeugen geht unter anderem klar hervor, daß der unmittelbar Schuldige der Ataman S e m esenko war, ein direkter Untergebener des Obcrkormnanüiercnden Pctljura. „Wir hielten gerade Rast im Kommandozimmcr. — 'Keiner wußte, waö in der Stadt geschieht und mau tonnte keinerlei Bewegung bemerken. Es hatte den Eindruck, daß die Stadt ausgestorLen ist. 9kach einiger Zeit bemerkten wir durch das Fenster zwei Abteilungen Infanteristen, die in voller Ordnung zur Stadt marschierten, sehr ernst uitb still. Nach einer Stunde stürmte in das Kabinett des Kom- -mandanten der Vertreter des Leiters der städtischen Miliz Husar hinein. Blaß, erregt ries er: „Herr Kommandant! Haben Sic Erbarmen, dort wird geschlachtet...! Sie schlachten unschuldige Frauen und Kinder!" Erschöpft fiel er auf einen Seffel. Wie ein Donnerschlag überraschte uns die Ikachricht. Wir fragten, wie, was, wo? Husar anttvortete nicht, er wiederholte nur immerfort das eine: „Sie schlachten alle Juden! Ich wollte mit einigen Milizleuten retten, aber da begannen sie mir zu drohen, .sie schossen sogar und ganz ratlos bin ich nun zu euch um Rettung gekommen!" Jur Komnrando gab es keinen einzigen Kosaken, auch Zeinen Offizier, denn alle waren im Dienst, noch vom Bahnhof nach verschiedenen Richtungen beordert. Wir warfen uns ans Telephon. Nur schwer konnten wir eine Verbindung mit Semesenko bekommen. Zuerst sprach Kiwerczuk, dann aber übergab er mir ratlos die Hörmuschel. Ich bat und beschwor den Ataman Semesenko, daß er unverzüglich das Militär aus der Stadt zurückziche und der furchtbaren Schlächterei ein Ende setze. Semesenko anttvortete kurz: „Alles das ist Verleumdung!... Ich befahl, alle Bolschewiken auszuschlachten, und nicht Inden, Jüdinnen und Säuglinge...! Damit endete das Gespräch. Nach einem Augenblick fiel ein neuer Bote in das Kommando hinein und machte ein noch größeres Geschrei. Am Dlarktplatz, bei der Kirche, werden Juden geschlachtet. Der Diakon Kaczorowski,* ein'bewährter Ukrainer, ging zu den Soldaten heraus und flehte sie an, daß sie nicht Blut vergießen. Als das nichts Habs, verdeckte er mit seiner eigenen Brust ein hinter chm flehendes unschuldiges Opfer. Auch den Diakon Kaczorowski haben sie erstochen. (Und die Schlächterei ging weiter. Diese Nachricht hat uns so stark bedrückt, daß wir einige Augenblicke alle schweigend dasaßen und einander rat- Sos ansahen. Wir begannen wieder zu Semesenko, der im Bahnhof war, zu telephonieren. Diesmal erklärte er, daß er selbst in die Stadt gehe. Wenn das, was wir sagen, sich als wahr erweisen wird, wird er das Militär aus der Stadt zurückziehen. Diese Antwort konnte uns nicht befriedigen. Da mußte «rau ja die Schlächterei sofort auf halten, »nd der, von dem dres abhängig war, wollte pcf) erst überzeugen) ob es wahr sei... Es tvar 4 Uhr nachmittags. Wir hatten alle noch nicht gegessen und schon seit dem frühesten Morgen waren wir wach. Eine schwere Apathie bemächtigte sich unser. Der Kommissär T a r a n o w i e z ging zum Telegraphenamt, benachrichtigte unmittelbar über alles den Gouvernementstolnmisfax und verzichtete gleichzeitig auf diesem Wege auf sein Amt. Man brachte die ersten Verhafteten in das Komnrando. Der Kommandant verhörte sie, während ich mit meiner Frau wach Haufe ging. Am Weg, bei der Post, sprangen uns zwei Kosaken mit Manchen in der Hand entgegen. Sie waren von der „eisernen Abteilung" Semesenkos auch fragten: „Jud' oder Nichtjud'?" Ich zeigte meirre Legi- Mmatron. Sie blähen sie nicht einmal, griffen in meine Taschen, der eine in die linke, der andere in die rechte. Sie ifande» Geld und einen kleinen belgischen Browniug. Den Revolver nahmen sie und das Gold gaben sie Wrück. Von der Post bis zu meinem Haus war noch ein weißer Weg. Bei der Post stand eine Gruppe von Beamten, die mrir den Rat gaben, unMkehren, denn weiterzugehen wäre größte Gefahr. Ich kehrte wieder in das Kommando zurück. Ataman Semesenko war schon dort. Meine ersten Worte waren: „Herr Ataman, ist schon das Militär aus der Stadt zurückgezogen?" Er anttvortete: „Nein." Wir sprachen ukrainisch. Er ivar ganz ruhig. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen. Ins Zimmer kam der Proskurower Bürger Werchola. Er lebt heute nicht mehr. Auch er bestürmte Semesenko. Dieses ganze Gespräch dauerte nicht länger als eine Viertelstun-de. Semesenko erteilte vor uns den telephonischen Befehl, sofort berittene Boten auszusenden >nNd die Kosaken ans der Stadt abzubernfen. Punkt 8 Uhr ffa^cu wir die einzelnen Tritppenkörper ruhig und in OrdlNUNg ans der Stadt kommen, wie sie vor zwei Stundelt in sie oinmarschiert waren. Semesenko verließ das Gebäude ides Kommandos. Jetzt erst kam Leben und Bewegung in das Haus. Es lerschieneu die „Väter der Stadt", der Bürgermeister S i- PÄ- und U& StMrgWniGieder Dr. Ata-. Mudrtzi. w i n s k i und M. W o l o ch i n, ein Ukrainer. Ihre ersten Worte waren: „Um Gotteswillen, wer hat dieses Unglück gebracht?" Alle standen ratlos. Niemand wußte, was zu tun. Nur der Vertreter des ukrainischen Roten Kreuzes, Jlnicki, betrachtete die Sache nüchtern. Zunächst muß man den Verwundeten Hilfe bringen, denn unter den Opfern werden auch solche sein, die man n u r verwundet hatte. Er spendete Arzneien, Verbandstoff und Betten für provisorische Spitäler. Die Mitglieder des Bezirksverbandes der Kooperativgenossenschaften traten die großen Räun»e des Verbandes für ein Spital ab. Die Polizei sollte die Verwundeten suchen und sammeln. Alles ging sofort an die Arbeit. Jetzt ging ich endlich mit meiner Frau in Gesellschaft eines Offiziers nach .Hause. In: Kopf hämmerte es, die Nerven waren zerrissen. Meine Frau bekam plötzlich Fieber und erkrankte schwer. Am nächsten Tag erteilte Semesenko der Verwaltung der Stadt den Befehl, eine Stadtratssitzung cinzuberufcn. Der Befehl wurde ausgeführt. Und gerade im Augenblick, als die Mitglieder des Rates sich vor dem Magistratsgebäude versammelten, zerhackte ein Kosak vor den Augen einiger Räte mit dem Säbel einen kleinen Schüler der Handelsschule, der dem A u s s e h e n n o ch ein Jude z n sein s ch i e n. Im Stadtratssaal entstand Lärm und Panik. Die jüdischen Stadträte zitterten und weinten. Schließlich gelang es, sie zu beruhigen. Es kamen nur einige Räte zur Sitzung, trotzdem trat man in die Verhandlungen ein. Auch Ataman S e m e s e n k o erschien und der Kommandant Kiwercz u k; ich tvar auch zugegen. Die Räte sprachen sehr vorsichtig. Am mutigsten und am schärfsten sprach Werchola. Er hat ausdrücklich Semesenko den Schuldigen an der Schlächterei genannt. Er sprach mit großem Feuer, illustrierte die Situation mit solch furchtbaren und deutlichen Tatsachen, daß seine Rede auf alle einen sehr starken und erschütternden Eindruck übte. Nach ihm sprach Semesenko. Er sagte annähernd folgendes: „Ich morde jeden, der gegen Ukrainer geht, ich morde Kommunisten, ich morde alle Anarchisten ohne Rücksicht darauf, ob es Kommunisten, Monarchisten oder Sozialisten sind. In Proskurow erteilte ich den Befehl, alle Kommunisten abzuschlachten, die die Revolution gemacht haben und es ist nicht meine schuld, daß die Kosaken gewöhnt sind, jeden Inden als Kommunisten anzusehen. Daran sind die Inden selbst schuld? Das tvar der Inhalt der ganzen Rede. Nach ihm sprach Kiwerczuk. Er sprach taktlos und es wäre besser gewesen» wenn er gar nicht gesprochen hätte. Er stand ganz auf der Seite Semesenkos und myü betrachtete ihn darum als mitschuldig an dem Pogrom. , Die Situation in der Sitzung des Stadtrates wurde sehr gespannt. Auch ich sprach und brachte die Diskussion aus rein praktische Dinge. Man mußte ja die Stadt von Leichen reinigen, man müßte die jüdische Bevölkerung beruhigen, die Äe Häuser nicht verließ, weil sie keine Garantie hatte, daß die Morde sich nicht Wiederholm werden. Der Vorfall vor der Sitzung gab ihnen recht. Semesenko fc* fahl dem Stadtrat, die Stadt binnen zwei Tagen von Leichen zu reinigen und an die Bevölkerung wollte er schon selbst einen Befehl' wegen der gestrigen Ereignisse herausgeben. Hierauf verließ er den Saal. Selbstverständlich arbeitete in der Zwischenzeit sehr intensiv der Telegraph. Mau kündigte die Ankunft einer spe- 'ziellen Untersuchungskommission der Regierung in Proskurow an. Semesenko aber erteilte sofort nach dem Verlassen des Saales den Befehl, gegen Werchola und mich für unser Auftreten in der Stadtratssitzung gegen das Militär eine Untersuchung einzuleiten, obwohl es in Wirklichkeit gar kein Auftreten gegen das Militär war, sondern nur gegen Semesenko und, um die Wahrheit zu sagen, bin ich in der Stadtratssitzung sogar nicht sehe gegen Semesenko ausgetreten, denn dies hätte ja auch nichts genützt. Aus meiner Rede regten ihn am meisten die Worte aus: „Wer kann uns garantieren, daß morgen nicht wieder irgend ein unverantwortlicher Kosak auf der Straße eiu unschuldiges Kind oder eine Frau schlachten wird?" , Tarauowicz zog sich von allem zurück und verließ seine Stellung. Auch der Leiter der städtischen Miliz, Korzelasko, tat das gleiche, beide wegen des Pogroms. ... Am nächsten Tag begann man die Leichen auf den Mischen Friedhof zu führen. Zum Glück herrschte ein starker Frost. Man führte die Leichen nur abends. Sie legten immer einige auf den Schlitten und führten sie so dnrch die Straßen. Der Weg zum Friedhof führte an meiner Wohnung vorüber. Auf meine Frau machte dies einen furchtbaren Eindruck. Sie bekam einen Nervenanfall, fieberte und konnte lange Zeit hindurch nichts essen. Durch drei Abende wurden die Leichen geführt. Am Friedhof legte man sie unter freiem Himmel hin und so lagen sie einige Tage. Ein sehr großer Teil des Friedhofes war mit Leichen bedeckt. Die amtliche Kommission zählte ihrer fast tausend. Bon den Verletzten betrug die Zahl der Opfer über tausend. Es spielten sich dort furchtbare Szenen ab. Den schrecklichsten Eindruck übte dos Bild einer Mütter, die mit dem Kind auf dem Arm erstarrt war. Ts war klar, daß die Mutter das Kind geschützt und daß sie gekämpft hatte. Schließlich wurde sowohl die Mutter als auch das Kind mit einem Bajonett erstochen. Wie sie mit dem Kind am Arm starb, so lag sie jetzt auf dem Friedhof unter Zwelklassige Privat« Wien, IX., Hürlgasse 12 / Fernruf 17-246 Zweijährige und einjährige Tageshandelskurse, Abiturientenkurse (dreimonatig), Stenographie- und MaschinscHreibkuröe m oci V Schulinlmbung; Direktor Ernst Deutseh ständig gerichtlich beeideter Sachverständiger 600 S freiem Himmel. Es gab einige solcher schauerlicher Bilder. An einem anderen Ort konnte man ein Ehepaar sehen, das in Umarmung lag, zusammen geschlachtet und nicht erschossen. An den Händen und an der Drnst konnte man Spuren der Verteidigung entdecken. Die Verletzten in den Spitälern hatten unzählige Wunden, alle von Säbeln und Bajonetten. Biele Verwundete starben unter Qualen. Nur einige konnten langsam wieder ihre Kräfte erlangen. Wer das alles sah, der wird es sicher bis ans Lebensende nicht vergessen können. Die Aerzte fielen vor Ermüdung um, so oft mutzten sie die Verbände wechseln. M es tonten nur sehr wenig« Aerzte da, denn alle ständigen Spitäler — außer den rasch improvisierten — waren mit Verletzten und Kranken überfüllt, die von der Front zurückkame». In der Zwischenzeit ereignete sich noch eine Tatsache, der niemand Aufmerksamkeit schenkte. Semesenko ordnete eine Untersuchung wegen des Aufstandes an. Die Untersuchung ergab, daß Teile der aufständischen Bolschewiken aus Proskurow in der Richtung des Städtchens Felsztin abgegangen waren. Am dritten Tag nach dem Proskurower Pogrom sandte Semesenko eine starke Abteilung Kosaken nach Felsztin, um den Rest der Aufständischen zu unterdrücken. Die Kosaken erreichten Felsztin und inszenierten dort eine Massenschlächterei der Juden. Nach Poskurow kam die Nachricht von dem neuen Pogrom erst nach der Tat. Es war kein anderer Rat: man mußte auch dorthin mit Hilfe eilen. Ich fuhr nach Felsztin mit einem Lehrer der Handelsschule, Tu s ln ko w,' einem Bulgaren, der später Kommunist wurde. Wir führten ein wenig Arznei nnd Geld hin. Es fehlte an Aerzten und es gab viele Verwundete. In Felsztin erfuhren wir, daß jemand die Einwohner verständigte, bevor die Kosaken in die Stadt kamen. Der größte Teil dev. Juden verbarg sich in den Nachbardörfern. Alle, die geblieben waren, wurden abgefchlachtet. Als die Kosaken nach Proskurow zurückkehrten, brachten ihn^ die Bauern einige Juden, die sich in den Dörfern verbergen wollten, und die Kosaken töteten auch diese aus dem Weg. Diese Tat unserer Bauern wirkte auf uns wie ein Hammerschlag. Sie haben scheinbar die Juden nicht geliebt, aber fel'Bft wollten sie sie nicht morden, darum führten sie die Opfer zu den Kosaken, aber nicht in die Stadt, sondern sie übergaben sie den Haidamaken am -Weg, -Limit sie keine Zeugen haben. In Felsztin betrug die Zahl der Opfer 460, zusammen mit den Ermordeten am Weg. Die Opfer des Proskurower und Felsztyner Pogroms erreichten also insgesamt die Zahlvon 150 0. Unzweifelhaft eine riesenhafte Zahl und um so schrecklicher, da es ja alles vollkommen unschuldige Menschenopfer waren, die sich nicht verteidigen konnten. Unter diesen tvarett sicherlich nur' sehr wenige Kommunisten oder deren Anhänger, denn, wenn man jemand auf frischer Tat ertappt hatte, wurde er sofort erschossen und die anderen konnten die Front verlassen und zu den Bolschewiken übergehen.... Die Untersuchung ergab,. daß die Seele nnd der Organisator des vorhergegangenen Aufstandes ein russischer Jude, S o b o l, war, ein Sozialrevolutionär, der in der letzten Zeit zu den Kommunisten übergegangen war. Ihm gelang es Mcklich, zu fliehen, und als die Bolschewiken iw. Frühling des Jahres 1919 nach Proskurow zurückkamen, spielte er unter ihnen eine große Rolle. Eine ganze Woche nach dem Pogrom in Proskurqw trauten sich die Juden nicht (mit kleinen Ausnahmen), die Straße zu betreten. Die Stadt war wie ausgestorben. Jeder Handel stockte, alle Geschäfte waren geschlossen. Semesenko mußte erst einen Befehl herausgben, damit man die Geschäfte öffnet. Es kam eine eigene Uu-terfuchungskommission, die viel zu tun hatte, aber Semesenko b l i e b weiter Kommandant und alle seine Befehle waren so furchtbar und merkwürdig, daß in der Bevölkerung die Panik und das Chaos immer schrecklicher wurden. Die Stadt atmete erst auf, als nach zwei Wochen die Schützen der Siez in die Stadt kamen. Dann erst belebten sich die Straßen nnd die Bevölkerung fühlte sich freier. Die jüdische Bevölkerung hatte zu den Schützen der SiH großes Vertrauen. Es muß noch bemerkt werden, daß dem Pogrom gerade das jüdische Ghetto zum Opfer siel, also der ärmste Teil der jüdischen BeviMrung, die Reichen wurden rricht einmal berührt, denn siv waren nicht im Ghetto. Es muß auch betont werden, daß die Kosaken während der Schlächtereien, keinerlei Raub verübten. Es lvaren einige Fälle, in denen'man ermordete Juden Mt .Geld in der Auch, das sie M KostHm ««w j!

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