Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2637 (27.6.1926)
- Date
- 1926-06-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Men, Sonntag Wiener Morgenzerruns Ee f Ich habe es nicht zu bereuen, nicht als Mensch un- Mcht als Mann der Wissenschaft, daß ich damals das Opfer meines zionistischen Bekenntnisses wurde, denn ich Mus mir hier in Wien meinen Wirkungskreis und hatte das Eck, die Freundschaft eines Poppcr-Lynkeus bis zu feinem Lebensende zu genießen. Auch mit Theodor Herzl Web ich weiterhin menschlich verbunden. Unvergeßlich bleibt mir ein Spaziergang mit Theodor Gerzl im Cottage. Cr eröffnete mir, den» Arzt, damals sein Innerstes. Man weiß, daß Herzl während der Konzeption -es ,Jjudenstaaates" in einer ungeheuren Erregung lebte. Deine Pariser Freunde waren sehr besorgt, besonders, als einmal Heitzl — wie er mir bei diesem Spaziergang beichtete — vor einem Pariser Kollegen in Tränen ausbrach. Sie konnten sich diese Erscheinung bei deur gewandten Weltmann mur mit einer bedenklichen Nervenkrise erklären und waren entschlosien, seinem Vater zu schreiben, damit er ihn aus Paris abhole. ,Jja, Dr. Korufell), wir hätten viel mitein- «Äer zu reden" —, sagte mir bei diesem Cottagespaziergange Herzl. „Sagen Sie mir offen, kann man diesen geäußerten Mangel an Gleichgewicht als Zeichen einer Psychischen Störung deuten?" Ich durfte Herzl beruhigen. Jene Erschütterung, die Herzl anläßlich seiner Erregung über den Dreyfuß-Prozeß überkam, sei bei Menschen von seiner -seelischen Kapazität nicht unnatürlich und keineswegs „besorgniserregend". „Sie haben damals, Herr Doktor, das erste -Mal als Jude gelitten, und es ist durchaus begreiflich, daß Wieder eröffnet! Hotel National Wien, II. Taborstrasse 18 Telephon 4Z-5-93 Vollständig neu eingerichtet, zentrale Lage, 200 Zimmer mit messendem kalten u. warmen Wasser, Bäder, Zentralheizung, Lift. Kaffeehaus und Restaurant im Hause I MStiige Preise I Neue Leitung 1 mo J diese Jhrä erste Begegnung mit dem Judenproblem eine solche Erregung auslöste." Ich konnte ihm auch zahlreiche gleichartige Faste aus der Geschichte der Wissenschaft anführen. Dreißig Jahre sind verstrichen, seitdem jenes Pariser Erlebnis den teuren Mann zur Abfassung seines „Judenstaates" drängte. Wer, wie ich, die ersten schweren Jahre des Kampfes für den politischen Zionismus miterlebtc und das Glück hatte, Theodor Herzl persönlich kennen zu lernen, den edlen Streiter, der für die Erlösung des Judentums starb, sieht mit Genugtuung, wie herrlich seine Saat aufgegangen ist. Dreißig Sichre „Menstaat". Kernworte aus Herrks „Andenstaat". M ctfrö&c nichts, das wolle man sich vor allem und aus Aibm Punkte meiner Ausführungen deutlich vor Augen halten. Ich erfinde weder die geschichtlich gewordenen Zustände der Juden, «och die Mittel zur AAhilfe. Die materiellen Bestandteile des Baues, den ich entwerfe, sind in der Wirklichkeit vorhanden, sind mit Händen zu greifen; jeder kann sich davon überzeugen. Will man also diesen Versuch einer Lösung der Judenftage mit miniem Wort kennzeichnen, so darf man ihn nicht „Phantasie", Horchern hWtens ,Kombination" nennen. * * «ü . Ich bin im Tiefsten davon überzeugt, daß ich recht habe /*— ich weiß nicht, ob ich kn der Zeit meines Lebens recht behalten werde. Die ersten Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlich ihr ruhmvolles Ende sehen. Aber .schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das Glück »der innerlichen Freiheit in chr Dasein. ' " ~ Ich verlange von den Gebildeten, an die ich mich wende, j&A Umdenken und Umffeructt mancher alten Vorstellung. Und gerade den besten Juden, die .sich um die Lösung der Judenftage -tätig -bemüht haben, mute ich zu, ihre bisherigen Versuche als ^verfehlt und uwv-irkstm» anzuischen. ' * Darum sage ich deutlich und fest: ich glaube an die AÄg- Mhkcit der Ausführung, wenn ich mich auch nicht vermesse, die endgültige Form des Gedankens gefunden zu haben. Der JudeniKaat Ht ein ZLeltbedürfuis, folglich wird er entstehen. * Dieses Jahrhundert hat uns eine köstliche Renaissance gebracht durch die technischen Errungenschaften. Nur für die Menschlichkeit ist dieser märchenhafte Fortschritt noch nicht verwendet. Die Entfernungen der Erdoberfläche sind überwunden, Md dennoch quälen wir uns ab mit Leiden der Enge. Schnell and gefahrlos jagen wir jetzt in riesigen Dampfern über früher unbekannte Meere. Sichere Eisenbahnen führen wir hinauf in eine Bergwelt, die man ehemals mit Angst zu Fuß bestieg. Die Vorgänge in Ländern, die noch gar nicht entdeckt waren, als Europa die Juden in Ghetti sperrte, sind uns in der nächsten Wunde bekannt. Darum ist die Judeunot ein Anachronismus — und nicht weil es schon vor hundert Jahren eine Aufklärungs- Zeit gab, die .in Wirklichkeit nur für die vornehmsten Geister Gestand. * Wh glaube, .den Antisemitismus, der eine vielfach kompli- Ferte Bewegung ist, zu verstehen. Ich betrachte diese Bewegung als Jude, aber ohne .Haß und Furcht. Ich glaube zu erkennen, was im Antilse-mitisnms roher Scherz, gemeiner Brotneid, angeerbtes Vorurteil, religiöse Unduldsamkeit — aber auch was darin vermeintliche Notwehr ist. Ich halte die Judenfrage >weder für sine soziale, noch für eine religiöse, wenn sie sich auch noch so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu Kfen» müssen wir sie vor allem zu einer politischen Welt- ^vage machen, die im Rate der Kulturvoller zn regeln sein tohfo. * / Wir sind ein Bost, ein Voll. Wir haben überall ehrlich ^versucht, in der uns umgebenden Volksgemeinschaft unterzusgehen und nur den Glauben unserer Väter zu bewahren. Man .'läßt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwängliche Patrioten, vergebens bringen!0ix dieselben Opfer an Gut und Blut wie unsere Mitbürger, vergebens bemühen wir uns, den Ruhm unserer Vaterländer «in Künsten und Wissenschaften, ihren Reichtum durch Handel und Verkehr zu erhöhen. In unseren Vaterländer),, irr denen wir ja auch schon seit Jahrhunderten wohnen, werden wir als Fremdlinge angeschrien; oft von solchen, deren Geschlechter noch nicht km Lande waren, als unsere Väter da schon seufzten. Werder Fremde im Lande ist, das kann die Mehrheit entscheiden; cs ist eine Machtfrage, wie alles im Bölkerverkehr. Ich gebe nichts von unserem ersessenen guten Recht preis, wenn ich das als ohnehin mandatloser Einzelner sage. Im jetzige)) Zustand der Welt und wohl noch in unabsehbarer Zeit gcht Macht vor Recht. Wir sind vergebens überall brave Patrioten, wie cs die Hugenotten waren, die man zu wandern zwang. Werln utan uns in Ruhe ließe... Aber ich glaube, man wird uns nicht in Ruhe lasten. ' ' " * , - - Wie Isichr ich auch die Persönlichkeit verehre, die starke Einzelpersönlichkeit des Staatsmannes, Erfinders, Künstlers, Philosophen oder Feldherrn sowohl als auch die Gesamtpersönlichkeit einer historischen.Gruppe Menschen, die wir Volt nen-nen, wie sehr ich auch die Persöuüchkeit verehre, beklage ich doch nicht ihren Untergang. Wer untergehen kann, will und muß, der soll untcrgehen. Die Vollspersonlichkeit der Juden kann, will und muß aber -nicht untergehen. Sie kann nicht, weil äußere Feinde sie Zusammenhalten. Sie will nicht, das hat sic in Zwei Jahrtausenden unter ungeheuren Leiden bewiesen. Sie muß nicht, das versuche ich in dieser Schrift nach vielen anderen Inden, welche die Hoffnung nicht aufgäben, darzutun. Ganze Aeste des Judentums können absterben, abfallon; der Baum lebt. * Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach einem anderen zu versetzen. Das vermag nur eine Idee. Die Staatsidce hat wohl eine solche Gelvalt. Die Juden haben die ganze Nacht ihrer Geschichte hindurch nicht aufgehört, diesen königlichen Traum zu träumen: „Ueber's Jahr in Jerusalem!" ist unser altes Wort. Nun handelt cs sich darum, zuzeigen, daß aus dem Traum ein tagheller Gedanke werden kann. * Indern ich nun zur Vernunft spreche, weiß ich oennoch wohl, daß die Vernunft allein nicht genügt. Alte Gefangene gehen nicht gern aus dem Kerker. Wir werden sehen, ob uns schon die Jugend, die wir brauchen, nachgewachsen ist; die Jugend, welche die Altert mitreißt, auf starken Armen hinausträgt und die Vernunftgründe umsetzt in Begeisterung. * In der Bedrängnis stehen wir zusammen, und da entdecken wir plötzlich unsere Kraft. Ja, wir haben die Kraft, einen Staat, und zitvar einen Musterstaat zu bilden. Wir -haben alle menschlichen und sachlichen Mittel, die dazu nötig sind. * Die Infiltration muß immer schlecht enden. Denn es kommt regelmäßig der Augenblick, wo die Regierung auf Drängen der sich bedroht fühlenden Bevölkerung den weiteren Zufluß von Juden absperrt. Die Auswanderung hat folglich nur dann einen Sinn, wenn ihre Grundlage unsere gesicherte Souveränität ist. Für die heiligen Stätten der Christenheit ließe sich eine völlerrechtliche Form der Exterritoriälisieruug finden. Wir würden die Ehrenwache um die heiligen Stätte»: bil)en und ntit unserer Existenz für die Erfüllung dieser Pflicht hasten. Diese Ehrenwacht wäre -das große Symbol für die Lösung derJudensrage »rach achtzehn für urts qualvolleil Jahrhunderten. ’ii. zfuiil rJ56 Die ArLeitciwohnuugerr (worunter die Wchnungen aller -Handarbeiter begriffen sind) sollen in eigener Regie Hergestell ".verden. Ich denke keineswegs an die traurigen Arbciterkaferuen der europäischen Städte und nicht an die kümmerlichen .Hütten, die um Fabriken herum in Reih' )ind Glied stehen. Unser« Arbeite Häufe r müssen zwar mich einförmig aussehen — weil die Company nur billig bauen kann, Ivenn sie die Banbestandteile in großen Massen herstellt —, aber die einzelnen Hause, mit ihren Gärtchen fallen au jedem Ort zu schönen Gesamtkörpern vereinigt werdcu. Die 'natürliche Beschaffenheit -der Gegend wird das frohe Genie unserer jungen, nicht in der Routine befangener» Architekten anregen, uirb wenn das Voll auch nicht den großen Zug des Ganzen verstehen wird, so wird er sich doch wchMhlen in dieser leichten Gruppierung. * Die Sache wird 'dennoch vielleicht nicht den kostbare»! Beifall der jüdischen Geldmagnaten finden. Diese werden sogar vielleicht durch ihre geheimen Knechte und Agenten den Kampf gegen unsere Juden bewegung einzuleiten versuchen. Einen solchen Kantpf werden wir, wie jeden anderen, der uns aufgezwungen wird, mit schormngsloser Härte führen. * Wir wollen drüben jeden nach seiner Fasion selig werden lassen. Auch und vor allem unsere teuren Freidenker, unser »tnstcrbliches .Heer, das für die Menschheit immer neue Gebiet« erobcr^! * Zu den hohen Einwendungen gehört es, daß in der Welt die Notlage der Juden nicht die einzige ist. Ich meine aber, daß »vir immerhin aufarlgen sollen, ein wenig Elend hinwWst^ räumen; wäre es auch vorläufig nur uusisr eigenes. * Da ist es, J»»den! Kein Märchen, kein Betrug! Jeder irann sich davor» überzeugen, denn jeder trägt ein Stück vom Gelobten Land hinüber: der in seinem Kopf und der .in feine? Armen und jener in seinem erworbenen Gut, * Darum glaube ich, daß ein Geschlecht wunderbarer Juden aus der Erde wachsen wird. Die Makkabäer werden wieder ausstehen. ~ . Noch einmal sei das Wort des Anfangs wiederholt: Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben. Die Welt wird .durch unsere Freiheit . befreit, durch uniseren Reichtum bereichert und vergrößert durch unsere Größe«' Und was wir dort nur für unser, eigenes Gedeihen veri suchen, wirkt machtvoll und beglückend hinaus zum Wöhle alle! Menstchen. , ______ Abertzstwttb. Bon Dr. Oskar Karbach, Generalsekretär-Stellvertreter de« Jüdischen Völkerbundlkßa für Oesterreich. Die diesjährige Plenarversammlmrg der Internationale»» Union der Bölkepbundligen hätte ursprünglich m Dresden ftattftnJb.cn sollen; nun» wollte die Aufnahme des Deutschen Reiches in den Völkerbund dadurch wirkungsvoll begehen, daß man zu»»» erstenmal auf deutschem Boden zu-- sa»nmenzuto»n»nen beabsichtigte. Die.Genfer Ereignisse und. die durch die ausgelöste oder verstärkte Stimmung in Deutschland ließen es jedoch angozeigt erscheinen, die Tagung zu ver-- legen: Sie findet, etwas irnprovisiert, in Aberysttvith, einem kleiner» Ort in Wales, statt, tvährend die KomrmKous-- sitzungen vorher in London abgehalteir »vevden. Die jüdische Bölkerbundliga für Oesterreich, die, wie bereits gemeldet, als ihrer» Vertreter wiederum Professor Dr. Baron, der sie bereits in Warschau u»»d Lausarme mit. großen» Erfolg repräsentierte, nach England entsendet hat, ist im abgelaufenen Arbeitsjahre nicht untätig gewefem Schlager» wir die Zusammenfassung der in den emzelneu Läirdern geleisteten Tätigkeit irr dem offiziellen Bulletin der Union »rach, so firrden wir dort ihre Bestrebungen zur Verbreitung der Ideen des Völkerbundes unter den österreichischen Jude n, insbesondere auch unter der j ü d i s ch e n I u g e»»d, eberrso ehrerrd erwähnt wie -die spontane und eindrucksvolle Unterstützung durch die j üd i-- s ch e Presse, derer» bedeutender »rwralischer Einfluß ausdrücklich betont wird. Auch die bedeutungsvolle Tatsache eines erstmaligen Bevsuches, an den allgemeinen Aufgaben der Union aktiven Anteil zu nehmen, der durch die Annahme. und Vorlage des vorn Verfasser biefer, Zeilen ausgearbeiteten Entwurfes für eure Vermittlungstätigkeit der Ligen bei natrorralen Disfereitzen innerhalb eines Staates seitens der Vorstandes der Jüdischen Liga im Vorjahr unter-? nommen wurde, findet dort seme Würdigung. Trotz divser Anerkennung von maßgebender Sertedürfen wir mit dem Erreichten nicht zufrieden sein. Die Bor> aussetzungen für eine Aktivierung der.jüdischen Bevölkerung für die Gedanken der Völkerverstärrdrgnng sind günstiger, die Möglichkeiten und Pflichten eiir-er jüdischen Liga größer Äs die irgerrd einer anderen nationalen Gemeinschaft. Der auf« reibende, in Violen Ländern heute noch nahezu aussichtslose Kampf gegen fcftverwurzelte chauvinistische und militaristische Anschauungen in breiten Bevölkerungsfchicht-en, den unsere Freunde von den anderen Ligen zu führen haben, bleibt uns Gang zum Grabe Theodor Herzta BVV Heute Sonntag den 27.d.M. um S»Uhr vormittags am II |B 11 Döblinger Friedhof (Endstation der Linie 40 der Straßenbahn) « i >1 Juden encheinet In Manen» Juden encheinet In Manen» || ■?