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Wiener Morgenzeitung · 1926-06-27 · Heft 2637 (27.6.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2637 (27.6.1926)
Date
1926-06-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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I Nr. 2887 Wien, Sonntag *."" «— »- -----—...—.- - - ■ Herzls Aufbauvlan. Bon Adolf Böhm. Das Jubiläum des „Judenstaates" von Theodor Herzl regt dazu an, Idee und Wirklichkeit, Vision und Erfüllung aneinander zu messen. Denn .Herzl hatte ja schon in dieser zionistischen Erstlmgsschvist der Technik des Ausbaues einen breiten Raum gewidmet und sich mit allen Kräften gegen den etwaigen Einwand, er habe eine Utopie geschrieben, "gewehrt. In seinem Ausbauplan geht er von der Voraussetzung aus, daß die juristische Vertretung der Juden, die Jewish Society, eine Art Charter auf ein Landstück mit vollen Souverämtätsrechten erhalten werde. Es ist merlwürüig, daß cr daran glaubte, daß in Argentinien oder in Palästina solche )Hoheitsrechte zu erlangen wären. Diesem Gedanken ist ein gewisser utopischer Charakter nicht abzusprccheu. Er ist cs auch, sicher bei der'Skizzicrung des Aufbauplanes in dein Büchlein ldie größten Abweichungen von m: späteren Wirklichkeit verursacht. Immerhin sagt Herzl klar und deutlich, daß das der Society völkerrechtlich zugesichcrte Land auch privatrcchtlich zu erwerben sein wird. Hauptsächlich toerde es sich um Staatsdomänen handeln. Herzl dachte jedenfalls daran, daß es sich um sehr große, noch unbebaute Terrains handeln müsse, denn die Jewish Company, welche als finanzielles Instrument der Society die Liquidierung für die Abstehenden sowie ihre Ansiedlung durchführen soll, wird damit beginnen, Wege,. Brücken, Häuser usw. zu bauen, wozir sie zunächst ungelernte Arbeiter cinwandern läßt. Dadurch wird ein kleiner Konsumirrarkt geschaffen, der sich durch immer stärkere Ansiedlung bemittelter Leute als Unternehmer, Handwerker, Beamte usw. iumler mehr erweitert. Bei der Umsiedlung und Liquidierung wird die Jewish Company den betreffenden Leuten den Wert der von ihnen in der Diaspora übernommenen Immobilien, Geschäfte ufw. in ähnlicher Form im Ansiedlnngsland zur Verfügung stellen. In dichr Art der Vorstellung des Werdens des jüdischen Gemeinwesens treten alle Vorzüge der Psyche Herzls zutage: Die große Konzeption, der Glaube" au die Möglichmachung des scheinbar Unmöglichen, der starke Wille, das stete Losgehen auf das Ganze, ein gewisses angeborenes Herrschertalent — aber auch Schwächen, die natürlich angesichts der Größe von Herzls Gestalt und Leistung nicht ins Gewicht fallen und die man nur bemerkt, seitdenr die -harte Wirklichkeit schon von ersten Voraussetzungen an sich ganz anders gestaltete, als er sie schaute. Herzl ist in seinem Ansbauentwurf rational nahezu bis zum Mechanischen. Es schwebte ihm ettvas vor, lvas ungefähr der amerikanische Stahltrust ausführte, als er eines Tages eine ganze Stadt, Garey, aus dem Nichts schuf, indem er seine Werke dorthin baute, wo er die'besten Produktionsbcdingungen für sie fand. Es ist gar nichts Organisches in dem Plan Herzls. Bezeichnenderweise sind schon die Voraussetzungen: menschenleeres Land und volle Souveränität so gewählt, daß sich dem Aufbau nicht irgend welcher Druck oder Widerstand in: Lande selbst entgegensetzt. Der Aufbau.geschieht nach,einem festen Plan, aber trotzdem mcht nach sogenannter Planwirtschaft. Man sicht deutlich, wie .Herzls kühne Godankengänge zwar seiner Zeit auch hierin vorauseilten, aber auf diesem ihnr ferner liegenden Gebiete in der näherer: Ausführung im Aphoristischen stecken bleiben. Selbst wenn man feinen Standpunkt der absoluten Bejahung der Privatwirtschaft teilt, so mutet es sonderbar an, wenn er das Land von der Jewish Conrpany erwerben, aber JBtattt MorsemettunH Wegen Raummangel I lilllUKIlF bis zu 25% reduzierte Preise | Gr ofjsr Resten verkauf | § nur noch ^5* Tage I Okkasion I j Pongis impr., neueste Dessins 3 Q#— j I im | Seidenbaus | Duldner D Deutsch [ 1 VII., Neubaugasse Nr. 10 573 I liiiiiiiim.iiiiimiiiirnirTmriHim.iimTTinmirrmtjinnuiiniimmimnimmiimmiinnnimimniinnmimiiimTimiwii von ihr von Boden ins Priv a teigettt tt m der Siedler vcrkauseu läßt, wobei sic selbst G c w r n n c ntachen soll. Wie wenig organisch der Aufbau sich vollziehen soll, geht vor allem daraus hervor, daß nirgend von der Landwirtschaft (auch sonst nicht,von. irgend'einer Urproduktion) die Rede ist. Bei näheren! Zusehen bemerkt man, daß Herzl anscheinend viel mehr an die' bloße U mf i cd tu n g als an die U m s ch i cht uug der Juden dachte. .Bei der ihm mit Recht sehr wichtig' erscheinendem Tätigkeit der Company, dein Wanderungsbereiten zu helfen, sein Eigentum in der Diaspora ohne Verlust zu liquidieren, ist es ihm wichtig, zu zeigen, daß mit leichter Mühe der Betreffende im neuen Lande wieder in seinem alten Beruf tätig sein kann. So wird der ganze Plan für den Aufbau eigentlich 51t einem solchen für eine Uebersiedlung. Daher auch der sehr breite Raum, den die Frage der Liquidierung einnimrnt, der Vorfchlag, daß die zionistischen Ortsgruppen gemeinsam hinübergehetl und sich gemeinsam ansiedeln sollen, sowie die ganze „Exodus"stimmnng des Buches. (Eine ähnliche Stimmung findet sich auch in „Altneuland".) Diese Schwächen der Herzlichen Konzeption können natürlich der historischen Bedeutung seiner genialen Schrift keinen Eintrag tun. Der Aufbauplan ist nicht der wesentliche Teil des Büchleins. Und trotz der kleinen Schwachen ist selbst dieser fast monumental zu nennen. Tenn die zäh festgehaltene und durchgeführte Idee, daß die Juden den Exodus aus der Galuth planmäßig organisieren und. ebenso planmäßig sich eine neue Heimat bauen-, ist nicht nür für'stene Zeit und jenen vollkommen assimilierten Mann grandios, sondern sic ist auch die konstituierende der heutigen Arbeit. All ihre großen Grundlinien hat Herzl prophetisch vorausgezeichnet: die juristische Person, welche den Charter empfängt (Jewish Society, heute die Jewish Agency), der Charter selbst (dos Mandat), die finanzielle Gesellschaft für die Durchführung (Jewish Company, heute unsere 27. HM 1926 SM L verschiedenen Institute und Fonds), die Organisierung der Wanderung (Paläftinaämter! indes wir die Liquidicrungsbanken dem Herzlichen Plan noch schuldig sind), die Planmäßigkeit des Ausbaues (zu der wir erst langsam gelangten, stehe die jüngste Praxis, die Siedlungspläne im vorhinein auSzüarbeiten und erst dann an die Arbeit zu gehen, indes Herzl verlangte, daß dies von allem Anfang geschehe), die Auswanderung und Ansiedlung in Gruppen u. a. m. Kur;, es ist heute kaum ein Grundprinzip der Aufbauarbeit in Anwendung, das nicht .Herzl schon vor dreißig Jahren vorgezeichnet hat. Er war eben der geborene Führer. Sein politischer Blick drang in die letzten Tiefen. Hat man es ihm früher verargt, daß er im Judenstaat die reine Deniokratie verwarf, so staunt man heute, wie richtig >cr vor dreißig Jahren schon ihre. Schwächen erkannt hat. Sie ist nach ihnr.maßlos in der Anerkennung und Verurteilung, führt zu Parlamentsgeschwätz und zur häßlichen Kategorie der Berufspolitiker. „Tie reine Demokratie setzt nämlich sehr einfache Sitten voraus." Deshalb will Herzl die „aristokratische Republik", Politik muß ,won oben herab" gemacht werden. Dieser Anschauung entsprach Herzls Idee vont Sachwalter, „Gestor" der Juden (der Jewish Society), später aber erkannte er, daß der Zionismus nur als Sache des organisierten jüdischen Volkes siegen könnte. Doch dieses hat immer der großen Führerpersönlichkeit einen breiten Spielraum gelassen, so seinerzeit Herzl, wie heute Mcizmann. Und niemals wird cs vergessen, daß der Judeustaat das Signal war zn einer Volkserhebung ganz eigener Art und daß dieses Buch nvch immer wie ein wegweisender Lcnchtturin ein Licht wirft auf die letzten und höchsten Ziele dieser Erhebung. „Fudrnftaat" und Zionismus. Von Max Novdau. Diesen Aussatz schrieb Max illordau als Vorrede einer polnischen Ausgabe von Herzls „Judeustaat". Theodor Herzls Gestalt wächst in dem Maße, wie sie .zeitlich iu die Feme rückt. Wir übersehen heute besser sein Wollen als zur Zeit, da er es zuerst-ausdrückte. Wir .erkennen die Entwicklungen, die von ihm ausgeheu und die bei seinem Auftreten kaum angedeutet waren. Es gibt Verständnislose, die behaupten, der Zionismus habe sich von Herzl ivegenlwickelt. Andere prahlen hochnäsig, sie hätten im Zionismus Herzl „überwunden", 'das heißt sie wären über ihn hineusgegangen. Beide Gruppen beweisen lediglich, daß sie Herzt nicht begriffen haben. Ein Zionismus, der sich von Herzl wegentwickelt, ist keiner; denn Herzls Zionismus will die Befreiungder jüdischen Masse aus-der Zerstreuung, der Verbannung, dem Elend der Fremde, den Höllenkreisen des- Hasses, der Verachtung, der Verfolgung,, der Verleumdung, er will die Sammlung der umhergeschleuiderterr Glieder des jüdischen Volles zu einem verjüngten, lebenskräftigen, gesund und fröhlich weitcrwachsenden Organismus, dernach zweitausendjähriger Unterbrechung wieder in normale Daseinsbedin'gnngen versetzt ist, er will die Rückkehr des Wiede» geeinigten Judenvolkes in das Land seiner Väter und die Fortsetzung seiner drei tausendjährigen Geschichte auf' dem sichern Boden, aus dem ,es die Kraft zunt neuen Sein und Wirken ziehen soll. Eine Bewegung, deren Ziel nicht innerhalb des Rahmens dieses Proigrammes liegen würde, wäre kein Zionismus. Und ebensowenig ist ein Zionismus , denkbar, in Stoffen, Wafchware», BadekoWmen, -manieln, -Hauben usw. im Warenhaus Herrl-Tnß in Rnwnd. Von Zefoni (Jerusalem). Wir sind auf vaterländischem Boden zu Schöpfern neuer, schöner und erhabener Traditionen geworden. Wir überliefern unserer Heranwachsenden Generation etwas Neues und Greifbares: den Herzl-Tag. Selbst die fortgeschrittensten Kulturvölker pflegen ihren Holden meistens Denkmäler aus Bronze und Stein zu errichten. Eine kalte, starre Statue auf einem öffentlichen Platze wird zu einem stummen Symbol des verstorbenen Helden: die Zeit nagt an ihren Formen. Dunkel und verschwommen wird das in Bronze und. Stein geprägte Bild, bis es schließlich gänzlich in Vergessenheit gerät. Wir waren und bleiben Gegner der Personifikation in Religion und Geschichte. Unserer Enrpfindung nach lobt die Seele des schafferrden Individuums in seiner Lobenstat. Die Fortsetzung seiner Tat gilt bei uns als die Fortsetzung seines Lebens. Der Herzl-Wäld auf Nationalfondsboden. Wo noch vor einigen Jahren glühender Saud und einsame Felsen lagen, ist heute Schatten und Wasser und lächelndes Grün. Jeder einzelne Baum im Herzl-Wäld erinnert an jenen geistigen Riesen, jeder Strauch verrät seinen glühenden Atem. Er lebt im grünen Walde weiter als König seilles ewigen Frühlingstraumes. Sein Trauertag verwandelt sich in einen Tag der Tat. Wie schwer mag es wohl sein, von Jahr zu Jähr an diesem Tage in stülmner Andacht zu verharren, ohne seinen Gefühlen Ausdruck verleihen zu können . . . In Rußland, der Wiege des Massenzionismus, ,ist Herzl in den Bann getan worden. Sein Name darf nirgends laut ausgesprochen werden, sein Bild kein Haus schmücken. Sein Todestag wird nur in den Gefängniszellen von Tausenden zionistischer Zuchthäusler „öffentlich" gefeiert. Niemand darf 1 es jedoch wagerr, außerhalb der Gefängnismauern diesen Tag öffentlich zu feiern. Und dennoch gibt es Leute, welche es wagen. Eilt neues Mnrannengeschlecht ist herangewachsen. In engen Kellerstuben wird der Herzl-Tag begangen. Von dort aus geht der Leidensweg des russischen Hechaluz, Haschomer Hazcvir, Zeirki Zion nach den rauhen Gefängnissen Sibiriens, in denen noch der Schatten des Zarismus schwebt. In dem kalten Norden sehnen sich die Herzen noch viel stärker , nach der sonnigen Volksheimat, um im Herzl-Lande zu Pflanzen und verpflanzt zll wevden. An diesenl Tage mitten wir aller jener gedenken, die in unerschütterlicher Liebe das Joch der physischen und geistigen Leiden und die Schmach der Unterdrückung freiwillig auf sich genommen haben. Int Gedächtnis steigen alle die Leidensjahre ans, die der Zionismus in Rußland rnitgemacht hat, Jahre äußeren Druckes und inneren Wachsens. Man begreift, daß Theodor Herzl bei den Gegnern als Symbol der Renaissancowehen des jüdischen Volkes galt. Ich erinnere mich an den 20. Tantus im zaristischen Rußland. Das Geheimzirkular Plowes über die Verfolgung des Zionismus wurde zlun Gesetz. Die Vereine arbeiteten im geheimen. Der Herzl-Tag wurde in den Wäldern Litauens luld Weißrußlands geheim gefeiert und den Feinden zum Trotz zu einen! Tage der allgemeinen Mobilisierung für den Jüdischen Nationalfonds. In jenen schweren Jahren besaßen wir einen großen und edelmütigen Führer, der die ermüdeten Mitkämpfer stets zu ermuntern wußte. Es war dies der Direktor des Jüdischen Nationalfonds in Rußland: Jechiel T s ch l e n 0 w. Es brach der Weltkrieg aus. Rußland und Deutschland waren Feinde. Theodor Herzl, der bcutfcfjc Jude, ivnrde nun doppelt in den Baun getan. Eine Trauerversammlung für einen fremden Staatsangehörigen verunstalten galt als fl.. Tahorstrasse 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail Hochverrat. Versammlungen waren verboten. Neue Mafsenvevhaftungen. Die Preffr war geknebelt. Plötzlich drang blendend Helles Licht empor. Die Mauern des Zarismus brachen zusammen. Knechte von gestern atmeten frei auf. Die Menschenhasser und Verräter flohen oder starben am Galgen. Das jüdische Volt jubelte doppelt auf. Das so lange Jahre geheim gehaltene Banner Zions erschien zürn erstenmal in den Straßen. Im März brach die Revolution mrs, im Mai fand bereits die 7. Landeskonferenzder russischen Zionisten öffentlich statt. Der 20. Tamus wurde öffentlich gefeiert. And wieder kanr das Dunkel. Das Licht der Freiheit erlosch. Hunger, Blut, Terror und Bürgerkrieg. Grausame Regierung. Volksverräter und Assimilanten kanten ans Ruder und wurden zu Henkern des Volkes. Der Zionismus wurde nicht geduldet. Die zionistische Bewegrtng ließ sich jedoch nicht mehr geheim halten. And so kam es zu Berfolgmtgen, die noch bis jetzt andauern. Der 20. Tamus kann aber nicht abgeschafft werden. In Moskau, der Residenzstadt Rußlands, wo die Feinde Zions ihren Sieg feiern, hat uns das Schicksal einen kleinen Trost verliehen. Ent edelmütiger Mann ans unserer Mitte -hat den Mächtigen des Kreml einen Sieg abgerungen. Das Geheimnis dieses Mannes liegt in der Musik. Durch Musik siegte er. Einige Jahre nacheinander wurde die Erlaubnis gegeben, an diesen! Tage, an welchem Tausende unserer Gesinnungsgenossen ihren Zionistentranm träumen, einen Mrrsikabond zu veranstalten. Keine Worte, keine Reden. Nur Musik und Gesang. Traurige, machtvolle und zugleich hinreißende, hoffrtung-»- eriveckende Töne. Keine Worte, keine Reden. Nichts vermag die Erü-bniffe so widerzugeben wie die wortlose Musik. Aüd als die edlen Töne des Chopinschen Trauermarsches an dieftw Abenden erschallten, da ffchlte ich, wie auf den Lippen de« Volkes ein Schwur erzitterte: Wir vergessen für keinen Angsn-" blichKas gezstzge Erbe KgM,_den AnHau EW^Jtzaeks. - * 43997711

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