Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2634 (24.6.1926)
- Date
- 1926-06-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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jrf- *^51 Wien, DonnrrStsz Msnsr MoeKeiMktrML. 24. Juni IdW Me» Lagesberrcht. Wie die KritülsloMtion bezahlt iv-rd. Lee Joint fubventionieet 75.000 jüdische Bauern. Das offizielle Organ der Zionistischen Organisation in Amerika, „Das jüdische Volk", schreibt: In dem Bericht Mr. James Roscnbergs, welcher im Auftrag des Joint eine Inspektionsreise durch die jüdischen Kolonien in Sowjetrußlarid unternommen hat, wird unter anderem erzählt, das; der Agrojoint zur Herbeiführung guter Beziehungen zwischen -den jüdischen Kolonisten und den russischen Bauern an 75.000 russische Bauern direkte GelLhilfen verliehen habe. Damit soll der schlechte E i n d r u ck, den die landwirtschaftliche Kolonisation der Juden auf die russischen Bauern der umliegenden Dörfer geübt hat, gemildert werden. Wir sind nun der Meinung, daß dies ein Schritt $u jenem gefährlichen Pfade ist, auf den die Krimkolonisation logischerwcist aldrängcn muß. Wäre es möglich, die Lage der Juden in Rußland durch Geld und direkte Geschenke zu verbessern, so wäre die Iu'oenfrage dort schon längst gelöst. Ein solches System ist nicht nur politisch unklug, sondern auch sozial und wirtschaftlich lächerlich und aussichtslos. Kann nicht mit Sicherheit erwartet werden, daß die jüdische produktive Arbeit auch der nichtjüdischen Bevölkerung zugute konunen und von Nutzen sein werde, wie das zum Beispiel 6rez Israel erwiesenermaßen der Fall ist, dann ist es ein kompletter Unsinn, zu glauben, daß durch die vom'Joint angewendeten Mittel eine A e n d e r u n g' d e r russisch-bäuerlichen Psycholog i e erzielt werden könnte. Ucberdies ist das eigentlich nichts anderes als der alte russische Bäkschisch ln anderer Form. Der Unterschied besteht bloß darin, daß man im alten Rußland, um zu seinem Recht zu gelangen, dem Pristaw allein eilte Gans oder einige Rubel zustecken mußte, während matt sich heute die Gunst sämtlicher Bauern erkaufen muß. Eiu solches System als sozialpolitische Methode bleibt völlig wertlos und muß sich als ganz unmöglich und undurchsührbar erweisen. Wir glauben nicht, daß das amerikanische Judentum m der Lage ist, die Aufgaben der russischen Regierung aus sich zu nehmen und die allgemeine russische Kolonisation zu subventionieren. Wir halten dies für einen durchaus falschen Schritt, der die amerikanischen Juden mit ungeheuren Auslagen belastet und in eine höchst zweifelhafte Unternehmung hineintveiben muß. Prinzipieller mm Fall Maria« Lanzeadorf. Bon Fürsorger Bela Fischer. Die Tatsache, daß im Krüppelheim zu Maria-Lanzendorf jüdische Kinder getauft worden sind, hat die jüdische Oeffcntlichkeit empört und aufgeregt. Es wäre zu wünschen, daß sie sich nicht wieder beruhigt, ohne ihre Folgerungen gezogen zu haben. Mit der Entrüstung über die geistlichen Frauen, welche Kinderseelen zu ihrem Glauben hinübergezogen haben und weiterhin jiidisches Geld für sie annahmen, ist nicht viel erreicht; denn diese Fälle unterscheiden sich von unzähligen anderen mr dadurch, daß sie bis zur letzten Konsequenz gediehen und dadurch ausfällig geworden sind; im Grunde sind sie typisch, und was sich hier begeben hat, begibt sich jeden Augenblick, ohne daß sich die jüdische Oefsentlichkeit in ihren ittju berufenen Organen dämm kümmert. Ich selbst kam vor einiger Zeit in ein hiesiges Heim zu einem Knaben, von dem mir mitgeteilt worden war, daß er kurz vor der Taufe stünde. Eindringliche Beschäftigung mit dem Kind ergab dann, daß wirklich die Initiative zum letzten Schritt, zur Tausvorberitung, von ihm selbst ausgegangen war. Der Knabe lebte im Katholizismus, er hörte und sah nichts anderes; er tvar längst innerlich kein Jude mchr, sondern nur noch ein Nichtkatholik, und als solcher von den festlichen und erhebenden Erlebnissen der anderen Kinder ausgeschkvssen. Bedarf es da noch starken Druckes, um den Entschluß Mr Taufe reisen zu lassen? Wenn wir Inden uns über die Seelensängerei >der geistlichen Schwestern entrüsten, so müssen wir uns sagen, daß wir selbst durch Vernachlässigung eine Schuld aus uns nehmen. Seelenfängerei ist nur vont jüdischen Standpunkt aus verwerflich, vom Standpunkt der katholischen Kirche aus ist sie eine Mizwah. Das wissen wir. Warum rechnen wir nicht damit? Der ideale Zustand wäre es, wenn wir nicht nur alle Kinder, sondern auch sonst .alle Juden, die anstallsbedürftig sind und Verlangen ' nach jüdischer Umgebung haben, in eigenen Anstalten nnterbringen könnten. Das ist unntöglich, aber der Abstand zwischen diesem Ideal und der Wirklichkeit ist allzu weit; denn in Wirklichkeit leben überall in Hmnanitätsanstalten, auch in sremdkonsessionellen, Inden,.um die sich die Mische Gemeinschaft nicht kümmert, wenn sie nicht durch Taufe, Selbstmord oder sonst ein auffälliges Ereignis die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Abhilfe könnte in Wien geschaffen werden, indem man den Bez i rks komm iss ion e n der Kultusgemeinde, die sich bislang nur um Steuersachen unddergle ich e n kümmern, F ü r s o r g eaktionen angliederte; die einzige Bezirkskommission XII/XV hat das bereits aus eigenem getan. Aus solcher Bezirksarbeit könnten Männer und Frauen hervorgchen, die sich der intensiven, persönlichen Fürsorge von Mensch zu Mensch widmen, die sich jeweils eine bestimnite»Anstalt oder sogar nur eine Abteilung einer solchen Anstalt als Arbeitsgebiet nehmen. Die ftaronflrf tdttt^rialurbuffcr. /ffiefftirste r v < WM Katholiken haben ihre Pfarrcharitasausschiisse, die über Men. jchen und Geld verfügen, sie haben ihren katholischen Frauen« bund, der ein dichtes Netz über ganz Oesterreich spannt und— man muß es leider sagen — bedeutend mehr leistet als unsere Frauenvereine. So können sie alle der Fürsorge Bedürftigen in jedem Lebensalter betreuen. Etwas ähnliches erstrebt die Arbeitsgemeinschaft Jüdische Krankenfürsorge (Seitenstctten. gaffe 2), deren Vorsitzender .Herr G o ld s ch m i ed t gleichzeitig der Vorsitzende der genannten Bezirkssürsorgekommission Xll/XV ist, schon seit Jahren an, ohne daß es ihr trotz aller Erfolge im einzelnen gelungen wäre, die große Zahl von Mitarbeitern zu gewinnen, die für eine ßilche intensive Arbeit notwendig wäre. Hoffentlich hilft ihr der Fall Maria-Lanzendorf, die .Juden für die Arbeit im Interesse der jüdischen Kranken, Gebrechlichen und KrüMt zu interessieren. Sine wichtige Erfindung. Die Lektüre gewöhnlicher Bücher soll Blinden ermöglicht werden. Aus Leningrad wird gemeldet: Der Professor des hiesigen Polytechnischen Instituts B. L. Rösing hat einen neuen Apparat konstruiert, ein „E p t o p h o n", mit dessen Hilfe Blinde ndieLektüregewöhnlicherBücher ermöglicht wird. Das Eptophon ist nach den: Prinzip einer Schreib m a s ch i n e konstruiert. Das Buch mit gewohnlicher Schrift wird auf ein Gestell gelegt, auf dem es sich wie aus einer Schreibmaschine bewegt, und zwar gleitet es beständig an dem Objektiv eines Mikroskops vorüber. Während der Bewegung des Buches vollzieht sich im Objektiv jedesmal eine Unterbrechung der Belichtung je nach der Form der entsprechenden Buchstaben. Das Licht gelangt aus dem Objektiv aus ein besonderes Photoelement und ruft Schwankungen in einem der Kette angeschlössenen Telephonapparat hervor. Durch dieses Telephon sind die verschiedenen Töne 'entsprechend dem Charakter der Buchstaben zu hören. Auf diese Weise können die Blinden, nachdem sie sich die den einzelnen Buchstaben entsprechenden Töne gemerkt haben, ein Buch mit gewöhnlicher Schrift losen. I Juden I Ehret den großen Führer durch massenhafte Beteiligung am Grab- HERZL- GRABUNG 1 Juden i" gang am Sonntag', den 27. Juni 1926 um 9 Uhr vormittags Ludwig Lewisohn« „Mmel". Von Adolf Böhm. Ein amerikanischer Jude von höchster Geistigkeit erfährt in sich, was ein Herzl vor dreißig Jahren erfahren hat:. Nach langert Wanderungen in den höchsten Regionen der modernett Kultur, nach intensivster schöpferischer Anteilnahme an denr geistigen Ringen der Völker wird ex plötzlich der Distanz und der Spannung zwischen dieser Welt, in der er sich so heimisch gefühlt hatte, und seinem eigenen Ich, das er jetzt erst als ein jüdisches erkennt, gewahr. Es ist erstaunlich und erhebend zugleich, daß heute noch der Zionismus als Erleuchtung erlebt werden kann. Dies ist nur ntehr in Amerika möglich, wo die Joden heit erst all die Stadien durchlaufen muß, die wir im alten Turöpa schon lange hinter uns haben. Lewischn ist dieser Weg nicht leicht geworden. Wie wir aus seinem letzten Buche „Up Stream", seiner Lebensgeschichte, wissen, hat er, der als Knabe von Berlin nach Amerika kam und dort schon frühzeitig durch den Besuch von Soiintagsschulen christliche Erzie'hungseinflüsse erfuhr, schon von Jugend auf keinerlei Zusamntetthang mit dem Judentum enrpfunden und war daher aufs höchste erstaunt, daß er als „Judonstämmling" trotz bester Qualifikation an keiner Amerikanischen Universität Professor -des Englischen werden konnte. Während des Krieges hatte er mich wegen feiner deutschen Abstammung u'^d seiner tapferen Haltung gegen den Kriegswahn und die Dentschenfresserei zu leiden. Aber in diesem Buch, das vor zwei Jahren erschienen ist, war noch nicht das Gerittgste davon zu spüren, daß Lewisohn sich seines Judetttums bewußt geworden rväre. Doch dieser seine und tiefe Kopf, der eine besonders kritische Veranlagung besitzt, nmßte dazu kommen, einzuseheu, daß seine Geistigkeit — vor allem sein radikaler Pazifismus, sein Ethos urd seine Jntellektualität — jüdisches Erbe ist. Und wie er plötzlich den Juden in sich entdeckte, so ward ihm auch sofort klar, welche Stellung der Jude in der Welt einninunt. Wenn inan als Nationaljude Lewisohns nettes Btlch „Israel" liest, tvemt man feinen Augen nicht: Hier entwickelt ein bedeutender Kopf auf Grund eigener Erfahrung und Entwicklung, ganz unabhängig von aller Parteiliteratnr, die er wahrscheinlich erst später kennen gelernt hat, die Elemente des Zionismus m.it solcher Schärfe, Logik, Frische und Kraft, daß dieses Buch selbst auf den Zionisten, der jahrzehntelang in der Bewegung steht, fast wie eine Offenbarung wirkt. Man frischt das eigene, lange zurückliegende Erlebnis auf, hingerissen von dem Schivung der Sprache, der Wärme der Ueberzeugung. und der Festigkeit des selbstgebildeten Urteils. Dieses Buch sprüht Leben. Schon seine Anlageist eigenartig und höchst reizvoll. Das Werk ist eilt Bericht über eine Reise, aber einer solchen, welche zugleich und im innigen Zusammenhang eine Reise durch verschiedene Länder wie eine Reise durch die Judensrage ist. In Arnerika kam Lewischn zur Klarheit über sie und beschloß, über Osteuropa nach Palästina zu fährett, um durch eigene Anschauung seinen neu gewonnenen Standpunkt zu überprüfen. Und dieser ist radikal genug! Lewischn, der selbst extremster Affimilant gewesen war, der in Zünerika, dem „melting pot" lebt,- sagt in aller Schärfe: Wir sind ein Volk. Er begreift den Sinn der Mischen Geschichte: In ihrem Martyrium „starben die Juden nicht für ein theologisches Dogma. Sie starben für die Erhaltung Israels. Sie starben, damit ihre Nation leben bleibe — nicht, wie die Soldaten irgend eines Machtstaates, daß seine Fahne nicht gedemütigt werde, oder daß er keine Provinzen verliere. Derartiges war nicht ihre Sache. Sie starben, damit aus dieser Welt der Macht, der Gewalt, des Hasses und Krieges nicht ein „Reich der Priester", eine „heilige Nation" verschwinden möge, welche für intmer die Spitze des Schwertes vertauscht hat mit der Bewährung des Geistes". Assimilation ist nach ihm unntöglich, selbst in Amerika. Die Juden könnett ihren nationalen Charakter nicht ändern, auch wenn sie es wüuscheu. Lewisohn beschreibt die verschiedenen Mischen Typen, die er in Amerika fand — es sind dieselben wie in Europa. Zlvar waren alle Juden, die er sprach, irgendwie beängstigt durch die antijüdische Strömung, die derzeit in Amerika immer stärker wird, aber nirgends fand er Inder:, die sagten: Wir sind Juden, können nichts anderes sein und deshalb müssen wir als Inden unseren Beitrag zur amerikanischen Zivilisation leisten. Er kontrnt nach Deutschland. Unnötig zu sagen, in welcher Lage er die jüdische Geistigkeit und die jüdischen Geister fand. Lewisohn, selbst Poet und Literat, Uobersetzer von Hauptmann und Wassermann,, ist hauptsächlich am tünstleriMn Men, Uy» teressiert. Er sieht, daß in Literatur, Theater, Kritik die Juden ftihrend sind, daß aber trotzdem die Assimilation bankrott ist. Die Jrtden leben, denken, schaffen in Deutschland „in Isolierung von dem Volke, das die Früchte ihrer Arbeit genießt".' Bon' Deutschland fährt er nach Pölert. Mit scharfem Auge sieht er die unleidlichen Verhältnisse, unter denen die Juden leben, und. schätzt deren Unbeugsamkeit, welche sie davor bewährt hat, ihre ttationale Eigenart um das Linsengericht einer formalen Rezeption zu verkaufen. So unterlägen sie nicht den zersetzenden Einflüssen, welche — anderwärts — den ^erfolgten Ässimilanten hervorgebracht haben, jenes seltsamste. und bemitleidenswerteste Geschöpft, das kein Jude ist, aber kei-n Nichtjude werden kann, und das als unglückliches Gespenst zwischen zwei fren:-den Welten umlMvandert". Diese Art schärfster Pointierung der Charakteristik erinnert an die bisher unerreichte Diktion Leo Pinskers. , Das Guropakapitol schließt mit der Schilderung der Abfahrt eines Trupps Chaluzim von Warschau nach Palästina. Diese Schilderung ist mit hoher Künstlerschaft durchgeführt. Die Stimmung der Menge, die Gefühle der Abfahrenden und als Kontrastwirkung jene der säbelklirrenden, parfümierten polnischen Offiziere, die im selben Zug, aber erster Klasse reisen, die symbolische Bedeutung der Szene — all das ist in knappew klaren und eindringlichen Worten meisterhaft wi-edergegeben. Symbolisch wirkt auch die.Anordnung -des Buches. Lewisohu hat die Lage der Judetiheit in der Galuth mit geistigent und leiblichem Auge erfaßt, in fortwährender Steigenmg >hat er auf der Fahrt von West nach Ost sowohl die jüdischen Leiden als auch die jüdische Widerstartdskraft erfahren. Nun sieht er die Heimkehr der Jndett ins eigene Land, erfaßt die beginnende Peripetie des jüdischen Schicksals. Und er selbst nimmt Abschied von Europa ttnd fährt nach Erez Israel, um das Werden der -jüdischen Alkunst zu erschauen. Wir wissen: er wird keine Enttäuschung ertebea. Und wir dttrchfliegen mit Spanmlng die Schilderungen eines so selbständigen, künstlerischen und dabei kritischen Geistes. Wieder stamten wir über die rasche Erfassung des Wesentlichen, wie über die Kunst der Darstellung, in die fast alles Wissenswerte über, die Organisation und Institutionen eingeflochten ist» so daß die .Lektüre dieser ReWejKrsibuptz in