Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2632 (22.6.1926)
- Date
- 1926-06-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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MM.DkMitz MEk MosMchkMW es. Mi IM Me Regierung Bartel und der Sejm. Lar Berjaffungsgesetz noch nicht auf der Lagerordnuns. — Kein Ekstase der MlnlfterprSfidenten. — Sin privater Lee. Warschau, 21. Juni. Das Rahmengesetz, betreffend die Abänderung der Verfassung ist dem Sejm bereits zugcgantzen, steht aber nicht auf der T a g e s o r d n u n g der morgigen Sitzung. Die Motive für diesen Entschluß der Regierung sind noch in tiefes Dunkel gehüllt. Der Scjnl soll morgen nur das Budgetprovisorium vom 1. Juli bis zum 30. September und einige kleinere Vorlagen erledigen. Der Motivcnbericht der Regierung zu dem Rahmengesetz besagt: „Das Gesetz soll die dringendsten Notwendigkeiten erfüllen, die in den vergangenen Jahren seit der Beschließung der Verfassung, d. i. seit dem 17. Marz 1921, znnl Vorschein kamen. Das Projekt beschränkt sich auf die unentbehrlichsten Forderungen, die zum Ziele haben: 1. Dem Staat ein im entsprechenden Termin beschlossenes Budget zu sichern, was für eine rationelle Staatswirtschast und für die Ordnung der finartziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse unentbehrlich ist; 2. die Sicherung eines richtigen Verhältnisses zwischen der Legislative und der Exekutive, die eine gemeinsame Mitarbeit ermöglicht; 3. die Regelung der rechtlichen Zustände der Republik, deren Dringlichkeit mit jedem Tag wächst, insbesondere weil der bisherige Vorgang in dieser Hinsicht keinerlei Resultate gezeitigt hat." In den politischen Kreisen hat ein Brief des Sejmmarschalls Rataj an den Ministerpräsidenten Bartel großes Aufsehen erregt, lieber den Inhalt des Briefes verlautet nichts Offizielles, doch erfährt Ihr Korrespondent, daß der Brief wichtige Forderungen an die Regierung wegen der Nichtberücksichtigung der Grundprinzipien des Parlamentarismus bei der Bildung der jetzigen Regierung stellt. Der Mnisterpräsident beabsichtigt nämlich nicht, in der morgen stattfindenden Sitzung des Sejm die Regierung traditionsgemäß vorzustellen und ein Programmexpose zu halten. Der Ministerpräsident hat dagegen für heute, 5 Uhr nachmittags, in das Präsidium des Ministerrates die Mitglieder der Vorstände aller Partoiklubs zu einem Tee geladen, um ihnen private Mitteilungen über die Ansichten der Regierung zu machen. PUsudrlis Reformen. Warsckstm, 20. Juni. Marschall Pilsudski hat eine durchgreifende Reorganisation des Ministeriums für Heerwesen angeordnet. Ab 1. Juli d. I. werden ans diesem Ministerium insgesamt 350 Offiziere und 250 Hilfskräfte entlassen. Mit einer weiteren Verordnung des Marschalls werden auch sechs Departements des Ministeriums gänzlich aufgehoben werden. Auch im General stab werden weitgehende Reduktionen vorgenommen werden. Im Zusammenhang mit diesen Ersparungsmaßnahmen sollen ferner die Korpskommandos in Lodz und P r z e m h s l aufgelassen werden. Der neue Etadlstrststdeut von Krakau. Krakau, 21. Juni. Der neue Stadtrat hat in geheimer Sitzung Ing. Karl Rolle mit 80 Stimmen zum Stadtpräsidenten gewählt. * Ing. Karl Rolle wurde im Jahre 1871 in Kamenetz- Podolsk geboren und im Jahre 1894 zum technischen Ingenieur an der Lemberger Universität Promoviert. Er trat dann in den Dienst des Landesschulrates und leitete durch zirka zwanzig Jahre das keramische Schulwesen. Er veröffentlichte viele wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiete des Berufsschulwesens und der keramischen Technik. Im Jahre 1908 wurde er Mitglied des Stadtrates der gewesenen Stadt Pödgorze und versah hier durch eine Reihe von Jahren das finanzielle Referat und das Referat der Vereinigung der Stadt Podgorze mit Krakau. Nack- Vereinigung der Stadt Podgorze mit Krakau im Jahre 1916 wurde er zum Vizepräsidenten der Stadt Krakau gewählt. Fahrerkonserenr der Httochduth in Krakau. Krakau, 21.' Juni. Heute ivurde hier die Jahreskonferenz der zionistischen Arbeitspartei Hitachduch für Westgalizien und Schlesien eröffnet. Eine ganze Rekhe interessanter Referate über di? Ideologie der Hitachduch, über die wirtschaftliche und politische Lage in Polen, Liber die Jugend und Palästina werden gehalten werden. General Lokilko erschossen. Ein ehemaliger Kommandant der Pettjura-Armee. Warschau, 21. Juni. Großes Auffchen erregt die Ermordung des ehemaligen Kommandanten der Petljura-Armee, General Oskilko, der gestern in seiner Wohnung in Grodek in Wolhynien durch einen durch das Fenster abgegebenen Gewehrschuß getötet wurde. Oskilko war in der letzten Zeit Redakteur eines nationalen ukrainischen Blattes „Dzwin" („Glocke") und gerade in der letzten Zeit für eine Verständigung zwischen den Ukrainern und Polen eingetreten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Mord einen politischen Hintergrund hat. * Zu dieser Meldung teilt uns Herr Tr. Israel Waldmann mit: General Oskilko, einer der Unterführer Pekleine Einigung mit den Polen eingetreten ist. Wenn sich die Nachricht ron dem Morde bestätigt, so kann er nur von einer Person aus jenen national-ukrainischen Kreisen verübt worden sein, die b o l s ch c w i k i s ch orientiert sind, oder von einem Angehörigen jener Richtung, die vom Standpunkt der o st g a l i z i s ch c n Politik cs wahrscheinlich dem General Oskilko nicht vergessen konnte, daß er auf seiten der Polen gestanden ist. Mit den Pogromen in der Ukraine ist meiner Erinnerung nach Oskilko niemals in Zusammenhang gebracht worden. Sine stzrisch-arabische Delegation ln Gens. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Genf, 20. Juni. Bor einigen Tagen ist hier eine Abordnung des syrisch-arabischen Komitees, bestehend aus dem Prinzen L n t f a l l a h und dem Emir S ch e k i b A r s l a n, eingetroffen. In einer Pressekonferenz gaben beide ein Bild der Lage in Syrien, wobei sie ein längeres Telegramm des s y r i s ch - p a l ä st i n c n s i s ch c n K o m i t e e s in Kairo verlasen. Dieses Telegramm wiederholt die Behauptung von den Massakers und Zerstörungen der französischen Soldaten in Damaskus, bestätigt aber die Mißhelligkeiten zwffchen den Syrern und den Libanesen. Schließlich wird die Forderung gestellt, ldaß der Völkerbund die Verhältnisse in Syrien durch eine Untersuchungskommisfion prüfen lass' Fm marottanischen Ghetto. In der französischen Zeitschrift „Paix et Droit" („Friede und Recht") ^schreibt der Sekretär -er „Alliance Jsrablite Universelle", I. Vig-ari, seine Eindrücke auf seiner jüttgsten marokkanischen Studienreise und kommt dabei auch ans die Entstehung und weitere Entwicklung >der „Mellah" genannten Judcnviertel in Marokko zn sprechen. Noch im zehnten Jahrhundert wurde den Juden in diesem westlichsten Teile der orientalischen Länder der Zwang einer eigenen Judentracht anserlegt. Nicht nur der Mantel der Juden mußte durch seine Breite irnd die langen Aermel abweichen, sondern auch an Stelle des Turbans war ihnen eine Art Schleier von grotesker Form als Köpftracht vorgeschrieben. Almaus u r, Kalif von Andalusien, der es damit besonders 'trenge hielt, verhehlte auch seilte Beweggründe für seine Befehle nicht: ,Jch will, daß die Juden eine Kleidung tragen, die sie lächerlich macht." Es ist bekannt, daß die Judentracht dann durch Papst Innozenz den Dritten in die christlichen Länder eingeführt wurde und dort während sechs Jahrhunderten als Symbol der Erniedrigung bestanden hat. In Marokko war es den Juden bis zum Jahre 1850 verboten, andere als schwarze Kleidung zu tragen; mich die Kopfbedeckung mußte von schtoarzer Farbe sein. Der Jahrhunderte lang währende Zwang wurde zur Gewohnheitssitte, die auch dann 'beibehalten wurde, als der gesetzliche Zwang infolge Einschreitens der europäischen Mächte ausgehoben tvar. So sicht man auch heute noch an Sabbaten die jüdische Jugend von Tanger, Räbat, M aral a s ch usw. in der schmucken schwarzen „Gellaba", einem schwarzen Uoberrock mit einer schwarzen Kapuze unb einem kleinen schwarzen Kragen, durch die Judengassen schreiten. Die jüdische Frau hat von der alten Tracht nur das beibchalten, was -ihrem Geschmack am besten entsprach: den gestickten Rock, eine Art Muse in lebhaften bunten Farben und über alles den spanischen Shawl. Allerdings hat sich, wie Bi-gart hcrvorhebt, bei der weiblichen Jugend, die die Allianceschulen besuchte, schon manches auf diesem Gebiete geändert. Kurze Kleider und schmaler, kleiner Hut gehörten nicht mehr zu -den Seltenheiten. Die Wohnverhältnisse in der Mellah sind noch immer furchtbar trostlos. Das Judenviertel hat noch lnrmer das Ausmaß, wie zur Zeit, da es entstauden ist, da die Sultane den Juden die Erweiterung des ihnen zngewiesenen Ouartiers verboten. Sie mußten sich daher nach -der einzigen freien Richtung, in die Höhe, himmelwärts ansdehnen. So entstanden die einzigartigen „Wollenkratzer" mit fünf, sechs Stockwerkelt von denen jedes einen höchstens zwei Wchnrämue hat. Daß hier die sanitären Zustände alles zu wünschen übrig lassen und jede Cpideinie j>n der Mellah ungezählte Opfer fordert, ist nur selbstverständlich. zionistische Bolksarbeit in Innsbruck Man schreibt uns ans Innsbruck: lieber Einladung der zionisttschen Ortsgruppen Salzburg und Innsbruck hat Frau A n i t t a Müller-Cohen kürzlich in beiden Städten Vorträge für den Keren Hajessod gehalten. Der Empfang, welchen man Frau Müller-Cohen bereitete, war ungemein herzlich, doch wrirde er noch durch die Begeisterung überboten, welche die Vorträge und die anschließende Diskussion anslösten. Wohl noch niemals ist die Teilnahme an einem Vortrag in diesen Ortsgruppen eine so allgemeine und begeisterte gewesen. Den Bemühultgen der Frau Anitta Müller-Cohen gelang es a»tch, in Innsbruck ein jüdisches Volksheim zu gründen und daß gerade für die kleine, ltnter tausend Schwierigkeiten arbeitende zionistische Ortsgruppe Jtlnsbruck ein solches Zentrum egensreich werden kann, in welchen! die Zionisten einen Sammel- ,nnkt und Gelegenheit zu anregendem Gedankenaustausch und Ragst gegen Pronast. Bu-chest, 20. Juni. Der Oberstleutnant Paul Pronay hatte sich gestern vor dem Strafgericht wegen Verleumdung und E h r e n b e l e i d i g n n g zu verantworten. Pronay hatte in einer Erklärung behauptet, daß der frühere Avmcekommandant General Paul Nagy die westn ngarische n Plün-- banden, nämlich den zum Tode verurteilten Ölcndarmerievberlminant Gustav Lederer und Genossen, i n Schutz genommen habe, um sie der Strafe zu entziehen. Er habe Geheim befehle erlassen, die Unwahrheiten enthielten. Der Verteidiger PronayS, Dr. Johann Darvay, behauptete, der Antvalt des Generalkommandos habe in der Angelegenheit des Gustav Lederer und Genossen das Datum gewisser amtlicher Bescheide g e ä nde t t. Paul Nagy habe die infolge dieses Amtsmißbrauches gegen den Anwalt erhobene Anklage Niederschlagen lassen und dicserart mittelbar die westnngarischen Plünderer gerettet. Der Verteidiger beantragte, der Gerichtshof Möge den Geisteszustand des früheren Oberkommandanten der Honvedarmee durch Gerichtsärztc untersuchen lassen. Vorsitzender: Welche Beweise wollen Sie für diesen Antrag Vorbringen, der wohl nicht ernst genreint ist? Verteidiger Dr. Darvay: Ich will durch Zeugen beweisen, daß General Paul Nagy an einer Titelsucht leidet, da er sich ein Jahr hindurch in Briefen und auf Urkunden willkürlich die Baronie beilegte. Ferner will ich beweisen, daß der Privatkläger, der nach dent Kriege ein General war wie hundert andere, auf die Stelle eines Ncichsverwe-sers Anspruch erhob. Der Gerichtshof ordnete die Vorlage der geheimen Befehle an und lehnte die übrigen Beweisanträge des Verteidigers ab. Ortsgruppe Innsbruck denkt deshalb mit großer Dankbarkeit cm den Besuch der Frcnr Anitta Müller-Cohen zurück, welchem sie bleibende geisttge Bereicherung und Stärkung zu danken hat. Die Konferenz für hebMsche Kuttur und Erziehung. Die Beschlüsse. Nach zweitägigen Verhandlungen wurden in der Konferenz für hebräische Kultur und Erziehung, über deren Eröffnung wir bereits berichtet haben, folgende Beschlüsse gefaßt: „In der Erkenntnis der dringenden Notwendigkeit der Konzentrierung der erzieherischen und kulturellen Arbeit in Oesterreich hat die Konferenz folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Die Konferenz beschließt die Wahl eines zentralen Erziehnngskomitces von zehn Mitgliedern, daß alle Angelegenheiten der hebräischen Erziehung und^ Kultur in Oesterreich im geistigen und pädagogischen Sinne zu leiten haben wird. Die Konferenz beschließt ferner, ein zweites zentrales Komitee zu wählen, das die finanziellen und birdgetären Angelegenheiten der hebräischen Erziehung und Kultur in Oesterreich verwalten wird. Diese zwei Komitees sollen im gegenseitigen Einverständnis Zusammenarbeiten, um die hebräische Erziehung nnd Kultur in Oesterreich zu fördern und zu vervollkommnen. 2. Die Konferenz wählt ein provisorisches Exekutivkomitee von 15 Mitgliedern, dessen Aufgabe es sein wird, mit den Persönlichkeiten und Institutionen in Berührung zu treten, die geneigt und befähigt wären, in die erwähnten zwei Komitees einzutreten. Das provisorische Exekutivkomitee soll auch eine breitere Jahreskonferenz für hebräische Kultur und Erziehung einberufen, die spätestens im September zusammentreten soll nnd deren Aufgabe cs sein wird, die erwähnten zwei Komitees auf Grund ei-nes Vorschlages des provisorischen Komitees endgültig zu wählen. Die künftige Konferenz wird auch Beschlüsse fassen über die Verbesserungen, über die Organisation und das Budget für alle Institutionen der hebräischen Erziehung und Kultur in Oesterreich, und zwar auf Grund von Vorschlägen,' die ihr das provisorische Komitee Vorlagen wird. 3. Die Konferenz bevollmächtigt das provisorische Komitee, die dringendsten Erziehungs- und Kulturangelegenheiten bis zur endgültigen Wahl der zwei Zentralkomitees zu erledigen. 4. Die Konferenz erkennt die Notwendigkeit der Gründung einer besonderen Bibliothek für die Jugend und ver>» pflichtet das provisorische Komitee, sich in dieser Frage mit den Erziehungsinstitutionen, den Bibliotheken und Jugendverbänden in Verbindung zu setzen. 6. Die Konferenz verlangt von der jüdischen Presse in Oesterreich nnd insbesondere von jener, die die nationale Wiedergeburt auf ihr Banner geschrieben hat, mehr Raum und Aufmerksamkeit der hebräischen Erziehung und Kultur und der Verbreitung des hebräischen Buches zu widmen. 6. Da die Konferenz das Fehlen jedes Interesses für das hebräische Buch insbesondere in Wien empfindet, beschließt sie, eine Gesellschaft d e r L'i e b h ä b e r des hebräischen B u ch e s zu gründen, um zur Verbreitung des .hodräischen Buches im Innnd Auslande beizutragen. Zum Ehrenvorsitzenden der neugegründeten Zentralorgani-- sation für hebräische Kultur und Erziehung in Oesterreich wurde Herr Oberrabbiner Dr. H. P. CHajes gewählt. In das pro* visorifche Komitee wurden folgende Herren gewählt: Unge-v-. eld, Dr. Birnbaum, Dr. Bronner, Dr. Goldha Dr. Gelber, Gelernter, Grosz, Herzberg, WieSaa^ Weinstein, Dr. Tartakower, Cohen, Dr. Kladea^ Dr. Kellner, Dr. Krausz und ZamoySG. SMr W MB« gMte MW uhtziMen WlMl M Br «er M MlWWSMe. HM MM H M iMte. unb tatf-rfam mir mvf> hrrirfihm £3 IE3 I MMMMW us der jüdischen Wett