Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2630 (20.6.1926)
- Date
- 1926-06-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ML.26N Wien, SvMksg Wiener Morgenzeitung 20. Juni 1926 SeEkö 8 Ae Abreise der Habima. Die Künstler des Moskauer hebräischen Theaters Ha- Huta sind nach Abschluß ihres so erfolgreichen Gastspieles gestern um 11 Uhr vormittags von: Weftbahnhofe nach tParis «gereist. Am Bahnhofe hatte sich eine sehr große ^Zahl von Verchrern und Freunden der Künstler eingcfnnden. ^Direktor Zemach hatte sich bereits einige Tage früher nach 'Paris begeben. Am Bahnhöfe Maren zahlreiche Mitglieder des Chaüizverbandes, Vertreter des zionistischen Frauenvereines und zahlreiche Vertreter der jüdischen Schriftsteller- und Journalistenwelt eingefunden und brachte,t den Künstlern noch eine letzte Ovation dar. Wie wir von den: Sekretär der Gesellschaft erfuhren, hatte das Wiener Gastspiel neben den, ausgezeichneten künstlerischerl auch einen beftiedigenden materiellen Erfolg gebracht. Den Damen der Gesellschaft wurden Blumen überreicht, und als sich der Zug in Bewegung setzte, klang den scheidenden Kiinstlern ein hundertstimmiges ,Achalom" nach. ' Umtriebe eines internationalen Hochftavlers. In Kafchau wurde soeben, wie uns von dort gemeldet wird, - der langgesuchte internationale Hochstapler Ennnerich Szabo verhaftet. Szabo gehört zu den genialsten Hochstaplern des Kontinents. Er stammt aus Kolozsvar und rückte mit Kriegsausbruch als Sanitätsfähnrich ein. Im Felde machte er die Bekanntschaft des Artillerieoberleutnants Ladislaus H-ofhauser, des Sohnes einer vornehmen Budapdster Familie. Hofhauser uud Szabo besaßen eine solche Ähnlichkeit, daß sie kaunl zu unterscheiden waren. Szabo verstand, sich die Gunst Hofhausers derart zu erwerben, daß er mit ihnr ein eigenartiges Abkommen schloß: Für den Fall, daß Hofhauser am Kriegsschauplätze fallen sollte, würde er seine Rolle übernehmen, damit die Eltern Hofhausers von dem Tode ihres Sohnes nichts erfahren sollten. Tatsächlich fand Hofhauser den Heldentod. Szabo legte sofort Ho fh ausers Un\form an, wogegen er diesen als Szabo begraben ließ. Durch seine ftappante Aehnlichkeit verstand er auch die Militärbehörden irrezuführen. Dies war ihm umso leichter, als er über Hofhausers Verhältnisse bestens eingcweiht war. Der raffinierte Gauner besaß sogar die Kühnheit, die Eltern Hoshausers aufzusuchen und sie als ihr Sohn zu umarmen. Als angeblicher Hoshauser stand er vor der Ernennung zum Ar t'iller ieinstrult ion sossizier, und obzwar er bis dahin keine Ahnung von, Art'rlleriesa ch gehabt hatte, verstand er es in unerhört kurzer Frist, durch Selbststudium sich in diesem Militärfach heranzubilden. Er kam dann abermals auf den Kriegsschauplatz, wo er verschiedene Betrügereien beging. Nach dem Umsturz wurde er ein begeisterter Kommun-r st, mit Zusammenbruch des Kommunismus flüchtete er aus Budapest. Er kam daun nach Kolozsvar, wo er als Ingenieur auftvat und es selbst durch Hochstapeleien bis zum Stadtingcnieur brachte. Er ließ sich jedoch auch hier Unregelmäßigkeiten zuschulden kommen, und als er spürte, daß es für ihn nicht mehr gehener sei, suchte er das Weite. Er tauchte dann in verschiedenen Städten auf, wo er vornehmlich als Ingenieur Sz ö n y i auftrat, und machte ganz Mitteleuropa unsicher. Er wurde von mehreren Behörden verfolgt, bis er nunmehr in Kafchau verhaftet werden konnte^ 8ine Angeftelltenvereini g der Mische» Kuitusgemeknde. Wie uns mitgeteilt wird, haben sich die Angestellten der Kultusgemeiridc (mit Ausnahme der Rabbiner) als Mitglieder des Bundes der öffentlichen Angestellten Oesterreichs zn einer Betriebsgruppe des Bundes der öffentlichen Angestellten zusammengeschlossen. Bor einigen Tagen hat di» Konstituierung der Betriebsgruppenleitung sta-ttge-funden.' Es wurden einstimmig gewählt die Herren Spitalsveüvalter' Httgo Weiß als Obmann, Amtsleiter Max Popper als erster Obwannstellvertrcter, Rcligionslchrer Isidor Oe hl er als zweiter Obmannstellvertreter, M. B. Kauft mann als Kassier, Karl Zerkowitz als Kassierstellverireter, Markus Stengel als Schriftst'chrer, Michael Stryks als Schriftsührerstellvertreter. Die Betriebsgruppenleitung macht besonders darauf aufmerksam^ daß nunmehr keine wie immer geartete sonstige Angestelltenvereiuigung (Kantorenvereiu, Religionslehrerverein Esra, Verein der Verwaltungsbeamten ufiu.) berechtigt ist, int Namen einer Fachgruppe in Angelegenheiten des Dienstrechtes, der Besoldung ustv., bei irgend einer Behörde oder der Dienststelle zu intervenieren, bcziehungÄveise dortselbst Erklärungen abßugeben. Die neue Leitung der Betriebsgrnppe hat sich vor oinigeu Tagen dem Präsidium der Knltnsgemem'de vorgestellt. Auf die Ansprache des Obmannes Weiß, daß die Angestelltenschaft stets mit hingebungsvollem Eifer ihre Pflichiten erfüllen und das Interesse der Gemeinde ivahren werde, aber auch von der Hoffnung erfüllt fei, daß der Kultusvorstand den berechtigten Wünschen der Angestellten jederzeit geneigtes Gehör geben tverde, erwiderten die beiden Vizepräsidenten Dr. O r n st e i n und Dr. L ö w e n h e r z, daß ste die Ausführungen des Obmannes mit Vergnügen zur Kenntnis nehmen. Sie gaben übereinstimmend die Erklärung, «hlß sowohl das Präsidium als auch der Kullusvorstand wie 'bisher der Angestelltenschaft wärnfftes Wohlwollen cntgegenbringe und auch in Hinkunft bemi'cht fein werde, den Angestellten nach Möglichkeit eutgegenzukvmmeu. 8s kan» 8hr GM fein. wenn sie übermorgen bei der Ziehung der 15. Oesterreichischen Klassenlotterie nntspi-elen. . Das Bankhaus I ch e l h a m m e r u nd Schattera hält auch für Sie Den Haupttreffer reserviert. Wenn Sie ihn nicht behebe», werden Sie sich owig Vorwürfe machen! Ja 11... Iclt bestelle noch beste per Postkarte zu der am 22. u. 24. Juni beginnenden Ziehung d. Klassenlotterie ..... r/g Los S 4 — Los S 8 - _Vs Los 8 16 — .Vi Los S 32 - ni Mim % Millionen S oder einen der vielen anderen Haupttreffer S500.000,250.000,100.000, 75.000, 60.000, 50.000 etc. Meine Zahlung erfolgt sodann sofort nach Erhalt der Lose mit Posterlagschein. Die Bestellung richte ich an: GLÜCKSTELLE STEIN WIENJ.WIPPUNGER STR.21. AN DER HOHEN BRÜCKE Ae Fudensmge inWedrich Wiesers „Gesetz der *Mf. Von Dr. Kurt Grmllvald*). Des Erscheinen des neuesten Buches von Wieser muß als ein Ereignis gewertet werden, mit dem nur die Sensation verglichen wenden kann, die Spenglers „Untergang des Abendlandes" hervorrief. Doch während Spengler mehr Oberflächenwirkung erzielt hat, tendiert Wiesers Buch nach der Tiefe. Grundverschieden ist auch die Weltanschauung Leider. Gegen Spenglers Unicrgangsphilosophie wendet sich Wiesers Vorwort, wenn er sagt: „... Ich habe das Buch aus dem S'.nne unbedingter Lebensbejahung geschrieben. Wer an das Leben nicht mehr glaubt, möge sich still abseits halten oder einen Seelenarzt befragen, es hat keinen Sinn, daß er mit seinem Zweifeln und. Verzweifeln die Oefsentlichkeit beunruhigt, die ihrem Lebensinstinkt folgt und über alle hinweggehen wird, welche ihr diesen Instinkt rauben oder mindern wollen..." Diese Worte des Fünfundsiebzigjährigcn erfrischen wie klares, li'Hes Quellwasser nach langem. Genuß von schalen, „unter Aussicht der Sanitätsbehörde hergestellten" Getränken. In seiner Wucht und in seinem ganzen Format er--. innert das „Gesetz der Macht" vor allem an ein Werk, .an Wiesers „Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft". Selten spiegeln Werke derartig die Persönlichkeit ihres Autors wieder. Dennoch müssen wir, bei aller Verehrung siir den Lehrer' und Meister, bei aller Hochschätzung des Werkes, dem durch berechtigte Kritik in seiner Gesamtwirkung kein Abbruch'getan wird, Kritik üben, Kritik vor allem in den Fragen, die uns zu tiefst angehen, da, wo Wieser ans die Juden zu sprechen kömmt. Dort wird sein Urteil oft schiefer und irrig. So zum Beispiel, wo er sag!: „... Wenn das jüdische Bol?, nachdem es seinen Staat verloren und sich Über die Böller zerstreut hätte, doch noch zur wirtschaftlichen Großmacht aufgeivachsen ist, so ivar dies nur dadurch möglich, daß andere Böller die -Mühen und Kämpfe auf sich genommen hatten, welche die Aufrechteryaltnng der staatlichen Ordnung erfordert . . (S. 101.) Derartige Urteile sind wir von Werner Sombart zu hören gewohnt, bei Friedrich Wieser müssen sie Verwunderung erregen, Verwunderung darüber, daß der sonst so gründliche Forscher historische Verhältnisse, die ein Wilhelm Roscher und Lujo Brentano bereits richtig dargesteüt haben, so falsch sehen konnte. Daß der Jude in die wirtschaftlichen Berufe hineingedrängt ivurdc, iveil man ein dankbares Objekt zum Änsbeuten an ihm hatte, daß Hof und Kirche ihm ihre Geldgeschäfte übertrugen, weil man so bequemer gegen den Wucher predigen konnte, daß man ihn zuin Hoffinanzrat, zur Steuerschraube machte, damit der Unwille des ausgesogenen Volles sich gegen ihn entlade, scheint dein Nationalökonomen Wieser fremd zu sein. Es ist leicht, die sich von der schlvarzen Folie der wirtschaftlichen Macht abhebenden Leistungen des Staatsmannes als nationale Lebenswerte zu bewundern, von der sich die Juden quasi gedrückt haben sollen. Wir brauchen *) Verlag Julius Springer, Wien. Ganzleinen 15 S., Halblsder 56 S. nur den Namen Rathenau zu nennen, damit die blendende Konstruktion Wiesers in sich zusammenbricht. Eigenartig ist auch die Ansicht Wiesers von der Bibel. Da heißt es:-,,. . . Man findet in den Schriften des alten Testaments... eine nicht geringe Reihe von Sätzen, die ganz im christlichen Sinne gedacht sind..., überdies wurden die hohen Worte der Propheten und Philosophen inuner durch die Tatsachen des Lebens widerlegt, die allein den Geist des Volkes widerspiegeln. Die kalte Grausamkeit, mit der man den Triumph über die Feinde genoß... usw. (Siehe die Bluttat Davids nach Einnahme der Stadt Rabba, die nicht getadelt wird, während ftir die Volkszählung Pest als Strafe folgt.) Das neue Testament ist das echte Buch der Liebe, kein Ton von Gewalt klingt in ihm an . . ." (S.. 285—286). Diese kleine Probe dürfte genügen. Man sucht die Rosinen aus dem alten Testament (das man nebenbei gar nicht versteht) heraus; was einem zusagt, nennt man christlich, eine eigenartige Methode, die Lessing bereits im „Klosterbruder" farfct hat. („Ihr seid ein Christ, Nathan.") Schlimm nur, wenn jemand, der auf seine historischen Studien hinweift, zu derartigen Methoden greift. Eingesührt in die Bibelwissenschast hat sie die Nassenschnüsftlei, die plötzlich alle Lichtgestalten der Bibel als zugereiste Arier agnoszierte, darunter auch den blondgelockten Davicl. Die „Tatsachen des Lebens" spotten solcher Lieblingshypothesen. So etwa, daß die Lehren von der christlichen Nächstenliebe so wenig mit der Praxis, übereinstimmen; man denke nur an die Inquisition, an die Hussitenverfolgungen, an die Milde, die in den christlichen Ländern Polen und Ungarn herrscht. Daß die Bibel das einzige objektive Geschichtswerk der Welt ist, das die Gestalten ohne Retousche darstellte, daß es dort heißt, Daviel habe wegen Blutvergießens nicht den Tempel erbauen dürfen, das weiß Wieser scheinbar nicht. Ebenso fremd dürfte ihm sein, daß christliche Gelehrte, wie Strack und Billerbeck, das Neue Testament in der Weise kommentiert haben, daß sie Queren und Parallelen aus Bibel und Talmud heranziehen. Aber nicht nur diese Blutenlese widmet Wieser den Juden, im Kapitel „Nation" ist ein längerer Teil der Judenfrage gewidmet. Obwohl er sichtlich bemüht ist, objektiv zu urteilen, glückt ihm das nicht immer. Nach Wieser sind die Juden keine Nation, sondern dort, „wo sie mächtig sind, als eine Oberschicht in den nationalen Körper eingeschoben, die in diesem ihren völkischen Zusammenhang bewahrt und in ihrem Machtintereffe ausnützt, und so als fremdes Elentent innerhalb der Nation wirksam wird" (S. 374). Zunächst fällt einein die eigenartige Terminologie Wiesers aus, bei den Inden von völkischem Zusammenhang zu sprechen, dabei die Nation zu leugnen. Er betrachtet die Nation als „modern» völkische Bildung" (S. 359) und unterscheidet zwei Formen der Nation, die politische Nation und die Kulturnation, wobei die erstere die zweite voraussetzt. (Ob diese Einteilung richtig ist, kann hier nicht besprochen werden. Feststeht, daß Ernest Renan und Otmar Spann weitaus gründlichere und zutreffendere Theorien vom Wesen der Nation geliefert haben.) Die Juden sind keine politische Nation, da sie keinen Staat haben, sie sind aber auch keine Kulturnation, da sie keine eigene Kultur haben. „Sie besitzen in ihrem Glauben und dessen Einrichtungen und vor allein in ihren religiösen Dokumenten hohe eigene Kultuvwerte, im übrigen aber haben sie die Kulturen der Wirtsvölker angenourmen." Auch wenn in Palästina ein Judcnstaat mit hebräischer Mltuvsprache entstehen sollte, so wären die Juden keine Nation, da die Mehrheit im Galuth bleiben und an der Kultur der Wirtsvölker tellnehmen wird. „Die Wiedererwerbung Palästinas und seine staatlichvölkische Durchdringung sind Wünsche der jüdischen Seele, an deren Erfüllung sie die Größe des erreichten Aufstieges genießen will, ohne daß man sich doch der Weltstellung begeben wollte, zu der man uufgestiegen ist." (S. 372.) Der Zionismus als Träger des Judenstaatgcdankens ist also für Wieser auf Seite 372 eine Art Imperialismus, während ihm doch auf Seite 101 die Juden als Drückeberger von der staatserhaltenden Arbeit erschienen sind. „Außer einigen Schwärmern wird sich in Palästina nur ein Bruchteil des jüdischen Proletariats ansicdeln und so wird der Zionismus auch nicht den Konflikt lösen, der zwischen dem jüdischen Volke und den Kulturnationen besteht, unter denen es lebt." Diese Stelle ist die einzige, in der Wieser von einenr jüdischen Proletariat Kenntnis nimmt. Sonst scheint er es nur als eine Oberschicht (siehe oben) von Finanz- und Presselcuten, Anwälten und Schriftstellern zu kennen. Von solchen voreiligen Jnduktivschlüssen ausgehend, von denen wir eine ganze Menge noch aufzählen könnten, konunt Wieser natürlich zu einem völlig schiefen Bild des Judentums. Auf der Prämisse 2X2 — 5 kann man die stolzesten Gedankengebäude aufsühreu, nur werden sie kaum als wiffenschastlrch exakt angesehen tverden können. Wenn nun auch die Soziologie nicht zu den exakten Wissenschaften gehört, so darf man sie doch nicht zu einer literarischen Angelegenheit degradieren. Ein Blick in die Statistiken, die Ruppin und Theilhaber bringen, z. B. über die Zunahme der Mischehen in Deutschland, hätte Wieser eines Besseren belehren können. Unsere Kritik ist scharf, eben weil sie die glänzende Leistung eines hervorragenden Autors betrifft, dessen Persönlichkeit wir vollkonrmen zu schätzen wissen. Ueber das Werk als Gesamtleistung haben wir unseren eingangs evwähnten Bewertungen nichts hinzuzufügen. * Zwmrgsverkauf bei Krupnik, 7. Bez.. Kaiserstraße 111. bis 116. Unübertroffene Auswahl! Allerbilliqste Preise! Der große, demnächst beginnend^ Erweiterungsbau erfordert die gänAcche Räunluim des Riesen'lagers in unfern bisherigen Verkaufsräumen. Wir müssen daher die großen Vorräte an herrlichen, drstigen Sonunerkleidern, modernsten.Kostümen und Mänteln hervorragender Qualität zu vevMffend billigen Preisen abgeben.