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Wiener Morgenzeitung · 1926-06-20 · Heft 2630 (20.6.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2630 (20.6.1926)
Date
1926-06-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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M. W3V Men. Sonntag Wiener Mor^enzettnng GeA 8 20. >nt \m Wieder eröffnet! Hotel National Wien, II. Taborstrasse iS Telephon 42-5-93 Vollständig neu eingerichtet, zentrale Lage, 200 Zimmer mit messendem kalten u. warmen Wasser, Bäder, Zentralheizung, Lift. Kaffeehaus und Restaurant im Hause' Massive Preiset Neue Leitung Tagesbericht. Herrl-SedeMrer der zionistischen Mandatare. Sonntag den 27. d., cmt Tage des Herzl-Grabganges, findet abends in dett Olympiasälen eine große H e rz U Gedenkfeier statt, bei welcher Herr Oberrabbiner Dr. Chajes die Gedenkrede hatten wird. Außerdem sind Relationen und musikalische Burfichruilgen vorgesehen. Näheres h>irb mt Laufe der Woche bekannt gegeben. Banditen in der englische« Handel»«,,nion in Warschau. Warschau, 16. Juni. Heute früh wurde die Polizei alarmiert, da eine bewaffnete Bande in das Lokal der englischen Handelsmissivn und der englischen Gesandtschaft eingedrungen mar. Als die Polizei an Ort und Stelle erschien, kam cs zwischen ihr und den Banditen zu einem Feuer ge fecht. Ein Polizcifoldat erlitt eilten Kopfschuß. Die Banditen wurden festgeuoinmen. Sic trugen wch mtt der Absicht, beide Lokale anszupliindern. M Attentäter Bazsontzir. Budapest bei Nacht. Die beiden Erwachenden, der Leventelchrer Ladislans Bannay mrd Franz M o l u q v, die seinerzeit das Attentat auf den kurz darauf Deeftorbcneu Abgeordneten Wilhelm Bazsonyi verübtett, leben jetzt frohe Tage und noch frohere Nächte. Bannay lebt sich in nächtlichen ttcbersällen auf harmlose jüdische Passanten atts. Bor einigen Tagen hatte er Besuch Gleichgesinnter aus der Provinz, denen er „Budapest bei Nacht" zeigen wollte. Nachdent die saubere Gesellschaft alle obskuren Nachtlokale abgegangen war, kam die Piece de resistance. Erst wurde ein Jude,' Samuel Weingarten, verprügelt, dann überfielen sie den Kaufmann Ariwld N e nmann ans Scirbogard, den sie mit Gummiknüppeln blutig schlugen, wobei Bannay unter dem Jubel seiner Begleiter schrie: „Da hast du, verfltichter Jude, gut, das; du dahcrkonrmst! Ich Hab' schon vielen solchen Juden heimgelcuchtet!" Als die Bannay-Gruppe die Schritte nahender Männer hörten, sprangen sie in rin Auto und fuhren davon. Durch die Nummer des Antotaxi tonnte die Identität des Wegelagerers mit dem Leventelehrer Ladislans Bannay festgestellt werden. Die Polizei „hat die Untersuchung eingeleitet . . ' Anmutiger ist die Belohnung des ziveiten Attentäters Baszonyis, Franz Molnar, der den Kopfhieb gegen den wehrlosen Abgeordneten geführt hatte. Molnar, der Kontrollor bei der Umsatzsteuer war, wurde, wie, das ungarische Amtsblatt bekanntgibt, znm Ob e r k o u t x o 11 o t bcfv rdert. Das ift der Lohn für Fleiß und gute rassenmagyarische Sitte. Wenter In Erez §frM. Bon E. Sirkes (Tel-Awiiv). Ha Ohel. Die Arbeiterlheaterschule „Ohel" (Zelt) ist in bcu letzten Sagen'mit sieben 'flciueu Novellen, von Perez für die Bühne bearbeitet, in die Oeffentlichkeit getreten und wurde zum Ereignis. Bor einetn Jahre etwa kam ein Mitglied der Habima aus Moskau, H a l e v i, nach Palästina, um innerhalb der Arbeiterkreise eine Theaterschule zu gründen. Er bereiste das Land, wählte unter beu 170 Spielfreudigen, die sich von überall auf fetuevt Aufruf gemeldet hatten, etwa 45 junge Menschen und schlug sein Zelt in Tel-Awiw aus. ■ Die Kulturkommission der Arbeiterorganisation half > ihm bei der Aufstellung der Baracke und verschaffte den nach Tel-Awiw verpflanzten Arbeitern Beschäftigung. Nur einige verfügten über Fachkenntnisse, die meisten waren gezwungen, Aushilfsdienste beim Häuser- und Straßenbau zu verrichten, um bei einem Existenzminimum, so knapp es auch -bemessen war, lernen zu können. Halevi selbst gab das Berspfel, er trug Ziegel, löschte Kalk, arbeitete, wo es nur Arbeit gab. Die Abende waren dem Studium gewidmet. Sta u islawsti und Me herhold waren ihm Wegweiser. Das bedeutete, das vorhandene Menschenmateriäl in neue Bahnen zu lenken, Bahnen, die beu bisherigen Lebensgewohnheiten völlig freind warett. Der Körper mußte gelöst, frei, die Seele bewußt, Sprache und Stimme mußten ausgobildet werden. Halevi —■ das aszetische Gesicht mit den dunkel-flammenden Augen und der herrlichen, gewölbten Stirn strahlt eine suggestive Kraft ans — hatte bald willige Mitarbeiter. Profssor Engel und Scho r übernahmen den musikalischen Teil der Ausbildung, Frau O r >t st e i tt die Körperkultur, eine Gesangsmeisterin Stimm- und Sprachnnter- 8« Mliü'AAzendürf. Besuch bei bat tauftest Judenkindern. Eiu ausländischer Journalist hat im Auftrag reichsdetitschcr Blätter den Fall der . Kinderlauseii in Maria-Lcmzeudors recherchiert, weil die Artikelserie der „Wiener Morgenzeitimg" auch im Ausland großes Ansseyen erregte. Er stellt ans die nachstchende Schilderung über seine Eindrücke;ur Bcrfügniig. Eine halbe Stunde Bahnfahrt mit der Aspangbahn bringt den Besucher »ach M a r i a - L a n z e >i d o r s, einem kleinen, ruhigen Ort, der gewohnt ist gläubige Katholiken zu seinen Kirchen imd zahlreichen Altären wallfahrten zu sehen. Ter Geruch von Weihrauch liegt förmlich in der Luft. Tie Zahl der Heiligenbilder und Altäre scheint die der Häuser uuö Bäume um ein Vielfaches zn übertreffen. Ein Fnßiveg von 20 Minuten »ach Unter-Lanzendvrf und man steht vor einem zwei Stock hohen, einfachen, ländlich anmutendem Haus mit Hof und Prächtigem Garten: „Tas Elisabeth-Heim für krüppel-' hafte Kinder." Eine geisttichc Schwester kommt dem Besucher entgegen und führt ihn über Wunsch bereitwilligst zur Schwester Oberin. Sie empfängt den Besucher in ihrem Zimmer. Sie kennt bereits den Zweck des Besuches, denn auch am Freitag waren zwei Herren vom städtische« Jugeudam. gekommen und hatten stundenlange Verhöre mit den Schwestern und Täuflingen angcstellt. Wir haben bereits erklärt, sagt sie und läßt sich dabei von einem Pater sekundier en, „daß wir auf die Kinder feiucrlct Einfluß genommen haben. Sic haben ans freieit Stücken nach dem Salrament der Taufe Verla n g t. Sic haben eben erkannt, daß die katholische Religion der einzig wahre Glaube ist und haben uns gebeten, sie zu taufen. Nach anfänglicher Weigerung mußten wir ihreir Herzenswunsch erfüllen. So schwerkranken Kindern muß man doch ihren Herzenswunsch erfüllen". Ans die Frage, ob man die Kinder sehen könne, sagte sie: „Gewiß, Sie können ja von ihnen selbst hören, was sie auch gestern den Herren von der Kommissioir gesagt haben, nämlich, daß sie freiwillig ihren Glauben gewechselt haben. Nach anfänglichen Schwierigkeiten durch die Schwester, welche gerade Unterricht erteilt, werden die drei Täuflinge gebracht. Shakespeare sagt im „Julius Cäsar": „Sofern ihr Tränen habt, bereitet euch, sie jetzo zu vergießen." Leute mit schivachen Nerven seien vor einem Bestich im Krüppelheim cindringlichst gewarnt. Man sieht nnr selten so namenloses, unheilbares Elend in einem Raum znsnmmengedrängt. Das Heint beherbergt Menschcnkittder, für die es wahrlich besser wäre, sie wären tttc geboren. Fünfzehnjährig und ältere sehen wie Dreijährige atls. Ein Kind mit Füßen, wie Zündhölzchen, scheint kann: von dieser iWeltctt'Was aber an Jammer und Elend auf die drei Knaben, die sich so sehr nach dem Sakrament der Taufe gesehnt haben, gehäuft ist, nurß auch die stärkstett Herzen brechen. Jakob Kleinmann, dessett Mutter in Rußland vor Kummer um ihren verlore- Am besten sind doch die Leschka-hüte VII., Kaiserstrasse 123 WIEN IX., Alserstrasse Nr. 6 richt. Halevi selbst arbeitete intensiv an dem Geist seiner Zöglinge, denen in dieser Schule nicht nur Theaterkunst, sondern Menschlichkeit int bestell Sinne zu eigen werden sollte. Abseits der Stadt, weit in Tel-Nordaii, dicht am Meere steht die Holzbaracke des „Ohel". Jeden Abend erstrahlelt Lichter in den Fenstern, durch das offene Tor ftvömen Mädel und Jungen. In der Holzbaracke eilt großer Saal von blendender Sauberkeit (die „Ohel"-Kiuder ntachen alles allein), mit Bücherschränken (Halevi sorgte für eine reiche Bibliothek), Klavier, einer Tafel, Ringen Holzbänken und Tischen. Herrliche Iugeird in weißen Arbeitskitteln, mit abgearbeiteten, zerschnndenen Händen, sollneilgebräunt. Um den jeweiligen Führer sammelt sich alles. Mit gierigem Wissenshunger, Eifer und gespannter Aufmerksamkeit ivird jedes Wort, jeder Ton, jede Gebärde aufgeitommeil, verarbeitet und verwertet. Weit draußert bleiben Privatintcresseu, Entbehrungen, Müdigkeit und Sorgen. Hier herrscht ungetrübte Lebensfreude, hier wird Kunst zum Bekenntnis und zur Wirklichkeit, Spät, nach Stunden goht mau auseinander, gestärkt, bereichert und liebevoller. Halevi hat es verstanden, seine Zöglinge in eine große Familie zu verwandeln, vor einigen Monaten noch fremd, heilte eng miteinander verbunden. Man teilt das Wellige, hilft, wo es not tut. Innige Kaineradschaft. Der int Anfang für das Stttdinm bestimmte Zeitrauul von drei Stnndeit wurde im Laufe der Zeit erweitert, jeder freie Augenblick wurde mit leidenschaftlichem Fetter dein Unterricht gewidmet, hat das Leben der „Ohel"- Kinder mit stets wachsendem Hunger nach Wissen, Erkennen und Begreifen durchtränkt. * Die Wahl der Perez-Bearbeitungen („Kabbalisten", „Wer bin ich'?" „Höre, Israel", „Ter Zorn der Frau", „Im Keller", „Nach dem Begräbnis", „Die Mondfahrt") war nicht sehr glücklich. Der lyrische Stoff, Stimmungsbilder, weltfremd, bertränmt, die als Erzählungen wohl zu den Meisterwerken der Literatur zählen, eignen sich nicht Reithoffer-Mnderseife Ueberall erhältlich!!33 ■ivy.V.l; neu Sohn vergeht, fährt aus einem R o l t w ä g e l ch e N, das er selbst lenkt. Seine Füße sind abgestorben. Er blickt trotzig in die Wett »nd unglaublicher Zynismus ist von seinen Mienen abzulesen. Er spricht in unverfälschte m Wiener Dialekt. Man fühlt: Mit dem Judentum Hat der Knabe nichts mehr gemein, der seelenruhig erklärt, „ich bin doch schon bierzchn Jahre: ich kann tnn was ich will". Schneider, der ebenfalls auf dem Rollwagen fährt, weil seine Füße gelähmt sind, ist ein starker, kräftiger Junge, der mit dem Häufchen Unglück, das neben ihm auf zwei künstlich-.' Beine, gestützt ans zwei Stöcke, hingestellt wurde, scharf kontrastiert. Der dritte Täufling, S c g a l l, ist gänzlich gelähmt und lebt nur mit den kleinen, mageren, typisch-jüdisch aussehenden Kops, dessen gelbliche Haut wie aus dem Wachsfigurenkabinett anmutet. Er ist vierzehn Jahre alt und mißt höchstens 50 Zentimeter.-Das Gesetz erklärt ihn für mündig und stellt ihm die Wahl seines Glaubens frei. Die Drei wissen genau, worum es sich dem Besucher bandelt und beginnen unisono, wie aufgezogene Automaten. ihr Sprüchet herzusagen, indes die Oberin das Zimmer ver« läßt, um jeden Anschein einer Beeinflussung zu bermeiden. Wie aufgezogen schnurrt das Rädchen ab. „Wir haben erkannt, daß die christliche Religion der einzig wahre Glaube ist. Niemand hat uns gezwungen, niemand hat uns zugeredet, „laß dich taufen", vollkommen frei, ohne Zwang und ohne Drohung haben wir das Sakrament der Taufe genommen." Man kann sich des Gedankens mir schwer erwehren. „Drill." Kleinmann erklärt, daß ihn die vcrzweifelteeu Briefe seiner Mutter nicht rühren; er will nnr im Heim bleiben, bei seinen Wohltätern und Beglückern". Auch um seinen ehemaligen Beschützer,qHerrn Kupfermann, ist ihm nicht bange. Seit der Taufe hat er ihn nicht besucht; er mag kleiden wo er ist. Schneider brüstet sich stolz: „Mein Bruder kommt auch bald dran." Im Kloster befindet sich noch ein jüdisches Mädchen namens Anna Schüler. Sie will ihrem Glauben treu bleiben und nichts vom Christentum wissen. Die drei Knaber» sind ihrem Milieu erlegen. Das irdische Wohlergehen — wenn das Wort zn gebrauchen nicht paradox ist — hat sie erkennen lassen, wo der wahre Glaube zu finden ist. Ließe sich nicht auch für bresthafte jüdische Kinder eine Zufluchtstätte schaffen? /Die Erleuchtung und göttliche Inspiration würde sie bestimmt nicht', mit solcher Treffsicherheit ereilen, wie in den Klostermauern von Marias Lanzendorf. rj: - Dieser Schilderung eures objektiven Beobachters ist kaum mehr viel hinzuzufügen: Aus der Darstellung geht hervor/ daß die drei Knaben ihre Lektion sehr gut gelernt haben, sb gut, daß sie mit vierzehn Jahren schon das Heil der Taufe erkannt haben. Es ist selbstverständlich, daß den: jüdischen Lehrer der Zutritt in das Heim verweigert werden mußte... Wir werden aus die Angelegenheit noch eingehend zurückkommen. für die Bühne und schon gar nicht für das Programm des „Ohel". Nur das Kindermärchen „Die Mondfahrt" und bie Idylle „Im Keller", die überall und nirgends zu Hanse sind, fügten sich ausgezeichnet in diesen Rahmen. Die Wiedergabe war, abgesehen von kleinen technischen Mängeln, die bei Anfängern mnerläßlich sind, vollwertig. Das Ensemble, durchwegs begabt, aufeinander eingespielt, diszipliniert, berechtigt zu den weitestgehenden Hoffnungen. Die Musik von Professor Engel reich, fließend, voll wirksamer Nuancen, jeder Ton, von der süßen, verschleierten Wehmut bis zu den aufwühlenden Ausbrüchen mit seltener Feinfühligkeit an die Atmosphäre der Dichtung angepaßt. Wunderschön die Dekorationen von S a p v z n i k o w. Die Wandlungen des Szenenbildes mit sparsamen Mitteln äußerst wirksam durchgeführt, die Farben im Einklang mit der Poesie, die Perez eigen ist. Im ganzen ein schöner, erlebnisreicher Abend, ein ver> heißungsvoller Anfang. * Ein Anfang. Und das ist das Bedeutsame, das Erfreuliche am Ohel. Um deutlicher zu werden: Tel-Awiw wirkt als Leistung betrachtet, unbedingt überzeugend. Bor kurzem noch nur einige Straßen und Häuser, von Sandhügeln ringsunr umlagert, und heute — zahllose Straßen, ein Häusergewirr, ntodern eingerichtet, elektrische Lichtanlage — und alles das hcchen jüdische Arbeiterhände, Hände, die fast keine manuelle Tradition haben, unter schwierigsten klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen geschaffen. Eine Tat. Jedoch der äußere Eindruck der Stadt und so manches was zum Ausdruck kommt, machen einen beklemmenden Eindruck. Die Ursache dieser Wirkung ist nicht schwer zu finden. In Tel-Awiw sind Allerweltssuden znsammengekommen, fremd einander, ohne Bildungszusammenhang, seit Iahrhundertetl aus alle« natürlichen Bmduugeu losgerisseu, eine Generation, die ohne Uebergang und Borbereitung jäh ans sich selbst gestellt, plötzlich in Freiheit gestalten, durste.

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