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Wiener Morgenzeitung · 1926-06-19 · Heft 2629 (19.6.1926) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2629 (19.6.1926)
Date
1926-06-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2629 Dien, SamSttg Wiener Morgenzettnn« 19. Juni 1936 &htb llll=1IH=llll=l!!l llMHiMIllMHIMW m us der jüdischen p Lenaus 3om Kippur. Ein geistvoller Pole, der viel mit Lenau in Wien zusammen war, erzählt folgende Reminiszenz über ihn: „Es Hvar am Vorabend des Bcrsöhnungstages. Ich hatte die Synagoge verlassen, um nrich nach .Hause zu begeben. Auf der Straße begegnete ich einem Manne, tief in einen Mantel gchüllt, den ich beim Laternenschein als meinen Freund Lenau erkannte. „Woher des Weges?" fragte ich. Ich komme aus der Synagoge, die ich seit vielen Jahren an diesem Abend aufzusnchen pflege. Ich sehne mich eben nach diesem Fest, das mir Gelegenheit gibt, nrich so recht nach Herzenslust auszuweinen. Die schwermütigen Klänge des Kol Nidre, in denen sich ein namenloses Weh ausspricht, sind meinem Herzen Bedürfnis. Sobald ich diese erschütternde Melodie vernehme, tauchen vor meiner Seele trübe Biker auf, Leidensszenen eines Volkes, dessen Geschichte kaum etwas anderes ist als eine seit Jahrtausenden dahinfließende Zähre." „Doch es ist kühl! Eilen wir! Sie, mein Freund, begleiten mich doch?!" Eine Viertelstunde später betraten wir schweigend Lenaus Zimmer. Lenau griff nach seiner Geige und entlockte ihr die eigenartigen Töne des eben gehörten Kol Nidre so wehmutsvoll und herzzerreißend, wie es jene Klagelieder gewesen sein mochten, die Israel an den Strömen Babels einst angestimmt. Er spielte die Melodie und spielte sie wieder, bis sein Antlitz von Tränen überströmt war. Tann schüttelte er den 'Kopf, legte das Instrument beiseite un) mir die -Hand zum Abschied reichend, murmelte er: „Ein eigentümlich Lied, ein eigentümlich Volk." Ae Kunst im Dienste der Synagoge. In Berlin ist für den Herbst eine im Landesausstiellungsgebäude abzuhaltende jurhfreie Kunstschau geplant. Im Rahmen dieser Ausstellung ist eine besondere Veranstaltung tzur Förderung der Kunst im Dienste der Gotteshäuser in Aussicht genommen. In einer Anzahl von Räumen für evangelischen, katholischen und jüdischen Gottesdienst soll gezeigt werden, was die darstellenden Künste im Dienste dieser Bekenntnisse heute leisten können. Ein Kriegerdenkmal sstr Wische Fronisoldaten der österreichisch-ungarischen Armee in Leipzig. Auf dem Ghrensriedhof für im Weltkriege als Soldaten des deutschen und österreichisch-ungarischen Heeres gefallenen Juden, den die Leipziger jüdische Gemeinde in einer besonderen Abteilung des dortigen jüdischen Friedhofes errichtet hat, wurde dieser Tage ein das Andenken dieser jüdischen Kriegsopfer ehrendes Denkmal enthüllt. An der Feier nahmen Vertreter der Stadt- und Krcisbehördn, der Reichswehr, des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten und zahlreicher anderer Körperschaften teil. Die Einweihungs- «ede hielt Rabbiner Dr. Goldman n, namens des Bundes .jüdischer Frontsoldaten sprach Rechtsanwalt Dr. Jaeoby, mährend der Vizepräsident des Bundes jüdischer Frontsoldaten der österreichisch-ungarischen Arme e, S e e m a n n, die Grüße der Kameraden verdolmetschte. Das Ehrenmal ist nach einem Entwurf des - Bildhauers H a 4 l ü> r durchgeführt. Auf einem breiten Sockel erhebt sich an der Friedhofsmauer ein pyramidenförmiger Aufbau, der sich aus den Namen der Gefallenen, die die einzelnen Bausteine bilden, zusammensetzt. Sie sind als Ornament über die ganze Fläche verteilt. Außer ihnen und der .Hauptinschrift „Ihren für das Vaterland dahingegangenen Söhnen die dankbare israelitische Religionsgemeinde" sind noch zwei Löwen als Wahrzeichen der Tapferkeit und in der Mitte der Stern, von dem die Strahlen der Lehre ausgehen, angebracht. Der litauische Miniftervrösideut — ein ehemaliger Kommandant einer Wischen Selbstschutztruppe. Der neue Chef der Regierung der litauischen Republik, S l i s e v i e i u s, hat, wie wir den von den litauischen Blättern veröffentlichten Daten entnehmen, seine Hochschulstudien au der Odessavr Universität absolviert. Als die Pogrome im Jahre 1909 auch in Odessa ansbrachen, trat der junge Slisevicius, obgleich Nichtjude, als Fr ei williger in das damals gegründete jüdische Selbstschntzkorps e i n. Er erhielt dqs Komnlando einer Abteilung, in welcher Eigenschaft er in devt ihm zugewiesenen Rayon viele jüdische Familien vor den Huligans schützte. Im Vorjahr trat Slisevicius, der von Beruf Rechtsanwalt ist, als Verteidiger der jüdischen Sejmdcputierten in dem Verleumdungsprozeß des litauischen Geistlichen S m u k s t i s auf, der behauptet hatte, daß die jüdischen Deputierten in Amerika gegen die Anerkennung Litauens als selbständiger Republik agitiert hätten. Smukstis wurde damals wegen Verelumdung zu einer empfindlichen Strafe verurteilt. Ein ungarischer Unlverfilötsrektor gegen den Numerus clausus. Aus Budapest wird uns gemeldet: In Kressen des Unterrichtsministeriums herrscht eine unverhüllte Empörung über die scharfe Stellungnahme des abtretenden Rektors der Debrecziner Universität, Dr. Geza Lencz, gegen den Numerus clausuS. In einer Rede anläßlich der Jahresschlußfeier sagte Rektor Lenez: „Fest überzeugt bin ich, daß das Ziel der Universitäten darin besteht, die begabten Elemente der einheitlichen Nation auszuwählen und in dieser Hinsicht dürfen Geburtsschranken nicht aufgestellt werden. Wenn nach dem Ausspruche des preußischen Kultusministers Becker zwischen den großen prinzipiellen Gegensätzen der Nachkriegszeit, zwischen Tradition und Revolution in Deutschland ein Kompromiß zustandekommen konnte, hingegen bei uns ein solcher Ausgleich bisher nicht gefunden ist, so sind nicht wir, die Universitäten, Schuld daran, sondern die Politik, die in die Schule nicht hineingetragen werden darf. Mit Franz Deak sage ich: Unsere Liebe zum Vaterland und unserer Universität muß stärker sein, als der Haß, den wir gegen unsere politsschen Gegner enrpfinden." Verzeichnenswert ist, daß dir Rede des Professors Lencz von den Anwesenden mit ungeteiltem Beifall ausgenommen wurde. SöugiingsfSrsorge in Palöstina. Aus Berlin wird uns geschrieben: Im Verein für Kinderheilkunde berichtete Dr. Joachim Caspar: auf Grund zweijähriger Tätigkeit in Palästina über die dortige Säuglingsfürsorge, die von der H a d a s s a h ausgebaut ist und ein Netz von Fürsorgestellen für Säuglinge, Tuberkulöse, Schwangere, Wöchnerinnen usw. geschaffen hat. Seine Erfahrungen hat er hauptsächlich im Hospital und in der Poliklinik in Jerusalem gesammelt. Die Säuglingssterblichkeit, die 18 Prozent betrug, ist im letzten Jahre auf 10 Prozent herabgesetzt worden. Die Hauptschwierigkeil bei der Säuglingsfürsorge liegt bei der Eingeborenenbevölkerung, während die Juden ihr zugänglicher sind. Jene hat zu Aimuletten- und Beschwörungsformeln mehr Vertrauen als p den Anordnungen der Aerzte und Fürsorgoschwestern. Eine besondere Schädigung der Kinder wird herbeigeführt durch zu häufiges und zu langes Stillen. Man findet deshalb viele blasse und Widerstandslose Kinder. Europäische Einrichtungen auf die alte Bevölkerung zu übertragen, erweist sich größtenteils als unmöglich, was mit der schlechten sozialen Lage im Zusammen- ' hang steht, Tiermilch anzuwenden ist gefährlich, da sie minderwertig lst und leicht sauer wird, besonders in den heißen Sommernronaten, wenn sie nicht täglich dreimal aufgekocht Wird. Die arabische Bevölkerung gibt deshalb vielfach Kess y r. Propagandaschriften sind zwecklos, da die meisten nicht lesen können. Bei den arabischen Frauen wirkt der Fastenmonat besonders verheerend auf die Kinder, indem die Milchproduktion schnell erlischt. Deshalb verhungern vielfach die Kinder, da die künstliche Ernährung bei ihnen nicht gebräuchlich ist. Da die Milchkonservierung durch Kühl- . Haltung nicht durchführbar ist, hat Caspari durch Verabreichung von Trockenmilch, die jedesmal frisch hergestellt wird, in Liberias die Säuglingssterblichkeit von 293 pro 1000 auf 80 herabgedrückt. Rachitis wird im Sommer nicht beobachtet, Wohl aber im Winter. Tuberkulose ist weniger häufig als in Enropa, dagegen findet man sehr viele R n h rerkrankungen. Die Bekämpfung der Malaria macht große Fortschritte, so daß die Hauptstädte frei von ihr sind. Archäologische Funde auf einer Chaluzfarm. Ans. Großwar.dein w:rd uns berichtet: Nicht weit von hier, auf den sogenannten Wasserstromgrnnden, besteht schon 'eit längerer Zeit eine kleine misrachistische Chaluzfarm. Vorige Woche stießen die Chalnzim während des Pflügens ans sehr wertvolle archäologische Fnnde. Knochen ans der Steinzeit, primitive Werkzeuge, Perlen und andere, zun: Teil unbekannte Schmnckgegenstände wurden zutage gefördert. Die Chaluzin: lieferte!: die Objekte an die siebenbürgische Archäologische Gesellschaft ab, wo in eigener Sitzung ein Vortrag über die Bedeutung der Funde gehalten und den Chalnzim der Dank ausgesprochen wurde. Der Präsident der Großwardeiner Abteilung der Archäologischen Gesellschaft, Weihbischof Dr. Johann Karacsonyi richtete an die Chaluzin: die Bitte, nach ihrer Tagesarbeit die Grabungen, die sie mit großer Umsicht ansführen, fortznsetzen. Die Chalnzim entsprachen diesem Anj suchen. Vereine. Bortröge «ad Versammlungen, Wiener Betk>-H amtdrasch, 8. Bez., Tempelpasse 3 (im neuen Lokal). Heute, 4 Uhr. Dr. S. R nb i n: „Der Totenkultus der Aegypter und eine Bekämpfung durch Moses". — M a t m o n t d e 8 - I n st i t u t, 3. Bez., Hetzgasse 40. Heute. 4 Uhr, Dr A. Kanünka: „Religion als Solidarität mit dem Kosmos". Montag, 8 Uhr abends, im Olymviasaal, Wien, 1. Bez., Rotgafse, Dr. A. Kaminka: „Eindrücke von meiner jüngsten Reise durch Palästina". — Zionistische Kultur gruppe XX, Karl-Meißl-Straße 5/1. Heute: Vs8 llbr abends, Heimabend mit reichhaltigem Programm. Morgen, 9 Uhr vormittags. Büchsenleernng; V-2 Uhr, Ausflug unter Führung des Herrn Silberbusch. Mittwoch. V-8 Uhr, Mitgliederversammlung mit dringender Tagesordnung. — Jngendverein Erez Israel. Kwuzah P. Heute. 3 Uhr nachmittags. Sichah Morgen, 9 Uhr vormittcnS. Zusammenkunft im Verein zwecks Besuches des Jüdischen Museums. Mitglieder des Vereins können sich anschließen. Morgen, */,12 Uhr vormittags, Bttchsenleerung. Abrechnung im Vereinslokal. — Jüdische Volksbibliothek Z i o n. 2. Bez., Glockengasse 30. Heute, 6 Uhr findet im Vereins okal ein Vortrag des Ehrenpräsidenten Herrn Löbl Taubes Über das Thema „Die Bedeutung einer jüdischen VolkSbibltothel" statt, zu der alle Mitglieder eingeladen werden. * Privatistenprissungen aus der jüdischen Religion. Der Vorstand der israelitischen Knltusgemeinde Wien gibt bekannt, daß die Pr:väti stenprü fungen für Schüler an M i t t e l s ch n l e n im zweiten Halbjahre des Schuljahres 1926-26 Donnerstag den 24. d. von 3 bis 6 Uhr nachmittags, 1. Bez., Seitenstettengasse 2, 2. Stock (Rabbinatskanzlei) durch Herrn Schulrat Prof. Dr. Heinrich Pollak vorgenommen werden. Die Prüfungstaxe beträgt 6 S. pro Halbjahr imd ist im vorhinein an der Kasse der Kultnsgemeinde, Wien, 1. Bez., Seitenstettengasse 4, 1. Stock, zwischen 9 und 12 Uhr vormittags zu entrichten. Die Quittung ist dem Examinator vorznlegen. Gesamtverband der bernsstätigen jüdischen Juristen Oesterreichs. Heute, 7 Uhr abends, Gründungsversammlung im Hotel de France (blauer- Saal), 1 Bez., Schottenring 3. Vortrag Dr. I. Wald mann: Die Juden und die Minderheitsrechtc. _ Gerichtssaal. Jas Arteil der Iiszipiinarkommisston gegen die Fuftizwachleure Kröftner nnd Palme. Die Disziplinarkommission beim Oberlandesgericht in Wien unter Vorsitz des Vizepräsidenten Pittner verhandelte gestern in fortgesetzter nicht öffentlicher Sitzung über die Disziplinaranklage gegen die beiden Jnstizwachleute Kraftner und Palme. Me erinnerlich, haben die beiden anläßlich ‘ des Demonstrationsstreikes am 10. September 1925 den Verhandlungssaal betreten, in welchen: Hofrat Ramsauer eine Verhandlung abhielt und ihn unter Berufung auf den Streikbeschluß, ersucht, die Verhandlung abzubrechen. Als sich Hofrat Ramsauer weigerte, dies zu tun, führten sie den Angeklagten aus dem Verhandlungssaale ab. Außerdem legte ihnen die Disziplinaranklage auch zur Last, daß sie als Leiter des Streikes im Landesgericht 1 das Schließen der Tore, die Besetzung der Telephone, die Verhinderung des Eintrittes von Amts- und Zivilpersonen in das Gerichtsgebäude angeordnet und eigenmächtig die Kommandogewalt über die Gefangenhauswache übernommen haben, deren Diensteinteilung sie damals änderten. Anton Kräftner war überdies beschuldigt, einer Bersammlitng des „Vereines gescheiterter Existenzen" Leigewohnt p haben, obwohl ihm aus dem Inhalte der Einladung bekannt sein mußte, daß eine Teilnahme an dieser Versammlung mit dem Ansehen eines Bundesangestellten nicht zu vereinbaren ist. Trotzdem habe er in dieser Versammlung als Abgesandter der Justizwache das Wort ergriffen. , Der Vorsitzende verkündete nach mehrstündiger Verhandlung das Erkenntnis, daß die Beschuldigten nur wegen der Störung der Verhandlrmg des Hosxates Ramsauer und wegen Veranlassung der Abführung des Häftlings durch andere Jnstizwachleute schuldig erkannt und zu der Disziplinarstrafe der 25prozentigen Minderung ihrer Bezüge auf die Dauer von drei Jahren verurteilt wurden. Von allen anderen ihnen zur Last gelegten Fakten wurden sie.freigesprochen. Ein grohdenischer Abgeordneter. Die Jnterventionspraxis. Im Zusammenhang mit dem jetzt im Gange befindlichen Prozeß gegen den Direktor von Laxenburg, Robert Bauer, wegen Betrrlges imb Veruntreuung wurde gestern vor dem Zivillandesgerichte ein Prozeß abgeführt, den der Rechtsanwalt Dr. Alois B l ü n: e l gegen den gewesenen russischen Konsul und Finaiizmailn Dinlitri R u b i n st e i jt sowie gegen der: früheren Pächter des Schloßrestaurants Laxenburg, Ludwig M o k e s ch und dessen Schwägerin Betti Fritsch, auf Zahlung einer Expensnote von 8000 Schilliirg angestrengt Mil M der IS. ösMtUeii KtaMrie ICTIPDU BL &IM JEDERMANN_ Bankhaus Schalhammar & Schattara. Wien, L, Stephanspiatz 111 VT Ziehung am 22. und 24. Juni 1926 Preise der Lose: V> S 32.—, 8 16.—, V. 8 8.—. 7. 8 4.— g Prämie: 500.000 Schilling Haupttreffer: 250.000 Schilling I Ml 8

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