Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2629 (19.6.1926)
- Date
- 1926-06-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morgenzekwn-_19. Juni 1986_ Nr. 26L9 Jas Mentat Schwarzbarths. Sine SrttSrnng des «trainischen Sejmklub». Warschau, 18. Juni. Der ukrainische Sejmklub beantwortete den seinerzeitige« Beschluß des jüdischen Sejmklubs bezüglich der- Ermordung Petljuras durch Schwarzbarth mit folgender Erklärung: ,Hm Zusammenhang mit dem tragischen Tod des gewesenen Vorsitzenden des Direktoriums der ukrainischen Volksrepublik, P e t l j u r a, erschienerr in der jüdischen Presse verschiedene Aufsätze und Notizen, die Petljura zu einem Pogromführer stempeln und ihm die Schuld am Vergießen jüdischen Bllltes beimessen wollen. Der ukrainische Sejmklnb bedauert, daß auch das Communique der offiziellen Vertretung der jüdischen Bevölkerung in Polen, d. i. des jüdischen Sejnrklubs, sich in derselben Richtung bewegt, denn es nennt Petljura einen Pogromhelden, obwohl er sich in seiner Tätigkeit mit allen Mitteln bemüht hat, überall, wo er die Macht dazu besaß, die Pogrome zu vereiteln und sogar jede Pogromaktion zu bekämpfen. Die ukrainische Gesellschaft hat immer gegen die Pogrome gekämpft, die nur die Feinde der ukrainischen Bevölkerung inszeniert haben, allerlei unsichere Eleuiente, die damit nur die Herabsetzung der Wiedergeburtsbewegung des ukrainischen Volkes bezweckten. Die ganze Kampagne der jüdischen Presse und den Standpunkt des jüdischen Sejmklubs kann die ukrainische Gesellschaft nur als unbegründete schwere An klage gegen das ukrainische Volk verstehen. Die ukrainische parlamentarische Repräsentation betrachtet es als ihre notwendigste Pflicht, den guten Ruf der ukrainischen Bevölkerung und Petljuras zu verteidigen, und protestiert darum aufs entschiedenste gegen alle Angriffe der Juden, d. i. der jüdischen Presse und des jüdischen Sejmklubs." Bemerkensiverj ist, daß gegen diese Resolution die sozialistische Gruppe im ukrainischen Sejmklub gestimmt hat. Schwavzbarth ist kein Kommunist. Aus Paris wird uns berichtet: Der Sowjetgesandte in Paris, Rakowski, richtete an Schwarzbarths Verteidiger, Henri T o r r e s eine Zuschrift, in welcher offiziell fsstgestellt wird, daß S ch w a r z b a r t h nicht der kommunistischen Partei angehört und vom Komintern" niemals irgend eine Mission erhalten hat. Ueberdies wurde amtlich festgestellt, daß die Frau Schwarzbarths vor einiger Zeit die Absicht gehabt hat, nach Rußland zu reifen, ihr jedoch vom russischen Konsulat das Visum mit der Begründung verweigert wurde, daß ihr Gatte als ausgesprochener Feind des Sowjetregimes in Rußland bekannt sei. Keine Sonrmlnnsen für die Verteidigung Sthluarzvarths. Wir berichteten, daß das New-Dorker ,^Jewis!h Morning Journal" eine Geldsammlung für die Verteidigung Schalom Schwarzbarths eingeleitet habe. Die Sammlung hat in den ersten vier Tagen 4000 Dollar ergeben. Wie uns aus Paris berichtet wird, hat die Familie Schwarzbarths den 'dringenden Wunsch ausgesprochen, keine Sammlung für die Verteidigung Schlwarzbarlhs zu veranstalten. Wenn schon Mittel aufgebracht werden, so möge dies für die Erforschung und Sammlung aller authentischen Materialien über die Pogrome in der Ukraine geschehen. Das sei eine allgemeine jüdische Sache. m (Mm M»—«n -. Will»«' T .Ml .1 im , |«| li..».lr,imn i — ---II Ae Petlstna-Pogrmne. - y. W i c n. 19. ImN. A» ave« Slvaten Mittel- und Westeuropas sind die ukrainische» nationalistischen Enngvantenkonntees fieberhaft tätig, um eine öffentliche Gerichtsverhandlung gegen 'den" jüdische« Uhrmacher Schwarzbarth zu verhindern. Me Anstrengungen werden darauf konzentriert, die französische Regierung davon zu überzeugen, , daß Schwarzbarth unzurechnungsfähig sei und daß er seine Tat in einem I r r s i n n s a n f a l l begangen habe. Der Sinn dieses Treibens ist der, die Aufrollung der Greuel des Jahres 1919 und 1920 in der Ukraine abzuwehren und insbesondere hintanzuhalten, daß die Schuld des getöteten Atamans Petljura durch Vorlage von Akten und durch die Aussagen beeideter Zeugen nachgewiesen wird. Dieser Zweck wird auch durch die in der Presse immer deutlicher auftauchende Mitteilung verfolgt, daß Schwarzbarth im Dienste der Bolschewiken einen Auftrag gegen Petljura vollstreckt hat. Es gibt ukrainische Kreise und Persönlichkeiten in Menge, die wohl wissen und auch cmgestehen, daß sich die Pogrome in der Tat ereignet haben. Aber sie seien nur Reaktionen des ukrainischen nationalen Empfindens gegen die Juden gewesen, die mit den Bolschewiken sympathisiert hätten. Daran ist nicht ein Wort wahr. Die Juden in dem unglücklichen Land hatten nacheinander eine russische, deutsche, österreichische Invasion durchgemacht. In dieser Zeit und in den darauffolgenden Bürgerkriegen war bei der jüdischen Masse jedes politische Interesse geschwunden und es bestand nur Fwehr die Sorge um ihre physische Existenz. Um aber die Ereignisse unb ihre Beziehung zu Petljura richtig beurteilen zu können, ist es nur notwendig, darauf zu verweisen, daß die Pogrome zu einer Zeit begonnen hatten, in der der Ataman der oberste Kommandierende seiner Armee und noch nicht mit politischen Angelegenheiten befaßt war. Präsident der Regierung war damals noch W i n n i t s ch e n r o und die Leitung der militärischen Agenden lag a u s s ch l i e ßlich in den Händen Petiljuras. Er wußte von den Pogromen, er wurde von Deputationen der jüdischen Bevölkerung und auch con ukrainischen Politikern aus diese Exzesse und ihre Wirkungen aufmerksam gemacht. Eine Einvernahme der ukrainischen Führer aus dieser Zeit, -insbesondere jener aus Galizien, würde ganze Berge von beweiskräftigen Dokumenten zutage fördern. Als sich die galizische Regieru-»^ nach der Ukraine zurückzog und in Kamenetz-Podolsk ihr Quartier aufschlug, waren alle ihre Mitglieder, wie Präsident P etrusziewicz, Nazaruk, Panenko, Konstantin Lewicki, Duszinski, in voller Kenntnis der Vorfälle und sie kargten nicht mit ihrem Bedauern. Ja selbst bis nach Wien war die Wahrheit schon vorgedrungen. Im Herbst 1919 hatje der westukrainische Gesandte in Wien, Nikolai v. W a s s i l k o, eine Versammlung jüdischer Bürger aus der Bukowina einbevuscn, um ihre Sympathien für die Angelegenheiten seiner Nation zu gewinnen. Einige Anwesende verlasen Briefe aus der Ukraine und forderten Aufklärung über die Pogrome des Petljura-Militärs. In hoch st er Erregung erklärte Wassilko, es sei leider alleswahr... . Die Pogrome in der Ukraine hatten keinen politischen Hintergrund, es sei denn der, daß die Mordtaten, Folterungen und Plünderungen a u sschließlich und ausnahmslos gegen Juden begangen wurden. Sie wurden auch niemals mit Politik, mit der angeblichen jüdischen Sympathie für den Bolschewismus. erklärt. Ms Petrnsziewicz aus Kameuetz- Podolsk abreiste, umstanden Tausende von Juden sein Automobil und baten ihn händeringend — viele knieten sogar nieder —, zu bleiben und sie nicht den Banden Petljuras zu überlassen. Aber der Präsident, der in den letzten Wochen seines Aufenthaltes sich durch Militärkordons vor Petljura hatte schützen müssen, reiste ab. Die politische Rechtfertigung der Pogrome ist erst jetzt, nach der Erschießung Petljuras ausgesonnen worden. Der Ataman hatte seither keine politische Rolle mehr gespielt und auch die französischen Offizierskreise, zu denen er Anschluß suchte, lehnten ihn als den Führer von Mordbrennerhorden ab. Er war kompromittiert und politisch erledigt. Welchen Sinn hätte denn bei dieser Sachlage ein , bolschewikischer Befehl haben können? Er ist erfunden worden, um das Motiv derTat zu verfälschen und um nicht ans Licht kommen zu lassen, daß es nur der simpelste Judenhaß der zusammengewürfelten Banden war, der das Judentum in der Ukraine dezinrierte, was übrigens auch damit belegt werden kann, daß die Truppen der galizischen Regierung und ihre Führer diesen Unwesen sich strenge sernhielten, den: in der Mehrzahl gänzlich unpolitische Frauen, Mädchen und Greise zum Opfer gefallen sind . . . Letzten Endes aber richtet sich diese Propaganda der ukrainischen chauvinistischen Gruppen gegen ihr eigenes Volk. Das Streben der Nation nach Freiheit und Sakbstbestimmung wird durch solche Praktiken empfindlich beeinträchtigt. Es wäre sehr notwendig, daß sich die berufenen und verautwortlichen Führer dieser Nation zu einer umzweideutigen Verurteilung einer Agitation entschließen, die die Wahrheit vertuschen will. Es ist höchst anerkennenswert, daß der ukrainisch,' Sejmklub in Warschau sich von Pogrompolitik los- ’Vit-ünd ne verdammt. Aber dieser gute Eindruck wird dadurch adgeschwäch:, daß die Resolution die gegen Petljura erhobene Anklage als. eine solche gegen das ukrainische Volk auffassen will. Das nst eine durch nichts zu rechtfertigende Unterstellung und sie wird als solche auf das schärfste charakterisiert durch die Tatsache, daß die sozialistischen Abgeordneten ihre Zustimmung verweigert, haben. Für einen europäischen Zollverein. Um den Gedanken einer eu r o p ä i s ch e n Zollunion dem Verständnis der europäischen Nationen näher zu bringen, hat sich ein vorbereitendes Komitee gebildet, dem unter anderen Nationalökonomen von Weltruf, wie Prof. Irving F i s h.e r von der Aales-Universität, Doktor Maurice Elsas, Frankfurt a. M., und der ehemalige holländische Finanzminister Dr. Anton van Gijn, angehören.. Das Komitee erläßt einen Aufruf an alle Europäer. Darin wird erklärt: „Aufrechterhaltung der Zölle — einseitige protektionistische Machtpolitik — bedeutet 1. Teuerung, 2. Teuerung bringt Kaufkraftabnahnle, 3. Kauftkraftabnahme bedeutet Absatzeinschränkung, 4. Absatzeinschränkung zwingt zur Produktionseinschränkung, 5. ProduktionSeinschränkung ergibt Armut und Elend. Gegenseitiger Abbau der Zölle — europäischer Zollverein — bedeutet: 1. Verbilligung, 2. Verbilligung schasst erhöhte Kaufkraft, 3. Erhöhte Kaufkraft bedeutet Absatzerweiterung, 4. Absatzevweiterung zwingt zur Produktionserhchung, 5. Produktionserhöhung ergibt erhöhten Wchlstand und Reichtum. Wollt ihr nicht, daß wir in der Wirtschaftsanarchie untergehen und so lange kämpfen, bis unsere mit allen Reichtümern der Natur gesegnete Erde sich vollends in ein Chaos verwandelt hat, in dem die Völker Massenschlachtungen ohne Ende veranstalten, dann vereinigt euch im europäischen Zollverein!" Südamerika und der BSlkerbuud. Der Völkerbund hat auf die brasilianische Aust r i t t s e r k l ä r u u g, die erst in zwei Jahren Wirksamkeit erlangt, nur mit einer Empfangsbestätigung durch das Generalsikretariat geantwortet. Die Zahl der latein-amerikanischen Staaten, die dem Völkerbund nicht angehören, betrug bis zum Austritt Brasiliens drei, die sich gegenüber dem Völkerbund in ganz verschiedener Lage befinden. Mexiko hat ihm nie angehört, Ekuador ist ihm trotz Aufforderung nie beigetreten und K o st a r i k a hat am 1. Jänner 1925 seinen Austritt erklärt infolge finanzieller Streitfragen, so daß es Ende 1926 aus dem Bund endgültig ausscheidet. Dagegen ist weder Argentinien jemals ausgetreten gewesen, noch Bolivien, das sich infolge der Ablehnung seines Ersuchens um Abänderung des Friedensvertrages von Chile durch die Völkerbundversammlung im Jahre 1922 von: Völkerbund zurückgezogen, aber seine Beiträge bisher stets bezahlt hat. Man nimmt an, daß die Völkerbundsversammlung im September noch einen letzten Versuch unternehmen wird, die brasilianische Negierung von ihrem Entschluß abzubringen, daß aber an dem R e s v r mp l a n, wie ihn die Natskommission für den Völkerbund ausgestellt hat, nichts geändert werden dürfe. Re Völkerbundlkaen. Eine Ferialfchule in Genf. Das Geueralfekretariat des internationalen Verbandes der Völkerbundligeu teilt uns mit: Die Union der Bölkerbundligen veranstaltet in der Zeit vom 21. bis 28. August leine Ferialfchule in Genf. Täglich werden mindestens zwei Vorlesungen von Mitgliedern des Völkervundisi'kretariats und des internationalen Arbeitsamtes, von Universitätsprosessoren und anderen Autoritäten über die Organisation und die Tätigkeit des Völkerbundes, des internationalen Arbeitsamtes und des ständigen internationalen Geirichtshofes, insbesondere über die nationalen Minderheiten in Europa, über die Koloniailmandate, über Auswanderungswesen und über Erziehungsfragen statt- .finden. Die Einschreibgebühr für alle Veranstaltungen mit'Ausnahme der Ausflüge beträgt zehn Schweizer Franken. Anmeldungen Nimmt das Generalsekretariat des internationalen Verbandes der Ligen für Völkerbund, B r üs'f e l, 1 Avenue de la Toison d'Or, entgegen. Re Revolution i« Portugal. Ein militärisches Triumvirat. Lissabon, 17. Juni. Infolge Differenzen mit dem Ministerpräsidenten Cabecadas hat Kriegsmmister General Gomez da Costa die Besetzung der strategischen Punkte der Hauptstadt angeordnet. Die revolutionären Truppen okkupierten die Ministerien. Der Ministerpräsident übergab seine Amtsgewalt dem Kriegsminister. Kriegsminister General Costa hat das Präsidium der Regierung, General G o r d e s das Finanzportefeuille und Major Samara das Jnnenportefeuille übernommen. Diese Minister werden ein Triumvirat bilden. Die übrigen Ressorts werden von Unterstaatssekretären geleitet werden. Ueber Lissabon wurde der Belagerungszustand verhängt. * Wieder einmal ist das kleine Portugal, dessen afrikanische und asiatische Kolonien fast 25mal so groß sind wie das Mutterland, Schauplatz eines Militärputsches. Man ist dort an einen schnellen Szenenwechsel schon gewöhnt. Im Jahre 1921 folgten einander dort nicht weniger als sechs Ministerpräsidenten, deren einer, G r a n j o, ermordet wurde wie zwei Jahre vorher der Staatspräsident Sidonio da Silva Pa es. Seit 1010, dem Sturz der Dynastie B r a g a n z a, sind die von politisierenden Generalen angezettelten Verschwörungen einander mit nur kürzen Pansen gefolgt. Sie dienten entweder monarchistischen Zwecken, um den in London lebenden Exkönig Manuel wieder zurückzuführen, oder richteten sich gegen die augenblicklich herrschende Regierung. Dle 6 Millionen Portugiesen (die Kolonien haben insgesamt 6,5 Millionen Einwohner) leisten sich eine nicht geringe Zahl von Parteien, und jede Weile tauchen neue oder doch umgebildete Parteien auf. Die Monarchisten sind in dem inzwischen aufgelösten Parlament nur eine kleine Minderheit, aber von Wahl zu Wahl sind sie von 7 aus 33 Köpfe angewachsen. Die stärkste Partei, die das Zentrum oarstellt, sind die Demokraten mit 83 Stimmen, die mit den 46 Liberalen über eine feste Mehrheit verfügen. Die jetzt oavongejagte Regierung war erst an: 30. Mai, also vor zwei Wochen, eingesetzt worden. Me enMche Bersbanttise. London, 18. Jüni. Der parlamentarische Sekretär des Schatzamtes teilte heute mit, daß der Gesetzentwurf über die iWiedereindführung des Achtstundentages im Bergbau Montag dem Parlament zugchen wird. Der Ge- Isetzeutwurf wird Mittwoch in zweiter Lesung behändst werden. Freitag soll eine allgemeine Debatte über die Borttage eröffnet werden. Begnadigung SaclatvaLa London, 18. Juni. Der kommunistische Abgeordnete Saclatvala, der am 18. Mai wegen Aufreizung zu drei Monaten Gefängnis verurteiilt wurde, wird, wve die Blätter melden, wegen feiner guten Führung im Gefängnis b etznadigt Wecken.