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Wiener Morgenzeitung · 1926-06-18 · Heft 2628 (18.6.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2628 (18.6.1926)
Date
1926-06-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Är. 2838 Men, Freitag Lagesbericht. Ae SeetenfSngerel in Maria- Laareadorf. Mn gebrochenes Mutterherz. Mr haben darüber berichtet, daß im Elisabeth- Heim zu Maria-Lanzen darf durch die dortigen Klosterschwestern in unverantwortlicher Weise an jüdischen Kindern, welche Schützlinge des städtischen Jugendamtes Wien (Republik Oesterreich) sind, Seelenfängerei verbrochen wird. Von vier jüdischen Pfleglingen dieses Krüppelheimes wurden drei bereits getauft, bei dem vierten steht die feierliche Aufnahme in den Schoß der römisch-katholischen Kirche erst bevor. Besonders kraß ist der Fall des 14jährigen Jakob K l e i n m a n n, über den wir gestern ausführlich berichteten. Ohne Kommentar veröffentlichen wir heute einen Brief wahrhaft erschütternden Inhalts, welchen die unglückliche Mutter un Herrn Salomon Kupfermann richtete, einen Freund der Familie Kleinmann, der sich nach Kräften des kranken Kindes in Wien annahm. Der in jüdischer Sprache abgefaßte Brief ist aus S a t a n v w, dem Wohnort der Frau Kleinmann datiert und das Original befindet sich in unseren Händen. „Herrn Salomon K n p f e r nt a n u! Nach dem Erhalt Ihrer furchtbaren Nachricht bin ich ganz erschüttert und kann jetzt nicht einmal richtig nach meinem Kinde fragen, denn ich bin meiner Sinne nicht mächtig. Ein Bekannter schrieb mir, daß mein Kind jetzt getauft wurde. Ich muß mein Kind nach Hause nehmen, ich weiß aber nicht, wie ich es machen soll, helfen Sie mir, bitte, haben Sie mit mir Mitleid. Mit mir und mit meinen drei Kindern, damit sie nicht Doppelwaisen werden, denn ich bin zu schwach, um dieses große Unglück zu ertragen. Antworten Sie mir, bitte, schnell, ob mein Kind nur vom Glauben sich abgekehrt hat, oder ob es auch seine Mutter und seine Schwestern nicht mehr kennen will. Und wer hat Jankale denn dazu gebracht? Kann mein Kind schon gehen? (Der Knabe hat kranke Beine. — Anm. d. Red.) Soll ich ihm schreiben? Wird er meinen Brief lesen oder wird er ihn zerreißen? Kennt mein Sohn noch Mutterliebe oder will er nie mehr . zu uns zurückkehren? Geben Sie ihm, bitte, diesen Brief in die Hand und. schreiben Sie mir, wann das Unglück geschehen ist. Ich möchte auch wissen, ob das Kind lernt und studiert. Hat es noch Gewissensbisse? Kann man auf meinen Sohn noch Einfluß nehmen, damit er nach Hause zurückkehrt? Gehen Sie zu ihm und hüten Sie ihn. Ich kann mich ja nur an die wenden, die ihn gekannt habm und mit deren Hilfe will ich mein Kind zurückerlangen. Helfen Sie mir, mein Kind zurückgewinncn, antworten Sie mir schnell, was das Kind Ihnen sagen wird. Uebergeben Sie ihm meinen Brief und senden Sie ryir seine Antwort! Achten Sie darauf, daß man das Kind nicht verschleppt. Ist er jetzt noch in Maria- Lanzendorf? Haben die Seute dort das Recht, so etwas zu machen? Schreiben Sie mir alles! Das wichtigste ist, daß Sie mir bekannt geben, an wen ich mich wenden nrnh, damit das Kind zum Judentum zurückgebracht und nach Hause geschickt wird. Ich besitze ja keine Adresse der Kultusgemeinde und auch keine des dortigen Konsulats, mrr die Ihrige. Ich weiß wirklich nicht, was zu tun ist, geben Sie mir eine Adresse an, an die ich mich wenden kann. Schreiben Sie mir, ob Jankale wünscht, daß ich ihn von dort hole und behüten Sie ihn gut, damit man chn nicht an einen anderen Ort bringt, wo er nie mehr zu finden wäre." Ser ..Hammers-Fritsch verurteilt. Wegen Beschimpfung der jüdischen Religion. Berlin, 17. Juni. Theodor Fritsch, der Herausgeber des „Hammer" hatte im August 1924 in der völkischen Zeitschrift „Der Streiter" in Hof i. B. einen seiner üblichen Artikel gegen „Den Judengott Jahwe und die ruchlose Gesinnung der jüdischen Religion" veröffentlicht. Die israelitische Kultusgemeinde zu Hof stellte Strafantrag, worauf die Staatsanwaltschaft Hof die Klage erhob. Die Verhandlung faird am 10. Jtlni statt. Fritsch beantragte V e r l e s u ng e n aus jüdischest Schriften. Da er zugeben mußte, daß er nicht hebräisch lesen könne, wurden seine Anträge abgelehnt. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Woche Arrest. Der Staatsanwalt hatte drei Wochen beantragt. Faszistrscher Antisemitismus in Tunis. Aus Tunis wird berichtet: Im Gegensatz zu den freundschaftlichen Erklärungen, die Mussolini während seines jüngsten Aufenthaltes in Tripolis gegenüber der dortigen jüdischen Bevölkerung gegeben hat, führt die faszistische Presse Roms einen scharfen Kampf gegen die Juden von Tunis, die beschuldigt werden, Antifaszisten zu sein. Diese Kampagne spiegelt sich in der faszistischen Presse von Tunis wieder, von der besonders die Tageszeitung „Unione" eine direkte antisemitische Propaganda betreibt. In der Wirklichkeit verhalten sich die Juden von Tunis gegenüber der foszistischen Propaganda neutral. Zum Protest gegen die Judenhetze haben neun jüdische Mitglieder der italienischen Handelskammer von Tunis, unter ihnen der Präsident, der diese Stellung seit fünfzehn Jahren innehat, sowie sechs nichtjüdische Mitglieder diese Mitgliedschaft n i e d e r g e l e g t. In einer Erklärung heißt es: Alle italienischen Inden in Tunis seien t Wiener Morgenzeituntz loyale italienische Bürger und haben sich im Kriege tapfer für Italien geschlagen. Viele tunesische Juden erlitten den Heldentod oder schwere Verwundungen, viele andere erhielten Tapferkeitsauszeichnungen. Der neue Präsident der italienischen Handelskammer Carlo und der Präsident der jüdischen Gemeinde von Tunis wandten sich an die Regierung in Rom und ersuchten diese, ihre Aufmerksamkeit der in Tunis betriebenen antijüdischeu Hetze zuznwenden. Wkizmann in Berlin. Eine BankieVkonferenz bei Divektor Wassermann. Berlin, 16. Juni. Gestern abends gab der Direktor der Deutschen Bank, Oskar Wassermann, zu Ehren des Präsidenten W e i z m a n n einen Empfangsabend. An der Veranstaltung nahmen Vertreter der Deutschen Bank, der Dresdner und der Darmstädter Bank teil. Außerdem waren eine große Zahl bekannter Finanziers, ferner der gewesene Finanzminister H i l f e r d i n g, der Chef des Ullstein-Verlages, Professor E i n ft e i n und andere angesehene Persönlichkeiten anwesend. Prof. Einstein hielt einen JnformalionSdortrag, in welchem er die Anwesende.« aufforderte, die Jerusalemer Universität zu fördern und ihren Ausbau finanziell zu ermöglichen. Unter dem Eindruck dieser Rede wurde sofort eine ansehnliche Summe gezeichnet. .Heute fand in der Wohnung des Prof. Ei nst e in eine Beratung angesehener jüdischer Persönlichkeiten in Deutschland über die Aktion für den Keren Hajessod und die a nderen wichtigen Palästinaaktionen der nächsten Zeit statt. Sas verftelgerte Weltreich. Auktion in Wembley. Aus London wird uns geschrieben: Letzten Montag wurde die britische Rei chsaussteIlung in Wembley öffentlich versteigert; es war die größte Auktion, die jemals abgehalten morden ist. Alle Gebäude der ungeheuren Ausstellung und ein kleines Fürstentum von 132 Acres Grund konnte der Meistbietende erwerben. Eine ganze Stadt von p h a n t a st i s ch e n P a l ä st e n war billig zu haben, der Palast der Industrie, der Palast der Küuste mit seinen wertvollen Tapeten und stilechten Kaminen, der Palast für Wohn- und Transportwesen, der allein eine Bodenfläche von mehr als 500 Ar bedeckt — aber es war auch jenes Paradies der Kinder zu haben, -die „Schatzinsel", mit den 800 Tonnen echten Seesandes, die sie bedecken, mit dem Piratenfchiff, dor Arche Noah, den wachestchenden Soldaten, der Miniatureisenbahn mit ihren Stationen. Auch konnte man die alte London Bridge karrfen, 'die mittelalterliche Prücke mit ihren 32 Kaufläden und mit ihren hohen Brückentürmen; das einstmals so teuere Lukullus-Restaurant war jetzt ganz billig; feine Ziergärten waren zu erstehen, fein feenhafter Tanzsaal. Mehr als hundert Gebäude wurden in Wembley versteigert, davon 23 permanent gebaute. Nicht weniger als 16 Restaurants und Cafes wurden auf einmal verramscht, und die Zahl der kleinen Kioske, Pavillons und Verkaufsstände ivar enorm. Ländliche Feuerwehren konnten hier eine fertige Feuerstation einkaufen mit Raum für zwei Maschinen und Wohnräumen für die Mannschaft. Wer ein Theator mit 1700 Zuschauern brauchte, konnte es in Wembley erwerben; -man kann es abbrechen und anderswo wilder ausbauen. HimgrrkLnstler Folltz — ein Schwindler! Er hat vom 28. Tag an Schokolade gegessen. Berlin, 17. Juni. Der Hungerkünstler Jolly, der 44 Tage lang gehungert und einen Weltrekord mit seiner Leistung aufgestellt hat, die ihm überdies 157.000 Mark an Einnahmen trug, ist nunmehr in einwandfreier Weise als Schwindler entlarvt worden. Die Staatsanwaltschaft hat mehrere eidesstattliche Erklärungen von Personen erhalten, die den Glaskäfig Jollys beobachten konnten und die behaupten, daß Jolly vom 28. Tag seiner Produktion angesangen, täglich 200 bis 300 Gramm Schokolade verzehrt hat. Die Schokolade wurde dem Hungerkünstler um Mitternacht von den Angestellten Jollys in ganz dünnen Messingröhren durch die in den Glaskäsig führenden Oeffnungen der Lichtleitung zugesteckt. Unter dem Druck dieser Zeugenaussagen hat Jolly zugegeben, daß er in den letzten vierzehn T a g en seiner Hungerproduktion täglich Nahrung zu sich genommen hat. Borkümp? ln der Budapests BrodMMSrse. Eine turbulente geschäftliche Auseinandersetzung. Budapest, 17. Juni. Der große Saal der Produktenbörse war heute nachmittags der Schauplatz einer wüsten Prügelszene. Zwei Agenten namens Tibor Vecseh und Josef Bruck gerieten im Verlauf einer geschäftlichen Auseinandersetzung in einen heftigen Wortwechsel. Auf den Wortwechsel folgten Ohrfeigen und auf die Ohrfeigen ein regelrechter Boxkampf, der sich in einem Ring von Zuschauern abspielte, von denen keiner den Mut fand, die beiden wütenden Männer auseinanderznreißen. Erst nach geraumer Zeit traten herbeigerufene Beamte der Börsenkammer nt Aktion und trennten die boxenden Agenten, die sich vor dem Disziplinarsenat der Kammer für ihren Exzeß zu verantworten haben werden. 18. Juni 1926 Sette-» rrrrt-n am OLOCk- RI>,Wr führt nre WEG D-H Ja!!... ich bestelle nocb heute per Postkarte zu der am 22. u. 24. Juni beginnenden Ziehung d. Klassenlotterie _r/8 Los 8 4'— V4L0SS 6 - _V2 Los S 18 - 7i Los 8 32 - dH ddhIdds % Millionen S oder einen der vielen anderen Haupttreffer S500.000,250.000,100.000, 75.000, 60.000, 50.000 etc. Meine Zahlung erfolgt sodann sofort nach Erhalt der Lose mit Posterlagschein. Die Bestellung richte ich an: GLÜCKSTELLE STEIN WIEN XWIPPUNGER STR.21. AN DER HOHEN BRÜCKE ditte Akademie für Taschendiebe. In Paris wurde von der Polizei eine Tasch-e-ndiebakademie für Knaben und Mädchen entdeckt. Diese Diebesakademie, die in einem schmutzigen Gäßchen gelegen ist, -das sehr' mit Unrecht den Namen Rue du Bel Air führt, wird von zwei weiblichen Professoren, Amanda G 0 dart und Berthe R a u l i n,' geleitet. Sie wurden von Geheimpolizisten verhaftet, während mau den männlichen und weiblichen Zöglingen, die meistens das Alter von zehn b i sz w ö4-f I a h r e n nicht überschritten haben, auf der ®pax ist. Studentenstreik an der Brstnaer Technik. Eine Shmpathiedemonstration für Hannover. Brünn, 17. Juni. Die völkische Studentenschaft der deutschen Technischen Hochschule ist heute in einen 24stündigen Sympathiestreik für die Hannoveraner Studenten getreten und hat, da sie durch Streikposten den Eintritt in die Hochschule allen Studenten unmöglich machte, die Sperrung der Technik durch den Rektor veranlaßt. Vor der Hochschule kam es zwischen den völkischen und andersorientierten Studenten zu Prügeleien. Die erschienene Polizei konnte jedoch nicht eingreifen, da sie den Boden der Hochschule nicht betreten durfte. Ein Maffemnörder la Dortmund. Gestern früh hat sich in Dortmund in einem Haufe der Leopoldstraße eine grausige Bluttat abgespielt, die in ihren Nnzelheiten lebhaft an das Verbrechen des Massenmörders Anger st ein in Heiger evinnert. Der 45 Jahre alte Schlächtermeister Blafchkowski kam bei Morgengrauen betrunken nach Hause und fing mit feiner Frau Streit an. Plötzlich ergriff er eine Axt und spaltete seiner Frcnt mit einem einzigen Hieb den Schädel. Dann zertrümmerte er mit der Axt seinen drei Kindern, die in ihren Betten lagen, den Schädel. Sodann ging Blaschkbivski in das dritte Stockiverk des .Hauses, wo ein gewisser Fritz Bader mit anderen Kostgängern Mief, und schlug auch diesem, ohne ein Wort zu reden, den Kopf ein. Die übrigen Kostgänger waren vor Schreck gelähmt, so daß sie dem Rasenden nicht in den Arm fallen konnten. Als der Mörder wieder die Treppe des Hauses hinabfling; begegnete er einer Frau Milicki, mit der er seit langem verfeindet war, und erschlug auch diese mit der Axt. Schließlich ging er in seine Wohnung zurück und schoß sich eine Kugel in denKoPs. Als die Posizeikommission eintraf, bot die Mordstätte einen entsetzlichen Anblick. Das Wohnzimmer war über und über mit Blut und Gehirnteilen besudelt. Der Schädel der Frau Blafchkowski war bis auf den Hals entzrveigojpaltet. Blafchkowski galt als überaus roher Mensch. Er lvar ein Trinker und .mehrfach mit Zuchthaus vorbestraft. 1

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