Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2627 (17.6.1926)
- Date
- 1926-06-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2627 Wien, Donnerstag Wiener MorgenzeiLung 17. Juni 1926 Seite ß Tagesbericht. Ser Kampf um die Äugend. Der Kampf um die Schulreform, der jetzt in Oesterreich die Gemüter bewegt, ist viel mehr als nur ein Streit unt die Rcligionsstnnde. Besonders wir Juden haben allen Anlaß, uns mit dieser Frage eingehend zu beschäftigen. Nicht nur die Frage, ob jüdische Kinder in klerikalen Schulen zur Entwürdigung ihres primitivsten BolkSbeivnßtseins gezwungen werden oder ob sie in einer interkonfessionellen Schule nach dem freien Entschluß der Eltern oder eigenem Wunsch erzogen werden sollen, interessiert gerade die jüdischen Kreise am meisten, sondern auch das ganze Problem der Schulreform muß von uns jenseits aller Parteipolitik und abgesehen von allen Parteibestrebungen betrachtet werden. Wir Juden, denen die Sorge um die Jugend die heiligste Aufgabe sein muß, denn nur durch die Jugend und mit der Jugend werden wir die volle Selbstbestimmung im eigenen Lande und in den Ländern der Verbannung erlangen können, können nicht gleichgültig zusehcn, wie jüdische Knaben und Mädchen nach veralteten Methoden nnd in pädagogisch völlig unzulänglichen Schulanstalten ihre schönsten Jahre verbringen. Jeder, der sich an seine Mittclschul- oder Volksschuljahre erinnert, wird wissen, daß die Unterrichtsmethoden und die Lehrpläne au diesen Schulen nur sehr wenig m.it wahrer Erziehung und Bildung Gemeinsames hatten. Wen überläuft nicht ein kalter Schauer bei der Erinnerung an die langweiligen Drillstunden der Grammatik alter Sprachen, deren Geist angeblich vermittelt werden sollte? Schwer mußte man sich durch das Gestrüpp und oft sehr stechende Urwalddickicht nutzlosen Gedächnisniaterials durchkämpfcn, bis man einen leisen Hauch antiker Kultur verspüren konnte. Die Vokabeln, die grammatikalischen Formeln, die Uebersetzung wurden von Tag zu Tag gelernt und zum Schluß wußten die meisten Schüler fast nichts vom Inhalt des ganzen Werkes. Wo blieben die von den Fanatikern des humanistischen Gymnasiums so hoch gepriesenen erzieherischen und bildenden Elemente der Antike zurück? Und wie sah denn der naturwissenschaftliche Unterricht mit seinem Theoretisieren nnd seinen Formeln aus? Wie kann matt überhaupt bei einem zehnjährigen Kinde entscheiden, ob es sich für eine humanistischtheoretische oder real-technische Erziehung eignet? War nicht überhaupt die Teilung in humanistische Gymnasien, Realgymnasien und Realschulen, dann Bürgerschulen und Lehrerbildungsanstalten schon bei so jungen Kindern ein pädagogischer Mißgriff? Welche radikalen Aeuderungen bringt in dieser Hinsicht nun die G l ö ck e l s ch c Schulreform? Die Reform will zunächst aus der bisherigen Gcdächtnisschule eine Arbeitsschule machen. Der Schüler soll sich in eigener Arbeit, beziehungsweise aus eigener Anschauung die verschicdetten Kentttnisse erwerben. Das alte Spottlied der Jünglinge und Mädchen, daß „man - eh' alles vergißt", soll inhaltslos werden. Man soll eben nur das lernen und es so lernen, wie man es fürs Leben braucht und wie man es nicht vergißt. Und zweitens sollen die jltngen Menschen nicht gezwungen werden, sich vor der Zeit für das Lebensfach zu entscheiden. Denn wenn man. z. B. mit zehn Jahren das alte humanistische Gymnasium betrat, so blieben einem bekanntlich nicht viele Berufsmöglichkeiten mehr im Leben. Der Advokat, Arzt oder Lehrer war einem da schon von Kindheit an arrf die Stirne gezeichnet. Wieviel verpfuschte Leben zeugen von diesem verfehlten System gerade in der Zeit der heutigen wirtschaftlichen Krise? Damit soll jetzt endgültig aufgeräumt werden! Die Entscheidung über die Details des Bildungsganges soll bis zum 14. Lebensjahre, bis über die Pubertät hinansgeschoben werden. Bis ztt diesem Zeitpunkte sollen alle jungen Menschen ohne Unterschied des Standes, der materiellen Lage der Eltern und der Begabung in der Allgemeinen Mittelschule vereinigt werden. Der Lehrplan der Allgemeinen Mittelschttle soll mehr, oder weniger den allgemeinen Bildungsstoff der jetzigen Untermittelschulen der verschiedenen Gattungen unter Weglassung der gegensätzlichen und unterscheidenden Fächer umfassen, Formal soll der Unterricht nach den neuesten pädagogischen Erfahrungen mit starker Betonung des Arbeit sprinzips vor sich gehen. Erst im 14. Lebensjahre, ttach Absolvierttng dieser Allgemeinen Mittelschule, wenn sich schon die besonderen individuellen Begabttngen ttnd Neigungen der Schüler differenziert und geklärt haben, soll entschieden werden, ob der einzelne die humanistische Oberstufe oder die allgenteitte deutsche oder die realwisienschaftliche wählt. Bon einer Zerstörung der humanistischen Erziehung kann also nicht die Rede sein, viel eher von einer Vertieftmg und Wiederbelebung der wahren humanistischen Bildung. Diese Tatsache haben auch alle Fachleute, ausländische ttnd inländische Inspektoren mtb Lehrer in den letzten Bersuchsjahren in Wien fast einstimmig festgestellt. Atlßcr biefeu grmtdlegendeu Aeuderungen in der Schulorgauisation bringt aber die Schulreform auch einen ganz treuen Geist mit sich. Die Volksschule und die Mittelschule sollen nicht Gefängnisse des Schülers werden, irr denen der Schüler der gequälte Gefangene und der Lehrer der verhaßte Aufseher ist. Zwischen Erziehern ttnd Zöglingen soll ein offenes Freundschaftsverhältnis herrschen, das in dem Bewußtsein der getpeinsamen Arbeit verankert werden soll. Der Schüler muß in seinem Lehrer den älteren, erfahreneren, ihnt gttt gesinnten Führer sehen, dem es gar nicht daran liegt, schlechte oder gute diäten ausztlteilett, sondern der einzig und allein darauf bedacht ist, seine Schüler der menschlichen Kultur und dem menschlichen Leben näher zu bringen. Ans diesem Geiste soll sich eine nette Beziehung des Schillers zttr Schule aufbatten, die in ihr das zweite Heim sehett, das sie, statt zu schwänzen, lieben und verehren werden. Es muß noch ein großer I r r t u m bekämpft werden, der vielfach in der Bevölkerung verbreitet ist und den Plänen der Schnlreformer nur schadet. Die hier dargelegten ideellen nnb pädagogischen Grundlagen dieser Refornt sind sowohl in Amerika als auch in England und Deutschland abseits jeder Politik und nur ans den NotWendigkeiten einer 'S ch u l e r n e u e r u n g erstanden. Die S ch u lreform ist keine sozialde m okratische Entdeck u n g. Sie ist eine notwendige Erscheittung der Zeit der fortgeschritteueu Wissenschaft und der modernen körperlichsportlichen und praktischen Einstellung zum Leben. Sie revolutioniert den Unterricht und die Erziehung, weil das hetttige Leben ganz andere Anforderttngen an die Bildung und die Tüchtigkeit des einzelnen stellt, als es vergangene Epochen getan haben. Das neue Leben verlangt ganze Menschen, deren Kultur nicht nur erlernt und attfgezwungcn, sondern in selbsttätiger Arbeit erworbett ist. l. th. Ser Fall Lessing. Das Zentrum gegen den Terror. Berlin, 15. Juni. Das leitende Zentrumsorgan, die „Germania", fordert in einem parteioffiziö'sen Artikel die Schließung der H o ch f ch u 1 e von Hannover. In dem Artikel der „Germania" ivird ausgeführt, daß es sich gar tricht um Professor Lessings literarische Tätigkeit handelt, sondern daß er nur bekämpft werde, weil er Jude sei und seine politische Einstellung gewissen Leuten nicht passe. Es heißt daun weiter: Es dürfte deshalb das letzte Mittel jetzt nicht länger zu umgehen sein, um der Autorität des Staates Geltung zu verschaffen: Die Schließung der .Hochschule in Hannover. Wiederaufnahme der Vorlesungen. Hannover, 16. Juni. An der technischen Hochschule ist heute der normale Vorlesungsbetrieb wiederaufgenommen worden. Zu Zwischenfällen ist es nicht gekommen. Sie Protokolle der Weisen von siion. Eine Aeutzerung des Professors Max Löhr. Der berühnrte evangelische Theologe an der Königsberger Universität, Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Mar Löhr, einer der ersten Orientalisten und Alttestamentler - Deutschlands uno einer der besten Kenner des alten und des neuen Judentums^ hat an den Kritiker der „Protokolle der Weisen von Zion", Herrn Dr. Segel, ein Schreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt: „...Ich muß mit Bewunderung die mühe- und entsagungsvolle Arbeit anerkennen, die Sie auf die „Erledigung" dieser gemeinen Schrift verwendet haben. In einem Punkte kann ich nicht mit Ihnen gehen, nämlich in der Freudigkeit, mit der Sie eine Besserung erhoffen. Ich glaube nicht an eine Besserung. Erstens ist der Antisemitismus nicht nur bei der breiten Masse. Nein, die Leute, die sich so gerne als die geistigen Führer bezeichnen, wie zum Beispiel die Universitätsprosessoren, sind noch zu neun Zehntel antisemitisch. Und alles Reden, Aufklären, Beweisen nützt diesen Leuten gegenüber nichts. Und zweitens: Ich komme allmählich zu der Erkenntnis, daß der Antisemitismus mit Bernunftgründen nicht zuüberwinden ist. Rationelle Argumente versagen hier komplett. Sonst müßte, was schon tausendmal in dieser Hinsicht gesagt und gedruckt worden ist, Wirkung geübt haben. Wo ist die Wirkung? Ich tue in meinen Kreise, was ich kann, mehr aus Idealismus, als in der Meinung, es könnte Früchte bringen; und im übrigen denke ich, wenn ihr euch nicht belehren lassen wollt, so geht an eurer Unwissenheit und Blödheit zttgrunde. Das ist der Standpunkt, ans den ich durch meine Erfahrungen hmgedrängt bin." „Konvertit." Das neueste inhaltsreiche Heft der Monatsschrift .Der Bücherwurm" (Einhorn-Verlag, Dachau bet München) enthält das nachstehende, bisher unveröffentlichte Gedicht ans dem Nachlaß Christian M o r g e n ft-a-r n s ..Konvertit". Wie stehst du vor mir, kraus und fremd, Im neuen Weltan'chauungShemd l Und gingst doch gestern noch ganz nackt, Rur bloß mit deiner Haut bepackt? -Za, ja, ganz recht, jedoch du weißt: friert zuweilen auch den — Geist!" Amerikaner über Kuropa. New-Iork, 16. Juni. Mit dem Dampfer „Majestic" kehrten dieser Tage der Herausgeber der „New 3)ork Times", Adolf O ch s, und Mortimer L. Schiff, Chef der Bankfirma K u h n, L o e b u. C o., von einer längeren Europareise zurück. Beide wurden von Pressevertretern mit Fragen über ihre Ansichten über die wirtschaftliche Lage in Europa bestürmt. Mr. Ochs erklärte, er komme innner zur Ileberzeuguug, daß man in Europa nicht viel Liebe für Amerika übrig habe. Dort in der alten Welt hält man die Amerikaner fiir reiche Geldsäcke und ist seltsamerweise wütend darüber, daß Amerika die Bezahlung der Schulden verlangt. Mr. Schiff sagte: „In Europa fehlt es an Augen, fähigen Kaufleuten, die anstatt unsicherer Theorien praktische Methoden anwen-den. Würden drüben mehr praktische Mittel Platz greisen, dann könnte Europa seine finanziellen und wirtschaftlichen Probleme aus eigenen Kräften löset:. Die Menschen in Europa nrüssen endlich mit konstruktiver Arbeit beginnen und ganz vergessen, daß ausländische Hilfe möglich sei." jiSSg^ mHRTDER "LmmmÄ Ja!!... ich bestelle Doch heute per Postkarte zu der am 22. u. 24. Juni beginnenden Ziehung d. Kiassenlolterie _Vs Los 8 4 — 1/i Los 8 8 — _V8 Los 8 16 - Vi Los 8 32 — mul MlM % Millionen S oder einen der vielen anderen Haupttreffer S500.000,250.000,100.000, 75.000, 60.000, 50.000 etc. Meine Zahlung erfolgt sodann Bofort nach Erhalt der Lose mit Posterlagschein. Die Bestellung richte ich an: GLÜCKSTELLE STEIN WIEN,I.,WIPPUN<3E(?STR.21 AN DER HOHEN BRÜCKE Sie IlnwrtterkaWrophen. Hochwasser in der Donau Die Unwetterkatastrophen haben sich gestern noch vermehrt. Nicht nur aus dem Ausland, sondern fast aus allen Teilen O e ft e r r evr ct> s werden große Schäden gemeldet. In W >i en selbst dauerte der vorgestern eingesetzte große Regen fast 24 Stunden ununterbrochen an. Er verursachte mehrere Baugebrechen in Häusern, bei denen die Feuerwehr eingreifen mußte. Tie Hochwasser führenden Nebenflüsse der Donau haben mn verstärktes Ansteigen des Stromes in Wien yerbcigefüihrt. Für heute früh ist bei >der Re i chsbrücke ein Wasserftand von 410 Zentimeter, der die Kaimauer um 20 Zentimeter übersließt, zu erwarten. Im Gebiete von St. Andrä-Wördern erfolgte infolge des Hochwassers ein Da m mdu r chbru ch, wodurch vierzig Joch Felder ü b e r s ch w e m m t wurden. Durch Hagelschläge wurden in einzelnen Gegenden, namentlich bei Braunau am Inn und an der salzburgifch-bayrischen Grenze, schwere Verwüstungen verursacht. Auch aus dem B u rgenland langen Nachrichten über s ch w e r e G ewitterschäden ein. In einigen Orten sind die Feldfrüchte bis zu 80 Prozent ruiniert. Auch die telephonischen Verbindungen nach dem Westen sind durch Niederlegung von Telephonmasten b e e i n t r ä ch t i gt. Die Wettervoraussage lautet: Nachlassen der Niederschlag e, Abflauen der Winde, mäßige Temperattrrzunahme, Boraussvge unsicher. Errrftellnng des PersonenschiffAverrehrs Milche« Wien und Pnfsau. .Wie die Erste Donau-Dampffchisifahrtsgeselkschaft mitteilt, mußte wegen Hochwassers der Personenverkehr Mischen Men, Linz und Paffau mit sofortiger Wirkung bis zum-Eintritt besseren Wetters e i n ge stellt werden. Besserung der Luge. Abends wird aus dem Rathaus gemeldet: Im Lause des heutigen Tages wird, lvenn weitere Niederschläge ansbleiben, die Donau ihren Höchststand von nahezu vier. Meter erreicht haben. Bei dem gegenwärtigen Stand der Donau könne infolge günstigerer Gestaltung der Wetterlage von einer H o ch° wa ßfe r ge-fa'hu' nicht g e s p r och e n werden. Sin Petlkurc-Mm. Aus Moskau wird berichtet: Eine Odessaer Film- Unternehmung hat soeben einen negen Film fertiggestellt, der die Kämpfe zwischen der Roten Armee und den Petljura- Banden darstelleen wird. Der Film zeigt auch Szenen der Greneltateu der Pogromisten auf Grund historischer Dok u m e n te und der mit Teilnehmern an den Petljura- Abenteuern aufgenommeuen Protokolle. Sämtliche Aufnahmen wurden auf den Schauplätzen der EreiMiAe durchgtzMrt.