Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2626 (16.6.1926)
- Date
- 1926-06-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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sii. 2626 Me«, MMvch Wiener Morgenzeitung Welt us der ranas HebrSWe UniverfitSt und RattonalbMiothek. Von Dr. Alfred Löwy.*) Die Universität in Jerusalem ist vorderhand nur ein Forschungsinstitut uird besitzt zwei Lehrstühle für Chemie, ein bakteriologisches Institut, ein Pasteur-Institut, eine sehr zweckmäßig geleitete agronomische Untersuchungsanstalt, welche von den jüdischer: Ackerbauern und Pflanzern in verhältnismäßig kurzer Zeit in ihrem wichtigsten Zwecke begriffen wurde und nicht nur ausgiebig beschäftigt, sondern auch ln. vollem Maße befolgt wird. Der Vorstand der Abteilung für organische Chemie ist Prof. Fodor aus Halle, der geivesene Assistent und Mitarbeiter Professor Abderhaldens. Bisher wurde ferner ein Lehrstuhl für Hebräistik und einer für Geschichte des'Landes und dessen Erforschung in Betrieb gesetzt. Die übrigen Lehrstühle werden erst mit der Fertigstellung der weiteren Universitätsgebände ihre Tätigkeit aufnehmen. Ein herrliches Institut ist heute schon die Nationalbibliothek in Jerusalem unter der bewährten Leitung von Doktor Hugo Bergmann. Cs fällt mir schwer, diesen Namen anzuführen, ohne eine Würdigung dieses Mannes und seiner Verdienste um das Aufbauwerk in geistiger Bezieh::^ hinzuzufügcn.Da ich aber auf die Erhaltung der persönlichen Freundschaft Dr. Bergmanns großen Wert lege und seine Denkungsweise gut kenne, welche alle Lobpreisung seiner Person peinlich enrpfindet, will ich nur über sein Lebenswerk, die Bibliothek, sprechen. Welche Anerkennung diese Schöpfung des altneuen Volkes auf seinem angestammten Boden bedeutet, beweist der ganztägige Andrang zu den Lesezimmern. Junge Studenten und Arbeiter, orthodoxe Juden und Freidenker, jemenitische Juden urrd katholische Geistliche, englische Damen und buntgekleidete Araber gehören zu den Stammgästen des Lesesaales. Im Lesesaal der Abteilung für Medizin ist der Treffpunkt der geistigen Elite der Aerzteschaft Jerusalems. Die vor kurzem angekaufte Bibliothek aus dem Nachlaß Prof. Goldziehers (Budapest) wurde in einem dazu gemieteten ° hübschen Araberhause untergebracht. Unter den Kuriositäten der Anstalt sah ich die 3000 Bände japanischer Bücher in schönen, bunten Einbänden, gespendet von einer japanischen Enthusiastin für den Zionismus. Ferner sah ich in ein und derselben Vitrine geheime Kriegsbesehle antisemitischen Inhalts von der zaristischen Regierung aus den ersten Jahren des Weltkrieges und als Pendant geheim verbreitete Bannflüche orthodoxer Rabbiner gegen die Errichtung der jüdischen Bibliothek in Jerusalem. . Ein Kosakenhemd, verfertigt aus einer geraubten Sefer- Thorarolle, ferner eine vollkommen blutdurchtränkte Thora und eine von der Wiener Tikwath-Jehuda gespendete Bronzebüste von Josef Popper-Lynkeus wurden vor kurzen: ins Bezalel-Museum überfiedelt. Laut eines durch die Mnmfizenz des Herrn Kommerzialrates Max Klein in deutscher Sprache gedruckten und verbreiteten, periodisch erscheinenden Tätigkeitsberichtes betrug der Gesamtbesitz der Bibliothek am 1. Jänner 1926 90.899 Bücher in 110.689 Bänden. Im Jahre 1925 sind 20.855 Werke in 25.890 Bänden neu eiirgereiht worden. Hugo Bergmanns Arbeit bedeutet für die wifsensdurstige Seele unserer palästinensischen Brüder das, was der Regen im Lande für die lechzende Erde nach dem heißen Sommer bedeutet. Jedes Kind kennt seinen Namen. Als ich nach meiner Ankunft in Jerusalem auf der Jaffastraßo einen berittenen Policeinan nach Dr. Bergmann fragte, da setzte jener seiner: arabischen Schimmel in Bewegung und ritt mir etwa zehn Minuten voran, bis in den Hof, ja sogar in den Vorslur des Hauses, wo ich ihn bei seiner Arbeit antraf. Mit Bewunderung sah ich den bescheidenen Mann an seinem Werke und wurde mir meiner eigenen Winzigkeit bewußt. Das Golidene Buch der Republik San Mnvino für die jüdische NakionnlbilbLiothek. Unter den von: italienischen Komitee für die Universitätsbibliothek in Jerusalem gesammelten Büchern befindet sich, wie uuö aus Rom berichtet wird, ein besonders interessantes Werk, das die überaus eifrige Mitarbeiterin des Konlitees, Frau Emtlia Rosst in Ancona, der Sammlung erwirkt hat. Es handelt sich um das „Goldene Buch der Republik San Marin o", eine vom Marchese D e L iv e r i di Baldansa verfaßte Schrift. Das Werk trägt die folgende Widmttng des Direktors des Staatsmuseums Cav. Dr. Onofriö Fattori an die Jerusalemer Universität: „Der Universitätsbibliothek in Jerusalem das „Goldene Buch", in welchen: die Taten der freien' Gemeinschaft Marino Dasinäta beschrieben und illustriert sind, damit auch ferne in: Osten' verbreitet sei die Geschichte der kleinen Republik, die klein im Umfang, aber groß an Zivilisation ist." WeUlonsreb MWtt Invaliden in Sanzic. In: Berlarlf des Monats Juli d. I. -wird in Danzig ein Kongreß jüdischer Kriegs invaliden ans alle»: Länder:: der Welt stattfinden. Der Kongreß wird in: „Schützenhaus" tagen. Mau erwartet mehrere hundert Delegierte aus allen europäischen Ländern und fünfzehn aus Amerika. Der Kongreß wird über Mittel beraten, wie der schwerell Lage der jüdischen Invaliden abzuhvlfen sei, die tu vielen Lüllderi: stark benachteiligt und gegenüber den nichtjüdischen Invaliden zurückgesetzt tüerden. Fast alle ausländischen Kousulu in Danjig haben dem KongreßkoUlitee mitgeteilt, daß sie die Delegierten offiziell begrüßen wollen. Die Herkunft Svlnoias. Das Leben der Marannen. In einer Reihe „Wege zum Wissen" des Ullstein-Berlages erscheint demnächst ein neuer Band: „Spinoza. Sein Leben und sein Werk" von Professor Alfred Klaar. Ueber Abstammung und Umwelt Spinozas schreibt Klaar unter anderem: An der Abstammung, der Erziehung und dem Werden Baruch Spinozas sind drei volkstümliche Kulturen und Ueberliefernngen beteiligt: Jüdische, spanische und niederländische. Seine Vorfahren lebten und litten unter jenen spanischen Juden, die schon zur Maurenzeit und dann unter kastilischer Herrschaft dem geistigen Leben ans der Pyrenäischen Halbinsel ihr Gepräge mitanfgedrückt haben, aber durch die grausame Verfolgung der christlichen Machthaber im 16. Jahrhundert die Rettung darin fanden, äußerlich zum Katholizismus überzugehen oder die Flucht zu ergreifen. Die Eltern Spinozas gehörten zu jenen getauften Inden, die man unter dem Namen Marannen begriff, jenen Bekehrten, die äußerlich zu dem ihnen aufgcdrungenen Glauben hielten und insgeheim zu der Glaubenslehre ihrer Vorfahren nejgten. Auch die Marannen waren der Verfolgung nicht entzogen. Viele von ihnen konnten sich der Pein ihres Daseins nur durch die Auswanderung entziehen. Zu den Flüchtlingen, die nach Ainsterdam, nach den: „Neuen Jerusalem", wie sie es bald nannten, auswanderten, zählten die Eltern Spinozas, die sich in Spanien Espino'za oder d'Espinoza schrieben. Professor Klaar schildert eingehend die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Amsterdam, die zun: größten Teil aus ehemaligen Marannen bestand, die „nicht geistig ungestraft unter der Zuchtrute der Spanier gewandelt" waren. Die Mittel, mit denen sie die Inquisition geängstigt und getroffen hatte, waren ihnen ins Blut gegangen, und vielleicht unbewußt bedienten sie sich mehrfach eines ähnlichen Zwanges, um Abtrünnige zu bekehren oder, wenn sie das nicht konnten, von sich fernzuhalten. Der große Bann bedeutete die Ausschließung von jeder Art Verkehr mit den Glaubensgenossen. Der Gelehrte schließt: „Wenn diese aus dem Süden mitgebrachte Leidenschaft und Methode der Kehcrverfolgung gewiß das ihrige dazu beitrug, Spinoza schon vor dem Banne in seiner Abkehrung von der Amsterdamer Judengemeinde und in der Kraft seines ruhigen Entschlusses, auf sich selbst zu stehen, zu bestärken und zu kräftigen, so hatte andererseits der Glaubenseifer, von dessen negativer Seite hier die Rede war, auch einen starken positiven Einfluß auf seine erste geistige Entwicklung und auf seine Frühreife, die er, fast noch ein Kind an Jahren, bestätigte. Angeregt durch seine Lehrer an der Talmud-Thora-Schule, namentlich Rabbi M orte ira, Versenkte er sich in die jüdische Wissenschaft, lernte er früh Deutungen, scharfsinnige Distinktionen und Begriffsspaltnngen des Talmud kennen und gelangte schon als Knabe zu den steilen Höhen der aristotelisch-scholastischen Philosophie, zu denen sich große Gelehrte, wie Moses Maimonides in der alten Heimat seiner Vorfahren erhoben hatten. Auch von dieser Seite her wirkte eine Strömung der Kultur, in die er hineingcboren-war, bedeutsam auf sein Gedankenleben ein." und 13 *) Siehe „Weiter Morgei^eitung" vom 23. Mqi, 1., 2. IS. d.: „Lose Tagebuchblätter von einer Palästinareise." Sberrabdikier Kuk übet Sie MWe Fra«. Von Mina Freund-Barsi (Haifa). Die Bedenken meiner Freunde, das Oberhaupt der gesetzostreuen Juden werde eine Frau nicht empfangen, konnten mich nicht beirren. Ich weiß, daß Raw Kuk mit aller Tatkraft dafür wirkt, der jüdischen Frau in Erez Israel jene wichtige Rolle zuznweisen, welche ihre Ahnen in alttestametttarischen Zeiten hatte. Raw Kuk sagte mir, es freue ihn, daß ihn eine Frau über die Aufgaben der Frau im werdenden Erez Israel befrage und über die Arbeit, welche den Frauen der Galuth für die Geulath Haarez znkomme. Nachstehend im wesentlichen seine Aentzernngen: „In der Bibel und in der Geschichte unseres Volkes sind überall die Werke von Frauen zu finden, die unermüdlich für das Ideal der Heimat' känrpften, besonders in jenen Zeiten, da den Männern der Mut gesunken war. Jochebed, die Mutter Moses, die Stammutter des Heimatsgedankens, Mirjam, die Prophetin des gelobten Landes, die Tochter Zelchofs, die ihr Erbteil an Erez^ Israel forderten, sind glänzende Vorbilder für die Frauen unserer Tage, denen es anferlegt ist, an: Wiederanfba:: der altjüdischen Heimat zu wirken." Auf n:eine Frage, welche Frau gegenwärtig die größte Leistung für Erez Israel vollbracht habe, nannte Raw Kuk Frau Henriette Szold. Diese Frau, die personifizierte Bescheidenheit, habe in der Hädassah-Organisation ein Werk geschossen, welches sie zur b e d e n t o n d st e n jüdischen Frau unserer Tage st e m p e l t. „Die Frau ist die Hüterin des Gefühles," fuhr et fort, „ihr Einfluß ist bei der Erziehung der Kinder entscheidender als der Einfluß des Verstandes von seiten der Väter: Jede Mutter hat die ernste Pflicht, die Seele ihres .Kindes mit Reichtum auszustatten, indem sie es für die Arbeit im Dienste des jüdischen Volkes vorbereitet. Wenn die Mutter es verabsäumt, in ihrem Kinde schon in frühester Jugend, also in den ersten Lebensjahren, die Liebe zu Erez Israel zu wecken und zn pflogen, dann beschwört sie die Gefahr herauf, daß ihr Kind später dem Judentum völlig entfremdet tvird. Die Kämpfer für die Genlath Haarez, Erlösung des Landes, werden von den Müttern erzogen. Die jüdische Frau muß aber auch selbst an dieser Arbeit aktiv beteiligt sein. Jede Frau hat ihren Wirkungskreis, die einfachste Frau eine gute Anlage, am häufigsten ist sie begabt Iv. Juni f92G VMM zur G ü t c. Die muß die Fähigkeiten, über die sie verfügt, mit dem Verantwortungsgefühl, welches jüdischen Frauen zu eigen ist, mit allen ihren Kräften ausbilden, um sie in den Dienst der heiligen Sache zu stellen. Raw Kuk äußerte sich dann noch über die Erziehungsaufgaben der Frau in religiöser Richtung. Ganz besonders für die Frau gelte es, daß die Liebe zur Heimat des Judentums in der Liebe zum jüdischen Glauben wurzelt. Die Juden in SalouM. Wirtschaftskrise r:n!d Antisemitismus. In der „Frankfurter Zeitung" schreibt der bekannte Baikanforscher Hermann Wendel über die Verhältnisse in dem verfallenden Saloniki: „Nicht zuletzt leiden die Spaniolen, Juden, die unter I s a b e l l a der Kat'holischrn aus Spanien vertrieben wurden, unter dem Halbmond hier eine Freistatt fanden und zur türkischen Zeit mit 60.000 bis 70.000 Seelen den stärksten Bev'ölkemngsteil der Stadl ausmachtcn. Für jeden Nachkauer ,-völkischer" Albernheiten, der da wähnt, l:aß der Jude „rassisch" für Wucher u;0 Schacher vorausbestimmt sei und körperlicher Arbeit aus dem Wege gehe, wäre in diesem Betracht ein Besuch Salonikis lohnend, denn seine Judeuschast stellt eine in sich geschlossene und gegliederte Gesellschaft dar. Unter ihnen finden sich alle Berufe vom Großhänoler bis zum Stiefelputzer, von: Geldwechsler bis zum Grobschmicd, vom Arzt bis zum Schenermann in: Hasen. Auch erfreuen sie sich einer f e st g e f ü g t e n O r g a n i s a t i o n mit eigenen Schulen und anderen wertvollen K u l t u r e i n r i ch t n n g c n. Aber so leicht und reibungslos wie in den Tagen, da der osmauische Pascha droben im Konak saß, verstreicht heute ihr Leben nicht mehr. Die Griechen, selbst ein zähes und schlaues Händlervolk, blicken scheel aus den fähigen Konkurrenten, und wie auch anderwärts erwächst au f d c m M ist des Ges chästsneides bereits die Giftblume des Antisemitismus. Ein hoher Beamter, rechte Hand des Gcneralgouverneurs vön Mazedonien, äußerte sich a u f r e i z e ndverächtlich über die Juden, und wenn sie auch nach wie vor ihre Zeitungen aus Spaniolisch herausgeben, so mußten doch d i e vielen s p a n i o l i s ch e n Inschriften in hebräischer! Lettern an den Läden der Sephardim allenthalben überpinselt werden. Fassadenpolitik! Das Regime Pangalos will den Eindruck wecken, daß Saloniki in der Wo-ll-e gefärbt g >r i e ch i s ch sei/ Die KuttuSwaihlen in SalonrN. Die vor acht Tagen durchgeführten Wahlen in den Vorstand der jüdischen Gemeinde gingen' diesmal unter heftigen Kämpfen vor sich. Es standen sich zwei geschlossene Wahlblocks gegenüber. Die eine Gruppe, die „Union Jurde", vereinigte in sich die konservativen bürgerlichen Elemente und die zionistische Bürgervereinigung. Die gegnerische Gruppe, der „Bloc Populaire", schloß die Arbeiter, Handwerker und kleineren Händler nnd Handelsangestellte zu einem Wahlblock zusammen. Gewählt wurden 70 Kultusräte, und zwar 68 Kandidaten der „Union Juive" und zwölf Anhänger des „Bloc Populaire". Auch die gewählten Ersatzmänner weisen dasselbe Zahlenverhältnis auf. Eine Schalom-Alejchem-Gasse in Odessa. Wie aus Odessa berichtet wird, hat der dortige Stadtrat beschlossen, die Mjassojedowkergasse auf Schalom-Alejchem-Gasse umzubenennen. 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