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Wiener Morgenzeitung · 1926-06-16 · Heft 2626 (16.6.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2626 (16.6.1926)
Date
1926-06-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr..2M Wien, Mittwoch Tagesbericht. Sa« z«m Srabe Herz». DerGang zum Grabe HerzlS findet kn diesem Jahre am Sonntag den 27. d. statt. UaweNeNaiaKrophm in a«er Wett. Die Donau steigt. Der Jcim hat sich bisher als wahrer Wetterkatastrophcn- Kwn-at erwiesen. Kälte und fast tätlicher Regen sind seine Merkmale. Ans allen Gegenden Europas werden schwere G e w i t 1 c v )t ü >r m e mit schweren Flurschäden gemeldet. Die ständigen Regengüsse, die auch gestern von mittags ab in Wien niehevprasselkon, haben auch ein Steigen der Donau bewirkt. Das linksseitige Inundationschebiet bei Wien ist bereits überflutet worden. An eine Gefahr für Wien ist jedoch derzeit nicht zu denken. Die W e t t c r v o >r a u s s a g e lautet: Veränderlich, Bewölkungsabnahme, vielleicht noch zeitweise leichter Regen, kühl. Rieienbrand in Salanty. Kowno, 13. Juni. (I. T. A.) Der Brand in Salanty hat besonders die jüdischen Viertel der Stadt in einen A s ch e n h a u f e n verwandelt. Von 200 jüdischen Häusern sind nur 11 vom Brande verschont geblieben. Sämtliche Geschäftsläden samt den Waren fielen dem Brande zum Opfer. Die große Synagoge und das mehr als 130 Jahre alte Beth Hamidrasch sind vollständig niedergebrannt. Der 26jährige Jude Bur ko witsch kam in den Flammen um. Die Lage der Juden von Salanty ist verzweifelt. Die -Bewohner kampieren im Freien. Der Schaden wird auf fünf Millionen Lit (500.000 Dollar) geschätzt; kaum ein Fünftel der Habe war versichert. Aus den benachbarten jüdischen Städtchen wird den Opfern Hilfe geleistet, Lebensmittel und Kleider werden herangebracht. Ein Appell an die Juden Litauens wurde erlassen. Salanty beherbergte eine sehr alte, historisch denkwürdige jüdische Gemeinde, die in der ganzen jüdischen Welt wegen ihrer großen Gelehrten berühin^ war. Dort wirkten: Rabbi Israel Galanter, Rabbi Schmuel und Rabbi Hillel Galanter sowie M. A. Ginsbnrg. Stanislaw Steiger nach Lemberg zurückgekehrt. Wie der „Moment" meldet, ist Stanislaus S-t-eiger wieder nach Lemberg zurückgekehrt. Er will seine Umverfitätsstudien vollenden und bemüht sich auch um die Wiederanstellung bei der Firma Meinl, in deren Lemberger Filiale er bis zu seinem Prc^eß beschäftigt war. Das Drama von Raabs. Cyrill Orlow gestorben. Wie uns Waidhofen a. Th. berichtet wird, ist gestern mittags der dort im Krankenhaus untergebrachte Cyrill Orlow gestorben. ' Orlow war bei dem Zusammenstoß mit Hugo Kling er von diesem durch einen Schuß am Arm schwer verletzt worden. Er versuchte im Automobil aus dem Wald von Raabs über die tschechoslowakische Grenze zu entkommen, doch vereitelte der Chauffeur diese Absicht und fuhr zur Gendarmerie. Orlow wurde ins Krankenhaus nach Waidhofen gebracht und dort interniert. Seine Wunde verschlimmerte sich unter den Aufregungen der Untersuchung, es trat eine Lungenentzündung und schließlich allgemeine Sepsis auf, der Orlow gestern erlegen ist. Wiener MorgenzeltuttA_ Hugo Klinger liegt noch schwer krank darnieder, seine Frau hat, wie erinnerlich, am Tage nach dem Vorfall Selbstmord begangen, um nicht vor Gericht anssagen zu müssen. Das Drama hat somit zwei Todesopfer gefordert. Abstimmung Wer den neuen tzrlöser. Die Theosophische Gesellschaft in London hat mit 600 gegen 3 Stimmen dem neuen Weltprediger oder Messias, Krishnamnrti, zugestimmt. Krifhnanmrti wurde durch die' Theosophin Besant von Indien nach England gebracht. Er lebt zurzeit in London und wird sich später nach Schottland begeben, wo er seine Botschaft an die Welt ausarbeiten wird. Diese Botschaft wird durch Radio über die ganze Erde verbreitet werden. Ae Prosestoren und ihre Hörer. Die bevorstehenden Detauswahlen an der Universität. Die Hakenkrenzstndenten haben wieder einmal den Wink bekommen, sich zu entrüsten. Es stehen verschiedene Tekanswählen an der Universität bevor, und da ist dieser Tage der „deutschen Studentenschaft" die folgende Drohnote eingeflößt worden: „Die deutsche Studentenschaft stellt fest, daß sie es nach wie vor als ihre vaterländische und völkische P f l i ch t betrachtet, dagegen anzukämvfen. daß Juden — also Nichtdeutsche — Amtswalter an einer deutschen Kulturstätte werden. Die Vertretung Deutscher kann auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes des deutschen Volkes nur durch Deutsche erfolgen. Die Wahl jüdischer Amtswalter widerspricht dem gesetzlich festgelegten deutschen Charakter unserer Hochschule." . Zunächst handelt es sich um die Dekanswahl an der m-. ristischen Fakultät. Es soll die Wahl des Professors Hnpka hintertrieben werden, nachdem Professor Kelsen, der in Aussicht genommen war, dankend abgelehnt hatte. Wohl im Hinblick auf die gegen ihn betriebene Agitation, deren Grundlage Denunziation einiger Hörer über „vaterlandslose Gesinnung" sowie eine Schrift des Professors Dr. Hold, „Staat als Uebermensch, eine Abrechnung mit Kelsens Staatslehre", bildete. In dieser Schrift, die sich gegen Kelsens demokratische Einstellung richtet, wird im Vorwort der akademischen Jugend der für sie recht verständliche Fingerzeig gegeben: „Was Kelsen lehrt, sind furchtbare Lehren, die geeignet sind, jegliche Achtung vor Recht und Staat zu untergraben." Das wirkt im beabsichtigten Sinn auf jenen Teil der Jugend, der sich für die Achtung vor Recht und Staat seinen eigenen Maßstab geschnitzt hat. Das Professorenkollegium der juristischen Fakultät hat mit Rücksicht auf das große Aufsehen, das diese Hetze hervorrief, letzten Donnerstag eine Sitzung abgehalten, in der es Professor Kelsen das Vertrauen aussprach und sich gegen die von Hold angeschlagene Tonart wandte. Vier Profesioren weigerten sich jedoch, die Kundgebung zu unterfertigen, und zwar der derzeitige Dekan (Graf) Gl ei spach, der großdeutsche Abgeordnete Schönbauer, dessen Prozeß gegen die ,Miener Provgenzeitimg" in der Braslosf-Affäre noch bekärrt ist, ferner die Profesioren Schwind und Othmar Spann. Die oben mitgeteikte Resolution der Hakenkreuzstudenten zeigt, daß die Lehrfreiheit an der Hochschule in keiner Weise gewährleistet ist und daß das alte Spiel wieder begonnen wird. -Die Aribeit des internationalen AntGernAismus in der Schweiz. Aas Genf wird uns geschrieben: Die antisemitische Internationale hat, wie es scheint, sich jetzt die Schweiz zum Gebiet intensiver Tätigkeit auserkoren. Es sind dieselben Mittel, dieselben bewußten Fälschungen und dieselben als Lügen erwiesenen Dummheiten aus den „Weisen von Zion", mit denen die geschästshungrigen antisemitischen Agenten die anderen Länder abha-usiert haben, mit denen jetzt in der Schweiz 16. Juni 1926 ffTrHT AH OLPCfca^jOHCBRüCKE FÜHRTnFR fljü Ja 11... leb bestelle noch heute per Postkarte zu der am 22. u. 24. Juni beginnenden Ziehung d. Kiasseniolterie _J/s Los s 4 — Los 3 8— _V2 Los 8 16 - Los 8 32 - nid gewinne % Millionen S oder einen der vielen anderen Haupttreffer S500.000,250.000,100.000, 75.000, 60.000,50.000 etc. Meine Zahlung erfolgt sodann sofort nach Erhalt der Lose mit Postertagschein. Die Bestellung rkhte ich an: 4 GLÜCKSTELLE STEIN WKN,I.,WPUNGERSTR.2t AN DER HOHEN BROCKE in Antisemitismus gemacht wird. Die Führung in dieser Hetzkampagne hat dermalen sonderbarerweise die „Schaffhauscr Zeitung", amtliches Publik a t i o n s 0 rg a n für Stadt und Kanton Schaffhausen, die den bezeichnenden Untertitel „Katholisches Tageblatt Dhrt. In einem „Die. Herren der Welt" betitelten Artikel werden ganze Absätze aus den „Weisen von Zion" aufgetischt und das deutsche Volk des Kantons zum Kampf gegen das Judentum verhetzt. Der jüdische Gemeindebund für die Schweiz hat gegen diesm angeblichen Antisemitismus Stellung genommen. Zur selben Zeit wird iu Bern unter dem Titel „Schtveizerbanner" ein antisemitisches Schmähblatt gratis verbreitet, das direkt zu Pogromen auffordert. Es besteht überhaupt der Plan, besoiwers die schweizerischen Kantoue mit dem antisemitischen Gift zu durchsetzen und die kleineren Blätter und die Fachpresse für die antisemitische Propaganda einzuspanneu. Da erfährt man unter anderem aus einer Mitteilung der „Schweizerischen Spezereihändler-Zeitung", daß sie vor einigen Tagen eine Einsendung erhalten habe, ,M sich in über- Re ^psychische Bewegung". Mächtige Beribeeitung des SpiEsmus in England. — Conan Doyle unter: den FÄYeern. Von Alfred Thsser (London). Vor kurzer Zeit hat die „Morning Post" zwei hervorragende Männer damit beauftragt, die spiritistische Bewegung eingehend zu studieren und in einer Serie von Artikeln über den Stand dieser Bewegung zu berichten. Das Resultat der Untersuchung der beiden Redakteure war überraschend. Die spiritistische Bewegung oder, wie man sie besser nennen sollte, die psychische Bewegung, hat unbemerkt eine Ausdehnung und einen Einfluß gewonnen, von dem man keine Vorstellung hatte. Naturgemäß ist das Völkchen der Spiritisten, insbesondere der aufrichtigen Anhänger des Glaubens an eine Seelenwelt, alles eher als marktschreierisch, alles eher als eine Religion, die Proselhten machen will. Das erklärt die Tatsache, daß sich gerade in den übermaterialistischen Nachkriegsjahren die Bewegung in solcher Stille, in einer Intensität und Spannkraft entwickelt hat, die an die rapidesten'Entwicklungsphasen der großen Religionen erinnert. Ich nahm Gelegenheit, mit den beiden bedeutendsten Führern über den derzeitigen Stand und die unmittelbaren Ziele der psychischen Bewegung Rücksprache zu nehmen. Reverend Vale Owen, ein Geistlicher, der schon seit Jahren an der Spitze der sogenannten Spiritualist Community steht, machte mir die interessantesten Mitteilungen. Die Spiritualist Community ist jener Flügel, der die intellektuell hochstehendsten Gruppen innerhalb der Bewegung umfaßt. Dieser Flügel allein hat eine organisierte Mitgliedschaft, die nach Hunderten zählt und -in der Grotvian Hall in London sowie in vielen Orten der Provinz regelmäßige Gottesdienste abhält. Die Zahl jener, die täglich mit ihren Klagen und SHmerzen zum Spiritismus kommen, ist unerhört groß. Die Spiritual-ist Community hat besondere Abende, sogenannte „Healing Cireles" (Heilende Kreise) eingerichtet, die etwa mit dem Vielmißbvauchten Ausdruck Seance bezeichnet tverden könnten. Bei diesen Abenden Vevsuchen — nach Vale Owen mit größtem Erfolg — jene Jünger der Geisteslehre, die stark im Glauben sind, von ihrer unerschütterlichen Ueberzeugung, von -ihrem Vertrauen in das Bestehen einer gerechten Zweiweltenordnung, hilfsbedürftigen Mitmenschen etwas äbzugeben. Vom Gesichtspunkte suggestiver Einflüße allein sind Erfolge auf solchen Zusammenkünften ganz leicht erklärlich tmd verständlich. Die interessanteste Gestalt in der psychischen Bowegrmg ist jedoch S >i r Artur Conan Doyle. Conan Dohle hat sich bekanntlich als erfolgreicher Schriftsteller, als Autor der Sherlock-Holmes-Romane und prächtiger Reiseerzählungen einen großen Namen gemacht. Nach einer hervorragenden Karriere und seiner Ernennung zum Ritter erregte vor einigen Jahren fein Uebergang zum Spiritismus die unerhörteste Sensation. Er entsagte seiner lukrativen Schriftstellertätigkeit, seinen glänzenden Aussichten und seinem prächtigen Heim und, unterstützt von seiner Gattin, stellte er sich mit Feuereifer, mit der ganzen Wucht soiner Persönlichkeit in den Dienst des Glaubens, von dem er hofft, daß er der Menschheit Segen und Erlösung bringen wird. Er führt jenen Teil der Bewegung, der eine regsamere Tätigkeit nach außen wünscht, er hält es für seine heilige Pflicht, das, was er erkannt zu haben glaubt, so vielen Menschen als möglich zugänglich zu machen, mtb in seinen Ausführungen erklärte er mir, so lange er lebe, würde er seine Kraft dieser Sache weihen, seine literarischen Fähigkeiten in ihren Dienst stellen. „Als ich in unsere Bewegung eintrat, fand ich viele Führer, die die Wahrheit so klar sahen wie'ich selbst. Doch' das Geschrei der „Religiösen", die verleugnen was Grund-' läge jcher wahren Religion ist, der „Wissenschaftler", tzitz Grundprinzipien der Wissenschaft durch Verurteilung einer Sache, die sie nicht geprüft haben, verletzen, und der Presse, die jeden Auswuchs und jede Vevrrrung als typisch für eine Bewegung, von der sie keine Ahnung hat, hervorhsbt — dieses Geschrei schreckte jene Männer davor zurück, ihre Ansichten öffentlich auszusprecheu. Doch ich fürchte nichts und niemand, denn meine Sache ist gut. Ich fühle, es ist'meine Pflicht, die große neue Botschaft der Freude für die Wett, die wir vernehmen, mit allen Opfern an Zeit, Geld und Anstrengungen weiterzugeben. Je schwerer es sein mag, die Mauer von Gleichgültigkeit, Unwissenheit und krasiem Materialismus niederzubrechen, um so schöner ist unsere Aufgabe! Sie fragen, was ein Spiritist ist? Einer, der daran glaubt, daß unser Selbst in einer anderen und.doch mit uns verbundenen Welt weiterilebt, und daß die Möglichkeit zur Auseinandersetzung, von dieser in jene und von jener in unsere Welt besteht. Spivitismus ist vereinbar mit jeder Religion. Spiritismus glaubt an Phänomene, die schon oft auch von wirklichen Wissenschaftlern erkannt und geprüft wrrrden. Denken Sie an Sir Olliver Lodge, Sir William Barker, Zöllner, Wagner, Schrenck-Notzing, Lambrosa, Flammavion und Mayo! Spiritismus will den gegenwärtig herrschenden Materialismus zerstören. Durch die religiöse Auswertung der Erkenntnis, daß das Loben weitergeht, daß wir für unsere Handlungen voll verantwortlich sind und daß wir vollständige Kompensation für alles, was wir leiden müssen, erwarten können, wenn wir unser Leid im richtigen Geiste tragen. Es gibt viel Betrug in unserer Bewegung und unsere größten Feinde sind in unseren eigenen Reihen. Die Hyänen des Geldmachens und der Sensation sind bei uns so stark vertreten wie bei vielen anderen guten und großen Bewegungen. Doch die Zukunft wird lehren, daß die psychischen Erscheinungen, an die wir glauben, Wahrheiten, die .volltze. reme Wahrheit, sind. MeiiM^tzon Men

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