Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2626 (16.6.1926)
- Date
- 1926-06-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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' M> I mm . ... I ».>«>.. T I I - Tl.l.■»•.. MMm Mr den Franie«. ll. Wien, 1«. JWL ' Mt der Demission Briandist in den letzten zwei $<$sen daS achte Ministerium Frankreichs Über den Fsdamken gestolpert. In dieser Zeit sind unzählige Projjrfte entworfen worden, itrn der Franleninflation M beigeKren, keines war imstande, das Problem restlos zu WseN. Loltchellr, Caillaux Und ihre Nachfolger und endlich Peret rnnßten schließlich ihre Ohnmacht zugeben. Ueber iden französischen Frankenstnrz sind bereits unzählige Abhandlungen geschrieben worden. Es ist trotz alledem bisher nicht gelungen, einen Ausweg zu finden, der den weiteren Sturz aufhalten könnte. Gestern hat er einen neuerlichen Rekordtiefsland aufzuweisen gehabt. Der französische Franken, der vor kurzem noch mit der italienischen Lira rivalisierte, notiert heute bereits unter der tschechischen Krone. Sämtliche Devisenplätze beurteilen die Situation pessimistisch. Sie hegen die Befürchtung, daß der Franken denselben Weg nehmen könnte, den vor fünf Jahren die österreichische Krone und nachher die deutsche Mark eingeschlagen hat. Schon vor drei Jahren hatte sich dieselbe Anschauung geäußert. Der Wiener Platz hatte ebenfalls auf das Sinken des Franken spekuliert uud sich dabei die furchtbaren Verluste geholt, die den Ausgangspunkt der österreichischen Wirtschaftskrise bildeten. Damals hatte das .Daus Morgan durch einen energischen Zugriff eine w^tere Senkung zu verhindern gewußt. Einige Zeit konnte sich der Franken auf dem höheren Niveau halten. Doch seit einem Jahre bröckelt er wieder im Kurse ab. Und wie bei dem physikalischen Experiment des Falles die Geschwindigkeit mit der zunehnlendcn Entfernung vom Ausgangsorte progressiv wächst, so scheint auch die Senkung des Franken mit der Entfernung vom stabilisierten Niveau in geometrischer Progression zuzunehmen. Es ist dieselbe Erfahrung, die man bei sämtlichen Jnflationswährrmgen gemacht hat. Bisher unterschied fkfj ' aber doch der französische Franken von all bcn anderen zusammengebrochenen Währungen wesentlich dadurch, daß er noch durch das Bertraun des Inlandes zu einer Zeit gestützt wurde, in der bei den anderen Wahrungen die Panik bereits eingesetzt hatte. Der französische ReNtner, der Bauer und Arbeiter glaubten an die Kraft ihres Geldes. Dies war bisher für diese Währung die beste Stützungsmauer. Es scheint aber, als ob nunmehr auch diese stark erschüttert ist. Die Frankenpanik erberst in Frankreich immer weitere Kreise. Zum Streben nach dem Valutenbefitz gesellt sich der Wunsch, den Franken wetzzugeben. Darin liegt die Krise der Wahrung. Die Schwierigkeit der bisherigen. Lösungen des Wahrrmgsproblems . bestanden darin, daß die jeweilige französische Regierung die Leistungsfähigkeit der Masten nicht allzu stark, für die Sanierung in Anspruch nehmen wollte. Der Finänzminister, der solche Versuche Vorschlag, mußte bald von. der Bildfläche verschwinden. Der französische Bürger will nach dem. Kriege nicht stärker herangezogen werden, weil die bisherigen Steuern als Fblge der Kriegslasten genug schwer auf ihn drücken. Er weigert sich noch größere Abgaben zu leisten. Infolgedessen war es das Bestreben der bisherigen Regierungen, einen Ausweg ohne allzu starke Inanspruchnahme der Steuerkraft der Bevölkerung in erster Reihe durch formale Maßnahmen zu finden. Dies ging aber nicht, ohne daß die Aotenpreste neuerlich in Anspruch genommen worden wäre. So ist der Notenumlauf immer stärker gestiegen, während die Zahl der Schatzscheme keine wesentliche Bermindernug erfahren hatte. Das Problem Ware vielleicht nicht so akut gewesen, wenn nicht die WiÄungen der Wertverminderung des Franken im Inlands in der letzten Zeit die soziale Unzufriedenheit staÄ genährt hätten. Die Teuerungswelle erschütterte den Lebensstandard der breiten Massen. Die Beamten rückten mit neuen Forderungen heraus. Die Konsumkraft der großen Rentnevmaffe, die chr Vermögen in Frankenwerten angelegt hatte und die das Rückgrat des französischen Bürgertums ausmacht, ist stark geschwächt worden. Damit hat die Konsmnkrffe eine wesentliche Verschärfung erfahren. Es scheint, daß diese soziale Unzufriedenheit. immer größere Wellen Mögt. Es ist kein bloßer Zufall, daß eine kommunistische Interpellation den Anstoß zur Demission Briands bildete, daß aber diese Interpellation auch gleichzeitig die Majorität im frcmzöftf^n Parlament erhielt. Dies ist der Ausdruck der allgemeinen Unzufriedenheit, die gefährlichste Begleiterscheinung einer Währungsinftation. Das psychologische Moment spielt bei der Beurteilung einer Währung eine wesentliche, vielleicht sogar die wichtigste Rolle. Versagt einmal die Wirtschaftspsychologie der Massen, dann ist das Schicksal der Währung besiegelt. Das Vertrauen der französischen Bevölkerung in den Franken beginnt zu wanken. Damit ist ihm eine seiner stärksten Stützen im bisherigen Jnflationsstadium genommen. Die Folgen dieser psychologischen Wandlung sind bereits zu bemerken. Die französische Regierung muß ihre Unfähigkeit der Problemlösung zugeben und einer anderen Regierung weichen. Vielleicht wird die amerikanische Finanz im letzten Moment wieder eingreifen und so den endgültigen Sturz ins Bodenlose verhindern. Wiener Morgettzeitttttst 16. Juni 1926 Nr. M< Regierungskrise in Sefterreich? Sxavus I« Soiialdemokmteii ans Dm HüMusschntz Kanzler wegen sciries Eingreifens in den ächttlkonflikt er- A u S s ch u h s i tz u n g verlassen. Zur Das gestern in später Abendstunde veröffentlichte amtliche C o m m u n i q u e über das Eingreifen des Bundeskanzlers Dr. R a m e k in den Schulstrett wirkte wie ein Griff ins Wespenttest. Da die Vereinbarungen zwischen dem Wiener Stadtschulrat und den Christlichsozialen auch die Unterschriften des Ovmaunstellvertretcrs der christlichsozialen Partei, K u n s ch a k, des Abgeordneten Wolle! und des Stadtrates R u m m e l h a r t, also prominenter Christlichsozialer, tragen, hat Tr. Ramek einen sehr einflußreichen Teil seiner eigenen Parteigenossen vor den Kopf gestoßen, und K u n s ch a k erklärt nun, das er von dem, was er getan habe, nichts znrücknehmen und nichts verleugnen könne. Er wolle nur die endgültige Entscheidung seines Klubs und der Parteileitung abwarten, che er für seine Person die entsprechenden Folgerungen ziehe. Minister Doktor Schneider ist erst heute nachts in Wien eingetroffen und wird sich heute der christlichsozialen Parteileitung stellen. Nach dem Tesaveu durch den Kanzler, mit dem der Entscheidung der Partoilcittmg vorgegriffen wurde, ist mit dem Ausscheiden Dr. Schneiders aus der Regierung als mit einer sicheren Tatsache zu rechnen. Ebenso sicher ist es aber, daß die Parteileitung den Standpunkt dos Bundeskanzlers gucheißen wird. Es wird jetzt nur noch die Formel gedrechselt werden müssen, nach der sich die Ausschiffung Dr. Schneiders in einigermaßen urbanen Formen vollziehen kann. Die Möglichkeit des Eingreifens wurde dem Bundeskanzler durch die Großdeutschen geboten, die ihm erklären ließen, daß sie zu den Wiener Abmachungen nicht beigezogen worden seien und daß einseitige Entscheidungen über Kultur fragen dem K o a l i t i o n s p a k t w i d e rspreche n. Irgendwie wird der Riß bei den Christlichsozialen geleimt werden, doch haben unterdessen die Soziäldemokrateu, verärgert darüber, das; ihnen, der Kanzler mit einem Federstrich den gewonnenen Vorteil zunichte gemacht hat, Front gegen Dr. Ramek gemacht und verlangen seinen Rücktritt, da er sich in die Ressortangelegenhciten eines Ministerkollcgen cingemischt, diesen bloßgcstellt und durch Vernichtung der vite geschlossenen Verc-inbarung sich selbst vevhandlungsunsähig gemacht habe. Die Sozialdemokraten wollen mit Dr. R a m e k nicht mehr verhandeln und. haben ihm dies gestern auch ganz deutlich im Hauptausschuß erklärt. Unt zu dokumentieren, daß sie 'sachlich mit dieser Regierung nicht mehr beraten können, haben sie mich einer längeren Debatte, in der sie sich in heftigen Angriffen gegen den gingen, die Ausschuhsitzung verlassen. Stunde ist es noch nicht abzusehen, wie sich die Dinge weiter entwickeln werden. Ein Teil der Christlichsozialen ist verschnupft und wird Dr. Ramek kaum halten. Die übrigen würden wohl nichts sehnlicher wünschen alö die Rückkehr Dr. Seipels ins Bundeskanzleramt und Dr. Kienböcks in8 Finanzministerium. Sehr zum Leidwesen der letzteren weilt. Dr. Seipel aber noch in Amerika. Dr. Ramek ist noch nicht gefallen, aber seine Position ist sehr schwer erschüttert, und wenn die Sozialdemokraten nicht noch 'einmal wie so oft vor einer abermaligen Kanzlerschaft Dr. Seipels zurückschrecken, wird Dr. Ramek im Bundeskanzleramt auch kaum zuhalten sc ' Der Hauptausschutz trat gestern zusammen, um die Erklärungen des Bundeskanzlerüber seine letzten Genfer Verhandlungen entgegen zu nehmen. Vor Uebergang zur Tagesordnung erklärte Bürgermeister S e i tz, feine Partei halte die Regierung in der gegenwärtigen Lage nicht für verhandlungsfähig. Er stelle daher den Antrag, die Verhandlungen des Hauptausschnsses zu vertagen. Weiters sollen die Verhandlungen des Hauptausschusses für heute von der in der Geschäftsordnung vorgesehenen Vertraulichkeit befreit werden. Ueber diese Anträge entwickelte sich hieraus eine längere Debatte. Schließlich wurden sie abgelehnt und die Sozialdemokraten verließen die A u s s ch u ß s i tz u n g. Der Hauptausschuß ging dann in die Tagesordnung ein. Dr. Ramek erstattete seinen Bericht über die Verhandlungen in Genf und betonte besonders die Tatsache der Aufhebung der Kontrolle und die Bestellung des Dr. Karl R o st, der bisher dem Bureau des Gcneralkommissärs angehörte, als Vertreters der Treuhänder der Bölkerbundanieihe und des Präsidenten des Finanzkomitees D u b o i s für die Freigabe der Kreditreste. Scho» wieder die Be»ten! Der Fünfundavanzigerausschuß hielt oestern eine Sitzung ab. in der dieAntwort der Regierung aufdie Forderungen als unzulänglich, rt n v allst ä n d i g uud zum Teil den tatsächlichen Verhältnissen nicht entsprechend befunden und sodann ein S ch r eiben an das B u n d e K k a n z l e r a m t gerietet wurde, in welchem nach einer langen Pole m t k gegen die' A n twortDr. Ramels die sofort: geAufnah me v o n V e r h a.n d l u n g e n verlangt wird. KLUB RADIKALER ZIONISTEN Heute, 16 Juni, halb 9 Uhr abends im Cafe Atlashof (Klublokal), /., Aspernplatz 6€iub¥@r§@§nm§ung Tagesordnung: Freie Aussprache über die Arbeit unserer Fonds (K. H. und N. F.) und ihre Reorganisation E 1 n 1 e 1 t e a <l e Referate: Dr. N. Gelbor, Leiter des K. H„ iftid Dr. Ch. Tartakower, Leiter des J. N. F. Die Klubversainmlun'gen finden regelmässig jeden Mittwoch s'atl. Alle Klubmitglieder haben zu erscheinen. Von Klubmitglledern eingeführte Zionisten, welche im österreichischen Landesverband organisiert sind, als Gäste willkommen. Der Pbtnann: Robert Stricker Die ungarischen GeidKlschnngen. Budapest, 15. Juni. Wie .„Pssti Raplo" meldet, wurde der gewesene Minister des Aeußern, Gras Nikolaus Banssy, de>r als Zeuge in der Sokolassäre aussagen soll, der amtlichen Geheimhaltungspflicht enthoben. Er ist aus Rumänien, wo er sich ständig aufhält, nach Budapest zurückgekehrt, um vor dem Untersilchungsrichter meritorische Aussagen zu machen. Wie das Blatt erfährt, wurde das Protokoll über die Aussagen des Grafen Bänsfy dem Oberstaatsanwalt S z t r a ch e übennittelt, der auf Grund dieser Aussage über die W i e d e r a u f n a h m c der polizeilichen E r- Hebungen entscheiden wird. Persian und Mcszaros. Budapest, 15. Juni. Die Affäre des Journalisten Adam Persian beschäftigt nachhaltig die Oeffentlichkeit und die politischen Kreise. Persian hat nach einer Meldung des Ung. Tel.-Korr.-Bur. den Prof. Mesza ros vor einiger Zeit in Konstantinopel aufgesucht, uni ihn, angeblich im Auftrag des tschechoslotvakischen Außenministeriums und der französischen Interessenten, zu Enthüllungen über die Sokol- und Frankenfälschungen zu bewegen. Meszaros hat, seiner Erklärung zufolge, das Ansinuett Perstans rundweg abgelehnt. Persian erschien heute in der Nationalversammlung. Der Präsident des .Hauses ließ ihn jedoch auffordern, das Parlamentsgebäude unverzüglich zu verlassen und so lange nicht zu betreten, bis seine Rolle geklärt sei. Ter Journalist weigerte sich, diesem Auftrag nachzukommen und bezeichn ete. die von dem Korrefpondenzbureau verbreitete Erklärung als eine gemeine Beschuldigung. Nachmittags erschienen zwei Detektivs in der Wohnung Perstans uni) forderten die Gattin des Journalisten aus, ihnen den Paß P e r s i a n s auszufolgen. Da Frau Persian ° nicht wußte, wo der Paß sei, entfernten sich die beiden Detektivs mit dem Auftrag, daß Persian sich abends mit seinem Paß bei der Polizei melden möge. Der iveiteren Entwicklung der Affäre Persian sicht man in politischen Kreisen mit lebhaftem Interesse entgegen. Die Reise Perstans in die Türkei sollen/wie verlautet, die Abgeordneten Stephan Friedrich und Markgraf P a l I q v i c i n i f i n a n z i e r t haben. Sikhs unv Mohammedaner. London, 15. Juni. Das Reutersch- Bureau meldet aus S-imla: Gestern abends kam cs in Pindi ror einer Moschee' zu großen Tumulten Zwischen der religiösen S e k t e d e r S i k h s u n d M u selmarke n. Acht Personen wurden getötet. De>r angerichtrte Schaden ist beträchtlich. Die Getreidemarkthalle wutzte zerstört. In den Seitenstraßen wurde geplündert. Polizei und Soldaten unterdrückten den Aufruhr. Die Tistriktsöehörde hat die Abhaltung von Bersanmrlungen und das Tragen von. Stöcken verboten. 8in MinderheUengesrtz in Deutschland. Berlin, 15. Juni. Wie der „Deniokratische Zeituugs-- dienst" erfährt, ist das Reichsmiiiisterium des Innern zurzeit mit der Frage einer gesetzlichen Regelung der kulturellen Behandlung der Minderheit e n beschäftigt. Es ist zu hoffen, daß die wegen der gesetzlichen Higelung der Rkinderheitenfrage demnächst mit den Ländern stattfiudenden Verhandlungen zu einer U e b e r e i n st i m m u n g führen werden. Baszonvls Nachfolger im Budapester Gemoinderot. Auf Grund des Wahlgesetzes für. den Bndapester Gemeinderat wurde der als Ersatzmann für die Theresienstadt gewählte jüdische Kaufmann Desider Kore i n als ordentliches Mitglied des Gonreinderates einbernfen. Korein ist Vorstandsmitglied der Budapester orthodoxen Kultusgeineinde. » i Donnerstag den 17. Imii, halb 8 Uhr abend«, in den Olympia-Sälen: Verlesung der ersten Eintragungen in den Pink«« de« Keren Najrmrth -