Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2623 (13.6.1926)
- Date
- 1926-06-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette-8 Dien, Sonntag |68$ Dauersfrümpfe ' haben Weltruf «4 Elegant, unverwüstlich / UeberaU erhältlich Zentrale: LEO SUSSMANN jk Wien, 1. Beslrk, Schwer fga»ic Nr. t Ae PettjAra-Garde. - y. llii i e n. 13. Juni. Die Tat des Uhrmachers Schwarzbarth hat ganz sonderbare Folgen ausgelöst. Die Internationale der - Pogromisten ist in Betvegung geraten und ihre Organe werden nicht müde, ihren Abscheu gegen die politische Verwendung des Revolvers kundzutnn. Der Mord ist ihr privates Eigentum und der Jude, der in einer Psychose handelte, hat sich gegen geheiligte Privilegien vergangen. Er hat in fremdes Recht eingegriffen und alle Parteien urck) Gruppen, deren Lebensinhalt das Bekenntnis Hur Faust bildet, schreien über Gewalt. Die Tat Schwarzbarths entspricht nicht den jüdischen Gepflogenheiten. Sie setzt Blut auf Blut, sie ist im Effekt genau das, was der erschossene Ataman hat tun lassen. Sie ist Vendetta und als solche dem Wesen.des Judentums fremd. Hinter Schwarzbarth standen die grausigen Erinnerungen an das, was er gesehen und erlebt hatte, an Ae Banden des Petljura, des Machno, des Bulak- Balachowitsch. Eine überniächtige Kraft führte seine Hand. Aber während sonst Akte dieser Art ganze Heere von Psychologen, Feuilletonisten, Historikern und Rechtferstgern in Kost zu setzen pflegen, ist dieser Schwarzbarth allein. Nach allen Attentaten füllen sich die Spalten der Presse mit allerlei Betrachtungen, die der Tat die menschliche Seite abgewinnen, wollen. Bei Schwarzbarth ist das nicht der Fall und das ist schr auffallend. Hätte dieser Uhrmacher etwa in einem Eifersuchtsdrama die aktive Nolle gespielt, so wäre er ein dankbarer Vorwurf für die Presse, die sich kein Detail mtb kein Dessous entgehen ließe, Vergleichskälle heranzuziehen und im Zettelkasten ihrer Erinnernden kramen würde. Schwarzbarth hat aber einen gewesenen Regierungschef erschossen.. Cr hat die verwundbaren byzantinischen Instinkte der Weltpresse getroffen, die so freisinnig tut, aber vor jeder Obrigkeit, und mag sie noch so vor Schmutz starren, auf dem Bauch liegt. Und dieser Regierungschef ist noch dazu ein Judenmörder gewesen, der da weit drinnen im Sarmatischen ganze jüdische Städte hat zertrampeln lassen, der von seinen Musikkapellen Tausenden von Juden aller Stände, Berufe und Altersklassen hat bas Sterbelied spielen lassen. Das ist eine sehr arge Verlegenheit fiir die Allerweltspresse. Wie kommt dieser Uhrmacher dazu, von sich reden zu machen? Ein Jude muß bescheiden sein. Die Ohrfeige für Bethlen? Das ist etwas anderes, das . ist ein ruchloses Geschehnis, von dem sich jeder mit Betrübnis ob solcher Verworfenheit wenden muß. Diese Haltung der feigen und deshalb feilen, sagen wir, liberalen und freisinnigen Presse ist Labsal für die Pogrombanden westlich von Rußland. Sie sehen mit einigem Erstaunen, daß ihre Erzählungen von der jüdischen Solidarität eben nur Erzählungen sind. Sie merken, daß die französischen Behörden ein zweideutiges Spiel beginnen. Die Untersuchung wird hinausgezögert, eine Note an die Sowjetregierung soll die Erlaubnis zu einer Expertise in der Ukraine einholen, was zusammen eine Vertagung bis in die Ewigkeit bedeutet. Was soll das heißen? Mord ist Mord und niemand kann etwas dagegen einwenden, daß gegen Schwarzbarth ein ordentliches Verfahren durchgefuhrt wird. Aber an diesem Petljura hängen noch innige andere lichtscheue Existenzen von sogenannten Politikern, die ein in Paris angestelltes öffentliches Verhör zu fürchten hätten. Solche Politiker, für gewöhnlich Spitzel und Waffenschieber, deren Geschäft heute die Revolution und morgen die Konterrevolution ist, haben gewöhnlich sehr vornehme Beziehungen. Sie gehen bei Gesandtschaften und Ministern aus und ein, tragen klingende Namen, Orden und meist auch Säbel. Wozu sie und damit sich kompromittieren? Der Jude mag in der Zelle sitzen, bis er dieses Lebens müde wird. Er ist ja — und nun kommt wohl die infamste Erfindung — ein Vollstrecker eines Sowjetbefehles gegen Petljura. Das internationale Gesindel, dem das Messer immer locker sitzt, will dem Juden nicht einmal das primitive Zugeständnis der Rache machen. Es ist doch noch seine Autobiographie erhalten, in der Schwarzbarth eine ans Herz greifende Darstellung seines vom Grauen der Massakers überschatteten Lebens gibt. Was er sagt ist echt, umso echter, als es Jahre vor der Tat im Quartier latin niedergeschrieben wurde. Aber die russischen, ukrainischen, deutschen und magyarischen Judenmörder, verbunden miteinander durch Rinnsteingesinnung, wollen zu ihren Verbrechen auch noch die Fälschung des Mottos gesellen. Ihnen sitzt die Angst in 6er Seele und ihnen steht die Oeffentlichkeit zur Verfügung, nämlich die Oeffentlichkeit, die allen Gemeinheiten gegen Juden gerne die Mauer macht, die Oeffentlichkeit, die sich jüdische Schreibknechte hält und die ent? artete Feigheit der Astimilantenseelchen zu Sklavendimsten ausnützt. Und neben diesen Kulis gibt esauch noch andere Juden, jüdische Politiker, die der Petljura einmal der Ehre hat teilhaftig werden lassen, sich ihres Wissens, ihres Europäertums zu bedienen. Sie treten jetzt dankbar für ihn ein. Aber gegen ihn reden die Toten ans. den Massengräbern der Ukraine. Wiener Morgen-eltu«-__ , Es wird diesen Machenschaften nicht gelingen, die Tat zu verdunkeln. Es ist. die Ehrenpflicht des Judentums, vor allem aber des nationalen Judentums, die Fälschung der Wahrheit zu verhindern. Die Niedertracht oeS europäischen politischen Mechanismus hat es zuwege gebracht, den Petljura und seine Genoffen jahrelang straffrei zu lassen und sie nicht einmal zu befragen, diese Generale, die den Massenmord an Wehr- und Waffenlosen als nationale Befreiungstat ausgegeben haben. Was sie in der Ukraine getan haben, was in Ungarn geschehen ist, muß doch endlich einmal nicht der Rache, nein, sondern dem Gesetz verfallen. Denn diese Akte bleiben erdentief hinter der Tat Schwarzbarths zurück, der den Ataman von vorne faßte, ihm von Gesicht zu Gesicht sein Urteil sagte und ihm noch zurief: „Verteidige dich!" Kein Petljura hat so ehrenhaft gehandelt und keiner aus der Maffia, die den Schwarzbarth heute beschmutzen will. Der Prozeß gegen ihn muß zum Prozeß gegen die Kanaille werden. Brief aus PalMiua. DaS Ende des Gendarmeriekampfes. — Ern Weg aus der Krise? Von Dr. Fritz Loewenstein (Jerusalem). Die Gendarmeriefrage hat inzwischen einen Instand der Definitivität erreicht. Während ein Teil des Jischuw weiter protestiert, während andere sich beruhigen lasten, ist die Anwerbung für den neugebildeten Truppenkörper durchgeführt und vollendet worden. DaS Ergebnis der Aushebung bestätigt, die größten Befürchtungen, die in der ganzen Entwicklung der Frage geäußert wurden und zeigt, daß die Mandatsregierung in Wirklichkeit an ihren ursprünglichen Beschlüssen, der dem Ausschlüsse der Juden aus der Gendarmerie gleichkam, f e st g e h a l t e n hat. Es wird von den verschiedensten Seiten auf das bestimmteste behauptet, daß zur gleichen Zeit, in der auf Verlangen Weizmanns jene abäudernde' Verordnung herausging, ein Geheimbefehl an die mit der Anwerbung beschäftigten Offiziere bestand, in Beziehung auf Juden nach der ursprünglichen Verordnung zu verfahren. Die Tatsachen stehen mit diesem Gerücht in voller Üebereinstimmung. Die Gesamtzahl der Juden, die sich nun in der Grenzpolizei befindet, beträgt 28, während die Gesamtmitgliederzahl 800 beträgt. Von diesen 800 stammen 400 aus der früheren transjordanischärabischen Legion, während die restlichen 400 aus der aufgelösten früheren Grenzgendarmerie und neu ausgehobenen Palästinensern stammen. Die wenigen Juden Kte^a uerwel len nur Im . teVtetetelHItetelHBl GRA3EN-FRISIER-SAL0N Wien, I. Graben 12 ros Telephon 74-2-26 sind fast ausschließlich „Fachleute", deren spezielle Kenntnisse nicht ohne weiteres bei arabischen Kandidaten zu finden waren. Die in manchen Kreisen des Jischuw vertretene Befürchtung, daß es gar nicht genug jüdische Kandidaten gebe, hat sich als völlig unrichtig erwiesen: die Zahl der Juden, die nach Sarafend herauszog, um sich anwerben zu lassen, betrug 200, von denen ganze 12 genommen wurden, während der Rest entweder sofort zurückgewiesen wurde oder nach, .ärztlicher Untersuchung als un t a u g l i ch befunden würde. Als Arzt fungierte ein christlicher Araber aus Jaffa, dessen Familie als heftige Feinde des Zionismus bekannt sind: ein Bruder beteiligte sich aktiv an den Pogromen 1921, während ein anderer Mitglied des christlich-arabischen Komitees ist. Man braucht nur diese Tatsachen zusammenzunehmen, ym zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß die Untauglichbefindung fast aller jüdischen Bewerber eine vollkommene W i l lk ür h a nd l u n g darstellt. Der Kampf ist zu Ende und wir haben ihn verloren. Gewiß kann man noch, wie es vielfach hier verlangt wird, nunmehr jeden einzelnen Fall der Zurückgewiesenen nachprüfen und genaüe Angaben über die Gründe der Zurückweisung verlangen. Aber es ist klar, daß damit nichts mehr zu gewinnen ist; die Frage ist jetzt nicht mehr die einer augenblicklichen Abänderung, sondern sie gehört in den großen Kottiplex von Beschwerden und Forderungen, die wir gegen die Mandatsregierung zu erheben haben und über die demnächst in Genf gesprochen werden dürfte. -i- - Die wirtschaftliche Lage behält ihr bedrohliches Aussehen und die schlechten Kereu-Hajessod-Eingänge tun das ihrige, um die Situation zu verschärfen. In dieser Woche . wurde die palästinensische Oeffentlichkeit durch die Tat- . sache erschreckt, daß die Silikatfabrik geschlossen wurde, daß man ihre Arbeiter und Beamten entließ, bis wieder Arbeit vorhanden sei. Das Nachlassen der Einwanderung macht sich also hier schon sehr deutlich bemerkbar und es ist mehr als zweifelhaft,' ob man in der Tat die Parole einer Einschränkung der Einwanderung, wie sie ja auch von Weizmann ausgegeben worden ist, durchführen soll. Denn es besteht die Gefahr, daß bei einem Aufhören der Einwanderung zunächst nichts gebessert wäre, sondern daß die Zahl der Arbeitslosen sich noch stark vergrößern würde, da heute Arbeitsgelegenheit, so wie sie eben vorhanden ist, nur dadurch besteht, daß durch die Neueinwandernden wenigstens eine gewisse Bautätigkeit erforderlich bleibt. Es ist ein Circulus vitiosus,. aus dem eben nur die Erkenntnis herausführt, daß das entscheidende Problem nicht die Größe der Einwanderung, sondern die Größe des.zur Verfügung stehenden Kapitals ist. Wäh--. reud man in der Diaspora für die Verstärkung der Fonds und, wie es scheint, mit nicht schlechten Aussichten für eine Anleihe arbeitet, hat man in Erez Israel die Frage beraten, ob nicht Palästina selbst heute imstande wäre, etwas zur Beseitigung, wenigstens aber zur Linderung der Krise zu tun. Berl Katznelson, eine' der Führer der Achduth Haawodah und Redakteur des V nu", hat zunächst in einem Artikel seiner Zeitung ‘ck n in einer Sitzung des Waad Leumi den Vorschb '^inacht, ein Kreditinstitut ins Leben zu rufen, das aus den Mitteln der palästinensischen Juden aufgebracht werden soll/ konstruktive Hilfe zu gewähren hat und die erhaltenen Kredite ordnungsgemäß verzinst und zurückgczahlt. Der Waad Leumi hat eine spezielle Kommission eingesetzt, die sich mit diesen Vorschlägen beschäftigen soll und es scheint, daß die Anregung mit ober ohne Aenderungen zu irgend einem positiven Ergebnis führen wird. Die Verhältnisse sind ja überhaupt in Palästina in dieser Beziehung eigenartig, weil die bei Zionisten Europas oder Amerikas übliche Ueberlastung mit finanziellen zionistischen Verpflichtungen hier wegfällt. Wer die Arbeit des palästinensischen Keren Hajessod etwas kennt, weiß, daß die so erfreulichen Ergebnisse der hiesigen Sammlung doch nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, daß hier von Steuerleistung, von Master, im großen und ganzen nur bei zionistischen Beamten und bei ein paar aus Mitteleuropa stammenden Zionisten die Rede sein kann, während die übrigen Spender für den Keren Hajessod kleine Summen geben. Es besteht in weiten Kreisen das Gefühl, daß derjenige, der nach Palästina gegangen ist und hier mannigfaltige Opfer in seinem ganzen Lebensstandard bringen müsse, von der Beteiligung an den yationalen Fonds, vor allein am Keren Hajestod, frei sein müsse. Es ist auch nicht etwa so, daß die vorhandenen, wenn auch nicht sehr zahlreichen wohlhabenden Kreise, zum Beispiel unter den Sephardim, etwa durH andere palästinensischjüdische Verpflichtungen stark in Anspruch genommen wären. Man könnte ja sehr wohl verstehen, daß zum Beispiel die palästinensischen Juden durch große Mittel dem Waad Leumi das Arbeiten ermöglichen und würden dann vielleicht auf die Beteiligung am Keren Hajestod verzichten können. Aber der Waad Leumi ist in einer verzweifelt schlechten finanziellen Situation. Diese Erwägungen sprechen vielleicht mehr für sich als gegen den Vorschlag Katznelsons. Besteht in Palästina die Abneigung gegen Sammlungen für die nationalen Fonds, so ist es vielleicht möglich, daß viel eher Geld für eine Aktion der Selbsthilfe aufgebracht werden kann, besonders wenn dieses Geld auf geschäftlicher Basis gegeben wird. Gelingt der Versuch, so ist er nicht nur bedeutungsvoll, weil er die Notlage lindert, sondern weil er einen neuen Schritt auf dem Wege der SelLständigmachung des Jischuw bedeutet. Demi die Parole, mit der heute iu Palästina gekämpft wird, lautet: eigene wirtschaftliche und kolonisatorische Tättgkeit des Jischuw, geführt, von: Wac^ Leumi! Der polnische BerfaffnngsftrÄt geschlichtet. Eine Sitzung tzes Senats. . (Eigendienst der ..Wiener Morgenzeitnng") Warschau, 12. Juni. Gestern mittags tagte wiederum die Obmännerkonftreng des Senats, in der Justizminister M akowski eine Zuschrift des Prätsidenten der Republik über die Frage der Einberufung des Senats verlas. Obwohl auch der Präsident keine höhere Macht in der Verfassung anerkannte, war er doch der Meinung, daß der Senat trotz der versäumten Frist von dreißig Tagen die betreffenden drei Gesetze noch jetzt in Behandlung ziehen solle. Angesichts dieser Erklärung des Präsidenten wurde beschlossen, eine Sitzung des Justizausschuffes und sodann des Plenums des Senats einznberufen. Im J'nstizansschuß trat Senator R i ng e l für die unveränderte Annahme.des Gesetzes über die b e d i n g t e A N sh e b u n g d e r S t r a f e n in Galizien ein. Senator M a k ar e w i c z beantragte verschiedene Aenderungen, die jedoch ldurchwegs abgelehnt wurden. In der darauffolgenden Sitzung des Senats wurden alle vom Sejm beschlossenen Gesetze ratifiziert. Der linksorientierte Klub Wiswolenie (Thugut) nahm weder an der Sitzung des Justizausschustes, noch an der Sitzung des Senate teil. Der Fall Leffing. Hannover, 12. Juni. Der Magistrat dar Stadt Hcmnovei hat Prof. Theodor Lessing ausgefovdert, freiwillig von seinem Lehramte zurüchutreten. Leffing hat dies abgelehnt. Der Magistrat wird sich Dienstag mit der Angelegenheit des Professors Lefsing befassen. Reinitz' Komplice«. Kascha», 10. Juni. Nach viertägiger Verhandlung gegen Demjanovies und Bodnar, die Reimtz bei der Ermordung mchrerer Kaufieute in Kaschcm Henkerdienste leisteten, ist heute das Urteil gefallt worden. Bednar wurde zu 15 Jahren Zuchthaus, Demjanovies zu lebend jänglichem Zuchtha-ns vemrteM.