Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2622 (12.6.1926)
- Date
- 1926-06-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981709--26747-3014605- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wien, Dams'aZ Wiener MorgenzeiLung IS. ZUM IMS *t*. 'ttdäk Seite 2 M Gevser ReUtate. — y. W i e n. 12. Juni. Der Rat des Völkerbundes bat sich wieder vertagt. Die vierzigste Session hat gerade drei Sitzungen in vier Tagen absolviert. Sie begann damit, daß die Vertreter Brasiliens und Spaniens fehlten. Herr Mello franco war nicht ganz wohl, der spanische Delegierte brachte die schönen Tage in Aranjuez, nahe bei Mahrid, zu. Zur zweiten Sitzung erschien Brasilien, um eine Erklärung abzugeben, und altch der spanische (>lesandtc in Bern , legitimierte sich mit einer telegraphischen Srder seiner Regierung. In der dritten Sitzung erschien Brasilien, um die Erklärung zu wiederholen, nahm seine Mappe und ging. Der Rat auch. Im Septentber soll es ein Wiedersehen geben und vielleicht gibt es Mitglieder des Rates, die hoffen, daß bis dahin die Klärung möglich ist. Mehr als eine Hoffnung gibt es nicht. Es ist nur die Tatsache zu verzeichnen, daß der Rat sich nicht hat sprengen lassen. Er hat aber den Kampf nicht aufgenonnnen, da es unter den gegebenen Verhältnissen nicht ratsam schien, zu kämpfen. Die Marokkvkonferenz steht vor der Türe und die energischen Anstrengungen Italiens, an der Neuaufteilung Nordafrikas teilzunehmen, belasten die Situation. Unter diesen Umständen beeilten sich Chamberlain und Briand nrit der Abreise von Genf. Die so rasch vorbeigegangene Session hätte die Grundlagen fiir die auf den Juli angesetzte außerordentliche Tagung schaffen sollen, aus der die Aufnahme Deutschlands formell zu vollziehen sein wird. Auch hier waren die Mächte in Verlegenheit. Der Brief Hindeuburgs ist der Ausgangspunkt einer Affäre von grotesker Komik geworden. Die Regierung hat durch beit Reichskanzler den Brief decken lassen, so wie seinerzeit Bnlow das Interview Wilhelms im „Daily Telegraph" hatte verteidigen müssen. Aber die Partei des Reichskanzlers, das Zentrum, nahm mit auffallender Schärfe Stellung gegen die Regierungserklärung, und die Sozialdemokraten nahmen von dem Plan der großen Koalition für jetzt und die nächste Zukunft Abschied. Nim wird am 20. d. über die Fürstenabfindung abgestimmt werden. Das Resultat wird auch für die im Völkerbund führenden Mächte maßgebend sein. Eine Entscheidung ist nur dann möglich, wenn mindestens 20 Millionen Wähler abstimmen. Erreichen die Gegner der Abfindung die einfache Mehrheit, dann haben sie gesiegt. Die Rechtsparteien, die ihrer Sache gar nicht so sicher sind, geben nun, um die Ziffer von 26 Millionen zu verhindern, die Parole der Stimmenenthaltung aus. Damit aber wachsen wieder die Chancen von links. Die Veröffentlichung des Briefes stellt sich demnach als ein Partherpfeil heraus, der einzig und allein den Präsidenten Hindenburg getroffen hat, «ohne an der Sache selbst etwas zu ändern. Hindenburg ist ohne die Möglichkeit, sich zu wehren, in den"Stürm hineingestellt worden, und das war wohl der Hintergedanke derer um Herrn von Loebell. Die Rechte will die Diktatur und den Putsch. Aber Hindenburg steht ihr im Wege. So paradox dies klingt: gegen ihn kann nichts unternommen werden. Es mußte also seine Autorität angezweiselt werden und dies ist durch den schönen Brief geschehen. Damit ist auch zur gleichen Zeit eine Steigerung der Verwi-rrung eingetreten. Die Regierung droht, für den Fall eines Sieges dxr Abfindungsgegner den Reichstag aufzulösen. Hindenburg erklärt in seinem Brief, sich seine Entscheidungen vorzubehalten. Die Eventualitäten sind also Neuwahlen und Präfidentenkrise oder neue Kämpfe im Reichstag. Der Völkerbund hat es also vorgezogen, sich aufs Abwarten zu stellen und er hat in keiner Angelegenheit seines Programmes einen entscheidenden Beschluß gefaßt. Als Positivum ist nur die sogenannte Lösung der österreichischen Frage zu werten. Die Kontrolle ist aufgehoben, besteht aber lustig weiter. Es ist nur die Person des Kontrollors ausgewechselt worden. Ungarn hat die verdiente Behandlung gefunden und nur die Ohrfeige, die Herr de Justh dem Grafen Bethlen überreichte, rettete vor größerer Peinlichkeit. Sie war ein ' Glücksfäll für den Grafen, dem das offen ausgesprochene Urteil gegen seinen Staat erspart blieb, und es wird sich sogar möglicherweise Herausstellen, daß er von der Insulte schon vorher einiges wußte. Es gibt doch immerhin zu denken, daß die Budapester Polizei, bekanntlich die rührigste von der Welt, schon vor drei Tagen an'den Völkerbund telegraphiert hat. Für alle Fälle verlangt der Frankenstaat schon die Auslieferung des „Attentäters", damit er in Genf nicht zu viel erzähle. Man ist auch in Ungarn sehr bemüht, aus der Ohrfeige eine weltbewegende Affäre zu machen; Rassenschützler, Demokraten, Sozialdemokraten und was sonst noch in: Schatten Horthhs sich bewegt, wetteifern in der Verurteilung der ruchlosen Tat, während sie sich bei der Verprügelung Vazsonyis taub stellten. Was ist denn diese Ohrfeige gegen die Tausende von Verbrechen des christlichnationalen Kurses und was ist sie gegen die Frankenfälschung, diesen Jaustschlag gegen den Frietu Kinokonzesfiousgesetz. Bom Landtag angenommen. — Sine Rede der Gemeinverates re. MaWe». Der Wie,»er Mondtag hat gestern den Entwurf für das Kinefonzcssiousgesctz behandelt und zum Gesetz erhoben. Ter Referent, Stadtrat Richte r, erläuterte die ciuzelnen Bestimmungen des neuen Gesetzes, über das wir bereits ausführlich berichtet haben. Stadtrat Kunschak leugnete die Kompetenz des Wiener Landtages zur Erlassung eines derartigen Gesetzes, das nach dem Berfassuugsgesctz in die Kompetenz des Bundes falle. Landeshauptmann Seit? erklärte diese Auffassung für unrichtig und dem Bundesverfassnugsgesetz widersprechend. Sodann hielt Gemcinderat Dr. Plaschkes über den Kinogesetzentwurf eine vielbemerkte Rede, die auch die vollste Billigung des Referenten Stadtrat Richter fand. Tr. Plaschkes erklärte sich damit einverstanden, daß den Konzessionsschacherern das Handwerk gelegt werde, verlangte jedoch eine milde Fassung der Durchführungsverordnung, un, den anständigen Gcwerbsmann zu schützen. Zur kulturellen Bedeutung des Gesetzes führt Dr. Plaschkes das folgende ans: Jede unnötige Bevormundung durch die Gemeinde bei Wahrung aller Grundsätze der Moral und Sitte muß vermieden werden; durch Bevormundung ist n i e m a l s Kultur und Kunst geschaffen worden. Niemand wird leugnen, daß der Kinematograph in Technik und Kultur durchgreifende Umwälzungen hervorgerusen, täglich neue Gebiete erobert und täglich neue Entwickl-ungsmoglichkeiten gezeigt hat. Kurz, er ist ein beispiellos starker Bildungs- und Kultursaktor, wenn die aktiven und passiven Kinomenschen, das heißt die Minorität, die vom Kino lebt, und die Majorität, die fürs Kino lebt, das Publikum, dahin gebracht werden, mitzn- Helsen, um die Schäden und Geschmacklosigkeiten des Kinos einzudämmen. In diesem Kampf muß dem 8 7 des Entwurfes hohe Bedeutung znkommen. Der Erörterung bedarf aber, welche Wirkung die B o r f ü h r n n g von Fl I m e n haben wird, da sie zu Zensurzwecken nicht stattfinden darf. Es nützt nichts, wenn eine Bestätigung erteilt wird, daß ein Film trotz der Besichtigung durch die Behörde vom Strafgericht verfolgt werden kann. Das Publikum muß sich sagen können, daß die Behörde im Kamps gegen die Geschmacklosigkeit und gegen die Spekulation ans die niedrigsten Triebe der Menschen ihre Pflicht tut. Das nur kann der Zweck der Vorführung sein. Das Kino ist ein wichtiges Mittel der Belehrung, der Unterhaltung und der Zerstreuung und auch dann ein gutes Geschäft für die Unternehmer, wenn Indianer- und Trapperstücke, Filme a la „Sündige Liebe", „Halbwelt" usw., ausgeschlossen werden. Im Wege der Beratung bei den Vorführungen wäre auf die volksbildnerische Bedeutung des Films Gewicht zu legen und den Gefahren der Beckksvev'- seuchung durch elende Kitfchsilme entgegenzuwirken. Mit aller Strenge muß bttS Jugendverbot gehandhabt werden. Die Jugend braucht überhaupt kein Kino. Ihr Glück ist die Phantasie, das Unglück der Erwachsenen, daß sie die Phantasie verloren haben und durch den Kinotramn nud den Kinorausch Surrogate schaffen. Wer die Jugend ins Kino führt, nimmt ihr einen Teil ihres Glücks. Wenn man aber schon Jugendfilme zuläßt, sollen sie die Phantasie und den Lerntrieb in gesunder Weise anregen. Naturfilme, Reisefilme, historische Filme passen für unsere Mädchen und Knaben und unsere jugendlichen arbeitenden Menschen. Bon Liebesdramen und Detektivfilnren sollen die jungen Leute ferngehalten werden. Weil oer 8 8 des Entwurfes diese Möglichkeit schafft, muß ihm zugestimmt werden. Die Bestimmungen des Gesetzes über die Ausbildung der Kinooperateure, denen ja der größte Teil der Obsorge für die Sicherheit des Publikums anvertraut ist, können nur aufrichtig gebilligt werden. Nicht zu billigen ist die Verdeutschung des Wortes „Kinooperateur" in Bildwurfmeister, welche bei allen Lesern des Entwurfes Heiterkeit ausgelöst hat. Ziel des Gesetzes muß sein, die künstlerische und technische Entwicklung des Films zur Blüte zu briilgen, ohne die Forderungen des guten Geschmacks und der Moral zu vernachlässigen. Im Kampfe um diese Ziele ist aber vor allem die Mitwirkung der Presse erforderlich. Es geht nicht an, daß die Bevölkerung um der Filminserate willen beschönigende Kritiken hinnehnren muß, die das Publikum ins Kino locken. Die Kritik der Filme muß noch in einem viel höheren Maße den Grundsätzen der Wahrheit und Gerechtigkeit entsprechen, weil die Zahl der Konsumenten des Kinos größer ist als oie der Theaterbesucher. Nur so wird den Interessen der Bevölkerung und der Oeffentlichkeit gedient werden können. Stadtrat Richter erklärt in seinem Schlußwort, daß wir nicht in der Lage sind, eine Zensur einzuführen, weil der Verfassuugsgerichtshof dies bekanntlich als mit der Bundesverfassung in Widerspruch stehend erklärt hat. Der Gesetzesan-- trag wurde hieraus mit einem geringfügigen Abänderungsantrag des Gemeinberates N a ch t n e b c l ist erster und zweiter Lesung angenommen. * An die Sitzung des Wiener Landtages schloß sich eine kurze Sitzung deö Wiener Gemeinderates an, in der eine Reihe von Geschäftsstücken erledigt wurde, darunter auch Wer Antrag dos Stadtrates Tandler die Bewilligung eines Kostenbeitragcs von 70.000 S. für die Herstellung einer Straße zum Krematorium und eines Betrages von 71.000 S. für die Renovierung des Hernalser und Meidlinger Friedhofes. . mrarni Polen« Außenpolitik. Warschau, 10 Juni. (Polu. Tel.-Ag.) Minister des Aeußern Zaleski erklärte in einer Unterredung, Polen werde an der Beruhigung der Welt Mitarbeiten, vor allem durch Herstellung absolut friedlicher Beziehungen m-it Rußland. Pilsudski sei für das Ausland die. Verkörperung der polnischen Seele und Kraft und genieße das Ansehen eines großen militärischen Führers und eines großen Staatsmannes. Die ganze Welt erwarte, daß Polen durch ihn zur vollen innerem Konsolidierung gelangen werde. In den Beziehungen zu Deutschland werden wir, sagte der Minister, alle Kräfte aufwenden, um n o r m a l e Beziehungen guter Nachbarschaft herzustellen. Zu diesem Zwecke wünscheil wir den Abschluß eines Handelsvertrages. Sin Staatmü in Polen. Warschau, 11. Juni. (Poln. Tel.-Ag.) Justizminister Makowski hat ecklärt, er erwäge ernstlich die Möglichkeit der Schaffung eines Staatsrates. Er sprach, sich für eine Aenderung der Verfassung aus, die dem Präsidenten der Republik das Vetorecht, das Recht zur Auflösung der Kammer, sowie dds Recht verleiht, Verordnungen mit Gesetzeskraft zu erlassen, sobald der Landtag aufgelöst öder vertagt ist. Schließlich erklärte der Minister eine Acnderung des Wahlgesetzes für unerläßlich, doch könne er Einzelheiten darüber noch nicht angeben. Berfnffnnsrftreü in Polen. Warschau, 10. Juni. Im Sejm herrschte gestern starke Erregung, die durch die Einberufung des Senats durch dm Senatsmarschall Trompezhnski hervorgerufen wurde. Trompczhnski steht auf dem Standpunkt, daß be*r Senat noch drei Gesetze, die vom Sejni schon vor längerer Zeit beschlossen wurden, ratifizieren müsse. Der Marschall berief zu diesem Zwecke den Justizausschuß des Senats ein, dessen Präsident Senator Dr. Ringel ist. Ta aber die Vorfassungsfrage, den und die Ruhe der Welt? Der Völkerbund hat seine Ansicht kundgegeben und er wird eine Konvention gegen die Horthy-Methoden schaffen, so wie man die Pest und den Mädchenhandel durch Kordons und Polizeimaßregeln bekämpft. Ungarn bleibt unter Kontrolle und nur Mister Iosiah Smith, der Meister der Vertrauensseligkeit, wird abgebaut. Es wird alles darauf ankonlmen, ob man in Zukunft die Praktiken magyarischer Budgetfälscher besser erkennen wird. ob der Zeitpunkt der Ratifizierung des Sejmgesetzes durch den Senat .schon versäumt oder durch die bekannten Ereignisse nur verschoben toutfoe, erst durch den Seniorenkonvent des Senats geklärt werden mußte, vertagte Senator Ringet den JustiMsschuß. ' '. Um 1 Uhr mittags trat mm der Seniorenkonvent zusammen. Senator Ringel vertrat den Standpunkt, daß die Verfassung keine Elemerttarereignisse kennt, und daß die Frage, ob der Sejm und Senat noch berechtigt ist, Idas Gesetz zu diskutieren, nur vom Sejm, beziehungsweise von der Regierung gelöst werden kann. Obwohl Marschall Trompczynski sich gegen diese Ansicht äußerte und sich sogar auf die Zustimmung des Sejnmrarschalls Rataj be>ruifen konnte, erklärte sich doch die Mehrheit der Mitglieder der Obmännerkonserenz mit der Ansicht Senator Ringels einverstanden und der Marschall setzte sich mit der Regierung ins Einvernehmen. Die Sitzuvg 'der ObMamrerkonfevMz wurde auf heute vertagt. Warschauer Sensationsvrozesse. Warschau, 10. Juni. Die Verhandlung gegen den Mörder des ehemaligen Finanzministers und Präsidenten «des Postsparkassenamtes, Hubertus Linde, Wachtmeister Crniel o w s k i, wurde für den 17. d. anberaumt. Anfangs Juli beginnt vor dem Warschauer Militärgericht der Prozeß gegen den kürzlich verhafteten General Rozw.adowski, der unter idem Verdacht steht, auf seinem Posten sich an gewinnbringenden Militärlieferungen zum Schaden des Staatsschatzes beteiligt zu haben. Der General besinnet sich gegenwärtig im Militärgefängnis in Wilna. Der Revolver. Der Führer der georgischen Nationalpartei ermordet. Paris, 11. Juni. Nach einem Ehrenbeleidigungsprozeß gab gestern im Gerichtsgebäude der georgische Metallarbeiter Merabachvilly auf den Herausgeber der „Georgie Nouvelle", Veschapely, einen Revolvcrschuß ab. Beschapelh wurde schwer verwundet und ist im Laufe des Abends seinen Verletzungen erlege u. Der Erniordete war Prüfident der georgischen Nationalpartei. Seine Gegner behaupteten aber, daß er von der Sow^ e tr eg i eru ng monatlich 1000 Dollar erhielt, weil er, ohne selbst Kommunist zu sein, in seinem Blatte für den Ausschluß Georgiens au Sowjetrußland eiutrat. Der Mörder erklärte bei seiner Verhaftung, er sei st o l z a w f s e i n e B e f r e i-u n g s t a t und empfinde keine Reue. Keren Kniemeth Sonntag, 13. ckunl, 2 Uhr nachmittags, im Hotel Post, I., Fleischmark1 Jugendfeier Aus dem Programm : D r a m a t1 s c h e A u f f ü h r u n g e n, C h or! i e d e r * Regiebeitrag 50 G. Donnerstag, 17. Juni, l/«8 Uhr abends, in den Olympiasälen, I.. Rotgassc au* Anlass der Aufstallung der sehn- “IW» tausendsten Keren-Kajemetfr-BUchse Verlesung derersten Eintragungen in den P4n*k<j*s Ker-e-n-Ka«je*meth