Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2331 (18.8.1925)
- Date
- 1925-08-18
- Page
- Seite 34 (sequence 34)
- Language
- German
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: Sexte-24 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitung 16. August 1965 Nr. 2391' HytUMtzx Liesen Umstünden gesagt werden, daß im Osten '8ie HM der den gewerblichen Berufen ungehörige Inden eine ebenso hohe, vielleicht höhere ist, als die Anzahl der im Handel erwerbstätigen Juden. Nach den bisherigen Nachkricgsschätzungen, die aber kein genaues Bild ergeben, dürften zirka ein Drittel aller Oftjuden dem -Handel augehören, ein weiteres Drittel dem Gewerbe. Die übrigen 33V- Prozent dürften sich so verteilen, daß fünf Prozent den freien Berufen, 10 Prozent, vielleicht sogar etwas mehr, den „Berufslose n", ebensoviel der Vermittlungstätigkeit im Verkehr und der Rest der Landwirtschaft, ^der Industrie und der Gruppe der Hilfsarbeiter, Taglahwer, Dienstboten usw. zuzuzählen wäre. Auf alle Fälle zeigt schon diese Schichtung, daß dem Handel bei der Berufsbildung der Juden int Osten lange nicht jene Bedeutung zufiillt, die ihm gemeiniglich eingeräumt wird. Für die Eignung der Besiedlung in Erez Israel kommt ffie. Betätigung der Juden im Gewerbe besonders in /^BÄtacht. Hier ist das Verhältnis zwischen Angestellten und Selbständigen kein so krasses, wie in den westlichen ^Staaten. Die Zahl der Kleinbetriebe übcrwiegt. Jnfolgefbeffett gibt cs eine Unzahl von selbständigen Gewerbe- ' treibenden, die gar keine Angestellten oder nur sehr wenige 'zwischen einen bis fünf, in den seltensten Fällen bis zehn besitzen. In solchen Zwergbetrieben ist selbstverständlich die , Ausbildung des einzelnen eine viel mannigfaltigere und gestattet ihm auch die Anpassung an ähnliche Gewerbe in anderen Gebieten viel leichter als den Angestellten von größeren Betrieben, wo die Arbeitsteilung stärker durchgeführt und infolgedessen auch eine Anpassung an neue Bedürfnisse viel schwerer ist. Dies ist namentlich von dem Gesichtspunkte der Anpassung der jüdischen Gewerbcangehörigen an die durch die Immigration und durch die neue wirtschaftliche Ausbildung in Erez Israel erforderlichen Produktionsverhältnisse von großer Bedeutung. Nach den bisherigen Statistiken sind von den Gewerbeangehörigen der größte Prozentsatz der Juden im B ekleidungsgewerbe, im. Nahrungsmittelgewerbe und im Baugewerbe beschäftigt. Die Relation dürfte so sein, daß zirka die Hälfte aller Gewerbetreibenden im Bekleidungsgewerbe, 20 Prozent in der Nahrungsmittelbranche und ebensoviel im Baugewerbe tätig ist. Der Rest verteilt sich auf die Erzeugung der Haushaltungsgegenstände (Klempner, Siebmacher usw)., Betätigung in Spinnereien, Webereien, Wirkereien und anderen Textilbranchen, im Holzgewerbe und ähnlichen Gebieten. Diese Verteilung ist trotz ihrer Mannigfaltigkeit doch in gewisser Hinsicht einseitig. Sie erklärt sich aus den Verhältnissen, teils aber auch aus der Wirtschaftsentwicklung der Juden in Osteuropa. Sv zum Beispiel ist die relativ starke Beteiligung der Juden im Genußmittelgewcrbe, aus den rituellen Vorschriften, leicht erklärlich. Die starke Betätigung im Schneidcrgewerbe erklärt sich einerseits aus deni geringen Jnvestitionsmitteln, die gerade für den Schneiderberuf notwendig sind und infolgedessen die Möglichkeit zu dieser Beschäftigung viel leichter erreichen läßt, andererseits im geringen Ranmverhältnis, welches dieses Gewerbe verlangt, endlich auch darin, daß gerade das Schneiderei- und Kürschncrgcwcrbc am leichtesten die Arbeit auf Vorrat und die Produktion für den Markt ermöglichen. Diese Borratsarbeit bildet die Vermittlungsstufe zwischen der jüdischen Produktion und dem jüdischen Kaufmanne. Allerdings hat diese Ueberfüllung gerade der Bekleidungsindustrie, also Schneider, Kürschner, Schuster, Hutmacher usw., zur Folge, daß die Eiukommensverhältnisse dieser Schichten eine geringere ist und daß der Lebensstandard derselben zu stark hcrabgedrückt wurde. Es wäre für Erez Israel von keinem Vorteil, wenn dieser Beruf in demselben Ausmaße und unter denselben Bedingungen auch hier vertreten wäre, trotzdem die I möglichst qualifizierte Handwerksausbildung auch hier zu wünschen ist. Günstige Voraussetzungen für die Ausübung des Schncidergcwcrbes sind nicht in demselben Maße wie in Osteuropa vorhanden, da eine solche Ausbildung auch eine starke Vorratsarbeit zur Voraussetzung hat und auch absatzfähige Märkte vorhanden sein müßten. In dieser Hinsicht lassen die Verhältnisse in Westasien noch einiges zu wünschen übrig, zumal da gerade in jenen Gegenden die Heimarbeit noch ziemlich stark verbreitet ist und eine Konkurrenz gegen die englische im Sweeting-System erzeugte Produktion ziemlich schwer sein dürfte. Lancashire und Dorkshire zeigen gerade in der letzten Zeit größere Expensionsbestrebnngen auf diesen Gebieten. Anders ist es mit dem Baugewerbe. Es ist leider im Westen nicht allzusehr bekannt, daß die Tätigkeit der Juden im Baugewerbe äußerst mannigfaltig ist. Neben den Klempner-, dem Schlosser-, dem Tischler-, Dachdecker-, Ziegelarbeitergewerbe sind noch eine Reihe von Bautätigkeitsberufen, welche im Osten von Juden ausgeübt werden. Ihre Tätigkeit ist für den weiteren Aufbau Erez Israels nicht ohne Bedeutung. Es ist wahrscheinlich, daß in der nächsten Zeit immer mehr Angehörige des Baugewerbes ihren Weg nach Erez Israel nehmen werden, ein Umstand, welcher für den raschen Ausbau der palästinenfischen Städte sehr wichtig ist. Schon jetzt befinden sich eine Reihe dieser Handwerker, die bekanntlich in der Solclboneh eine ausgezeichnete Arbeitsgemeinschaft besitzen, in Erez Israel. In Stürze dürften weitere Angehörige dieser Berufe Nachfolgen. Es sind die schwersten Arbeiten, welche von ihnen geleistet werden. Die jüdischen Bauhandwerker haben bisher schon in Osteuropa eine so ausgezeichnete Geschicklichkeit, einen so guten Geschmack und eine solche Solidität in ihrer Ausarbeitung bewiesen, daß sie zweifellos auch dem jüdischen Neuland durch ihre Arbeit große Vorteile bringen werden. Hier ist eine stärkere Enttvicklung nicht mehr nottvendig. Anders aber sind die Verhältnisse bei der Industrie. Sowohl in Ostals auch in Westeuropa stellen die Juden keine große Anzahl von Industriearbeitern. In diesem Falle sind die Verhältnisse im Westen, namentlich in Amerika, wo ein ausgesprochenes jüdisches Jndustrieproletariat vorhanden ist, verhältnismäßig viel ausgeprägter als in Osteuropa. Wohl sind auch hier Juden in stärkerer Zahl in Industrien beschäftigt. Man denke nur an die in der Textilindustrie beschäftigten jüdischen Arbeiter. Trotzdem ist hier die Entwicklung noch nicht vollendet. Samstagsruhe und Sonntagsruhe, ungenügende Ausbildung der Industriebetriebe, ein gewisser Hang zur Selbständigkeit haben den Ostjuden in vielen Fällen von der vollkommenen Ausbildung zum Industriearbeiter abgehalten. Dafür aber hat das industrielle H e i m a r b e i t s s y st e m eine uni so stärkere Ausbildung erfahren. Der Stückmeister in der Textilindustrie, das Akkordshstem in der Holzindustrie und ähnliche Heimarbeiten blühen noch jetzt im Osten sehr stark. Die Lebensverhältüisse dieser Heimarbeiter sind auf ein Niveau gesunken, daß in vielen Fällen den schon an und für sich ungesunden Verhältnissen der Heimarbeiter Belgiens, des Niesengebirges und des Schwarzwaldes nicht weit nachsieht. Diese Kräfte sind zweifellos für eine Industrie gut verwendbar. Sie haben sich auch in Erez Israel in den bisher errichteten Industrien gut bewährt und es ist zweifellos, daß sie mit der Zeit einen ausgezeichneten Stand von palästinensischen Industriearbeitern bilden werden. Es ist nicht ganz richtig, wenn geglaubt wird, daß erst in Erez Israel die Erziehung des Judentums zum Ackerbau Handgearbeitete Spitzen Decken und Motive » * 228 S. Weinreb D Schlosser Wien, VI., Mariahilfersirasse 39 a GARANTIERT 80 PROZENT ERSPARNIS!_ Einzige und billigste Bezugsquelle Wiens aller Arten " Seidenkrawatten Seidenstoffweberei / Herrl. Dessins u. feinste Qualitäten 1 JOSEF TICHLER, Krawattenstoffweberei Wien, VII. 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