Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2331 (18.8.1925)
- Date
- 1925-08-18
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
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Eeik S6 Wien. DienSkäß Umgekehrt war durch faft zwei Jahrtatisen-dc der Mische Tempelgesang allen möglichen Einflüffen der Wirts- und Nachbarvölker der Juden ausgesetzt und allrnählich traten jüngere, vielfach weltliche Gesänge und Tänze, Liebes- und Hochzeitsmnsik, Trauerweisen und Hochzeitslieder hinzu. Namentlich dort, wo die Juden im europäischen Osten in mehr oder weniger geschlossenen Siedelungen lebten und so dem Einfluß der Wirtsvölker rveniger ausgesetzt rvaren, konnte sich allmählich eine einigermaßen eigene und darum eigenartige miifsikalische Kultur aus dem Volke herauf entwickeln. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als Völkerkunde und Knust die große kulturhistorische Bedeutung der alten verdrängten Minderheiter: erkannten und schließlich auch das nationale Bewußtsein im Judentum erstarkt«, g'ug mau daran, diese Schätze zu höben und nicht nur zu thesaurieren, sondern auch der Gegenrvart nutzbar zu machen. Mit wie untauglichen Mitteln hier anfangs zu Werke gegangen wurde, zeigt etwa Suü^rs ,/Schir Zion", in we-lchenr vielfach die Melodien mnkomponiert und in der Art der protestantischer: Gemeindechoräle eingerichtet wurden. Erst später erkannte man, daß „wer den Inder: will verstehen, >nuß in des Juden Lande gehen", und A. Z. Jdelsohn war wohl der erste, der auf wissenschaftlich exakter Grundlage den Versuch machte, die jüdische Musik auszugraben und vom Schutte zu reinigen. Bor allem i-n Jemen, das ja nach Ansicht der ethnologischen Fachleute noch am nreistcn unverfälschte altjüdische Art beherbergt. Er verließ sich nicht auf den Zufall, der ihm die Sänger aufs Geratewohl zu phonograpchischen Aufnahmen zuführte, sondern er Prüfte sie und ihre Gesänge aus di« notwendigen Voraussetzungen und zog aus einem großen Material an Varianten ein und derselben Singweise Schlüsse auf Echtheit, Alter und Urnwandlungsstufon eines Gesanges, so ähnlich wie die Anthropologie aus den verschiedensten Schädelmeffungen auf Grund einlvand freier erprobter Methoden Durchschnitts- und Wahrscheinlichkeits-Werte errechnet. Unermüdlich und Planmäßig setzt Jdelsohn diese großzügige Arbeit, die ihm auch vergleichende Betrachtungen im weiten Gebiete der orientalischen Musik gestattet, fort, und wenn sich weitere Fachleute finden und die Mittel nicht a-usg-ehen, um dabei exakte Phonographische Aufnahmen in allen übrigen jüdischen Kulturkreisen im Osten und im Westen, im Otzident und im Orient, in der Alten wie in der Neuen Welt Planmäßig mit internationaler Ar- -beitstei-lung weiterzuführen, wird der Enderfolg nicht ausbleiben. . Noch weit. schwerer ist ein andres ebenso wichtiges Problem zu lösen: Wie schafft man aus der einstimmigen, allmählich entmischten" und rekonstruierten Melodie eine bodenständig nationale, stilechte und doch zeitgemäße Synagogal-, Volks- und Kunstmusil? Denn daß es um unsere Synagogalmustk mit ihrer immer mehr überhan-dnehmeuden Orgelmusik und. mit ihren harmonisch gestützten und dadurch völlig verfälschten Melodien — deren opernmäßiger Einschlag nicht einmal von den orthodoxen „Schulen" sernzühalten ist — nicht am besten bestellt ist, weiß jeder, der die allmähliche Verdrängung der Tradition durch den Modernismus besorgt verfolgt. Der Vatikan hält Konzilien ab, er erläßt Bullen und Breven, um die Reinheit der katholischen Kirchenmusik zu schützen und zu erhöhen, doch die jüdische Gemeinschaft, deren liturgischer Kunstbesitz in seinen Wurzeln ungleich älter und darum weit kostbarer ist, sieht ruhig zu, wie er immer weiter verunstaltet und. europäisiert wird. Ja, das Europäertum, das ist der .Krebsschaden der ganzen Mischen Musik. So wie die Amerikaner sich in der Politik zu einem Panamerikanismus lbekennen, so müßte marr heute in der Kunstpolitik gegenüber dem Europäertum, rvelches alles Primitive und Exotische 'n sich auf* saugt, ein künstlerisches Panasien predigen, eine Selbst- Herrlichkeit des Orients in der Tonkunst w'e in der bildenden Kunst, unld zu diesem Orient müssen wir gang im Sinne Luschans, welcher den Mischen Typus im allgemein orientalischen Typus anthropologisch aufgehen läßt, auch das Judentum zählen. Gegenüber der europäischer: Musik, welche ihre Melodik in harmonische Beziehungen, in streng übgeteilte Perioden urrd in die eherne Log'k der Sonatenform zwängt, sucht und findet der Orientale in der Kunst die Betätigung des freien Spieltr-vbes, er pstegt die Variation, welche nicht neue Melodien schaffen, sondern die alten frei verändern will — zwischen Komponieren und Variieren kennt der Orientale keine scharfe Grenze — und unbekümmert um die europäische Schablone des nur zwei- und dreiteiligen Rhythmus immer wieder rhythmisch verlebendigen kann. Er flieht den Dur-Dreiklang und kennt keine Rücksicht aus den sogenannten Wohlklang der Harnronie in der Melodik und Movdrk, sondern errichtet -beliebige melodische Stützpunkte und gestattet den einzelnen Stimmen, soweit von solchen in der sehr beschränkten Polyphon!« und Heterophonie Ostastens die Rode sein kann, volle Bewegungsfreiheit. Darum müßte auch in der jüdischen Ton-,^kunst" dereinst gegenüber der strengen vertikalen Harmonie des Oki^dents die freie horizontale Melodie des Orients — die ja übrigens mit der Musikmoderne so manche Berührungsflächen ansheigt — mit IUWEL1ER f MORIZ OESTERREICHER I. Wlppllnaar«traB« 29 Steter Einzug besonders preiswerter Juwelen und Silberwareo OrooSQS Uhrenlager 5112 Eigenes Atoliw Wiener Mov§enze1t,tn§_ ihren reichen Zwischenwneu und Arisdrucksnuancen vorherrsche. . Diese „Gebrauchsanweisung" für jüdische Musik ist natürlich vorderhand graue Theorie, die jüdisch Kunstrnusiik vorläufig nur' ein Wnnschtraum. Eine nationale Musik ersteht nicht von heute auf morgen — wie lange hat es doch gedauert, bis sich die französische von der deutschen oder italienischen Musik völlig klar abgrenztc! —, sie baut sich langsam und stetig aus den Bor- und Umweltfaktorcu auf, der schaffende Kürrstlcr rtnd das mii-sä-affende Milieu find gleichsam die beiden Eltern des Kunstwerkes, und Aeuderungen von Milieu, von Klima und Bodenbeschasfenheit bedingen auch eine Aenderung des Schaffens, welches in einer nationalen Heinntätte eine Stabilisierung und damit eine schärfere Eigenart erfahren rnüßte. * Daß die Juden in der Diaspora Bedeutsamstes irr der Tonkunst geschaffen halben, bedarf längst keines Bcrveises. Ihre Schöpfungen beginnen nicht erst mit Mendelssohn, wclclnm Zelter in einem Empfehlungsschreiben an Goethe gleichsam entschuldigend „einen Juderisohn, aber keiner! Juden" riannle, nrrd endet keinestvegs mit Schönberg und Milhaud. Schon im 13. Jahrhundert uhu der Minnesänger Süßkind von Triinberg, ein scharfer, gefürchteter Satiriker, in seinen Liedern sofort als Jude erkennbar, und seit der Renaissance finden wir in Italien und in Deutschland in den städtischen Chroniken und in den Kundgebungen der Polizeigewaltigen immer wieder Himveise auf jüdische Schellente und Musiker. Besonderen Ansehens erfreute sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts anr Hofe der Herzoge von Mantua Salomone Rosst, das Haupt einer ganzen Musikerfamilie, der neben berühmten Madrigalen auch mehrstimmige „Salomonische Gesänge, Psalmen, Hymnen und Tempelgesänge" schuf und damit den geregelten Shnagogalgesang in Italien begründet haben soll. Mit Mendelssohn beginnt dann bekanntlich die große Reihe namhafter Tondichter, die sich mit überraschender Schnelligkeit und erstaunlichem Formensinn in die abendländische Tonwelt einsü-hlten. Vielleicht wi-vd noch einmal die Zei-t kornnren, in der es nröglich sein wird, mit Hilfe exakterer Methoden als sie die Aestheten von heute besitzen, das spezifisch Jüdische der Mendelssohn und Meyevbeer, der Rubinstein und Joachim, der Halevy, -Offenbach und Goldmark zu erfassen. Bis dahin mag es . dahingestellt bleiben, ob Mähler wirklich auf dem Fundamente ihm unterbewußter chassidischer Marschvhythmen sein symphonisches Schaffen aufbaute. Mes irr allem haben die großen jüdischen Tondichter des 19. Jahrhunderts, wie immer man: sich auch zu ihrem Eklektizismus und ihrer Wandlungsfähigkeit — Meyerbeer! — stellen mag, an der abendländischen Tonwell festge-halten, und erst in allerletzter Zeit hat eine ganz junge jüdische Komponistengruppe unter russischer Führung ihren eigenen Weg ins Freie beschritten. Gneffin, Krem, Milner, Engel, Achron und all die anderen Jungen besinnen sich darauf, daß man mit kleinen Forrnen anfangen rnüsse, und werfen den Ballast der europäischen Kunstmusiktradition nröglichst weit von sich. Sie suchen das musikalische Neuland aus vollem .Herzen, finden darum den rechten Stimmungsinhalt, und da muffen sich tvohl früher oder später die rechten, dem Judentum immanenten Formen von selbst daizingefellen. So ist d:e jüdische Musik, die in spezifisch musikalischer Form alle jene Eigentümlichkeiten zum Ausdrucke bringen rnüßte, die für das jüdische Volk charakteristisch sind, auf dem rechten Wege rtnd ihr „fehlt nur eine Kleinigkeit, nur Zeit". Die Inden, welche schorr als Mifchvölker irr die -Geschichte eintraten, i in Laufe der Jahrtausende mit den verschiedensten Kulturen in Berühvung kamen und anthropologisch durch alle Varianten der Spezies „Mensch" hindurchgingen, haben auch in der Musik ein Anrecht darauf, alle möglicherr musikalischen Techniken sich dienstbar zu machen. Nur dürfen sie darüber niemals ihrer Mission vergeffen, über den europäischen Kulturkreis hinaus dem al^emeinen orientalischen Typus, der großen asiatischen Wölkerfa-milie arrzngehören rrnd darunr auch künstlerisch Mittler zwischen Okzident und Orient zu sein oder zu werderr. £ J?tt Forffchritt in der Hffztechuik. Bon Ing. St. Pollak. "stl keinem Gebiete ringt sich so schwer ein Fortschritt durch Gebiete der Heigtechnik. Die österreichische Gemutluykert m nn allgemeinen gegen Geldausgaben für Neue- "»ngen, Werl es bisher ja auch „so" gegangen ist. Jetzt aber .pnnen auch die Konservativsten anfzuhorchen, wenn sie Horen, daß durch moderne Einführungen sehr große Ersparnisse erhielt werden können. Insbesondere die alten Offen leisten im unnützen Vie-lverbrauch erstaunlich Großes, und seit Jahren bemühen sich zahlreiche Erfinder, einen Ofen ijiu konstruieren, der nicht raucht und schlackt, der nicht stundenlang vorher angeheizt werden muß, bis der Raum angenehm warm rst. der auch gut brennt, wenn nicht das beste Material verwendet roird, und der schließlich nicht doppelt so viel braucht, als sirr den Raum notwendig wäre. Endlich ist diese Frage gelöst! Der neue, vielfach mit glänzendem Erfolg erprobte u st r o"-Luststvom^8entilationsofen schafft ein angenehmes, warmes Heim, einen rvo'hlig temperierten Raum schon wenige Minuten nach dem Anheizen. Uird das mit gan,z ivenig Brennmaterial welcher Art immer, nicht nur mrt Steinkohle, sondern auch mit Holz oder billiger Braunkohle. Sogar die Typen ür Gas und elekrischen Strout sind erstaunlich sparsam. Ebenso wichtig wie diese Vorzüge ist aber auch, daß mit einem Ofen mehrere Räume auch bei geschlossenen Düren ohne besonderen Mehraufwand an Breunnlaterial beheizt werden können, selbst wenn es sich um eine größere Anzahl von Räumen oder um große Lokale handelt. Es ist ein interessantes Erlebnis, sich diffen Ofen vorsi'chren zu lassen» IS. August 192Ü_ Nr. 2881 Interview über ßrez Israel. Von Abel Pan». Der Maler AM Pan n, der als erstklassiger Humorist des Pinsels bekannt -ist, versucht sich manchmal auch in Humoresken der Feder. Er übersendet uns das nachstehende „Interview". Die Ucbersetznng ans dem .Hebräischen versorgte Dr. Abraham S ch w a d r o n. Ich bin müde, meine Herren, todmüde — nid# vom Versorgen der Visa, Papiere und Dokumente, die alle meine Taschen prall füllen; nicht vom schalen Kaffee, der die Seelen schwärzt und die Herzen zerreißt; auch nicht von der schweren Arbeit, die ich meine armen Lippen verrichten lasse, um sic eine Art neuert und sonderlichen deutschen Dialekt stammeln zu lassen, «er iu rn-omem Msnde für die Bedürfnisse einer Delle geboren winde und der sicherlich dem Esperanto ähnlicher sieht. Nein, nicht all dies hat mich so ermüdet. Von der Sintflut der naiven Fragen -- wehe, naiv bis zum Verzweifeln! — die mir über Erez Israel rneine Freunde und Bekannten stellten, davon bin ich so müde, m-üde! N-ntd -um ein Restchcn -memer Kvaft zu retten, besthrttt ich einen Zweifelumd gchahrvollen Weg: Ich beschloß, gm Feder M groifen und mich unter den Feuilletonifften zu versuchen, nur .euch Erez Israel so zu schMdevn wie es ist und -Mich ein für allomail van allen Fragen und Grnwondu-nigen und Auslegungen zu befreien. * Und die Fragen, die an mich von allen Seiten und Ende», gerichtet werden, find von gwßer Mamviigfalt'rgrert: Meine, große, gewaltige, einfache, komplizierte, tiffe, platte — und nrir Armem hat das Schicksal auiserlegt, ans' jede einzelne eine klare und präzise Antwort zu gelben. Eine Dame. z. B. fvagte mich, oh sie -in Erez Israel ohne jede Arbeit wird -leiben kärmen. ^Daibei fft die geschätzte Dame der U-oberzengung, sie toerde das Mische -BE -und Land schr be-gi-ücken, ivsnn siie hi-ngreht.) Darauf antwortete ich: FroMch kann man dort ohne Arboit leiben — aber nicht lange. Einer wandte sich an nvich mit dor Frage, was <nwot „dort" ohne Kohlen mvt dem Kochen mache und — ob dort die Hitze s-chr groß sei. Die Sache ist einfach, antwortote Irch: Wer ein Huhn braten will, der werbt es hinaus auf die Sonne, nnid nach womgear Äu-gorMicken hat er eiinerl fertigen Braten. Will er aber einen Ochsen bra-ten, so mutz er scharr die Sonne etwa eine ha-llbe Stunde bemühen... Und iverr-n inan zu einonr Wiener Schnitzel Lust kriegt, so muß man nicht hungernd warten, daß einem inAvischen der Speichel im Munde ziisamurenLäuist, wie es m den Wiener Rfftaurartts Usus ist. Wir PaLästinenser sind etwas vom Brauch der Wiener abgekommen, die vir vom Schitvffnevnen sowohl einen Rindsals Mch einen Hammel- und Hasenbraten und andere M-oischsovten bereiten, ähnlich dem Mauna, von dem unsere -Vorfahren in der Wüste geleibt haben. In unserem Lande kennt urau solche KumfPückchen und Finten nicht. Mr jede Fleffchsorte verwendet .man hei uns eine andere Tierart, und niemand will behaupten, daß darunter der Wohlgoschnrack der Speisen leide. Eirt Jude gffellt sich zu nrir und rttnrmt einen volle» Mund mit Anwüvfen, warum in Jemsälsm keine Folgen wachsen? Dann: Wie wächst die Feige? Und -ist diffe Frucht dunkeMmr oder hinrmeL-fariben? Getrocknet, gepreßt, in Kisten gepackt und zum Ggport bereit, so wachsen die Feigen, war mein« AnÄvort. Was kostet „ein Ton" Rosinen? — Und wird dort die Sabbatruhe ^beobachtet? Und wenn cHiter sie verletzt, was ist seine Strafe? Er wird auf eineim Baum aufge-knüpft, sagte ich. Weil aiber. dort Bäume eine Seilie-uheit find, so -ist die Ra-tlosWiit rnrd Berwirmng groß, da man an diffen Verbrechern di« dorr dem St)nhedrion ffftgesetzte Todesstrafe nicht vollziehen kann. Es ist gut, daß die österreichischen Zionisten in Erez Israel! einen Waild Pflanzen wollen. Da wird man viele der Mischen Sünder auMngen können und die österreichöschm Zionisteir tverden sich unr die viol-on ffn großes Verdienst evtveriben. Frage: Was für KleBor trägt nran dort in divfer großen Hitze — ivohl doch nicht die i'übevall geibräuchlichen?.