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Wiener Morgenzeitung · 1925-08-18 · Heft 2331 (18.8.1925) · p. Seite 24

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2331 (18.8.1925)
Date
1925-08-18
Page
Seite 24 (sequence 24)
Language
German
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Wiener Morgerizeitung Seite 24 Men, Dienstag unangenehme Dazwischentreten des Zionismus himvegkommen könnte. Ich -war bei manchen dieser „schweren" Beratungen anwesend und ich 'huldige nur der historischen Wahrheit, wenn ich feststelle, daß es geradezu rührend war, zu sehen, wie Dr. Stern mir sekundierte, ivonn ich die Anschauung vertrat, daß der Präsident der Wiener Kultusgemeinde sci.vohl nach innen, gegenüber dem Judentum, als auch gegenüber der Umwelt eine Capitis deminutio begehe, wenn er den in Wien tagenden Ziouisteickongreß nicht persönllich begrüßt. Der Geist Dr. Güdemanns hat schließlich gesiegt. Der Oberrabviuer und das Präsidium der Kultusgemeinde blieben dein Kongreß fern. Die Begrüßung des Kongresses namens der Kultusgemeinde wurde mit einer diplomatisch vorsichtigen, gebundenen Marschroute dem jüngsten Mitglied des Kultusvorstandes, Dr. Heinrich S ch r e i - der, übertragen. Mer der alte, eigensinnige Dr. Alfred Stern konnte diese ihm aufgezwungene Zubrückhaltung nicht lange ertragen. Er ging seinen Leuten buchstäblich durch, erschien unangesagt auf dem Kongreß der hebräischen Schriftsteller und Hieilt dort, in deutscher Sprache, eine Rede über den Kulturzionismus, die ein echtes, aufrichtiges Glaubensbekenntnis zur hebräischen Sprache war. 3. Ein Jahr später brach der Weltkrieg aus. Ein unaufhaltsamer Strom jüdischer Flüchtlinge aus den evakuierten Grenzgebieten flutete nach Wien. Fremdländische Juden in Oesterreich wurden konfi-niert. interniert. Die inneren Gegensätze in der Wiener Judeiigemeinde verstummten. Es war kein jüdisches Haus, in dem nicht ein Toter zu beklagen, in das nicht ein vertriebener Bruder geflüchtet wäre. Die Tätigkeit der jüdischen Gemeinde erschöpfte sich in der Kriogssürsorge und in Interventionen wegen der Härten der Militärbehörden. Es waren furchtbare Zeiten, * cs war eine schwere Arbeit. Die jüdische Genwinde hat sie getreulich, mit übermenschlicher Aiufopferung geleistet. Je weiter der Krieg gedieh, desto deutlicher konnte man währnehmen, wie sich das jüdische Leben in Wien häutete, wie die jüdische Gasse ciu neues Gesicht bekam, das jüdische Leid neue Gestalt annahm. Die Entwicklung drängte in neue Richtungen, rief nach neuen Formen, verlangte nach einer neuen Gcistesführung. Das empfand auch der unter den Erschütterungen des Krieges geistig regsam gebliebene 86jährige Präsident der Wiener Judengemeinde Dr. Alfred Stern, der, seiner alten Weggenossen von rechts und links durch den Tod beraubt, allein blieb mit Dr. Güdemann, dessen Kwäfte allmählich geschwunden waren. Ta war es eine seltsame Fügung des Schicksals, daß gerade Dr. Alfred Stern es war, der, angetrieben von seinem berühmten, durch seinen gesunden Instinkt gestützten Eigen-, sinn, während der letzten Zuckungen des massenmörderischen Krieges, knapp vor dem allgemeinen Zusammenbruch, der auch sein persönlicher Zusammenbruch werden sollte, in Tr. Zwi Perez CHajes den Wiener Juden einen neuen Führer gab. 4. 'Das jüdische Leben in'Wien seit dem Zusammenbruch trägt in jeder seiner so wechselvollen, vielgestaltigen Phasen, nüt allen sein Fehlern uUd Vorzügen den Stempel des persönlichen und geistigen Einflusses Dr. Chajes' an. sich. Er ist der anerkannte treue Armenvater des materiellen und auch des Kulturlebens der jüdischen Gemeinschaft von Wien. Als dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben dieser Gemeinschaft der Bankrott drohte, nahm Dr. Chajes die Rolle des jüdischen Bettelmönchs auf sich und brachte Rettung. Er schuf jüdische Schulen, schuf einen jüdischen Geist und war der Prophet von Zion in jener großen Wiener Wüstenei, in der der Antizionismus snobistische Mode war. Er schuf eine jüdische, eine hebräische Atmosphäre in Kreisen, in denen die hebräische Sprache auf beit Friedhof verwiesen war. Sein größter Erfolg abev ist die Tatsache, daß er nicht nur das Jnterefle, sondern auch das Opfer für den Aufbau van Erez Israel auch dort zur jüdischen Lebenspflicht zu erheben verstand, wo Arbeit für Palästina noch vor nicht allzu langer Zeit als der Inbegriff orchodoxer Rückständigkeit galt. Das jüdische Leben in Wien war in den ätzten Jahren auch politisch wechselvoll. Wir hatten einen Vertreter im Parlament, drei im Gemeinderat, die Zahl der jüdischen Mandatare in den Bezirksvertretungen war eine bedeutende. Heute haben wir nur einen Vertreter im Gemeinderat und wenige Vertreter in den Bezirken. In der Kultusgemeinde arbeiten die Zionisten gemeinsam mit der nichtzionistischen Mehrheit an der Erhaltung der Gemeinde. Eine kleine, sozialistische Gruppe bildet die Opposition, aber Erez Israel, Zionismus bilden keine Streitpunkte mehr im Wiener jüdischen Leben. Der geistige Kanips um die Sicherung des bewußten jüdischen Lebens, die Aufklärungsarbeit für Zion konzentriert sich jetzt in dein einzigen zionistischen Tagblatt, in diesem Blatte. Es führt einen schweren Kampf, es leistet schwere, verantwortungsvolle Arbeit. Es hat einen guten Teil jener Arbeit verrichtet, der es zu danken ist, daß den 14. Zionrstenkongreß ein jüdisches Leben in Wien begrüßt, das an diese Tagung sein Hoffen und Sehnen nach einer Erleichterung des ach so traurigen Loses des jüdischen Volkes knüpft. _ E Eine Jndienreise. Die Reedern Viktor Schuppe in Berlin lädt das internationale Publikum zu einer Jndienreise auf dem Doppelschraubendanvpfer „Peer Gynt" ein. 'Der Dampfer verlaßt Genua am 18. Oktober und fährt über Port Said, Suez und Aden nach Bombay, wo er vom 6. bis 20. November verbleibt, um den Passagieren Gelegenheit zu Ausflügen zu geben. Dom 34. bis 38. November Wpki in Colombo, so daß die Reisenden bequem die Insel Ceylon besichttgen können. Die Rückfahrt geht über Massaua. Port Said und Rtalta nach Genua, wo Vas Schiff am 18. Dezember eintrW. Die Reise Nimmt somit zwei, Monate «q Anspruch, WIEN, I. SPIEGELGASSE NR. 8 FILIALE: I.STOCK-IM-EISENPL. NR. 3 (FO.UITABLE-PALAIS) * WÄSCHE U. PYJAMAS NACH MASS KRAWATTEN / H E RR E N A RTI K E L TELEPHON 73-2-38 Aus der Geschichte der Juden in Srsterreich. Das Tolcranzpatent für die niederösterreichischen Juden vom 2. Jänner 1782 Im Lichte Kaiser Josefs des Zweiten und seiner Ratgeber.*) Von Dr. Leon Posaner. Die Thronbesteigung Kaiser Josefs des Zweiten brachte den nicderösterreichischcn Inden das Toleranzpotent vom 2. Jänner 1782. War auch schon früher für die Befreiung der Juden in manchen Ländern — man denke in erster Reihe an Holland und England, welch letzteres neben Frankreich, von den europäischen Ländern zwar zuerst die Juden vertrieben hat, aber auch die erste Macht war, die genug Einsehen hatte, ihnen wieder Menschenrechte einzuräumen — ciu geringfügiger Anfang gemacht worden, so bedeutete das Erscheinen des Toleranzpatentes doch entschieden eine weselttliche Verbesserung gegenüber dem bisherigen Zustande und wendete somit wenigstens in einem Lande die tausendjährige Schlnach, die die Juden zu ertragen hatten, teilweise von ihneil ab. Die schwierigen Verhältnisse, unier denen die Juden jener Zeit gelebt hatten, die Herabsetzung ihrer gesellschaftlichen Stellung, wie überhaupt ihre demütigende und entwürdigende Ausnahmestellung sollte mit einem Schlag aufhörcn. Bei Erlassung dieses viel gerühmten und dem Kaiser Josef so hoch angerechneten ToleraNzpatentes dachte nian, Linäor in Beth Alfa. daß der Herrscher damit nur die Forderungen der natur- : rechtlichen Schule, deren Zögling er war und deren Lehren er zu erfüllen bestrebt war, verwirklichen wollte. Stand doch die naturrechtliche Schule von Anfang an auf dem Boden der Toleranz, die immer schärfer und schärfer betont wurde, als es galt die Gewissensfreiheit gegen die Aufstellungen des Engländers Hobbes zu verteidigen. Freilich waren es vorwiegend die durch die Lehre des Naturrechtes betonten Gründe, die Josef bewogen, zum Teil gegen die 'Meinung seiner Räte, die Duldung innerhalb gewisser Grenzen zu gewähren. Die Frage aber, ob und inwieweit diese Lehre seine Handlungen in der Judenfrage milbestimmte, kann unter keinen Umständen bloß dahin gedeutet werden, daß nur sie allein in dieser Sache von ausschlaggebender Bedeutung gewesen war. Auf erschöpfende Einzelheiten hier einzugehen, erlaubt leider der knappe Rahmen nicht, immerhin soll im nachstehenden der Versuch unternommen werden, die Berechtigung obiger Behauptung, so weit als möglich, nachzuweisen. Seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wurde die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt auf die Juden gelenkt. Zu allererst hatte Montesquieu in seinem „Esprit des lois" (1748) seine gewichtige Stimme gegen die barbarische Behandlung der Juden erhoben. Seitdem nun auch Voltaire mit seiner feindlichen Haltung gegen sie nicht mehr zurückhielt, erschienen Schriften für und gegen die Juden und in der öffentlichen Meinung Europas standen sich Feinde und Freunde der Judenemanzipation schroff gegenüber. Im Jahre 1781 erschien die aufsehenerregende Schutzschrift Christians Dohms: „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden." In dieser Schrift gab Dohm, ein *) Quellenmäßig dargestellt auf Grund der von A. F. Vribrani publizierten „Urkunden und Akten zur Geschichte der 'Juden in Wien." 1526-1847 (1849). Braumüller, Universitatsbuchhandlung. Wien und Leipzig 191L. 19. August 1.92.") Nr. 3881 1 Freund und Bewunderer Mendelsohns, die Mittel an, die Verbesserung der Lage der Juden auzubahuen; er wies auf ihre Klugheit, Fälligkeit, ihren Fleiß und Betriebsamkeit hin und bezeirhnete alle Fehler der Juden als unvermeidliche Folge der ungleichen Behandlung, die ihnen bisher zuteil geworden war. Er wendete sich daher mit seinem Emanzipationöprvgramm an die „Weisheit der Regwrungcn", welche damals für die Aufklärung und Verbesserung viel geneigter als die Völker sich erwiesen. „Ich wage cs sogar — heißt es in dieser Schrift — demjenigen Staat Glück zu wünschen, der zuerst diese Grundsätze in Ausführung bringen wird. Er wird sich aus seinen cigeneu Dritteln neue, treue und dankbare lUrtertanen bilden,- er wird seine eigenen Juden zu guten Burgern machen. *) Dohms Vorschläge fanden begreiflicherweise Beachtung und bedeutende Gelehrte, Staatsmänner und Fürsten fingen au, sich mit der Iudenfrage ernstlich zu beschäftigen. Kaum ivar die Schrift auch erschienen, so erließ Kaiser Joses eine Reihe von Gesetzen betreffend der Juden (19. Oktober 1781), die in der Folge zum berühmten Edikt vom 2. Jänner 1782 führten. Tie nähere, eingehende Betrachtung des Ediktes und aller mit dem Toleranzpatcnt im innigsten Zusannncnhang stehenden Entwürfe, Gutachten, Vorträge und Resolutionen läßt leicht die berechtigte Anschauung aufkommcn und unverkennbar zu der sicheren Annahme berechtigen, daß nicht vielleicht persönliche Mitempfindung Kaiser Josefs des Ztveiten und seiner Ratgeber zu den zugestandencn Privilegien führten, wenn auch die Zugeständnisse ihnen von den zeitgenössischen Juden viel Lob und Dankbarkeit eingetragen haben, souderu was der Herrscher mit dem Toleranzedikte erreichen wollte, war in erster Reihe die Nutzbarmachung der Juden für die Zwecke des Staates. Daß Kaiser Josef unter allen Umständen die Arbeitskraft der Juden, deren Fleiß und Fähigkeiten dem Staate nutzbar machen wollte, geht aus dem oft genannten Schreiben an den Grafen Blümegen hervor (13. Mai 1781). „Um die in Meinen Erblanden so zahlreichen Glieder der jüdischen Nation — heißt es hier — dem Staate nützlicher zu machen, als sie bei den ihnen so sehr beschränkten Nahrungszweigen und auch nicht zulänglich verstatteten und eben deswegen ihnen überflüssig geschienenen Aufklärungsmitteln bisher nicht werden konnten, so wird der erste zuträgliche Schritt durch unvermerkte Beseitigung ihrer Nationalsprache, bei dem einzigen Gottesdienst ausgenommen-, mit dem geschehen können, daß sie verhalten werden, alle ihre Kontrakte, Vorschreibungen, Testamente, Rechnungen, .Handelsbücher, Zeugnisse, kurz alles, was eine Verbindlichkeit in gericht- und außergerichtlichen Handlungen haben soll, in der gerichtsüblichen Sprache jeden Landes bei Strafe der Nullität und Verweigerung der obrigkeitlichen Assistenz auszufertigen." Alles was also diesem Zwecke dienen konnte, wollte Kaiser Josef den Juden nicht nur gewähren, sondern auch gegen ihren Willen erzwingen. Und da der Monarch in dem Gebrauch des fremden Idioms eines der größten Hindernisse für die von ihm im Interesse des Staates gewünschte Annäherung der Juden an die übrigen Untertanen erblickte, hatte er jene auf Abschaffung der hebräischen Sprache bei allen öffentlichen Handlungen an die Spitze seiner Forderungen gestellt. Aus dem gleichen Grunde wollte erben Juden „gleich allen anderen Untertanen die Lesung aller nach den Zensurgesetzen gestatteten Bücher" zwar erlauben, dagegen sollte „die Einfuhr ihrer jüdischen Bücher von auswärts eingestellt und und sowie in Böhmen die Auflage ihrer Bücher in eigens dazu bestimmten Buchdrückereien unter der deswegen bestehenden Zensur eingeleitet und überall eingerichtet werden." Auch andere Privilegien, deren Ausführung Kaiser Josef in diesem Schreiben betrieb, wie Anlegung von jüdischen Elementar(Normal)schulen und Zulassung der Juden zum Hochschulstudium — „in den Hauptstädten wären die Vermöglichern auch nicht von höheren Schulen und, dort wo Universitäten sind, von keinem stüdio (die Theologie ausgenommen) auszuschließen" —, ferner die Beseitigung „jener demütigenden und den Geist niederschlagenden Zwcvngsgesetze, die den -Juden einen Unterschied der Kleidung und Tracht oder besondere äußerliche Zeichen auflegen," hatten keinen anderen Zweck als den Zustand der Juden wenn auch zu ihrem eigenen, so doch in erster Reihe des Staates Wohl zu verbessern. Unzweifelhaft haben aber auch Erwägungen materieller Art aus seine Entschließungen entscheidenden Einfluß geübt'. Es galt nicht nur das Geld inländischer Juden, sondern auch das ihrer im Auslande lebenden Verwandten und Freunde, wie auch ihre Begabung für den Handel, deni Staat nutzbar zu machen. In diesem Sinne schlug Kaiser Josef im genannten Handschreiben, welches durch ein Hofkanzleidekret vom '16. Mai an die Landesstellen verlautbart wurde, vor, den auf dem Lande lebenden Inden „den Ackerbau jedoch nur pachtweise besonders von unbearbeiteten und uncultivierten Land, auch kultivierte Grundstücke jedoch nicht untertäniger Kontribuenten, auf 20 oder mehrere Jahre gegen dem zu überlassen, daß alle Ackerbauarbeiten auf diesen gepachteten Grundstücken durch jüdische Hände zu geschehen hätten und wenn sie Christen würden, könnten sie auch das Eigentum derselben gesetzlich erwerben." „Da sie ersindsam sind — heißt es weiter — und leicht Compagnien stiften, können ihnen alle Arbeiten, die in Fabriken geschehen müssen und wozu besondere und kostbare Maschinen erforderlich sind, eingestanden, endlich auch alle jene Manufakturen, die als freie Arbeiten durch Gesetze erkläret sind, als Spinnen, Weben der Leinenwaren, Tastet machen, und dergleichen, zu treiben gestattet werden." *) Graetz, „Geschichte der Juden", Bd. 11, Seite 7&

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