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Wiener Morgenzeitung · 1925-08-18 · Heft 2331 (18.8.1925) · p. Seite 23

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2331 (18.8.1925)
Date
1925-08-18
Page
Seite 23 (sequence 23)
Language
German
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Wiener MorMnzettuna IS. August 1928 Seite 83 <9h. ZZW Wien, Dken'SW ,^Fch finde bei den Wischen Frauen mehr Neigung zu 'gemeinschaftlicher Arbeit und mehr bewußtes Judentum" erwiderte Miß Szold. Eine sucht der anderen bei der Arbeit zu Helsen und man marschiert vereint, statt wie vordem zerrissen und von einander abgesondert, zu wirken." Miß Szold ist mit jüdischen Flauen aller Gesellschastsschichten in reger Verbindung. Sie steht an der Spitze der größten jüdischen Fvauenovganisation der Welt. Ich wagte daher die Frage:,-Finden Sie, daß die jüdische Frau und die Mische Familie heute so stark sind wie in den guten alten Zeiten? Miß Szold überlegte eine Weile und lächelte — ein Auges, tolerantes Lächeln, das mich wissen ließ, daß sie meine Frage reichlich frech fand, mir aber doch daraus Bescheid geben werde. Dann antwortete sie mir: ,-Die jüdische Frau.ist den gleichen Einflüssen unterworfen > wie die rrichiKdrsche Frau. Änd in ihrem Heim merkt man die Wirkung der neuen Zeit ebenso Wie im nichvjüdischen Heim." ___ Mische» Leben In Men. Von Jakob Krausz (Wien), l. Delegierte und Gäste des 14. Zionistenkongresses, die auch beim UL Kongreß im Jahre 1913 in Wien anwesend waren, werden im jüdischen Leben Wiens eine Aenderung wahrnehmen, die, wie in kaum einem anderen jüdischen Zentrum der Welt, die tiefgehende Wandlung veranschaulicht, welche das jüdische Volk in den letzten 12 Jahren innerlich und äußerlich, in seinen Gruppierungen und Schichtungen, in seiner Einstellung zu den nationalen Problemen und vor' allem zur Frage des Aufbaues von Erez Israel durch das jüdische Volkdurchgemacht hat. Schon ein flüchtiger Blick auf die Struktur des 14. Zionistenkongresses belehrt uns über das Wesen und die Bedeutung der nahezu verhänignisvollen Zerstückelung der einst mächtigen jüdischen Gemeinschaft von Oesterreich. Im Jahre 1913 war Wien die Hauptstadt eines großen Reiches, innerhalb deren Grenzen ein nicht nur numerisch, sondern auch politisch und kulturell bedeutender Teil des jüdischen Volkes lebte, der im Kampfe für die bedrohten Rechte der Juden, aber auch für die Durchsetzung und Vertiefung des zionistischen Gedankens im Westen Europas einen ausschlaggebenden Faktor bildete. Diese jüdische Gemeinschaft des alten Oesterreich, deren Exponenten damals in Wien und in den Reineren Zentren, in Krakau, Lemberg, Czernowitz, Prag und Brünn, bestanden, bildeten im Jahre 1913 in ihrer Gesamtheit gewissermaßen die Gastgeber des 11. Zionistenkongresses in Wien. Heute sind die Delegierten der zionistischen Organisationen der oben angeführten Städte selbst „ausländische" Gaste in der Kongreßstadt. Manche von diesen Gästen von heute gehörten damals zu dem Stab der Hausherren. Im Jahre 1913 bildete der Zionistenkongreß eine zarge Verlegenheit für den Vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, der damals auch als Führer im jüdischen Gemeindebund von Oesterreich gewissermaßen die Repräsentanz des östereichischen Judentums darstellte. Schreiber dieser Zeilen hatte Gelegenheit, unmittelbar zu beobachten, welch schwere Sorge es dem Präsidium bereitete, sich gegenüber dem, der Mehrheit des Kultusvorstandes unerwünschten Zionistenkongreß mit Anstand aus der Affäre zu ziehen. Das jüdische Wien war damals nicht nur nicht zionistenfreundlich, sondern in seiner überwiegenden Majorität autrnational und antizionistisch. In der Kultusgerneinde war der Einfluß der oberen Schichte mrsschlaggebend, die Höherbesteuerten besaßen ein Doppelwahlrecht fiir den Kultusvorstand und übten dementsprechend ihre Macht gegen die vorwärts stürmende Zionistische Organisation, deren Ziel schon damals die Demokratisierung der Kultusgemeinde war, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln aus. In diesen Kreisen wurde die Einberufung des Zionistenkongresses nach Wien als ein Einbruch in die Hochburg der Assimilation, als ein bedenkliches, alarmierendes Rütteln des zionistischen Feindes „an den Toren des Westens" empfunden, und es galt, die ganze diplomatische Kunst der damaligen Führer der Kultusgemeinde aufzubieten, um nach außen hin nicht den Schein einxr Kapitulation der Assimilation vor dem nationalen Zionismus zu erwecken, aber andererseits, gleichfalls nach außen hin, nicht das unschöne Schauspiel zu bieten, daß die Repräsentanz des österreichischen Judentums eine so eminent jüdische Veranstaltung, wie der zionistische Weltkongreß immerhin eine war, gewissermaßen feindselig ignoriert. Die Jahreszeit war dieser Diplomatie äußerst günstig. Der Kongreß wurde auch damals im Hochsommer abgehalten, die jüdischen Machthaber von Wien weilten fern von Wien in Badeorten und Sommerfrischen und ließen sich in ihrem Sommerurlaub durch den Zionistenkongreß durchaus nicht stören. Auch die politischen Verhältnisse im damaligen Oesterreich trugen zur ablehnenden Haltung des jüdischen reichen Bürgertums gegenüber dem Zionismus bei. Jnnerpolitisch hatten.die kurz vorher auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes durchgeführten Wahlen in den österreichischen Reichsrat eine völlige Niederlage der absolut zionistischen Kandidaten ergeben. Mit Ausnahme des Czeruowitzer Abgeordneten Dr. Benno Strauch er, dessen zionistische Haltung jedoch stark angezweifelt wurde, ist von den Mitgliedern des in der vorangegangenen Legislaturperiode bestandenen jüdischen Parlamentklubs kein einziges wieder ins Parlament eingezogen. Diese Niederlage der Zionisten, an der übrigens die Wiener antinationalen jüdischen Kreise zum Teile mitschuldig waren, hat die Zuversicht der Assimilation gehoben und ihr Machtgefühl gestärkt. Dazu kam noch folgendes außenpolitisches Motiv.: Der Zionismus war damals, Was jein vorn i8. Oktober bis l8, Dezember IY2Z Genua-Port Said-Suez-Aden-Bombay-Colombo -Aderir Massaua-Fort Said-Malta-Genna. / 14tägiger Aufenthalt in Indien. / Besuche von Agra-DelM-Jaipur-Lucknow-Benares. 4t ägiger Auf enthalt auf Ceylon Preise von Mark 3000 an. / Die Teilnahme an besonders zusammengestellten Reisen in das Innere des Landes ist den Passagieren freigestellt., Dielndische Regierung hat der Reederei Viktor Schuppe für die Passagiere des die Einreise-Erlaubnis erteilt. Sämtliche Reise - Bureaus des In- und Auslandes buchen und geben Ihnen erschöpfende Auskunft. — Ferner REEDEREI VIKTOR SCHUPPE BERLIN NW 7, Dorotheemtrasse 30 Drahtans&rlft: Seeschup^e / Tel.: Zentrum 9755-59 und Unter den Linden 69 / Tel.: Zentrum 5Z2Z Endziel betraf, völkerrechtlich eine türkische Angelegenheit. Nun hatte Oesterreich gerade mit schwerer Not eine infolge der effektiven Annexion Bosniens und der Herzegowina entstandene österreichisch-türkische Krise und den türkischen Handelsboykott gegen Oesterreich, dessen Mittelpunkt das jüdische Handelsemperium Saloniki war, überwunden. Auf beiden Seiten, in dem nach der Absetzung und Internierung des Sultans Abd ul Hamid von den national-chauvinistischen Jungtürken beherrschten Osmanischen Reich wie auch in den damals schon unruhigen antisemitischen und Aerikalen Kreisen Wiens herrschte Kriegsstimmung. Die antisemitische und Aerikale Presse nützte überdies die Tatsache, daß der Handelsbohkott gegen Oesterreich de facto in den Händen der jüdischen Hafenarbeiter von Saloniki konzentriert war, zu einer maßlosen antisemitischen Hetze gegen die österreichischen Juden. Es wurde ein neuartiges Ritualmärchen von der Zusammenarbeit der östereichischen Judenschaft mit der türkischen zur Zertrümmerung des katholischen Oesterreich erfunden, und es ist für den Geist, der auch in den hohen politischen Kreisen jener Zeit geherrscht hat, bezeichnend, daß selbst Außenminister Graf A e h r e n t h"a l daran glaubte, daß es nur einer klugen Intervention der Wiener Kultusgemeinde bedürfe, um die „Glaubensgenossen" in Saloniki zu bewegen, daß sie den ihnen von der jungtürkischen Regierung aufgetragenen Boykott durchbrechen. Tatsächlich wandte sich Graf Aehrenthal durch den seither verstorbenen Historiker Dr. Heinrich Friedjung an den Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, mit dem Ersuchen, diese jüdische, diplomatische Aktion in Saloniki durchzuführen. Mit der Durchführung dieser Mission wurde ich betraut ... 2. Befanden sich im Sommer des Jahres 1913 fast sämtliche Mische iHonorationen ,-weit vom Schuß", fern van Wien, >in den lböhmischen oder anderen entfernteren Badeorten, fo faßen die zwei einflußreichsten Männer der Wiener Judengemeinde, die dem jüdischen Leben in Wien die Richtung gaben: Oberrabbiner Dr. Moritz Güdemann und Kultusp-väfident Dr. Alfred Stern, in Baden bei Wien, kaum eine Stunde Bahnfahrt vom Kongveßort entfernt. Eine, wenn auch mit Rücksicht auf den hier zu Gebote stehenden Raum nur kurze Charakteristik dieser zjwe'r Führer in Israel bietet einen nicht belanglosen Beitrag zur Psychologie des Westjudentums in den letzten Jahrzehnten vor dom Weltkrieg und dessen Einfluß aus die Entwicklung des Zionismus. Die Bedeutung Dr. Güdemanns auf Mifch-wissenschafll'ichom Gebiet sei hier nicht berührt. Sie hängt mit unserem Dhoma nur insofern zusammen, als die von ihm WÄ BsrliGe behandelten Gebiete ugnd dH Art ihrer Behandlung seine Haltung gegenüber >den nationalen Problemen des Judentums verständlicher ma chen, sie förmlich illustrieren. Güdemann war Tlpologet als Wissenschaftler, als Kanzelredner und auch als Politiker. Der Zionismus hatte keinen überzeugteren, aber auch keinen hartnäckigeren und daher gefährlicheren Gegner als Dr. Güdemann. Mit derselben Vehemenz und Unerschrockenheit, mit denen er die israelitische Religion, den Patriotismus der Juden gegen die christlichen Angriffe verteidigte, lehnte er jeden Versuch einer nationalen Renaissance des jüdischen Volkes, ein Wiedererstehen Zions aus dem Willen des Volkes ab, leugnete die Möglichkeit einer Belebung der hebräischen Sprache und ihre Entwicklung zur Volks- und Umgangssprache. Die reichen Juden, die 'sich gerne jüdische Patrizier nannten, die gesamte, vom jüdischen Volkswesen abgevückte jüdische Intelligenz von Wien und den westlichen Kronländern des Hgbsburgerreiches holten ihre Argumente gegen den Zionismus und die jüdischnatiomle Kultur aus dem geistigen Arsenal Dr. Güdemanns. Ganz anders geartet war der Kultuspräsident Doktor Alfred Stern, der im Jahre 1913 bereits sein 80. Lebensjahr überschritten hatte und bloß um einige Jahre älter war als Dr. Güdemann. Dieser alte Mann, der sich mit geradezu heldenmütiger Hartnäckigkeit dagegen wehrte, als Greis gewertet und behandelt zu werden, hatte aus feiner früheren Zeit als Gemeinderat der Stadt Wien her so etwas wie eine demokratische, liberale Tradition, die er auch in die Krlltusgememde, wo er erst als Siebzigjähriger zur wirklichen Führung zn gelangen vermochte, hineinzutragen versuchte. Neben dieser allgenrein politischen Tradition hatte Alfred Stern auch eine Mische. Er faßte sie in die Formel: Einheitlichkeit und Unteilbarkeit des Judentums" 'zusammen. Dieses sein Politisches Dogma brachte ihn sowohl zu den Extrem-Orthodoxen wie auch zu den Reformern in der Gemeinde oft in schroffen Gegensatz, weil beide Richtungen faktisch der Trennung zustrebten. Diese beiden Extreme waren und find zum Teile auch heute noch die festesten Stützen jeder antizionistischen Bewegung, und Dr. Stern, der wohl im allgemeinen ein ausgezeichneter "Kopf. mit einem scharfen Geist war, aber in keines der feine Zeit beherrschenden Mischen Probleme tiefer eingedvungen war, opferte in Fragen des Zionismus, der angeblich den Frieden im Judentum bedrohte, seine demokratische Gesinnung den beiden extremen Richtungen. In solcher geistigen Verfassung befand sich der Großteil des Wiener um»b westeuropäischen Judentums, als im Jahre 1913 der Ziouistenkongveß in Wien eröffnet wurde und die zwei alten Gemeindeführer, Dr. Güdemann und Dr. Stern, berieten Dag um Tag in ihrer Badener Sommerfrische über das ernste PvöbleMt wie man am angemessensten über dieses v mssm

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