Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2331 (18.8.1925)
- Date
- 1925-08-18
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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/■gft ZW Men, DdmSW " Die Mische StedLungSarbeit in Palästina kann nur gedeihen, wenn ein Instand als erstrebenswert ins Auge geffrßt wird, worin die Araber, die in Palästina leben, volle nationale Selbstberechtigmrg und Freiheit genießen und ihre Zukunft und EnöwicklungsmöglichkeA mit der Zukunft Palästinaverbunden wissen. Palästina muß daher ein Nationali- . Menstaat sein, wo zwei Völker völlig gleichberechtigt ihve Heimat finden und wo keines dem anderen Einschränkungen mHevlegen darf. Nur eine solche Entwicklung kann Palästina « de» Kämpfen, die im vorderen Orient bevorstchen, neutvalGeren und den Bestand der jiddischen Siedlung sichern. Der Staat darf in Palästina kein nationalpolitifches Instrument sein, ebensowenig wie er es in der Schweiz ist. Mehrheit und Minderheit in einem solchen Staate ist dann zwar noch ein zahlenmäßiger, aber kein machtpolitischer Bogvbff mehr. Der Begriff der Majorität verliert dann auch seine B>ederünng. Nicht auf die Zähl kommt es dann <m, sondern auf dke kulturelle Jntensivitat und sozial wirtschaftliche Gesuudheit. Die Frage, ob Masseneinwanderun-g und ungeordnete Uebevnahme der europäischen Struktur der Mischen Wirtschaft, oder ob systematische landwirtschaftliche SiedlungSaribert d& Grundlage der jüdischen Wirtschaft in Palästina, ein notweMgeriweilse sehr langsamer Prozeß, vovzu-ziehen sei, gewinnt von diesem Standpunkt aus die Möglichkeit einer sicheren und unzweideutigen Antwort. In Berbindung mit der Zielsetzung, Palästina als das gemeinsame Heimland zweier Nationen anfznlbanen, stcht die Ausgabe, schon jetzt an die Ausarbeitung staatSvechMchor und verfassungstechnischr Formen zu schreiten. Bei der allgemeinen Tendenz nach Denwkratisierung und Einführung eines Derfaflungslebens, die im Orient in unserer Zeit herrscht, wird sich die Gewährung konstitutioneller Formen in Pcckästina nicht lange hinausschieden Lasten. Unabhängig von der Frage, wer zu einer gegebenen Zeit in Palästina zahlenmäßig die Mehrheit hat, müssen Wege gefunden werden, um die volle Gleichberechtigung beider Völker und ihre volle Autonomie in ihren Angelegenheiten zu wahren. Als ein Beispiel aus ähnlichen .Verhältnissen sei hier die Bestimmung des allindischen nationalen Kongresses angeführt, der Hindu urid Mohammedaner «umfaßt zwischen denen feit Jahrzehnten Feindschaft herrschte, daß kein Gesetz angenommen worden kann, gegen «das entweder drei Mertel der Hindu oder drei Mertel der Mohammedaner geschloffen stimmen. Girre andere Möglichkeit ist die, die in den Vereinigiten Staaten eingeführt wurde, wo das Unterhaus a»S Vertretern der einzelnen Staaten nach ihrer zahlenmäßige» Bevölkerung, das Oberhaus dagegen aus einer gleichen Anzahl von Vertretern jedes Staates zusammengesetzt ist, ungeachtet besten, ob dieser Staat viele Millionen oder nur einige Hunderttausend Bewohnet zählt, und gewisse wichtige Fragen dem Oberhaufe Vorbehalten sind. Es wird Aufgabe eines eingehenden Studiums und späterer Verhandlungen fern, für Palästina entsprechende staatsrechtliche Formen zu finden. - 3. Es find aber nicht nur politische Klugheit und die harten Tatsachen der Wirklichkeit, die uns zwingen, in Palästina die Herbeiführung eines Zustandes anzustreben, in dem zwei Völker völlig gleichberechtigt miteinander leben. Es war schon Herzls Evkenntis, daß die zionistische Bewegung ihr Ziel nur mit der Unterstützung und der Sympathie der allgemeinen .öffentlichen Meinung erreichen kann. Er hat mich in seinem ,/Äl-tnerrland" ein Zukunftsbild entworfen, wonach in Palästina alle Menschen ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens in Havmon>ie Zusammenleben und nach dem Besten der Menschheit streben. Aber nicht nur diese Rücksicht auf die Gewinnung der Sympathien der anderen Völker soll der Antrieb sein, das künftige Gemeinwesen auif der Grundlage der Weichheit und Gerechtigkeit anfßnbanen, unsere ganze Geschichte verpflichtet uns dazu. Ein jndischs Heirnland, worin die Majorität eine arabische Minorität auch nur im geringsten unterdrückt, das bis an die Zähne bewaffnet ist, um den Gegner .im Innern und den Feind ringsum niederzrchalten und abzuiwehren, wäre bodentmlgs'los für die Menschheit. Es wäre aber auch ein Verrat an unserer Geschichte und an unserem Wesen. Es wäre ein Staat, in dem hebräisch gesprochen wird, aber in dem keine der großen Traditionen des Ju-dentums lebendig geblieben sind. In einer Welt der Machtgier, wo ein jeder ohne Rücksicht auif den nächsten nur sich auszuleben trachtet, haben wir mrs seit den Tagen der Propheten von dem Streben nach Herrschaft und Macht abgowanldt und unsere Kraft in dem Geiste gesucht. Ms wir das Land verloren, behielten wir das Buch. Wir haben gelernt, daß Worte der Weisheit mächtiger und bleibender sind als Daten des Schwertes. Wollten wir das Land wiedergewinnen und das Buch verlieren, so hätten wir ums selbst das Urteil gesprochen. Das arabische Problem in Palästina kann nur gelöst werden, wenn es gelingt, Palästina zu einem Gemeinwesen zu machen, worin beide Völker gleiche und volle Befriedigung finden. Diese Lösung liegt auch in der Richtung, die uns unsere ganze Geschichte weist. Hugo Bergmann schrieb bereits 1911 in seiner Betrachtung über die Araberfrage: „Es zeigt sich in dieser einen wie in allen anderen jüdischen Fragen, daß ein Ausweg aus dem Wirrsal unseres Daseins nur gefunden werden kann, wenn wir uns auf das Grundwesen des Judentums besinnen." Die endgültige Lösung dieser und der gesamten Judenfrage wird aber erst in dem Augenblicke kommen, wo die menschlichen Gemeinschaften erfüllt sein werden von dem Wesen und der Kultur ihres Volkes, tvo aber Volk nicht mehr eine äußere politische Trennnngslinie zwischen ihnen bedeutet. Bis zu diesem, nicht mehr so fernen Zeitpunkte heißt es aber, die Reibungsslächen zwischen den Völkern zu vermindern und keine neuen Scheidewände von Bitterkeit, Haß und Furcht aufzurichten. Dies gilt nirgendwo mehr als bei den zwei Völkern, die für immer dazu bestimmt sind, in einem kleinen Lande, mit dem sie bMe W-ayMUch verbunden sind, zusammen zu lebeu, ' Wkeirrr MoiMnzettuirs_ Reue Lebensströme in ßrez gsrael. Zur Ren«issuncebewegunst im Thorajudentum und Chassidismus. Von Dr. Chatm Tartakower. In zwei Strömen ergoß sich 'bekanntlich der originale jüdische Geist in das jüdische Volksleben. Der eine in Form des Gesetzes: Der entsprechenden Teile der Bibel, der Mrschna, ides Talmuds, des Schulchan-Aruch. Dieses geschriebene Gesetz war lebendigstes Leben, errichtete einen gewaltigen Lebensbau. Ein Beispiel: Stein an Stein fügte das jüdische Gesetz durch viele Generationen, bis jenes göttliche Geschenk des Sabbats erstand, der dem jüdischen Volk eine unerschöpfliche Quelle von Leben, geistigen Genüßen, Mut und Glauben für den düsteren Alltag gewährte. Und dieses Gesetz wurde vom Volke freiwill ig auf sich genommen, denn. es stand dahinter keine Zwangsgewalt wie hinter den Gesetzen der anderen Völker. Dieses ,/trockene" Gesetz, ebenso wie dessen Studium, bereitete durch Jahrtausende all den Generationen nnseres Volkes höchsten geistigen Genuß, es bildete die innere Festung des Judentums gegen den Ansturm der äußeren Feinde. Der zweite Strom jüdischen Geistes ergoß sich in Form der,Mgadah" (um den Terminus von Bialik zu gebrauchen): der erzählenden Teile der Bibel, des Midrasch, der Kabbala, des Chassidismus.- Erwird dadurch chavaktevistert, daß er Nahrung dem Gemüte bot, die Quellen der Schönheit der Natur, der inneren geistigen Welt unserem Volke erschloß. Er bemühte sich, den Schleier der unbekannten Welten wegzugiehen, um'uns den Mick in das Ewige, Göttl'iche, Unevforschliche unseres eigenen Lebens und der Welt zu offenbaren. - *- Diese-beiden Welten, die. des Gesetzes und-der Agadach, käurpften oft - wirklich, oft scheinbar miteinander, aber sie beherrschten, unser Volksleben und' sie mündeten schließlich in die .Sehnsucht - nach, Wiedervereinigung von - Volk und Land.. Ja, die Träger dieser Welten waren die ersten, die die Kolonisation Palästinas in die Wege leiteten. Natürlich nicht Programmäßig, aber faktisch. Sie schufen die yf . i &.vh' Rabbi jeclieskiel Taub. jüdischen Städte in Palästina, die ersten Stützpunkte für unser modernes Kolonisationswerk. Aber auch programmatisch stehen Männer des alten Judentumes unter den ersten Schöpfern des Zionismus. Ms Vertreter des Gesetzes Rabbi Hirsch Kal i scher und Samuel Mohilewer, als Vertreter der ,/Slga,dah" Rabbi Mjahu Gutmacher, Dr. Chaim Lurie. Als 'dann der politische Zionismus einsetzte und unter feinem Einflüsse jene Ehaluzbewegung des jüdischen arbeitenden Menschen entstand, wie er in „Hapoel Haizgir" seinen Ausdruck erhielt, wurde das alte Judentum fast völlig still. In seiner großen Maste stand es indifferent, oft sogar feindlich dem modernen Zionismus gegenüber. Es hatte den Anschein, als ob jene gewaltigen Kräfte unseres Volkes im völligen Versiegen sich befänden. •i» Und doch mußte es jedem denkenden Juden klar sein, daß es eine völlige, weitreichende Renaissance auf dem Boden unserer alten Heimat nicht geben könne, wenn jene Mächte äbseits stehen werden. Es gibt keine Sprünge in der Geschichte. Ist der Zionismus jene Kraft, die das Judentum zu revolutionieren, ihm neue Wege zu weisen vermag, so muß es stark genug sein, auch in jene alten jüdischen Festungen einzudvingen. Um es jedoch gleich zu sagen: Nicht um sie zu zerstören, sondern um ihnen einen Strom neuen Lebens zuzuführen, den sie ebenso benötigen wie das moderne europäisierte Judentum. Und es ist unserer Zeit befchioden, Zeuge dafür zu sein, wie mächtig der Einfluß des schöpferischen Zionismus aus die wirklich breiten Masten unseres Volkes wird. Wenn ich schöpferischen Zionismus sage, so meine ich nicht den des bloßen Bekenntnisses, sondern den, der die Kraft besaß, aus dem jüdischen Vermittler den Chaluz, den. Erbauer des jüdischen Palästina, zu schaffen. Von beiden Lagern des alten Jndentu-mS erhält unsere Botvegung Sukkurs, von den Juden des Gesetzes und den Chassidim. * Id. MWst iMr SMe Sk Chassidischer Kolonist Ich habe vor kurzer Zeit Erez Israel wiedergeschen. In Hebron lernte ich die Slob odkae r Jeschiwa kennen, die Nachfolgerin der berühmten Woloschiner Jeschiwa. Sie hat zirka 40.000 Jünger in die Welt entsandt. Ich sah die Jünger, ich sprach manche von ihnen, ich lernte den Leiter derselben, Rabbi Epstein, kennen. Etz war ein großes Erlebnis, es >war, mir vergönnt, einen Blick in jene große jüdische Geisteswelt zn tun, und ich hatte die lebendige Empfindung: Diese Welt hat uns noch so manches zu sagen. Diese Jeschiwa wurde bewußtermaßen nicht nach Jerusalem verlegt, weil-sie mit der religiösen Politik nichts zu tun haben wollte. Sie ging nach Hebron, um in dieser Stadt den jüdischen Jischnw zu stärken, refp. zu erhalten, denn er drohte dort ganz zu erlöschen. Den Jüngern der Jeschiwa ist jede geistige Beschäftigung gestattet, ausgeschlossen und verboten — das einzige Verbot übrigens — ist jede Poliükmacherei. Leiter und Jünger fühlen in sich die Mission, das Studium der ,^Thora" selbst zu pflegen und für dessen. Verbkeitung zu sorgen. Sie sind davon fest überzeugt, daß das Judentum ohne lebendige Beschäftigung mit.dem „Lichte der Thora" keine Existenzberechtigung habe. Sie glauben ruhig und fest an den sittlich veredelnden Einfluß der Thora auf das alltägliche Leben. Sie haben das Bedürfnis, für die Thora durch das geistige Mittel der Beschäftigung mit ihr jene Kreise unseres Volkes zu gewinnen, die ihr den Rücken gewandt. Es möge erwähnt werden, daß Rabbi Epstein vor zirka 40 Jahren mit zu den Gründern der Kolonie Chedevah gehörte, da ihm vorschwebte, Thora mit physischer Arbeit zu vereinigen. Es ist selbstverständlich, daß die hebräische Sprache in dieser Jeschiwa, resp. in ihren Jüngern lebt, wenn auch der Unterricht noch in Jüdisch erfolgt (sie sind erst zirka ein halbes Jahr im Lande). Die Jünger sind europäisch gekleidet. Die Beschäftigung mit moderner hebräischer Literatur, das Lesen der Erez-Jsrael-Presse ist selbstverständlich, denn die Leiter der Jeschiwa sind daran interessiert, daß ihre Schüler das jüdische Leben kennen. Die Jünger sollen in ihr alltägliches Leben den Rnach Hatorah (den Geist der Lehre) mitnehmen. * Biel klarer und offenbarer ist der Einfluß des Zionismus auf die Chafsidim, die Träger der zweiten Mischen Geistesrichtung. Was hier vorgeht, rührt an das Tiefste unserer Volksseele. Wir stehen vor einer der gewaltigsten Erscheinungen unseres nationalen Lebens. Ist die Erscheinung des jungen Chaluz Wunder genug, so erscheint das Phänomen des chaffidischen Familienvaters beinahe unfaßbar. Männer im reifen Alter geben ihre bisherigen leichten Berufe auf, begeben sich mit Kind und Kegel nach Evez Israel, nicht um Del- Awiw oder andere Städte zu bevölkern, sondern gehen aufs Land, um hier ein neues schweres Leben zu beginnen. Und auch hier gehen sie nicht in die bereits bestehenden Siedlungen, sondern haben den Ehrgeiz, sumpfiges Land in fruchtbares umzu wandeln. Reife Männer und Frauen errichten sich mit eigenen Händen sogenannte Baracken (in Wirklichkeit find es aus Kisten hergeftellte Verschlage) und Jung und Alt führt die Entsumpfungsarbeit durch. Mit der Bibel Mgt man: ,-Wer hat mir diese geboren?" Vor und nach der Arbeit wird mit derselben Selbstverständlichkeit .gebetet und gelernt, mit welcher gearbeitet wurde. Und bewunderungswürdig ist der Geist, in 'dem die Arbeit getan wird: Man hat das Gefühl, daß sich jahrhundertealte ,/verdrängte" Energien entladen, als ob diese Menschen auf der Suche nach einem Lebensweg waren» den sie endlich, endlich gefunden. Man erinnert sich Mlwillkürlich an die Schöpfer des Chassidismus, die alle ein WDjches Verlangen, danach trugen, m Evez Israel zu