Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1925-08-18 · Heft 2331 (18.8.1925) · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2331 (18.8.1925)
Date
1925-08-18
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2979076-2981191-2981417--23686-3014550
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. ML _Wen, Dienstag_ Sas Bild des Kongresses. 4 Von Adolf Pollak. ,^Jn diesem Kongresse schaffen wir dem jüdischen Volk ein Organ, das es bisher nicht hatte, das es aber dringend, zum Leben dringend braucht." Theodor Herzl. In.-den achtundzwanzig Jahren, die seit dem ersten* lBafler Kongreß verstrichen sind, hat die höchste Jnstitujtiou unserer Bewegung vielfache Wandlungen erfahren. iJueiner Beziehung ist aber der Kongreß das geblieben, was er vom Anfang an war und als was sein Schöpfer sich ihn gedacht hat: Die sichtbarste irnd repräsentativste Manifestation des Zionismus und die stärkste Betonung des jüdischen nationalen Lebenswillens. Unabhängig von seiner unverlierbaren Wirkung in der Vergangenheit und von seiner heutigen politischen oder praktischen Bedeutung ist der Kongreß eine Erscheinung von stärkstem Interesse und seltenem Reiz für jeden, der Gelegenheit hat, daran teilzuuehmen. Schon seine Zusammensetzung und die Art seiner Teilnehmer machen ihn zu einem Ereignis von ungewöhnlicher Art. Kaum ein zweiter, interterritorialer Kongreß dürfte eine solche Mannigfaltigkeit und Differenziertheit unter seinen Delegierten, Journalisten und Gästen aufzuweisen haben, wie der Kongreß der Zionisten. Alle Länder der Welt, wo Juden wohnen, sind bei diesem Kongreß vertreten. Darunter gibt es Delegierte und Gäste, die eine wochenlange mühsame und kostspielige Reise nicht scheuen, um am Kongreß teilnehmen zu können. Wiener Modenzeitung Auch der Außenstehende, sofern er nicht vom Vorurteil befangen ist, kann sich der Wirkung nicht entziehen, die diese einzigartige Tagung auf alle Teilnehmer austtbt. Menschen, aller Länder, Kulturen und Klassen, die sonst durch Welten voneinander getrennt sind, vereinigen sich hier in ernster, manchmal leidenschaftlicher Beratung und sachlicher Arbeit und alle streben sie einem großen Ziele zu. Selbst alte Kongreßbesucher, die alle früheren Kongresse mitgemacht haben, unterliegen immer wieder dieser Wirkung, denn es gibt im Kongreß Augenblicke, wo jeder etwas vom Hauch eines großen Geschehens verspürt. Bald ein Menschenalter wird unser Kongreß bestehen und die Jahre sind auch am äußeren Bild des Kongresses nicht spurlos vorübergegangen. Die ersten Kongresse waren in ihrer äußeren Erscheinung ein Bild der jüdischen Jugend. Aber aus den Jünglingen von 1897 sind inzwischen grauhaarige Männer geworden. Der Siegeszug der zionistischen Idee hat ihre Reihen verstärkt und wenn auch die jüdische Jugend von heute im Kongreß nicht fehlt, so tritt sie doch äußerlich nicht mehr so stark in die Erscheinung wie in der Jugendzeit der Bewegung. Auch in anderer Beziehung hat sich das Bild des Kongresses verändert. Die gewaltige Umwälzung, die der Weltkrieg im Leben des jüdischen Volkes hervorgerusen hat, findet ihren Reflex auch in der Zusammensetzung des Kongresses und der in ihm vertretenen Länder. Rußland, das einst durch seine Landsmannschaft einen so breiten Raum im Rahmen des Kongresses eingenommen hat, ist in seiner Gesamtheit nicht mehr vorhanden und an seine Stelle sind eine ganze Reihe anderer Länder getreten. Palästina, früher kaum durch einen oder zwei Delegierte vertreten, nimmt heute eine — wenn auch nicht zahlenmäßig ausgedrückte — so doch dominierende Stellung im Kongreß ein. War es früher fast nur Objekt, so ist es heute im hohen Maße Subjekt des Kongresses geworden. Die sogenannten Landsmannschaften, aus denen sich vor dem Kriege der Kongreß fast ausschließlich zusammensetzte, sind schon bei den letzten zwei Kongressen gegenüber den Fraktionen stark in den Hintergrund getreten. Dadurch hat der Kongreß auch äußerüch ein parlamentarischeres Gepräge erhalten und wie in anderen Parlamenten gibt es bei uns eine Rechte, Linke und ein Zentrum. Und doch wäre es falsch, den Kongreß ein Parlament zu nennen, vielmehr könnte man ihn mit'einer Nationalversammlung vergleichen. Ja, er ist die Vertretung einer Nation, die erst im Werden ist, einer Nation, die ihre Wiedergeburt aus allen Gebieten des Volkslebens vollzieht und die alle zwei Jahre durch ihre gewählten Vertreter sich unter Oeffcntlichkeit Rechenschaft über ihr Tun ablegt. Auch der verbissenste Gegner unserer Bewegung kann nicht bestreiten, daß wir in den achtundzwanzig Jahren, seitdenr Theodor Herzl unserem Volke die jüdische Tribüne errichtet hat, ein großes Stück weiter gekommen sind. Wohl demonstrieren wir auch heute durch unsere Weltkongresse um der jüdischen und nichtjüdischen Oeffentlichkeit zu zeigen, daß der Zionismus lebt und daß er zur stärksten Potenz im jüdischen Leben geworden ist. Aber der Zionistenkongreß ist längst nicht bloß eine Demonstration, denn wenn er auch nur alle zwei Jahre für eine kurze Zeitspanne Zusammentritt, so zeigt er der Welt mehr, als eine Heerschau über die Stärke der zionistischen Bewegung. Aus den Ideen Einzelner und den Forderungen, die eine kleine Schar von Menschen vor achtundzivanzig Jahren erhoben hat, sind inzwischen Realitäten geworden, die in der Welt der Tatsachen ihre Geltung gefunden haben. Die stärkste Realität ist das jüdische Palästina mit seinen wachsenden Städten, blühenden Kolonien, der auflebenden hebräischen Sprache und seinen arbeitenden Menschen. Diese Realitäten, von denen unser Kongreß ein klares und umfassendes Bild gibt, sind die stärkste Grundlage für die weitere Existenz des jüdischen Volkes in der Gegenwart und für sein schöpferisches Leben in der Zukunft. lm Hofe des Technikums in Haifa. Die Entwicklungsgeschichte der Zionistenkongrcsse ist zugleich die Geschichte der politischen Neuorientierung des nlvdernen Judentums. Die Kongresse sind als Ausdrucksform des politischen Zionismus gleich diesem seit dem Untergang des jüdischen Staatswesens die einzige politische Aktivierung des Judentums. Waren bis zum Auftreten des politischen Zionismus jüdische Gesamtheit und jüdisches Individuum Objekte des politischen Geschehens der Umwelt, ihre Reaktionen nur apologetisch-abwehrend und durch Anpassung scheinbar einfügend, von der jeweiligen nmweltigen Konstellation abhängend und ihr sklavisch Rechnung tragend, so wurden sie durch den politischen Zionismus Träger ihrer eigenen Geschicke, Subjekt der Politik. Das ist die Revolution, die der politische Zionismus für das Judentum und für die von der Judenfrage tangierten Völker bedeutet. Die abgehaltenen dreizehn Zionistenkongressc sind das Bild der revolutionären politischen Neuorientierung des jüdischen Volkes von romantisch-imaginären Anfängen bis zu einem realen weltpolitischen Faktor und der völligen Umgestaltung des jüdischen Volkes. Die ersten sechs Kongresse standen unter dem Eindruck der Führerschaft Theodor Herzls, seines politischen und organisatorischen Genies. Die Schaffung der Kongreßinstitution ist Herzls unvergängliches Werk. Damit war der Gedanke der interterritorialen Einheit des Judentums („wir sind ein Volk, e i n Volk") und seiner Fixierung als einem politischen Begriff manifestiert. Die bedeutsamsten Kongresse der Herzlschen Periode des politischen Zionismus waren der erste und der sechste. Der erste durch seine Grundsteinlegung zum zionistischen Organisa- Ihr Mann muss seine Nerven von Grund aus besser ernähren, geben Sie ihm sechs Wochen lang regelmässig UWMhil das altbewährte, durch mehr als 24.000 schriftliche Gutachten hervorragender Ae r z t e empfohlene Körperkrästigungs» und Nervennährmittel Sanatogen schafft einen Kräftevorrat, aus dem jeder Mehrverbrauch an Körper- und Nervenkraft ersetzt werden kann. ES ist vielfach preiSgekrön« und auf dem Internationalen Med zwischen Kongreß London 1913 erhielt eS r en Großen Preis als einziges Präparat in der Gruppe der N ä h ru n d Kräftigungsmittel. Probe und aufklärende Druckschrift über Sanatogen als Kräftigungsmittel für Nervenleiden'e „ Lungenleidende „ Magen- und Dann kranke „ Frauen und Kinder „ Wöchnerinnen bei Bleichsucht und Bluta>mut „ Ernährungsstörungen „ Schwächeznstüuden aller Art 149 auf Wunsch kostenlos und postfrei durch Bauer & Cie., Berlin SW48, Friedrichslr 231 Sanatogen ist tn bekimnter Güte in allen Apotheken und Drogrrten erhätitich. 18. August 1925 Seite 19 tionsbau, der sechste durch die Gefährdung dieses Baues. Die dazwischen liegenden vier Kongresse zeichnen sich durch den Aufbau der Organisation, die Schaffung der grundlegenden Finanzinstitutc, die Formierung einer autoritativen politischen Leitung, die Propagierung des Zionismus und die unermüdliche Appcllieruug an die Massen des jüdischen Volkes aus. Diese erste Kongreß- Periode Unter der Führung Herzls war gänzlich eingestellt auf die politische Arbeit der Erringung des Charters für Palästina und auf die Hoffnung des nahen Erdiges. Wenn dieser allch ausblieb, so hat diese Periode aber das gewaltige Verdienst, jüdische Angelegenheiten zum ersten Male in die Hände des jüdischen Volkes gelegt und sie vor das Forum der internationalen Politik getragen zu haben. Wenn auch die zionistische Ideologie in der Folgezeit sicherere und bestimmendere Formeu annahm, vor allem den Komplex der jüdischen Kulturwerte miteinbczog und sich selbst jüdisch-geistigen Inhalten anpaßte, so blieb doch der Blick auf die Totalität der Judenfrage derselbe, wie in dieser ersten Formungsperiode des politischen Zionismus. Der außenpolitische Erfolg blieb diesen Kongressen versagt, und da sie ganz auf ihn eingestellt waren, so war die Folge die ergreifende Tragödie des Führers, der diese Periode durch seinen frühzeitigen Tod beschließt. Der erste Kongreß, der in Basel vom 29. bis 31. August 1897 tagte, gipfelte in der Proklamation: Der Zionismus erstrebt eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina. Seine geschichtliche Bedeutung liegt in der Konstituierung der Zionistischen Organisation und in dem unschätzbaren moralischen Wert, der in der Tatsache liegt, daß sich hier ein seit 2000 Jahren zerstreutes Volk nach langer Zeit wieder zusammengefunden hatte. Das jüdische Bewußtsein war auf diesem Kongreß wach geworden in den Worten des Führers. „Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland." Die folgenden vier Kongresse (nach jedem Jahr fand einer statt, erst nach dem fünften nach jedem zweiten Jahre), von denen drei in Basel stattfanden (28. bis 31. August 1898; 15. bis 18. August 1899; 26. bis 81. Dezember 1901) und einer in London (13. bis 16. August 1900), waren beherrscht von der Stellungnahme zu Herzls politischen Verhandlungen mit den Weltmächten und dem Sultan, vom Aufbau der Organisationsformen, die mit unwesentlichen Abweichungen auch heute noch dieselben sind, und von der Schaffung der Finanzinstitute der Organisation, der Jüdischen Kolonialbank (im März 1899), deren Tochtergesellschaft, der Anglo Palestine Company und des Jüdischen Nationalfonds (auf dem fünften Kongreß), der für die Zukunft von größter Bedeutung wurde. Der sechste Kongreß (wieder in Basel, 23. bis 28. August 1903) brachte den Uganda-Konflikt und mit ihm die Gefahr der Zerstörung der mühselig aufgebauten Organisation. Die Zeit zwischen dem sechsten und siebenten Kongreß war die denkbar unglücklichste. Der Führer starb, die Meinungsverschiedenheiten über das Uganda-Projekt nahmen die schroffsten Formen an. Von da ab beginnt die Tendenz im Zionismus überhaupt und auf den Kongressen eine andere zu werden. Nicht nur die äußere Lage der Juden, ihre verzweifelte ökonomische Situation, wird in den Bereich des radikalen Umgestaltungswillens gezogen, sondern auch die innere Not des jüdischen Volkes, seine kulturellen und geistigen Nöten. Die Erkenntnis greift Platz, daß die Arbeit in der Galuth und die Inangriffnahme der palästinensischen Kolonisation noch vor der Erreichung eines Charakters eine Notwendigkeit sei, ebenso die Pflege der hebräischen Sprache und ihre Verbreitung. In den Bereich der zionistischen Tätigkeit tritt auch die Laudespolitik. Der Zionismus beginnt alle Zweige des jüdischen Lebens zu umfassen. Es bilden sich Verbände zur Erfassung der Orthodoxie (Misrachi) und des Proletariats (Poale Zion). Diese Verbände schaffen allmählich neue Situationen auf den Kongressen. Die zionistische Theorie vertieft sich immer mehr und findet ihren Niederschlag auf den Kongressen. "Der siebente Kongreß (vom 27. Juli bis 2. August 1905 in Basel) lehnt das Ostafrikaprojekt ab. Die Zang- Will-Gruppe tritt aus und bildet die territorialistische Organisation. Praktische Palästinaarbeit wird beschlossen. Der Kampf zwischen „Praktikern" und „Politikern" beginnt. Die Politiker lehnen eine Palästinakolonisation ohne vorherige politische Garantie (Charter) ab. Wolfsohn wird Präsident der Organisation. Dieser siebente Kongreß bedeutet die Ueberwindung des Uganda-Konfliktes und die endgültige Festlegung Palästinas als dem einzigen Land, das als politisches und kulturelles Ziel für den Zionismus in Betracht kommt. Der achte Kongreß (14. bis 21. August 1907 im Haag) war das Feld des Entscheidungskampfes zwischen Praktikern und Politikern. Die Diskussion bewegt sich um die Frage der Palästinaarbeit. Auf ihm wird der sogenannte „synthetische" Zionismus geschaffen, das ist die Synthese zwischen politischem und praktischem Zionismus. Weizmann tritt auf diesem Kongreß als Führer der Praktiker auf. Von diesem hochbedeutenden Kongreß datiert die Verschmelzung von praktischem und politischem Zionismus, eine glückliche Kombination, die den Zionismus zu dem machte, was er heute ist: die politische nicht weniger als die kulturelle Wiedergeburt des jüdischen Volkes. Der achte Kongreß proklamierte auch die hebräische Sprache als die Sprache des jüdischen Volkes. Die praktische Arbeit der Zionistischen Organisation in Palästina begann. Der neunte Kongreß (26. bis 30. Dezember 1909 in Hamburg) bringt ein neues und letztes Aufflackern der Kämpfe zwischen Praktikern und Politikern und iyqx, beherrscht von der Schwierigkeit, eine Leitung zu bilden. Erst der zehnte Kongreß (9. bis 15. August 1911 in Basel) bringt die Lösung und eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.