Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2331 (18.8.1925)
- Date
- 1925-08-18
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981417--23681-3014545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- "F; v. FF ro »ent t wwBgii|Hnnn 18. Äk. 8988 ‘«O>MM- >>' "..' 'ZM." '-', <.,?* O^7 < Chaluzlm beim Strassenbaa. - ' t ..,, •:* f>* Gerte 14 Wien, ZHenStag Sie lanvlvirtschastliche Kolonisation -er zionistischen Srganisation. Bon Dr. Artur Ruppin. Im Berlage ,D«r Aufbau*', Berlin W. 16, Meinekostraße 1V. erscheint in den nächsten Tagen ein neues Werk von Dr. Ruppin Mer die IcmwvirlschaMche Kolonisation der Zionistischen Organisation in Palästina. Das umfassende, außerordentlich instruktive neue Buch erscheint noch rechtzeitig vor dom 14. Kongreß ltttb wird sicherlich einen wertvollen Beitrcm zu den Dismssione« deS KongresieS liefern. Durch das Entgegenkommen des Verlages sind wir in der Lage, das Schlußkapitel des Werkes „Rückblick und Ausblick*' im folgenden zu veröffentlichen. Rückblick und Ausblick. Was die Zionistische Organisation in der landwirtschaftlichen Kolonisation in den letzten 15 Jahren erreicht hat, laßt sich kurz wie folgt Mfrmmenfassen: 1. Systematische Assamerurvg dev Siedlungen vor dar definitiven Besiedlung; 2. Wasserversorgung durch WaffeÄeiknrg in die Häuser der Kolonisten; 3. Anlage von Haussierten Wegen zur Verbindung mit dem nächsten BerkehrÄnotenPunkt; 4. Anlage der Siedding nach einem modernen, der Landwirtschaft angepaßten Lageplan; 6. Anpflanzung von Obst- und Waldbäuweu in oder neben jeder Siedlung; 6. Vermeidung kleiner Ansiedlungen Kigunsten großer Ansiedlungen von 30 bis 100 Familien; 7. Einführung von besseren Milchviehraffen aus Beimt, Damaskus, Holland; Kreuzung und Hochachtung der einheimischen (arabischen) Kuh; 8. Einführung guter Hühnerrassen aus Amerika und Europa; Selektion aus der einheimischen Hühnervasse; 9. Einführung der Bienenzucht. 10. Einführung neuer Fruchtbäume und Tafeltrcvuben aus Frankreich; verstärkte Anpflanzung von Waldbäumen; 11. Beginn der Kultur der Luzerne, des Sudangvases und anderer Futterpflanzen; 12. Errichtung einer landwiröschaftlichen Versuchsftatron mit Versuchs-- und Demonstvationsfekdern in mehreren wichtigen Diedlungsgentren; 13. Fortgesetzte Belehrung der Siedler durch Entsendung van landwivvjchaftLichen Instruktoren und Spezialisten; 14. Kontwlle der Buchführung und Wanderbuchhalter; 16. Landwirtschaftliche E^iohung der Mädchen. Mer diese Liste wäre nicht vollständig, wenn man nicht auch erwähnen würde den gewaltigen Fortschritt, der in der gesamten seelischen Einstellung der Ansiedler zu der Landwirtschaft erfolgt ist. Der mehr als lockere Zusmnmenhcmg, den die Kolonisten in den alten Kolonien mit der Landwirtschaft hatten, die Geringschätzung der eigenen manuellen Arbeit und die Ueberlassung dieser Arbeiten an nichtjüdische Lohnarbeiter ist ersetzt worden durch eine enthusiastische Liebe zur landwirüschafklichon Arbeit. Der Mangel jeder landwirtschaftlichen Erfahrung und der Mangel an wirtschaftlichem Sinn ist bis zu einem gewissen Grade behoben worden, und wir haben in den neuen Siedlungen einen erheblichen Prozentsatz von Landwirten, die der Landwritschaft eines jeden Landes zur Ehre gereichen würden. Nach Dutzenden höchstens zählten vor 15 Jahren diejenigen, die Lust zur landwirtschaftlichen Arbeit und landwirtfchaMche Kenntnisse befaßen; nach Tausenden zählen sie jetzt. Trotz dieses unzweifelhaften gewaltigen Fortschrittes wäre es absolut falsch, wenn wir uns in dem Wahn wiegen wollten, als ob wir bereits jetzt der Vollendung nahe feien. Es werden noch Jahre und vielleicht noch -Jahrzehnte vergehen müssen, bis wir sagen können, daß wir am Ziele angelangt sind. Die Landwirtschaft ist zurzeit in der ganzen Welt in einer schwierigen Lage, und auch die jüdische Kolonisation in Palästina wird in der Konkurrenz mit anderen Ländern dauernd vor neue Probleme gestellt werden. Die Erringung der EMtrng -wird immer ein Kampf des Menschen mit dem Boden sein. Die Siedler werden auch immer der Versuchung ausgesetzt werden, zugunsten ihres individuellen Wohlergehens Prinzipien, welche im Interesse des nationalen Echarakters der Kolonisation nötig sind, zu vernachlässigen. Wir müssen uns auf Jahre hinaus auf einen Gegensatz zwischen individuellen und natioMen Interessen gefaßt machen und Maßnahmen treffen, um den nationalen Interessen das Ueberyowicht zu sichern. Wir sind also noch weit davon entfernt, daß wir uns wegen deS Schicksals der lanidwivtschfllichen Kolonisation bereits in Ruhe wiegen können. Aber über diesen Mängeln und Gefahren können wir doch das eine mit Sicherheit sagen, daß wir heute in der Landwirtschaft viel weiter sind als vor 15 Jahren und daß einige unserer neuen Siedlungen uns aller Wahrfchornlichkeit nach schon in wenigen Jahren durch die Tatsache ihres materiellen Gedeihens und durch die Stärke nationalen Geistes den faktischen Beweis dafür liefern werden, daß unsere Bemühungen gelungen sind. Und hierbei ist es wichtig, hervorzuiheben, daß, wenn in einer Wemcrtischen Beichuchsreihe erst der vierte oder fünfte Versuch gelingt, damit auch die früheren mißglückten Versuche gerechtfertigt werden, denn ohne sie wäre auch der gegÄcÄe Bersach nicht möglich gewesen. Aber wenn wir hiernach in bezug auf den qualitativen Forschritt der landwirtschaftlichen Kolonisation zuversichtlich sind, so halten Wir den quantitativen Fortschritt für durchaus mrdefriedigend. Wenn wir wünschen, daß in den luLshttom ,cfefe»w SlkßO£l njw; GQ(X) Sfrimili&tL jährlich nach Palästina kommen und daß ein Drittel davon oder 2000 Familien Landwirte werden sollen, so sind dazu viel, viel größere Kvaftanstrengutngen und Geldmittel nötig. Bisher konnten wir mit 'den uns zur Verfügung stehenden Mitteln kaum 10 -bis 15 Prozent der GinwarDerer in die Landwirtschaft hineinbringen und das zu einer Zeit, wo die gesanrte jüdische Einwanderung nur 10.000 jährlich betrug. Wir müssen also die Zahl verfünffachen oder versechsfachen. Wie kann es geschehen? Selbst werm man, was ziemlich optimistisch ist, annvmmt, daß der wachsende Zustrom bemittelter Elemente aus Osteuropa es uns ermöglichen wird, 1000 Fanrilien jährlich mit einer Aufwendung (aus nationalen Mitteln) von nur 600 Pfund für jede Familie (einschließlich des Bodens) anzusiedeln, so würde dies für den Jüdischen Nationalfonds und den Keren Hajessod eine Aufwendung von 600.000 Pfund bedeuten. Dazu käme die Ansiedlung weiterer 1000 Chalnzim, die für jede Familie mindestens 1000 Pfund aus nationalen Mitteln, d. h. zusammen 1,000.000 Pfund erfordern würde. Die Kolonisation von 2000 Famillien würde also jährlich 1,600.000 Pfund kosten, während jetzt Keren Hajessod und Jüdischer Nationalfonds dafür nur 300.000 bis 400.000 Pfund zur Verfügung stellen könne:!. Hier ist die Crux. Aller anderen Schwierigkeiten, die mit der landwirtschaftlichen Ansiedlung von Juden in Palästina verbunden sind — und es sind nicht wenige — hoffen wir, Herr zu werden; aber an dem Mangel an Mitteln muß jede größere Ausdehnung scheitern. Nur wenn der Jüdische Nationalfonds' zum Ankauf und zur Amelioration von Boden und der Keren .Hajessod für Ansiedlungskredite die oben erwähnten Summen zur Verfügung stellen können, können wir der Landwirtschaft eine solche Ausdehnung geben, daß sie der tragfähige Unterbau für eine jährliche Einwanderung von 30.000 Juden wird. Zun: Schluß noch einige Worte über die Kritik, welche an der landwirtschaftlichen Kolonisation geübt wird. Kritik ist notwendig und wichtig. Nur «wenn fortgesetzt auf Mängel hingewiesen wird, ist es möglich, auf die Abstellung dieser Mängel'hinzuarbeiten. Wenn trotzdem,im allgemeinen di« Kritik nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe steht, so liegt das daran, daß bisher noch nicht ein einziger Kritiker das Problem in seiner Ganzheit erfaßt hat. Der landwirtschaftliche .Kolonisator, der aus einem anderen Land nach Palästina kommt, beurteilt die Verhältnisse nach den Erfahrungen seines Herkunftslandes. Er übersieht dabei nur zu oft, daß unsere Ansiedler, die ohne jede landwirtschaftliche Traditton aus den Städten Osteuropas nach Palästina kommen, von den Ansiedlern eines anderen Landes, die zum größten Teil aus bäuerlichem Milieu stammen, so verschieden sind, daß die einfache liebertragung der Erfahrungen aus einem anderen Lande nach Palästina sehr erschwert oder unmöglich ist. Der Bankier oder Kaufmann, der die Landwirtschaft danach beurteilt, ob sie Erträge abwirft, übersieht dabei, daß aus nationalen Gründen für uns die Landwirtschaft nicht nur profitabel, sondern daß sie auch ein Mittel sein muß, um einer 'möglichst großen Zahl von Juden Beschäftigung zu geben, was zum Beispiel unmöglich ist, wenn lvir nach den: Vorbilde südamerikanischer Plantationen jüdische Plantagen mit nichtjüdifchen Arbeitern 'hätten. Der Bourgeois, der die sozialistische oder kommunistische Tendenz in den neuen Kolonien kritisiert, vergißt, daß die größte Zahl denjenigen, die bereit sind, als Pioniere neue landwirtschaftliche Siedlungen in unerschlosfenen Gebieten zu begründen, eben nur aus den proletarischen Kreisen kommen köunen, und daß ihre proletarische Psychologie nicht in bomgeoise Formen gepreßt werden kann. Aou eannot eat the oako and ke-ep it. Wenn unsere erste landwirtschaftliche Anlsiedlung nur von Idealisten gemacht -werden kann, das heißt von Leuten, welche ihre eigenen individuellen Interessen dem nationalen 'Interesse unterordnen, so können wir nicht auf der anderen Seite verlangen, daß diese Idealisten sich in ihrer Äebensordnung ausschließlich von dem Profitinte-resse, das dem Bourgeois vorschwobt, leiten lassen sollen. Diese einseitige Kritik wird unserem Kolonffativnswerk deshalb nicht gerecht. Nur derjenige ist berechtigt und Mig, üher mim KüldnWiM MjUvtzzss m KM imstande ist, die vielen Tendenzen, die nach Entfaltung, ringen, zu überblicken, und der zugleich die soziologische Erkenntnis besitzt, daß unsere Ansiedler nicht wie ein leicht' formbarer Lehm geknetet werden können, sondern daß ihre; Umformung und Anpassung von innen heraus schrittweise vorbereitet werden muß. Di« Zeit ist noch nicht gekommen, wo wir unser KolonisationAverk nach den Gesichtspunkten eines Kaufmannes oder Buchhalters leiten köunen. Wir! sind noch aus der schöpferischen Epoche mit ihren vielen un-: bekannten Faktoren nicht heraus. Erst wem: feste Formen und sichere Erfahrungen geschaffen sind, wird die Zeit des Buchhalters kommen. Die jetzige Pionierperiode wird dann in der Geschichte des Zionismus fortloben als die heroische Zeit, in der wir mit Hilfe des Enthusiasmus und der schöpferischen Kraft unserer Ehaluzim aus dem Chaos heraus den Weg zum erstrebten Ziele fanden. Jetzt, wo wir noch mitten im Sturm und Drang dieser Schaffensperiode sind, fehlt uns die Distanz, um die Fortschritte zu, erblicken, die spätere Geschlechter sehen und würdigen wer-; den. Sie Bodenfräse In frei Bon M. N. Uffischkin. Unser Jerusalemer Korrespondent sprach mit dem Präsidenten des Direktoriums des Jüdischen Nabionalfonds über diese wichtige Frage. .Herr Uffischkin stellte ihm nachstehende Äeßerung zur Veröffentlichung in der Kongreßfestnummer der „Wiener Morgenzeitung" Verfügung: Jerusalem, 14. Juli 1926. Man spricht jetzt viel, allzu viel, über den Bodenwucher in Erez Israel. Ich warne davor, die Bodenkäufer ilvSgesamt zu verurteilen, wie dies gegenwärtig, insbesondere dort geschieht, wo man die Verhältnisse wenig oder gar nicht kennt. Die dünne Schichte der Abenteurer und berufsmäßigen Spekulanten nehme ich natürlich aus. Aber der großen Menge kleiner Leute aus Polen, die in den letzten Monaten nach Palästina kamen, geschieht bitteres Unrecht. Sollen sie warten, bis sie den letzten Heller verzehrt haben und Bettler geworden sind? Sie müssen Boden kaufen. Rechtzeitig und um jeden Preis! Traurig ist, daß sie der Jüdische Nationalfonds abweisen muß, wenn sie zu uns kommen und durch unsere Vermittlung Boden erlangen wollen. Durch die sprunghafte Erhöhung der Boherrpreise, durch die Nervosität der Käufer, deren große Majorität, wie gesagt, keineswegs in Spekulationsabsichten Boden kauft, sondern weil sie seßhaft werden wollen — sofort, solange noch der errettete Spavpfennig reicht, seßhaft werden müssen —, sind die Bodenpreife ins Phantastische gestiegen. Preissteigerungen von 5 Pfund auf 20 Pfund sind an der Tagesordnung. Wie sollen wir dem Kleinbürger Boden geben, wenn wir, durch die Verhältnisse gezwungen, in der letzten Zeit selbst nicht kaufen, cheil wir die Ri-osenpresse nicht zahlen können urrd nicht zahlen dürfen? Und doch gibt es ein einfaches, überaus zweckmäßiges und radikales Mittel, dem Boden'wucher «in Ende zu inachen und mit einem Schlage ein« Gesundung der Ber- «hältmsse herbeizuführen: Das jüdische Volk stärke den Jüdischen Nationalfonds. Wenn unser VoWschatz, welcher Palästinensischen Grund und Boden als unveräußerliches Eigentum der Nation aultaust, über einen JahreSeingang von einer MHlion Pfund Sterling verfügt, gibt es keinen Godenwucher mehr. Denn dann ist der Keren Kajemeth der größte Bodenkäufer nud reguliert den Bodenpreis. Im verflossenen jüdischen Jahre 5694 stellte uns das jüdsscke Volk den geringen Betrag von 175.000 Pfund zur Verfügung. Dennoch ist es uns gelungen, im Laufe des Jahres ebensoviel Goden anzukaufen, wie die jüdische Privatinitiative! in ihrer Gesamtheit. Im laufenden Jahre, das nach dem Wiener Kongreß abschließt, ist eine Steigerung der «äM «Hl ffe* MWM l t