Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2331 (18.8.1925)
- Date
- 1925-08-18
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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t Wiener Morserrzettitns S-Ke » -» . ’ >•* i "4.V'V äw >< 's J A\ \ Sv ^| s** * . *»♦&»*<?< >»«>{?><, <■ k‘ * *1 Stramflcastno (n Tei-Atriw. glauben, daß sie im Vergleich zu den vorhergchenden in mancher Beziehung zurückstehen. Diese Erscheinung bildet einen sehr geeigneten Ausgangspunkt für eine gründliche ' Untersuchung nach den Ursachen des Rückganges -er Or-; ganisation überhaupt. Die Organisation hat siegreich den Krieg überstanden, \ die acht kongreßlosen Jahre haben aber doch nicht verfehlt, leine ungünstige Wirkung auf sie auszuüLen. Me, selbst jbie wichtigsten Aktionen, mußten ohne Mitwirkung der i regulären Organe ausgesührt werden. Dem Geiste unserer 'Organisation entsprechend, hatte nur der Kongreß das Recht, über die Annahme der Mandatsbestimmungen zu beschließen. Der zwölfte Kongreß begnügte sich danrit, die Arbeit und die Verdienste der Leitung dankend anzuerkennen und alles zu ratifizieren, was sie beschlossen hatte, und der dreizehnte Kongreß wollte die Exekutive wegen der Annahme des Churchill-Statements nicht desavouieren. Wie man auch die Politischen Bedingungen, die uns durch das Mandat gewährt wurden bewerte» mag, wir standen wirklich und wahrhaftig vor der ungeheuren Aufgabe des Palästinaaufbaues. Wir waren trotz Chrbath Zion, trotz Nothschildscher Kolonisation und trotz 25 Jahre Zionismus nicht genügend vorbereitet. Unsere Schwäche, gewiß erklärlich durch unsere ganze Vergangenheit, erklärlich durch den Krieg und die furchtbare ökonomische Krise in der ganzen Welt, war eben doch eine tief bedauerliche Tatsache. Ihr entsprach auch der Streit zwischen Brandeis und Weizmann, sie mußte noch erst überwunden werden. Dem zwölften und dreizehnten Kongreß drückte sie.ihre Stempel auf. Unsere letzten Kongresse haben auch unter der Einwirkung der Linken und Rechten gelitten. Die Stärke beider Flügel im Kongreß entspricht nicht ihrer Stellung innerhalb des Judentums. Das schafft ein Mißverhältnis zwischen dem Kongreß und dem zionistischen, dem jüdischen Leben. Die Resultate unserer Verhandlungen werden durch die nach beiden Seiten zugestandenen Konzessionen verstümmelt. Wir können die Tendenzen von links und rechts nicht ausschalten und nicht entbehren, weil sie das Leben widerspiegeln. Aber ihr Einfluß muß ihrem inneren Wert entsprechen. Unsere kolonisatorische Tätigkeit in Palästina kann nicht mit dem ökonomischen Prozeß in einem anderen Lande verglichen werden. Trägerin des Zionismus ist und bleibt vorläufig größtenteils die Mitte. Vom guten Willen des bürgerlichen Zionisten hängt sehr vieles ab. Der Idealismus des gewöhnlichen Juden ist einer der Grundpfeiler auf welchem Zion aufgebaut wird. Unser Tätigkeitsgebiet breitet sich naturgemäß immer mehr aus und in allen Fragen soll der Kongreß, der alle zwei Jahre für einige Tage zusammentritt, entscheiden. Die eigentlichen Verhandlungen müssen zum allergrößten Teil in die Kommissionen verlegt werden. Aber die Kommissionen werden nicht vorzugsweise aus Fachmännern, sondern eher vom Standpunkte der parteimäßigen Vertretung beschickt. Der Kongreß kann dann gar nicht richtig auf der Höhe sein, um stets zweckmäßige Entscheidungen zu treffen! Das liegt nicht an den Delegierten, sondern am System. Es mag ketzerisch klingen — unser dernokratischer Kongreß leidet zu sehr unter der Demokratisierung. In Lebensfragen wird die Verantwortung der Leitung überlassen, in Fragen zweiter Ordnung überwachen die Parteien eifersüchtig ihre Rechte. Mit oberflächlichen und stets wieder vom Parteistandpunkte mitdiktierten Aenderungen ist dem nicht abzuhelfen. Eine gründliche, möglichst objektive Untersuchung müßte allen Reorganisationsplänen vorangehen. Ist die Synthese vollzogen? Die Problemstellung ist heute durch die veränderten Verhältnisse nicht dieselbe. Der Choweweh-Zionismus kann sich heute ungestört entfalten, er steht im Dienste und ist die notwendige Vorstufe für die Erfüllung der uralten jüdischen Hoffnung, der Geulah, die wir Modernen politischen Zionismus nannten. Die Ideen der alten politischen Zionisten leben innerhalb der zionistischen Bewegung weiter. Der zionistische Gedanke, die zionistische Bewegung sind heute stärker als je, die Organisation ist einigermaßen hinter den Ereignissen zurückgeblieben. Eine starke zionistische Organisation und ein starker Kongreß hätten uns die Frage der „Jewish Agency" unter günstigeren Bedingungen zur Verhandlung vorgelegt. Aber mit frommen Wünschen kommen wir nicht weiter. Wir müffen mm trachten, mit diesem Problem so gut es eben geht, fertig zu werden. Nun aber doch einen Wunsch: Möge der vierzehnte Kongreß in Wien einen Wende- Punkt in der Geschichte unserer Kougresse bedeuten. Möge der tiefe Glaube an unsere Mast wieder ganz aufleben. Wir sind schneller vorwärts gekommen, als die Kühnsten zu hoffen wagten. Wenn es uns wieder so recht deutlich wird,, daß die Triebfeder unseres Tuns das Strebe« ist, die In-- denfrage ihrer Lösung näher zu bringen, werden die Hindernisse und Schwierigkeiten leichter zu übermüden fern. Reminiszenzen. Von Bertold Feiwel. Es ist 28 Jahre Her, seit wir unseren ersten Ziomstenkongreß hatten, und das harte Gesetz, das allem Werden ein Vergehen folgen läßt, hat nicht mehr zu viele übrig gelassen, die Zeugen jener ersten Kundgebung eines neuen -ioniMchen Willens .waren. Diese wenigen aber .werden unwMüMch mit jedem neuen Kongreß aus Erinnerungen und Stimmungen heraus, die rfie mit dem ersten verbinden, etwas hineinströmen lassen ans der unvergeßlichen Gedanken-- und Gefühlswelt jener Hlugusktage von 1897. Was. war das für eine Welt? Wenn ich versuche, das, was ein VievteHahrhundert in iKopf und Herz war, zurückzurufen und fo zu ordnen, daß es in wemgen Worten wiedergegsben werden könnte, dann finde ich, daß es über die Konzentvakionskrvaft des AugerGlicks hrnausgeht und Wohl auch über die Subjektivität eines einzelnen. Vielleicht mag es leichter sein für solche, die damals in der Reife des Lebens waren. Wer ich war ein sehr junger Mensch damals, und fo jung waren auch die Ding«, oder so jung sahen sie in meinen Angen aus. Und dann hat jahrelange Arbeit im Innersten der Idee und am Triebwerk Hver Maschinerie Erinnerungen, ohne daß rmm dessen gewahr wurde,. verändert und gewissermaßen umdatiert und ^Entwicklungen verundeutlicht. Und fetzt, da es mir beschieiden war, bei der Verwirklichung der pvkWckerr Aspivationen wieder im geographischen und organHatorrsthen Zentrum zu sein, muß ich erst hintvegkommen über eine einschmeichelnde Formulierung für Ausgangs- und Ertdpunkt dieses Bierteljahrhunöerts, die gern gelten möchte als: Traum und Verwirklichung. In Wahrheit weiß ich, daß wir vor 35 Jahren alles lieber genannt sein wollten denn Träumer. Ich .weiß, daß das, was uns erfüllte, ich meine die ganz Jungen, ein fast fchmerzhafter Ernst war, und oft ein zorniger Ernst, der sich anr meisten ausbäumte, wenn man uns nicht ernst nahmen wollte. Dies ist gewiß ein wesentlicher Unterschied zwischen der Triebkraft von damals und der Erkenntnis von heute: Erfüllt von einem ungeheuren, zwerfelfreien Glauben in die von uns erkannte und in einfachste Sätze gebannte Wahrheit, verlangten wir von jedem anderen Juden ganzen Anschluß, sofortigen Anschluß ohne Bedenkzeit. Der im Geiste und im Zeitalter der westeuropäischen Assimilation aufgvwachftne Jude galt uns schlechthin, «wenn er nicht wollte wie wir, als ein Sünder gegen den heiligen Geist und als verräterisch und verstockt dazu — „Mansche!", selbst wenn er sonst ein bürgerlich-anständiger Mensch 'war. Hinc ira. Der gewaltsame Aufstand der Jungen, Flamme und Schwert gegen das ergraute Laster, erschien uns als das Unbedingt-Natürliche. Biel später erst Der erste Weg des Kongressteilnehmers Ist der Besuch des führenden Leopoldstädter Warenhauses muv IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIII Wien, II. Taborstrasse 48 Engros Telephon 47-1-79 En detail Billigste Einkaufsquelle für sämtliche MM». leiWM» Bettwaren, Strupfu»tl Htirkwareo Herrenid Banen-. Herrenir Mänpe, Teppie, HpMen Refemnttritel etc. eil. ENORMES LAGER Infolge kleiner Regien ausserordentlich billige Preiset! W. August M8 Gemetaschaitshaus ln Daganlah. i kam die Einsicht in die Kompliziertheit de's Gefchichtlich- Gewordenen, 'das allmählich nur entwirrt werden konnte, um zu neuem Gewebe umgewandelt zn werden. Darum war eine starke Entrüstung in unserem Kredo, und erste Enttäuschungen ließen uns sogar unseren Zorn lauter hinausrufen, als es unserem Geschmack entsprach. Es waren manche harte und scharfe Töne in dem neuen Brudevhhmnus — und sie klangen mit hinein in die Introduktion zum ersten Kongreß. Was aber 'war das Kredo? iJeder kann sicherlich nur .für sich sprechen. Für mich war es damals, wenn ich zurückdenke, eines, das ich eher ein ästhetisches nennen möchte (ich brauche wohl nicht zu .sagen, daß es heute sich vielfach anders ausgebildet hat). Ich sah in Gegenüberstellung Häßliches und Schönes: die fleckige Zerknittertheit des politisch und gesellschaftlich Geduckten mit dem jämmerlichen Ausdruck des Unsicheren in den Augen und der Schlotterhaftigkeit der ganzen Gestalt — und ihm gegenüber die noble Aufrechtheit, die freie Bewegung des Juden, der über den Alltagsschmutz hinweg in die Klarheit neuer Dinge und einer neuen Gesellschaft blickt. Ich sah die berückende Schönheit der Vision des ewigen Volkes, das sich zu rücksammelt aus Verderbnis und Verderbtheit, aus Erniedrigung und Niedrigkeit, aus Not .und Sünde, aus dem erborgten und im Tageslicht gvotesk-lumpenhaften Lappenplunder vieler Kulturen in die eigen-edle und eigen-schlichte Reinheit des La'Ndes, der Sprache und des Geistes der Propheten. Ich fühlte die -Romantik und Mystik des im Rhythmus meiner eigenen uralten und doch ganz jungen Melodie wallenden und singenden Blutes und die Köstlichkeit des Widerhalls dieses Rhythmus. Ich ahnte neue künstlerische Schöpfung des Genius meines Volkes, gewirkt fern von der Eitelkeit des Marktes und erarbeitet um ihrer selbst willen. Und als künstlerische Schöpfung ohnegleichen erschien mir das werdende Volk selbst und das vovausgeahnt Gewordene als ein Gebilde doller Harmonie, in dem schönen Wandel .feiner Tage, in feinen reinen, freien und gerechten Verhältnissen zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Gemeinschaft, Gemeinschaft und Menschheit. Ich weiß, daß alles, sogar mit etwas Nachsicht angesehen, erscheint als reine Schwärmerei des Jünglings. Aber als was es auch angesehen werden mag, dieses war es für mich: eine neue ästhetische Religion, aber keine verzücktätherische, sondern eine ganz erdenfeste, lebensstarke, erregte, werbende, zur Tat bereite ud zur Tat treibende und, wie ich schon sagte, manchmal sogar eine streitbar-zornige. Und auch der erste Kongreß als erster Beweger war für mich — obwohl der formale und manchmal geräuschvolle Mechanismus und die Alltagsmenschlichkeit einige dunkle Untertöne hineintrugen — vor allem ein Ereignis von ausgesuchter Schönheit, ein erstes Kunstwerk aus der Schmiede des neuen Volkes. Ich sah vor allem und immer wieder das einzigartige Bild des Auferstehens, des Sich-Suchens und SichDiüdens der Versprengten, wachsendes Leben und Sprossen über Grüften, die sich schlossen. Und in der Glut der Augen von dolchbewaffneten BerMuden und der Theodor Herzls, die aus ihren Tiefen das gleiche unfaßbare Wunder des Urallt-Jungen ausstrahlten, lag für mich das ganze Geheimnis des Gewesenen und Werdenden meines Volkes umschlossen. Und nun, nach fast drei Jahrzehnten, ist es doch Traum und Wirklichkeit? In einem Sinne gewiß: die Idee hat sich seither fest in die Wirklichkeit eingefügt, Dinge und Menschen haben sich eingewurzelt in unsere Erde, aus einem Programm der Proklamation eines Volksiwillens ist eine Gemeinschaft, ist der Jischuw Erez Israel geworden. Aber aus demselben Boden, in den die Quadern neuer Wohnstätten gesenkt und die Saat für die Aecker gebettet wird — steigen aus ihm nicht wieder Träurne auf, neue Träume, und jeder der Vorbote von etwas, was eine Wirklichkeit sei» wird von „übers Jahr" in Zion. L. & C. HARDTMUTH*8 KOH'I'NOOR BLEISTIFTE ZEICHEN- UND FARBSTIFTE ANERKANNT UNERREICHTE FABRIKATE ZU HABEN IN ALLEN BESSEREN PAPIERHANDLUNGEN 1RRP 1331 56735