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Wiener Morgenzeitung · 1925-08-18 · Heft 2331 (18.8.1925) · p. Seite 12

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2331 (18.8.1925)
Date
1925-08-18
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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©eSfe m Wen. Dknrrag wollten war Erez Israel. Sie^! erscholl es aus vieler Munde. Eine kleine Minderheit hatte die schmerzliche Empfindung einer Niederlage für die jüdische Sache. Zangwill, erscheint auf der Tribüne. Ein gewaltiger Lärm erhebt sich. Er trotzt dem Sturm, aber alle seine Geduld nützt nicht-, man will ihn nicht hören. Verzweifelt greift er nach dem Knopfloch und zeigt stolz die zionistische Kokarde. Dawirkt. Mit Mühe versucht er dann einen Antrag einzubringen, daß bi€v jüdische Kolonialbank das Anerbieten Englands annimmt und das Projekt ausführt. Dieser Antrag, der uns später den mühseligen und kostspieligen Bankprozeß auf den Hals lud, kam im Kongreß nicht zur Abstimmung. Die Schlußworte Zangwills: „Ich hoffe, daß der siebente Kongreß der letzte ist!" entfachten wieder einen Sturm der Entrüstung. Zangwill, mit einigen wenigen Getreuen verlassen den Kongreß. Es wäre trotzdem noch möglich gewesen, Zangwill in der Organisation zu behalten. Aber die russischen Delegierten im Permanenzausschuß waren leidenschaftlich dagegen. Zangwill außerhalb des Zionismus, seine gegnerische Haltung und seine ganze unfruchtbare Tätigkeit während der späteren Zeit, ist nach dem Tode Herzls die nächste tragische Erscheinung in unserer Bewegung. * Die Aera Wolffsohn setzte ein. Auf dem achten Kongreß hatte er zum erstenmal Rechenschaft abzulegen. Das Bestehende zu erhallen war sein Bemühen, im übrigen folgte er den Spuren Herzls. Man dachte an Herz! während er sprach und stellte Vergleiche an. Der brave, ehrliche, ungemein fähige und der Sache grenzenlos ergebene Wolffsohn, der Einzige, der Willens war und fähig, die Leitung zu übernehmen. — man konnte es ihm nicht verzeihen, daß er nicht dem Meister glich. Auf diesem Haager Kongreß erreicht der politische Zionismus wieder einen Höhepunkt in der Rede NordauS. Seine Darstellung des jüdischen Problems wirkt mit elementarer Kraft. Und als er, seine Stimme erhebend, ausruft: „Wir fordern Gerechtigkeit! erzittert der ganze Saal. Die Delegierten und die zahlreichen Gäste fühlen sich wie vom Sturm fortgerissen. Dieser Augenblick ist einzig in der zionistischen Geschichte. Mächtiger fast als am ersten Kongreß ertönte unsere Forderung an die Welt. Die Stimme Nordaus sprengt die Mauern und dringt in jenen anderen ehrwürdigen Saal, im „Binnenhof" vom Haag, ein, wo die zweite Friedenskonferenz zu gleicher Zeit tagt. Der Schrei des unterdrückten jüdischen Volkes nach Gerechtigkeit mußte dort Widerhall finden. Auf diesem Kongreß behielten auch die Politischen die Führung, es kam noch niemanden ernstlich in den Sinn, daß es anders sein könnte, aber in der Debatte trat die andere Tendenz bereits stärker zutage. Motzkin spricht als politischer Zionist. Marmorek kämpft aus ganzer Seele mit leidenschaftlichem Eifer für den Herzlschen Standpunkt. Weizmann verteidigte jedoch gegen ihn mit entschiedenen! Erfolg den Gedanken des „synthetischen Zionismus". Jahrelang drehte sich dann der Kampf um die Synthese des Zionismus. In beiden Lagern wurde er mit Aufgebot aller Kraft und manchmal mit verzweifelter Heftigkeit geführt. Die „Praktischen" konzentrierten immer mehr ihre Angriffe aus die Person Wolffsohns. Ein großes, sehr schmerzliches Kapitel Wolffsohn zeigte sich oft geneigt, Konzessionen zu machen, aber seine Gegner waren unerbittlich und diese Haltung entfrcnldete ihm auf die Dauer auch die politischen Zionisten. Der neunte Kongreß in Hamburg. Seit dem vorigen Kongreß war in der Türkei der Sultan gestürzt und eine parlamentarische Regierung eingesetzt worden. Die Erregung hierüber urtter den Zionisten äußerte sich vielfach in dem Verlangen nach einer Aenderung des Baseler Programms. Stordau lehnte das in seiner Rede entschieden ab, führte aber eine kleine Frontbewegung der Tüickei gegenüber aus, mit der weder die Politischen noch die Praktischeu einverstanden waren. Wolffsohn war bei seinen Besuchen in Konstantinopel, ganz abgesehen davon, ob es genützt hätte, aus Prinzip nie so weit gegangen. Franz Oppenheimer bewirkt mit seinem Referat die Gründung der Siedlungsgenossenschaft. Aber der Streit um die Leitung beherrscht und trübt die Debatten. Wolffsohn war darauf vorbereitet, zurückzutreten, er wollte jedoch nicht gehen, ohne mit seinen Gegnern abgerechnet zu haben. Von seinen beiden Kollegen in der Leitung, Marburg und Kann, stand nur der letztere unverbrüchlich treu an seiner Seite. Es fehlte ihm nicht an Anhängern, doch war er es ganz allein, der gegen die übermächtige Opposition den Kampf aufnahm. Wolffsohns große Persönlichkeit offenbarte sich, er war nicht umsonst der Liebling des Kongresses. Er war gewaltig gewachsen. In einer meisterhaften Rede bereitete er seinen Gegnern eine förmliche Niederlage. Daraus entstand eine unan? genehme, unsichere Situation. Mit Mühe hatte die andere Partei eine Leitung gesunden, aber es zeigte sich am Schluffe des Kongresses, daß sie keine Mehrheit im Saal hatte. Zum erstenmal spielten sich im Kongreß selbst peinliche Szenen bei den Wahlen ab. In dieser so schmerzlichen Nacht mußte der Kongreß wiederholt seine soeben gefaßten Beschlüsse annullieren. In Mikolasch -Liköre I feinst« €r«m«s und polnisch« Schnips« Stammhaus: Lemberg Zw«ifaU40ilaMOBsi 15 Wien, XVIII., StaudflSM* Nr. 1« Telephon Nr« 3fr4«Sa Wiener Msrstenzeitnns Lord i^lumer, der neue Oberkommissär. #4 1 **.. V'V MMMMM der langen Pause, während welcher die Delegierten und Gäste gespannt auf das Ende warteten, ging es hinter den Kulissen furchtbar zu. Man flehte Wolffsohn an, dem Kongreß doch aus der verzweifelten Lage zu helfen, aber der so tief verletzte Chef, der so viele Jahre geduldig die ungerechtesten Angriffe vertragen hatte, wollte nun auch, daß die Gegner ihre Ohnmacht gründlich zu fühlen bekamen. Schließlich gab Wolffsohn nach und übernahm nochmals das Präsidium, aber ausdrücklich «ur bis zum nächsten Kongreß, der schneller als sonst einberufen werden sollte. Die Stimmung war niederschmetternd. Trüben Herzens verließen wir wieder nach 4 Uhr früh den Kongreß, diesmal im grauen, eisigen Nebel. * Wir befanden uns in einer Uebergangsperiode. Viele unter uns waren der Meinung, daß Wolffsohn trotz alledem die Leitung behalten müßte. Auf der Jahreskonferenz Ende Juni 1910 sah es trostlos aus. Die Organisation schien in die Brüche zu gehen. Marmorek teilte dann sehr wirkungsvolle Hiebe nach beiden Seiten aus. Er reinigte die Luft und brachte einen Frieden zustande. Die Leitung sollte von Köln in ein größeres Zentrum verlegt, ein „politisches Komitee" eingesetzt werden. Er verurteilte auch scharf die Untätigkeit Wolffsohns auf politischem Gebiet. Durch diesen Angriff Marmoreks war Wolffsohns Stellung definitiv erschüttert. So kamen wir nach Basel zum zehnten Kongreß. Wolffsohns Rücktritt war eine ausgemachte Sache, doch war der Kampf äußerst heftig, wenn auch im Kongreß nichts davon gemerkt wurde. Gegen den Willen der Praktischen zu regieren, war unmöglich geworden. Jedoch hatten sie sowohl im Kongreß als im Permanenzausschuß immer noch keine Majorität. Die Politischen suchten Nordau zu bewegen, die Leitung zu übernehmen, aber als er dies —- wieder einmal — entschieden Mahnte, wurde im kleinen Kreis, sehr spät nachts beschlossen, die Stimmung nicht unnötigerweise zu verbittern, und im Permanenzaüsschuß zu erklären, daß auf die Leitung verzichtet wird. Es wurden Bedingungen daran geknüpft, auf welchen in jedem Falle fest zu beharren war. Die Bank blieb bei den Politischen. Zu dem Zweck mußten sie die Hälfte von den Mitgliedern im Aktionskomitee haben, über deren Nominierung sie zu entscheiden hatten. Alles andere wurde glatt der Gegenpartei überlassen. Ihre Ueberraschung war kaum zu verbergen. Weizmann empfahl am Schluß des Kongresses die Wahl der Aktionskomiteemitglieder als die Friedensliste. Ussischkin und Tschlenow feierten den Expräsidenten Wolffsohn. Die Aera der praktischen Arbeit hatte offiziell eingesetzt. 1913 gingen wir zum nächsten Kongreß nach Wien. Das Tempo der praktischen Arbeit in Palästina war etwas schneller geworden, aber im Wesen war nichts geändert. Nach wie vor, war Veranlasiung vorhanden, mit der kolonisatorischen Tätigkeit in Palästina von seiten der Organisation unzufrieden zu sein. Politisch geschah wie bisher fast nichts. Unsere schon unter Wolffsohn geschaffene Vertretung in Konstantinopel arbeitete auf diesem mühsamen Feld ohne sichtbaren Erfolg. Die Praktischen, in ihrem Bestreben, immer mehr Positionen zu erwerben, empfanden die sogenannte Opposition als unerträglich. In Wahrheit bestand sie nicht. Im Gegenteil; alle Versuche die Politischen zu organisieren, scheiterten an dem Widerstand einiger Führer, sich zu einer Partei in der Bewegung zu erklären. Der Balkankrieg war ausgebrochen, das war für die politischen Freunde Nordaus Veranlassung, zwecks Gründung des „Politischen Komitees" eine Sitzung nach Paris einzuberufen, zu der auch die Leitung und ihre Stützen eingeladen waren. Die Sitzung fand statt, verlief aber, durch die Haltung der Leitung nnd ihrer Freunde, ohne Erfolg. Die Stimmung war wieder getrübt. In der „Times" war sodann ein Artikel von Norda« über Zionismus erschienen, gezeichnet: Präsident des W August tm Nr. 28» zehnten Kongresses. Die Leitung und ihre Anhänger waren darüber höchst empört. Heute ist es sonnenklar, wer damals die politische Lage richtig beurteilt hat. Am Wiener Kongreß konnte das natürlich nicht näher erklärt und der Beweis der Richtigkeit auch noch nicht erbracht werden. Das Bedauernswerte an der Lage war, daß der einfache, ehrliche Wille, der Sache zu dienen, als Opposition aufgefaßt wurde. Nordau und Marmorek waren so verbittert, daß sie zum Kongreß nicht mehr erschienen. Die Versuche, sie umzustimmen, blieben erfolglos. Sie erachteten ihr Fernbleiben als die beste und die einzige Methode, um ihre Unzufriedenheit mit dem herrschenden System zu beweisen. Zum erstenmal also ein Kongreß ohne die Nordau-Rede! Wieder wurde eine Schlacht geliefert. Hie politischer, hie praktischer Zionismus. Die Praktischen verlangten Uebergabe der Bank. Der bereits schwer kranke Wolffsohn verteidigte sie mit aller Wucht. Noch immer besaß er wie keiner das Vertrauen des Kongrefles, das Vertrauen der ganzen Bewegung. Die Synthese war trotz aller Behauptung der Gegenpartei nicht vollzogen. Der Wiener Kongreß zeigt jedoch deutlich die Merkmale der späteren Entwicklung. Weizmann ist Anführer der Praktischen, und in des Kongresses zweitem Teil wurde die Rede Ussischkins mit allgemeinem Jubel ausgenommen und die Gründung der Universität beschlossen. Der Gang zu Herzls Grab, besonders aber das Auftreten der jüdischen Turner gehören zu den bleibenden Erinnerungen an den Wiener Kongreß. * Es folgt die lange kongreßlose Periode der ganzen Kriegszeit. Auch in gewöhnlichen Zeiten kamen viele Vorfälle und wichtige Diskussionen nicht zur allgemeinen Kenntnis. Die Tagebücher Herzls sind der beste Beweis dafür, wieviel in unserer Bewegung sich abspielen kann, das sich den Uneingeweihten entzieht. Ueber diese ganze so wichtige Zeit, während welcher unser größter politischer Erfolg, die Balfour-Deklaration, erzielt wurde, besitzt die zionistische Oeffentlichkeit nur sehr wenige Berichte. Es mag gewiß noch verftüht sein, alles bekannt zu geben, aber um ein besseres Verständnis der Ereignisse zu erlangen, hn Interesse der Geschichte der zionistischen Entwicklung, wäre es dringend erwünscht die Lücke auszufüllen. In vollkommener Anerkennung der unschätzbaren Verdienste Weizmanns, der die Deklaration erwirkte, ohne seinen Mitarbeigtern ihre Verdienste zu schmälern und ohne die Tätigkeit Sokolows gering zu achten, werden die meisten unter uns, die den Kontakt mit der zionistischen Arbeit nicht verloren hatten, den großen politischen Erfolg als die Krönung des Herzlschen Zionismus ansehen. Viele Zionisten aber waren außerstande den Ereignissen zu folgen, sie haben deshalb einigermaßen das Empfinden dafür verloren, von welch entscheidendem Einfluß die prinzipielle Anschauung bei der Ausführung unserer Politik sein kann. Uebrigens haben selbst die extrem praktischen Zionisten angesichts der großen Geschehnisse ihre prinzipielle gegnerische Stellungnahme zum politischen Zionismus längst aufgegeben. Auf der Konferenz im März 1919 in London, wurde die Position der Exekutive legalisiert, nachdem dies früher durch das Aktionskomitee geschehen war. Ueber die durch die Exekutive gerade einige Tage vor der Konferenz in Paris eingereichten „Proposals", die als Grundlage für das spätere Mandat dienen sollten, fand eine stürmische Diskussion statt. Die erdrückende Majorität vertrat den Standpunkt radikaler politischer Forderungen. Daß sie ihren Willen nicht durchsetzen konnte, lag in den Zuständen, die der Krieg geschaffen hatte. Denkwürdig bleibt die Sitzung, in welcher Dr. Weizmann, aus Paris zurückgekehrt, seinen Bericht über den Empfang der zionistischen Vertretung durch den Hohen Rat erstattete. „Palästina soll so jüdisch werden, wie England englisch." Damit waren alle einverstanden. Das Niveau der Debatten auf der Konfereuz war sehr bemerkenswert, die Arbeiten in sämtlichen Kommissionen standen im Zeichen hoher Anforderungen, der neuen Lagentsprechend. Das Aktionskomitee wurde permanent erklärt. Die Jahreskonserenz im Jahre 1930, die den Kongreß ersetzen sollte, hinterließ keinen erfreulichen Eindruck. Weizmann und Brandeis waren wohl einig, um zu erklären, daß wir nunmehr für die nächsten Jahre die politische Tätigkeit zurückstellen könnten, um uns ganz der Palästinaarbeit zu widmen. Die gute Absicht hierbei ist unverkennbar. Doch sollte die Eintracht zwischen Leiden leider aus anderen Gründen die nickt überdauern. In der politischen 5k c wieder ein überaus heißer und erfolgloser . .. .. ,, .t. Das Plenum wußte nicht viel davon. Die Organisation war nun einmal aus diese Situation eingestellt. Unsere Kongresse in Karlsbad sind in aller Erinnerung. Welches Urteil die heutige Jugend über sie in zwanzig Jahren fällen wird, wisse« wir nicht. Wir Aeltere« Herren- und Damen-Wlsdie-Fabrtlc Otto Taussig D Co. Wien, XU., Dunklertfiuse 13 S3SW* °° NKMttAk 3pvsl»laLtoüm»tz kür exqutiltc Kragen, Monfdicttt« «adP|*fivflM

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