Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2331 (18.8.1925)
- Date
- 1925-08-18
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitung 16. August 1985 Seite « Die WiÄlichkeit ist eine andere. Das Mische Leben Hat eine bestimmte Tendenz, eine Richtung seines eigenen Wirken-, iw* ihm vorgeschriebe« wird durch die Entwicklung der Jahrtausende. Jüdisches Leben hat einen Inhalt. Dieser Inhalt ist das Wirtliche an ihm. Usber alle Eingol- Phänomen* der Mischen Geschichte hinweg blieb konstant der Mlle des Judentums zum Höhertreiben der Menschheit. Man nennt diesen Willen die prophetische Idee. Sie zeigt sich Dr den Ausmerkenden in der kleinsten Aeußevung des individuellen Lebens ebenso wie in den Epochen der Mischen Geschichte, Mehr-habe nMollen, Besser- Haben-Wollen, stigmatisiert das jüdische Leben. Das Judentum ist ein Sammelbecken der Entwicklungkräfte geistigen Menschentums. Das Judentum will in seinem Leben stets etwas, was dieses geistige Menschentum fördert. Was es ist, das das Judentum durch den Zionismus für die Menschheit will, das weiß niemand. Vielleicht aber, ahnt es schon jeder. Vielleicht ist der goschichtsbildende Wille bereits in uns allen wirksam. Wir sehen nur zu wenig das Inhaltliche im Zionismus. Wir sehen immer noch einzig und allein das Kostüm. In unserer Bewegung ist in der letzten Zeit vieles zum Kostüm gemacht worden. Keiner weiß das Wundermittel, diese Kostüme lebelldig zu machell. Und dieses Wundermittel gibt es. Man muß die Formeln urtb Formen sprengen und lebendiges Leben durch die Bewegung fluten lassen. Was ist der Sinn unserer Bewegung? Der Sinn kann nicht das jüdische Volk als solches betreffen. Denn auch das jüdische Volk ist nur eine Realität. Die Wirklichkeit ist die Menschheit, das Menschentum. Was wollen wir durch den Zionismus, durch das NcUaufleben Mischer Staatlichkeit, Kultur und Geschichte für uns und für die Menschheit leisten? Die Antwort ist der Sinn des Zionismus. Die Antwort ist die Wirklichkeit in der jüdischen Gegenwart. Starke Menjschen müssen es sein, die diese Antwort geben können. Denn alles was die Menschheit durch große geschichtliche Taten vorwärts führt, ist ein Orkan. Gewaltige Menschen müssen es sein, die Stürme bchervschen und meistern können. An Rückblick auf unsere Kongresse. Bon Jean Fischer, Präsidenten der Zionistischen Organisation für Belgien. Unsere ersten Kongresse repräsentieren einen beträchtlich kleineren Teil von Juden als die späteren, jedoch erfüllten sie besser als die letzten ihre Rolle als oberste Instanz der Zionistischen Organisation. Ein Maximum von Ernst und Begeisterung erzeugte eine ergreifende Kongreßstimmung, welche die Teilnehmer dann in die Versammlungen der ganzen Welt hinaustrugen. Tausendjährige, traumhafte Ahnung eines zerstreuten Volkes trat in sichtbare, lebendige Erscheinung vor die Delegierten. Abstraktes Hoffen nahm konkrete Formen an. Es war für die — wenn man sie so nennen darf — primitiven Volksvertreter der modernen Judenheit auch ganz natürlich, wenn sie jedem ihrer Beschlüsse, jedem Wort die größte Bedeutung gaben. Galt es doch die Lösung der Judenfrage durch die Schaffung der völkerrechtlich gesicherten, nationalen Heimstätte im eigenen Lande. Das hatte sie alle hergeführt und aneinander geschmiedet. Das war die Plattform, auf welcher die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Probleme des Judentums behandelt wurden. Die zweitausendjährige Leidensgeschichte unseres Volkes, hatte durch die Annahme des Baseler Programms für sie einen Abschluß gefunden. Vor den Augen der ganzen Welt vollzog sich unser Eintritt in eine neue Epoche. Die Zionistische Organisation und unsere Tribüne, der Kdngreß, waren nunmehr Instrumente, deren wir uns zur Verwirklichung unseres Zieles zu bedienen hatten. Das Visionäre des großen Schöpfers der Bewegung verwandelte sich in konstruktive Arbeit. Die Kongresse wurden die Haltestellen auf der Rückkehr in die jüdische Heimat. Alles, was das Volk an geisttgen Werten besitzt, wurde hier zu- 'sammen getragen und kam in den verschiedenen Reden in gedrängter Form zum Ausdruck. Jeder fühlte, wir waren das jüdische Volk unterwegs, der Judenstaat im Werden. Die Komplikationen und die Differenzierung, die Lei der Beratung über die einzuschlagenden Wege hervortraten, beunruhigten niemanden. Das unbedingte Vertrauen zum Führer war überdies da, um den notwendigen Ausgleich herzustellen. Im Hochgefühl der auferstehenden Nation wandte man sich dem inneren Ausbau der Organisation zu. Die Propagandaredner jener ersten Zeit, die das ganze ausgiebige Material der so hervorragenden Kongreßreferate in ihren: Arsenal führten, vergaßen niemals auf die Tatsache des Kongresses als solchen hinzuweisen, auf die Möglichkeit, die dem jüdischer: Volke nunnrehr gegeben war, der Welt seine berechtigten Forderungen vorzutragen. Die Berichterstattung eines Delegierten hatte zuweilen den Reiz einer Reiseschilderung in ferne Länder. Die Vorgänge auf den Kongressen wurden bis in die Details erzählt, die großen Persönlichkeiten, die ihn beherrschten, im einzelnen vorgeführt. Wie der unvergleichliche Herzl alle überragte! Wie er seinen Kritikern begegnete, tote er einen Herrn X. kurz und definitiv abfertigte, um sodann die Gegner wieder zu versöhnen. Wie Nordau einen englischen Text vom Blatt herunter glatt und tadellos übersetzte. Ueberhaupt die Reben NordauS! War doch jede ein Ereignis. Man erzählte von der warmen Freundschaft, der Kameradschaft, welche die Delegierten verband, von der jedesmaligen Freude des Wiedersehens, von dem Zustandekommen der so notwendigen Annäherung zwischen Ost und West. Diese köstlichen, gewissermaßen naiven Zustände, sollten nicht zu lange dauern. Schnell war die erste organisatorische Arbeit erledigt und mit Feuereifer ging man zum jüdischen Volke, brachte! ftL.:.frhr Am Jordan. ihm die frohe Botschaft und rief es zur Mitarbeit, zur Teilnahme am Erlösnngswerke auf. Der Zionismus trat mit der alltäglichen Wirklichkeit in Berührung. Man hatte Widerstände vorausgesetzt, aber nicht den Grad ihrer Härte. Es kamen schwere Zeiten. Gar mancher sah sich veranlaßt, an Hand von bitteren Erfahrungen die Grundprinzipien neu zu überprüfen. Das Bestehen des spezifischen Judenproblems führt uns aber mit zwingender Notwendigkeit der einzigen Lösung zu. Die Wenigen, die die Prüfung nicht überstehen konnten, schieden aus. Die Weihe der ersten Kongreffe mußte in der Folge der Atmosphäre der Werkstatt Platz machen. Die Bank und der Nationalfonds wurden gegründet. * Politische Erfolge grundlegender Art wurden erreicht: Einführung des Zionismus bei den Regierungen. Herzls Besuche in Konstantinopel, die Audienz beim deutschen Kaiser in Palästina, Englands steigendes Interesse, Gl Arisch. Sowohl Herzl als seine Gefolgschaft waren von einer ungeduldigen Sehnsucht erMt. Der Unglaube unter den Juden bildete auch einen übertriebenen Ansporn. Herzls übermenschlicher Eifer grenzt ans Wunderbare, aber schließlich sah er sich „an einer Mauer angelangt". Nun war man sich über die nächsten Schritte nicht einig. Unter dem Druck dieser Verhältnisse war der Begriff der Geologie des Zionismus entstanden, die Idee mußte wissenschaftlich untersucht und begründet, die Zionslehre vertieft werden. Um die Zeit des fünften Kongreffes wird die in den Mittel« von der Herzlschen Politik abweichende Tendenz stark merkbar. Bald nahm sie schärfere Formen an. Es entstanden zwei Lager, politische und praktische Zionisten. Die ersten blieben dabei, Herzls Aufastung von der Lösung der Judenfrage als Basis der ganzen Tätigkeit zu nehmen. Me zweiten kehrten mehr oder weniger zur „Chibathziou- Jdee" zurück, welche unter stärkerer Betonung des kulturellen Elements die sofortige Inangriffnahme jeder möglichen kolonisatorischen Tätigkeit in Palästina auch ohne rechtliche Grundlage forderten. Auf dem sechsten Kongreß kam es zwischen Herzl und den „Ruffen", wie man damals die Choweweh Zion kurzweg nannte, zu ernsten Differenzen. Der Kongreß hatte die Idee des „Nachtasyls" akzeptiert und die Entsendung Me» Bora«! Kleiderhaus GERSTL SWgtt>Preisk! S«e,»I-Modtanjug. . . S 60.— 3or«tl-UlftK.. 8 65.- 8*rrtl-®$ortapiu«. . . 8 70 — Sorstl’g&attmcof.. 3«,»U-Led«rrock .. . S*rstl-(0uuimimantcl Berstl-ßofe...... S»r»U-Kn»-rnanrug. Etycklrvtzrke HERREN - KLEIDER DAUEN.KLEIDER HERRENWÄSCHE (tSegrattdtt isea) 25 Schaufenster einer Expedition nach Uganda beschlossen. Daraufhin hatten die Russen den Kongreß verlassen. Es ist nachher festgestellt worden, daß dieser so eindrucksvolle Exodus nicht beabsichtigt, sondern rein zufällig war. Die unangenehme Wirkung war nichts destoweniger da. Herzl ging aber in die Versammlung der Unzufriedenen und brachte sie in den Kongreßsaal zurück. Die nunmehr historisch gewordenen Kämpfe um das Uganda-Projekt waren unvermeidlich geworden, sie durchwühlten unsere Reihen aufs tiefste, es bedurfte der ganzen Kraft, die unserer Bewegung innewohnt, um die Wunden zu verschmerzen. Die Situation war sehr schwierig geworden. Herzl war unermüdlich für Palästina tätig und doch waren die Ruffen nicht versöhnt; sie ahnten nicht, daß die nächste Umgebung Herzls, auch Dr. Nordau, gegen Uganda war. Die „Zusammenkunft in Charkow" unter Leitung Ussischkins konnte Herzl fast nicht verwinden. Es erfolgte wieder eine Aussprache, die alle befriedigen sollte. Der todkranke Herzl konnte es aber nicht länger mehr tragen, erschöpft brach er zusammen. * Israel hatte seinen modernen Propheten verloren. Der siebente Kongreß wurde mit einer Trauerfeier eröffnet. Der Schmerz war bei allen Delegierten tief und echt. Es folgte die Beratung über den Bericht der Uganda- Expedition, die zu der berühmten Nachtsitzung am dritten Tage führte. Wenn es bei uns jemals ernste Debatten gab, so waren es diese. Jeder Redner setzte sich ganz für seine Ueberzeugung ein, als ob von seinen Argumenten das Glück des jüdischen Volkes in aller Ewigkeit abhinge. Gleich 'zu Beginn bei Greenbergs Rede zeigte sich die hohe Spannung im Saale. Zangwill kämpfte wie ein Löwe und nicht minder tapfer seine Anhänger. Aber ebenso leidenschaftlich zog die Schar der „Zioneh Zion" zu Felde mit Tschlenow als Hauptredner. Die Sitzung dauerte bis spät in die Nacht, die Gemüter werden eveegt. Die Delegierten hängen an den Appen der Redner und beteiligen sich immer lebhafter pro und kontra durch Zwischenrufe au der Debatte. Nordau führt den Vorsitz. Es wird ihm immer schwerer, die Ruhe im Saal zu erhalten. Dr. Marmore!, der beste Präsident des Kongreffes, greift fortwährend ein, um die Verhandlungen zu ermöAchen. Erez Israel steht aus dem Spiel! — fühlt die große Majorität. Uganda ist die Rettung für die Judennot! — rufen händeringend die anderen. Immer schwüler wird die Luft. Die Galerie, dichtgefüllt, beginnt ebenfalls an der Diskussion Anteil zu nehmen. Ueberlaute Beifallskundgebungen, Pfeifen und Zischen. Der Vorsitzende droht wiederholt die Galerie raumen zu laffen. Umsonst. Eine planmäßige Obstruktion setzt ein. Einige besonders wild gewogene Delegierte zerbrechen in ihrer Wut die Stühle und machen einen Heidenlärm. Man redet durcheinander, man schreit. Daun hört man wieder eine kurze Weile einem Redner zu. Die Stimmung ist katastrophal. Von der Galerie werden Flugzettel in den Saal geworfen. Me Zuschauer schleichen sich, man weiß nicht wieso, in den Sitzmrgssaal, die Ordner sind ohnmächtig, der Saal wird voll, die Aufregung erreicht den Siedepunkt. Man hört weder 3dordau noch Marmorek, die Sitzung ist aufgelöst! Man stürmt auf das Podium. Ein entsetzliches Chaos. Manche Delegierte vergießen Träne», die Würde des Kongresses ist verletzt. Es war heller sonniger Tag als wir nach vier Uhr morgens im Meeien standen, wir dachten nicht daran, schlafen zu gehen, erschüttert blieb man beisammen. Gegen Mittag wurde die Sitzung wieder eröffnet. Keine Zuschauer auf der Galerie. Den Delegierten wurden die Eintrittskarten abgenommen um das GinsHmnggsln von Nichtdelegierten in den Saal zu verhindern. Nach einer kurzen Einleitung NordauS erfolgte die Abstimmung. Mit seitlichem Ernst, dP HWtio^vürdtg. ÜgaüÄ) wurde dansond wb riü «8«