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Wiener Morgenzeitung · 1925-08-18 · Heft 2331 (18.8.1925) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2331 (18.8.1925)
Date
1925-08-18
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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0eH« iö Wien, VenSlag Wiener Morften-eitunw. MMfl ms M. AU c caf6 splendide- I., Jaiomirttoiitiruie 3 10 Billard« — 1 Turnierbrett Vorzügliche Getränke - Kalle« Büfett 336 jetzt den Gedanken erwägst, wieder ins Judentum zurück zukohren, geht mich genau so an wie Dich. Darin' l egt ja die geheimnisvolle, aber nicht zu lockernde Gemeinschaft, die uns alle miteinander verknüpft, daß ein jeder in unserem Volke sich beständig für jeden anderen vevclnt wörtlich fühlt, und daß diese starke, schmerzhafte Verantwortung am meisten bei den Fehlern, Irrtümern oder Verbrechen empfunden wird, die irgendein anderer begeht. Um unsere großen Leistungen kümmern sich die meisten nur wenig; die Verfehlungen des einzelnen kreiden sie der Gesamtheit zehnfach an und eine Gewissensnot wie die Deinige beachten sie gar nicht. Du bist Christ geworden aus reinster Ueberzeugung. Du hast diese Religion, die schön ist und die das Herz bezaubert, schwärmerisch geliebt und hast Dich ihr rück haltlos in die Arme geworfen mit dem ganzen Ungestüm des Jünglings, der Du damals warst. Ist Dir diese reine Gesinnung geglaubt worden? Bielloicht von dem einen oder anderen, der Dir ganz nahokam und Einblick in Dem Innenleben gewinnen konnte. Sonst haben Dich alle, Christen wie Juden, bezweifelt, haben wohl auch einen Kausalnexus hergeftellt zwischen Deiner Taufe und Deiner glänzenden Laufbahn als Hochschullehrer. Du lebst im Deutschen Reich und es wird dort wohl auch nicht anders sein als hier: Juden und Christen, solche mit dom Hakenkreuz und solche, die Kuliturmenschen sind. Alle hüben nicht cmfgehort, Dich als Juden anzusehen. Diese ganzen Dezennien hindurch. Selbst wenn .Dein Zweck schnöd eigennützig gewesen wäre ... die Taufe hätte Dir nicht geholfen. Sie Hilst ja auch den Kindern und Krndeskindern der zweckhast Getauften nicht. Denn unsere Feinde, die Jehcwah schmähen, weil er bis ins siebente Glied straft grober sie unterschlagen, daß er bis ins tausende Glied liebt und belohnt), diese Feinde verfolgen unser Mut bis ins zehnte Glied mit ihrem Haß. Du, mein Freund, hattest keinen anderen Nebenzweck, als Du die Taufe empfingst: Du wolltest Christ tverden. Mag sein, daß ein erwachsener Mensch ein Christ werden kann, das weiß ich nicht. Allein ich weiß, daß man nicht aushören kann, ein Jude zu sein. Du bist all die dielen, vielen Jahre her in der innersten. Kammer Deines Herzens ein Jude gewesen. Und wie so mancher andere, der sich laufen ließ, hast Du gar nicht geahnt, daß Du niemals ein besserer Jude warst, als in dem Augenblick, da Du, Gott suchend, Christ ivurdest. Judentum ist Schicksal und Erdensendung; ist Aufgabe und Opfer; ist Blut in den Adern und Ethos im Herzen. Man kann aus dem Judentum nicht austteten, wie aus einem Geselligkettsverein. Zu dieser Erkenntnis bin ich erst nach vielen schweren .Kursen und harten Känrpfen gelangt. Es stimmt nicht ganz, loenn ich anfangs sagte, ich sei der geblieben, der ich war. Wir alle müssen mit dem Engel des Herrn ringen, bis daß er uns segnet. Sich zum Judentum bekennen, wenn man als Jude geboren wurde. . . nichts scheint einfacher, nichts scheint leichter zu sein. Bekennt sich doch jeder zu dem, was er ist. Zahllose Menschen tun das sogar „mit Stolz". Nun, der Stolz wäre überflüssig, aber das Bekenntnis bleibt wichtig. Es zeigt sich aber gerade in unseren Tagen, daß cs wenig Dinge in der Welt gibt, die fo schwer sind, iwie das, was man leicht nimmt, wenig Dinge so konrpliziert. wie das, was man für einfach hielt. Du nennst mich einen Nationaljuden. Mein Freund, nichts bin ich weniger. Bit würden uns von den französischen Chauvinisten, von den Trägern der schwarzen Henrden in Italien, von den Hakerllreuzlern in Deutschland kaum unterscheiden, wenn wir in den öden Nationalismus verfielen, der mir eine Krankheit des Jahrhunderts ist. Ich fühle wohl, daß ich mich mit dieser Anschauung in einem Gegensatz zu sehr vielen guten, lauteren und ehäichen Juden befinde. Es tut mir leid, aber ich vermag daran nichts zu ändern. Alles, was an ihrem Tun und Lassen national oder nationalistisch aussieht, scheint mir angenommene Fechtergeberde, herbeigefichrt von der Notwendigkeit, sich zu wehren und zu kämpfen. Ich glaube es ihnen nicht; will es ihnen nicht glauben. Das ist dem jüdischen Wesen, wie ich es empfinde, genau fo fremd, wie das Buvfchenfchastertreiben unserer Studenten mit Cerevis, Koller, Wichs und Schläger. Ungewollte Mimikry ist nur das vielleicht Notwendige, aber beständig mit einem polemische» Beigeschmack, mit einem trotzigen Nebenton, Hinter all diesen Gebärden und Verkleidungen, die für mich eben doch nur Gebärden und Verkleidungen bleiben, liegt mir, auf dem Urgrund der Seele, das wahre Judentum. Das wahre Judentum ist Suche und Sehnsucht nach dem Menschlichen, leidenschaftliches Begehren, selbstlos enthusiastisches Streben nach einem Verstehen, nach einer Vereinigung aller Sterbichen. Ueber den Nationalitäten, Garten des Technikums ln Hatla. über den Konfessionen. In einer Sphäre, in der jeder das bleiben kann, was er ist, weil die Achtung des anderen ihn daran bestätigt. Das Ivahre Judentum ist unterwegs nach dem Ziel der Welt. Das ist fteilich ein weiter Weg. Aber sind die Juden nicht bis heute einen langen, qualvollen, von blutigen Opfern bedeckten Weg gegangen? Trotzdem sind sic heute so frisch, so gesund und so kraftvoll wie je. Diese Welt ist bis. zum heutigen Tage nicht um Haaresbreite über das Gebot hinausgelangt, das vom Sinai verkündet wurde. Bon der Sinaistundc sind die Juden nicht zu trennen. Ihr Abfall von der Bibel würde Auslösung zur Folge haben, wie es immer Auflösung und Untergang zur Folge hatte. Nicht auf den Buchstabenglauben kommt es an, sondern auf das Ethos, das die Bibel birgt. Daß sie im Geiste der Heiligen Schrift inuner bodenständig waren, hat die Juden bis heute lebendig, hat sie als eine unüberwindliche Gemeinschaft erhalten. Verlieren sie diese geistige Bodenständigjkeit, die beispiellos und einzig ist, dann bleibt das Ringen, in Palästina Wurzel zu fassen, vergebens, dann werden sie kraftlos fein, ohnmächtig und verschwinden. Daran aber glaube ich nicht. Ich glaube an die religiöse Kraft im jüdischen Volk, wie immer sich der Gottesgedanke irr ihm künftig auch gestalten möge. Der Gottgedanke lebt in dem Herzen der Juden, lebt selbst in denen, die ungläubig sind und den alten Gott leugnen oder ihn vergessen haben. Die religiöse Kraft im Judentuni bewirkt es, daß die Juden überall die heftigsten Rebellen sind und zugleich die leidenschaftlichsten Bewahrer des Bestehenden. Zerstörer und Aufbauer in einem. Der biblische Charakter, den sie bewahrt haben, macht sie bei den Völkern verhaßt, je mehr verhaßt, je weniger Kultur ein Volk besitzt, und je unerträglicher ihm deshalb biblische Gestalten sind, die lebendig unter ihm einhevgehen. Sei getrost, mein Frennd, und bekenne Dich ruhig und offen wieder zu Deinem Judentum, da Dein Herz Dich antteibt, das zu tim. Du bist das vor allem der christlichen Kirche schuldig, der Du bisher angehört hast und der Du mit Unaufrichtigkeit nicht angchören darfst. Du es deinetwegen und Du wirst wieder in einem Ideal wohnen, in welchem Du ganz und wirklich zu Hause bist. Es gibt für die menschliche Seele keinen tieferen Frieden, keine höhere Sicherheit und kein größeres Glück, als in dem Ideal zu leben, darin sie eingeboren und heimisch ist. St ebner Paradiesbetten haben ihren Weltruf durch ihre vorzügliche Ausführung und Qualität Nur echt zu beziehen von der Paradiesbettenfabrik Steiner A. 8. RotenturmitraBe 13 I., Schotlenrlng 12 V., Ma* garetenstraS* 71 V.« Rachlo Wianzalio 87 Fabrik i Vl., MQllardgaaaa 28 li Messingbetten, Elsenbetten, Kinderbetten. Matratzen« Daunendecken, Steppdecken, Schlafmöbel etc. Eigenes Reisebureau für Kongressbesudier im Kongressgeb&ude (Konzerthaus) m ösicrreidmdies Verkehrsbureau (Zentrale: Friedrichstrasse 1, Telephon 7500) Fahrscheine för Inu. Ausland Alle Releeangelegenhelten * Erm&aeigte Fahrscheine für Kongressteilnehmer «SfP Bon fest Wirklichkeit. Bon Anrtta Müller-Cohen. Ein Sinn muß fein, denn ein sinnloses Leben kann man nicht leben. Der Sinn im Leben aber ist bje Wirklichkeit, welche sich hinter den Realitäten des Menschenlebens und auch des Lebens der Böller, der Menschheit verbirgt. Alles Geschichtliche, ivas erscheint, ist bloße Realität, kein Selbstzweck, kein Endioert und also keine Wirklichkeit. Ter tiefe Sinn, der über da's Einzelgeschehen und das Individuum hinaus das Leben durchzieht, das unbewußte Wissen um die Vervollkommnung^ das ist die Wirklichkeit. Die zionistische Bewegung, geschichtsphilchophisch betrachtet, ist eine bloße .Realität. Es ist der große geschichtliche Irrtum vieler, daß sie den Zionismus für Selbstzweck, für Eigenwert -halten. Es fehlt, ihnen der geschichtliche Tiefblick, hinter' der Realität der zionistischen Bewegung die Wirklichkeit «des Mischen Lebens zu sehen. Die Folge hievon ist ein Fanatismus der Formen und Formeln, ein dogmatisches Schwaymen für zur Tradition gewordene Ansichten, ein Sichfestlegtzn auf kleinliche Programmbestimmungen und Vereinsstatuten. Wirklichkett ist das jüdische Leben. Dieses jüdische Leben hat sich seit zwei Jahrzehnten in die Fortn des Zionismus ergossen. Jode Form ist starr, das Leben ist fließend. Der Zionismus wurde während zweier' Jahrzehnte zu einer Kultuvformel, welche übervitalen Bestand für sich beansprucht. Er kommt dadurch notwendig in Konflllt mit dem Flusse des Lebens. Das Loben kennt keine Formel, das Leben will weiter, es wird über den Zionismus hinausgehen, es mutz sich neue Formen schaffen, nicht darum als ob der Zionismus schlecht wäre, sondern darum, weil es die Eigenart des Lebens ist, sich immer neue Formen zu suchen. Das jüdische Leben hat seine eigene Wirklichkeit, der ZioniSnuis ist nur feine Realität im gegebenen Augenblicks Was ist diese Wirklichkeit? Man würde fehlgehen, wenn man an Stelle des Wortes „Zionismus" Mtionalismus oder jüdische Renaissance setzte. An Stelle einer Realität eine andere. Die Wirklichkeit aber läßt sich nicht durch Worte 'bannen. Sind doch Worte selbst Forme:«, erstarrte Kristalle des Lebensflusses. Die jüdische Wirklichkeit ist das was war, was ist und am meisten lvas sein wird: die große Linie jüdischen Lebens. Man muß es nicht in Begriffe fassen können, nran muß nicht darüber Kongreßreden halten können, aber man muß es in allem, was man unter Mischer Flagge tut, spüren: alles Jüdische rnüß in der Linie jüdischen Lebens liegen. Man möge sich nicht auf Formeln versteifen, sie sind immer etwa's Vergangenes; inan möge nicht auf eine bestimmte Problemstellung sein ganzes Augenmerk richten, Probleme sind stets bloß Gegenwärtiges; man möge nicht auf den jüdischen Geist bauen, denn der geschichtliche Geist ist stets ein Zukünftiges: Lebe« aber ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich. Erblickt man die Dinge auf diese Weise von der Warte der Geschichte, fo dünkt einem manchmal das Schauspiel gar zu bunt und zu kleinlich. Kostümierte Figuren bewegen sich auf der Bühne und Men weiß der Zuschauer, was in ihnen vorgcht: er sicht bloß die Mimik und das Spiel. Langsam verliert man das Gefühl der Wahrhaftigkeit bei der Sache. Es kommt die Herrschaft der Phrase. Wer nicht genug Begeisterung zeigt, avanciert zum Ketzer. Die Massen verlieren den Glauben an ihre Führer. Man stellt Forderungen auf, die nicht mehr recht ernst genommen Wochen, man erreicht mit dem größtnwglichsten Aufwand den kleinmöglichsten Effekt. Schließlich wird die Bewegung immer mehr als große Realität empfunden^

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