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Wiener Morgenzeitung · 1925-08-18 · Heft 2331 (18.8.1925) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2331 (18.8.1925)
Date
1925-08-18
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Kr. SM Wien, Dienstag_. Wir haben dieses Streben ernst und sachlich bes gönnen. Wir haben dies so stark getan, daß die Manier der kühlen Reserve durchbrochen wurde. Das war z schwere und mühevolle Arbeit. Unser erstes Wort haben; wir m Basel, der Hauptstadt der freien Schweiz, gej sprachen. Wir sind dann nach der Hauptstadt des freien! britischen Reiches gegangen, nach dem Haag, nach Hamburg. Und immer stärker wurde das Interesse, das die Kulturmenschheit nahm. Sie sah, wie ein Volk seine Fesseln durchsägt, wie es sein Leben entwickelt, seine Lage zu verstehen trachtet und wie sich der Ruf nach dem Boden und der Freiheit der Heimat immer stärker und klarer erhebt. Wie aus der werten Ferne der Wüste sind wir immer näher an die Brennpunkte des politischen Lebens herangekommen und wir haben mit Freude gesehen, daß das Verständnis für unser Wollen immer weiter wurde. Wir haben auch viel Haß und Feindschaft erfahren. Aber das beweist doch nur, daß wir aus der Irrealität in das volle Leben der Völker eingetreten sind, daß wir nicht mehr Objekt sein wollen. Das jüdische Volk steht in einem Konflikt, der sein ganzes Dasein von dem Verlust der Unabhängigkeit an bis zum heutigen Tag beherrscht. Die Verschärfung dieses Konfliktes mußte naturnotwendig sich ergeben, als die Parias zu fordern begannen. Wir haben dies gewußt, wir mußten dies wissen und wir wissen, daß wir noch nicht am Ende dieses schweren Weges stehen. Alles auf der Welt ist kausal bedingt. Alle Dinge greifen ineinander und jede Tat erzeugt Sympathie und. Antipathie. Auch wir unterliegen diesem Gesetz. Das jüdische Volk hat sein politisches Temperament zweitausend Jahre lang unterdrücken müssen. Es ist wehrloses Werkzeug gewesen, an dem sich manchmal gutwillige Menschen, meist aber Freibeuter, versuchten. Es will nun seine eigene Straße gehen, es zeigt eigenen Willen. Das mußte erst Verwunderung, dann lauernde Beobachtung, schließlich Reaktion Hervorrufen. Wir stehen in diesem dritten Stadium, und unser vierzehnter Kongreß hat schon dadurch, daß er sich versammelt, auszudrücken, daß wir auf unseren Rechten beharren, daß wir Ghetto, wie immer es sich maskieren will, ablehnen, daß wir innerlich die Schmach der Resignation und der falschen Bescheidenheit überwunden haben. Unser Anspruch ist von den Völkern geprüft und anerkannt worden.' Erez Israel ist kein Wunsch mehr. Es ist ein Teil unseres Lebens und wir geben es nicht mehr auf. Wir hoffen und wir ivünschen, daß die nationale Konzentration in Palästina unsere Situation in den Ländern, in denen wir leben, entlasten wird. Unser Volk wird wieder ein Zentrum erhalten. Alles Falsche, Halbe wird weggeschafft werden. Wir erstreben dies in unserem eigenen Interesse und iin Interesse der Völker, unter denen wir uns durch unser Mitleben, durch ehrliche Mitarbeit «das Bürgerrecht erworben haben, das wir niemals aufgeben. Aber es kann nichts uns von unserem Weg abdrängen, nichts zwischen uns und unser Ziel treten. Wir fordern, was zu fordern wir berechtigt sind. Unser Recht fließt aus unserer Existenz. Wir sind -— wir wollen! Wir sind ein Volk. Aber das Volksbewußtsein ist noch nicht Gemeingut aller. Viele, sehr viele stehen abseits. Erez Israel hat auch sie uns näher gebracht. Aber dieses Erez Israel, dieses wenige, was bisher erreicht werden konnte, ist nur durch die zionistische Arbeit, durch Wiener MorgrnzDnns Präsident Welzmann. wprrrE ‘ As ’vv-ii’vi'« WlAl mm ym die sukzessive Entwicklung aus den von den Zionistenkongvessen in logischer Kette gezogenen Linien geschehen. Wir haben gearbeitet, propagiert, Geld gesammelt, Straßen und Häuser gebaut, wir haben verhandelt,' sind von Land zu Land, von Volk zu Volk gegangen. Das „Vivos voco, mortuos plango" kann auch über das Tor «des Kongresses geschrieben werden. Wir haben die Lebenden zum Leben und zum Schaffen gerufen, wir haben ihnen aber auch das Werkzeug gegeben und den Weg gezeigt. Unser Werk, das aus der Wahrheit der jüdischen Seele kömmt, ist wahr und richtig. Das gibt uns Verantwortung und Pflicht für die Zukunft. Es ■ kann nur so gebaut werden, wie es sich aus unseren Erfahrungen vorschreibt. Unser Tun in Palästina darf durch nichts gestört werden, durch keine unberechtigte Ideologie von links oder'rechts. Unser Volk muß bauen und es kann nur so bauen, wie es die bestimmen, die sich voll und rückhaltslos zu ihm stellen, die Juden sind und gar nichts anderes. Das europäische Mist, und sei es auch in den schillerndsten Farben, sei es aus goldenem. Teller gereicht, muß ferngehalten werden. Wir haben genug Zeit gehabt, um zu sehen, wie Völker sich selbst zerstören, wie sie in Feindschaft zueinander leben und wie Klassen widereinander kämpfen. Wir müssen unsere Zelle von vornherein so anlegen, daß sich das ganze Judentum in ihr heimisch fühlt. Alle Weltanschauungskämpse, die da' Vorgehen, sind doch nur Reflexerscheinungen, heworgerusen durch fremdes Gift. Und je weiter wir uns von diesen Bazillen halten, um so leichter wird es uns, den Parteienkämpsen, in denen sich Europa zerfleischt, zu entgehen. Wir sind nach keiner Seite hin gebunden und können in vollster Unbefangenheit aus dem Weg bleiben, den uns das Baseler Programm vorschreibt. ~ ss. AMlsk ms_sm % Die öcholle und der NE. Von Hofmt UmversitätKprosessor Dr. S. Ehrmmm. Es ist ein eigentümlicher Grundzug im Wesen ge. sunder Völker, daß ihre vitalsten Schichten so innig ai Grund und Boden hangen. Poesie, Literatur und Sozio, logie haben diesen Zug von der psychischen Seite, der Seite des Sentiments sowohl, als auch von der Seite der praktischen Wirtschaft beleuchtet und ausgenützt. Die bäuerlichen Kohlhaas-Naturen, die knorrigen Bauernnaturen Niederdeutschland-, die Prozeßhanseln, die Geschichte der von ihrem Böden vertriebenen, in fremden und überseeischen Landen wieder ihren Zusammenhang mit der Mutter Erde suchenden Auswanderer, all dies zeigt, wie tief diese ErdgebundenHeit begründet ist. Auch die von Grund und Boden durch die römische Politik Verdrängterl Juden Palästinas suchten wieder in der fremden 'Erde bodenständig zu werden, bis die verschiedenen Konzile ihnen dies unnröglich machten. Bekanntlich hatten sie aus der pyrenäischen Halbinsel von Anfang an auch Grundbesitz bis zum Konzil von Evora, und es war auch später eine diabolische Eingebung, sie vom Rechte auf Grundbesitz auszu schließen. Gewiß! Das Erstehen und die Gründung größerer Städte ermöglichte die 'höhere Zivilisation, in ihnen allein ' konnten die komplizierten Gewerbe entstehen, konnte die! Wissenschaft sich entwickeln. Aber schon die Kunst hat ihre ursprünglichen Quellen nicht in der Stadt, sondern in Wald und Feld. Gesang und Musik entstanden aus dem VoKsliede und dieses strömte aus der Kehle des naturgebundenen Märschen. Die Stadt und der heiße Kamps jedes eiMlnen um Geltung, bewirkt die Selektion, die Auswahl der Tüchtigeren, Begünstigten, das Zurückbleiben des MinderWchtigen, MMderbegünstigien, scheidet also frühzeitig die Bewohner in Schichten: in die höheren, stärkeren, geistig begabteren und minder tüchtigen, schwächeren. Der Kampf zwischen Lpümaten und Plebejern in Rom, auch in Palästina die Scheidung der Fürsten und des gemeinen BoKes, zeigt die geschichtliche Entwicklung, Kleiderhaus M. NEUMANN I. Kärntiterstrafte 19 VI- MMßWWWMs 35 HERREN- UND KNABSNANZÜGE WMCHE in bester Qualität und zu raäiftig.^i! £ reis;en M. NEUMANN VraMSm» fUMVfc W&ÄtÄ$fiÄdPEHSVÄ835 wie in der Hauptstadt selbst. Wir wünschen die Bekehrung der Seelen, nicht die Vergewaltigung der Leiber. Andere Denkweise stünde uns nicht an, die wir die Akademie Platons im Lichte des Glaubens wiederaufgebaut sehen. Doch nicht dies ist es, was in Frage steht. Unzweifelhaft sind mit großen Gaben des ^Geistes und der Willenskraft ausgestattete Männer in der Umgebung des Königs Johann anderer Meinung als wir. Und in Dingen der Politik entscheidet ja letzten Endes nicht die richttge, sondern die bewaffnete Meinung. Höre also, — der Gesandte Dom Miguel beklagte das Ueberwuchern der scheinchristlichen Lebensführung in seinem Lande und, um diese Pest, so nannte er sie, nach spanischem Muster von Grund aus auszurotten, wünschte er und wünscht König Johann durch seinen Mund, daß wir den Tätigkeitsbereich des heiligen Offiziunr von Spanien auch über Portugal ausdehnen. Drei Jnquisitionstribunale, Lissabon, Evora und Coimbra, — ich brauche nicht zu sagen, daß dies mehr als dreitausend, vielleicht dreitzigtausend Scheiterhaufen für die Marranen bedeutet. — Möchtest du nun deine Reise nach Portugal nicht beschleunigen, um deinen Brüdern Hilfe zu bringen? Denn wenn König Johann eine jüdische Streitmacht als Bundesgenossen annimmt, wird er nicht gleichzeitig nach der Inquisition rufen können." „Um dieser Sache willen werde ich meine Reise nach Portugal nicht um einen einzigen Tag beschleunigen", erklärte Reubeni, und die frostige, beinahe beleidigende Gleichgültigkeit, mit der er jetzt sprach, stach seltsam von der Leidenschaft ab, mit der er dem Papst bei Wendung des Gespräches auf die Zwangschristen hin sofort ins Wort gefallen war. „Zwar finde ich die Pläne des portugiesischen Königs nicht gerecht. Doch nicht, um einzelnen Juden oder einem Teil der Jndenschaft Recht zu schassen, bin ich aus dem Reiche Chabor aufgebrochen. Und nicht, um die Gebote der Milde und Wohltättgkeit zu erfüllen, hat mein König und der Rat der Siebzig mich entsendet. Sondern ich bin ein Krieger. Was ich bringe, sind Waffen. Und was ich verlange, sind gleichfalls Waffen, um die Kriegsrüstung meines Volkes zu ergänzen. Ich sehe aber ein, daß weder Frankreich noch der Kaiser eine Kanone öder auch nur einen Mann entbehren können, da die letzte Entscheidung zwischen ihnen nahe bevorsteht. Aus diesem Grunde und aus keinem anderen folge ich dem Rate Eurer Heiligkeit, der mich an den Hof von Lissabon empfiehlt." Dem Papst schien diese Antwort von Stolz und Zurückhaltung besser als alles bisher Gesprochene zu gefallen. „Es ist wahr! Es ist neu und ungewohnt, aber es ist richtig!" rief er nach jedem Satz, den ihm der Kardinal übertrug. „Ihr wollt Größeres als man sonst den Juden zutraut", nahm er dann das Wort. „Um Gnade pflegen sie zu schreien oder um Gerechtigkeit, was ja bei der Hinfälligkeit der menschlichen Urteilskraft meist auf dasselbe herauskommt. Derlei wollt Ihr nicht. Ich verstehe Euch. Ihr wollt militärischen und politischen Einfluß. Ihr wollt die Wirklichkeit, wie sie die Staaten seit jeher regiert hat; wenn auch erst die jüngste Zeit diesen wirklichen Gesetzen der Herrschaft einen Erforscher und sehr wahrheitsliebenden Auszeichner beschert, ich meine unseren Diener Niccolo Machiavelli." Der Papst war sehr eifrig geworden. Einem Lakaien, der Erfrischungsgetränke brachte, befahl er durch ein Zeichen, nicht zu stören. Da er bei der Lebendigkeit seines Redens unwillkürlich in Bewegung geriet, mußten die beiden anderen ihm folgen und die drei Gestalten, zwei m leuchtendem Weiß und eine in Purpurrot, wandelten die Terrassen der vattkanischen Gärten hinab. Doch hinter der liebenswürdigen Konversation des Papstes pochte leidenschaftlich sein Wunsch, zu überzeugen, sowie den aufmerksamen Beobachter das runzellos glatte Gesicht über manche verborgene Sorge und List nicht hinwegtäuschen konnte. War Reubeni solch ein aufmerksamer Beobachter? Man konnte es ihm nicht anmerken; seine abgezehrten Züge waren regungslos, seine dunklen Augen stumpf, wie nach innen blickend, die ganze Haltung gleichsam ohne Impuls, fast abgestorben ruhig. Man konnte augenblicksweise auf den Gedanken kommen, daß die Seöle dieses Mannes gar nicht da tvar, daß sie irgendwo in der Ferne ganz unzugänglichen Bußübungen nachging. „Nun seht, von diesen Gesetzen der Herrschaft", sagte Clemens, „ist die portugiesische Inquisition nicht so weit entfernt, wie es Meint. Ihr selbst bezeichnet Portugal M die einzige Großmacht, die in düessm Kriege noch norrtval geblieben M. Die Inquisition aber bedeutet: Spanien. Es ist die spanische Partei «n Hase von Lissabon, die Scheiterhaufen brennen sehe« will. Wie sehr aber das Uebergowicht fpßmtenS durch einen zunächst gefftigen, dann auch diplomatischen Anschluß des portugiesischen Hauses steigen könnte, wäre Euch wohl unzweifelbar, wenn Ihr die letzten Nachrichten kenntet, die man mir arrs der Lombardei gebracht hat." Reubeni kannte sie, obwohl sie erst am Tage zuvor mit päpstlicher Eilpost eingelangt waren. Stets war e-r mit größter Sorgfalt über die Verhältnisse der Mensche«, mkt denen er zu verhandeln hatte, unterrichtet, hatte stets seine Erkundigungen durch neueste Berichte ergänzt. Er konnte daher unbefangen das Zurückweichen der Franzosen aus der Lombardei urit dem Papste besprechen. Der Papst merkte bald, daß er Reubeni weder durch die Nachricht vom Tode Bayards, des französischen Helden, noch vom bevorstehenden Einsall der Kaiserlichen in die Provence überraschte. Der Ster» Spaniens stieg, kein Zweifel. „Und der Sieger wird Riemen aus unserer Haut schneiden", diests Wort des Papstes fiel dem Gesandten zur rechten Zeit ein. Ueber all dies im Augenblick klar werdend, verbeugte er sich: „Eurer Heiligkeit zu dienen werde ich weine Reife nach Lissabon so sehr beschleunigen, als nur möglich ist. Ich verstehe, daß diÄ verloren wäre, wen» Portugal das siegreiche Sp«risu unterstützte. Eure H«N«eit wünscht nicht, daß Spanien noch mehr von italienischem Bode«, als es ohnedies besitzt, an sich bringe; selbst nicht nm den Preis der Befestigung und Vergrößerung, die der Kaiser dem Patrimonium Petri anbietet. Den» glorreich verfolgt die Kurie die Politik des großen Lorenzo Magnifico, des Oheims Gur« Heiligkeitt eür freies Italien ans eigener Kraft aus Grundlage das Bundes der vier Hanptftaalo«: Patrimonium, Venedig, Mailand und Florenz. So hat ja auch der Magnijieo einem Fremden, der Hilfe anbot, die großartige Antwort erteilt: „Noch vermag ich nicht, meinem Nwzeu die Gefahr ganz Italiens vorzmiehen." Durch die Erwägung des ruhmvolle» Medici Wen dev Sav M &twm & fcm*.

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