Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2331 (18.8.1925)
- Date
- 1925-08-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. MSI Wen, DienStag Mener Morgenzeltung «fl|K . Mtgusk XwZO ZELLER FRANZ LE OFRWAREN* FABRIK WIEN vm TlGERGAttE h/6 SPEZIALIST IN ECHT VULKAN-FIBER-KOFFER Auch hier wird nran einweniden: Es gibt zu sehr Meinungsverschiedenheiten, d-ie Zionisten können nicht miteinander Frieden schließen, sie bilden Parteiungen, sie bieten der Sonne das Schauspiel von Streitereien. Lieb ist die Friedensliebe eines solchen Kritikers, aber sein Sinn ist klein und sein Gedächtnis schwach. Er erinnert sich nicht mehr, daß die Juden früher einstmals in den Ländern des Ostens über „Thoraaufrufe", über „Schächter", und in den Ländern des Westens über Gemeinden, die nicht zusammen beten konnten, zu streiten pflegten. Andere Dinge hatten sie nicht, die sie beschäftigten, derentwegen sie streiten sollten. Der Interessenkreis hat sich geändert, erweitert, das Volk trat in die Periode der- Renaissance, es hat ein erhabenes Ziel vor sich, sein Herz ist wach. Unser Volk interessieren jetzt politische, ökonomische, organisatorische Fragen, die die Fragen seines Lebens und seiner Existenz sind, nicht bloß in der Zukunft, sondern auch in der Gegentvart. Es sind nicht mehr Kleinlichkeiten und Rechthabereien, sondern Fragen von der Art, die alle Völker beschäftigen, und die auch bei ihnen Parteibildung nach sich ziehen. Und was verlangt denn dieser Kritiker? Daß die Kritik aufhöre, daß die Menschen Wiegenlieder singen, damit sie einander einschläfern? Jede Idee, jede Meinung ist frei, damit sie um chren Sieg ringt; jedes ehrliche Stroben verdient Aeußerung und AuÄruck; jede Appellation fordert Gehör und der allumfassende Zionismus muß im Kongreß in allen seinen Schattierungen und Nuancen zum Ausdruck kommen. Schlecht ist es um eine Bewegung bestellt, die vor jebem Schatten eines Streites zurückschreckt und die alles und zu joder Zeit im Glanze der Feierlichkeit sehen wird. Es gibt schwere schmerzvollere Fragen, und die müssen geklärt werden, und auch der Kampf der Meinungen, wenn er Mimisch ist, hat gute Wirkung. Alles muß, wie es ist, nicht nur die Momente der Freude und der Begeisterung erleben, auch der Schmerz und die Leiden und der innere Kampf nrüssen sich im kleinen offenbaren und Ausdruck im Kongreß erlangen. Keine Verschönerung, keine Uebertünchung, sondern alles so wie es ist! Wir haben nichts zu verheimlichen, nichts zu verschönern. Und was die allgemeine jüdische Welt anbetrifft, beweist die Erfahrung, daß mehr noch als durch allgemeine Reden sie dem Zionismus zugeführt werden durch praktische Fragen, wenn sie hört oder liest und wenn sie in direkten Kontakt gerät mit den Dingen selbst. Das ist der natürliche Gang der Entwicklung des zionistischen Kongresses zum allgemeinen jüdischen Kongreß. Und noch eine Absicht besaß der Schöpser des Kongresses: Er wollte unserer dunklen Welt ein Fenster öffnen zur weiten großen Welt. Ein Sohn des westlichen Europa und Publizist, konnte er die Möglichkeit einer politischen Bewegung nicht verstehen, die sich bloß in geheimer Sehnsucht, stillem Gebet und lokalen Vereinen äußert — ahne Oesfentlichkeit und Werbung. Der. Bühnenschriftsteller, der gewöhnt war, Empfindungen seines Arzens durch Menschen darstellen zu lassen, die da leben und sich bewegen vor seinen Augen und den Augen der Oesfentlichkeit — konnte sich nicht eine Konferenz von Menschen vorstellen, die in einem geheimen Winkel einander etwas zuflüstern, sondern als eine lebendige Erscheinung, öffentlich, voller Macht und Herrlichkeit; der Gesellschaftsmensch, der.Beziehungen zur großen Welt besaß, der durch Jahre den Verhandlungen im Palais Bourbon gefolgt war, konnte sich nicht das Gelingen einer politisch-nationalen Bewegung denken ohne weites Echo in der öffentlichen Meinung der Welt und ohne Anknüpfung von Beziehungen zu den „hohen Kreisen". Fürwahr, klein und schwer waren die ersten Schritte. Mer im Laufe der Zeit eroberte sich der zionistische Kongreß feinen Platz -in der großen Welt. Der Weg von Basel 1897 bis nach Wien 1925 ist ein weiter Weg. Wir haben die Kinderschuhe ausgezogen. Wir brauchen uns nicht mehr zu „bemühen", daß die öffentliche allgemeine Meinung uns Aufmerksamkeit schenkt; es bedarf nicht mehr großer Anstrengung, Lord Artur Balfour. s*-- r- Pelzmn/Fun/Fommres Hortet NouveaaUt Moriz FLEISCHMANN WIEN, I., GRABEN 2« Telephon-Nummer 68-4-79 M daß die Regierungen von uns Notiz nehmen. Der Zionistenkongreß von jetzt ist nicht bloß eine zionistische Hauptaktion, er ist nicht nur eine jüdische Erscheinung, er ist zu gleicher Zeit auch ein politisches Ereignis, das man anstaunt, worüber man verhandelt, mit dem man rechnet. Brauche ich denn daran erinnern, daß wir jetzt in der Periode, da der zionistische Plan sich zu verwirklichen beginnt, uns in einer anderen Lage befinden? Der Bau der jüdischen Heimat hat begonnen. Wir sind zu einem großen politischen Faktor geworden im nahen Osten; wir sind von den Regierungen und vom Völkerbund anhängig. Und deswegen ist auch der zionistische Kongreß nicht bloß bedeutungsvoller, sondern auch verantwortungsvoller geworden — das versteht sich von selbst. Aber was betont werden soll, ist, daß schon zu Herzls Zeiten der Zionismus das Ghetto verlassen hatte und in die große allgemeine politische Welt eintrat. Er sah in der WirÄichkeit das Kommende. Wenn man jetzt von Zeit zu Zeit den Ruf hört: Zurück zu Herzl — in polemischer Absicht von einem Teile der Zionisten gegen den anderen, sage ich: Zurück zu Herzl! Das heißt einfach zurück zu den Großtaten von Herzl. Die wertvollste Tat und die folgenreichste Herzls war der zionistische Kongreß, der unseren Bestrebungen Gestalt und Form und Ausdruck verlieh. Zurück zu Herzl — das heißt, erweitern, vertiefen, ausbauen, die erste und die grundlegendste Schöpfung Herzls heben, ihr mehr Bedeutung verleihen, Mut, Vertrauen, Majestät und Erhabenheit. Man wirdmir sagen: es gibt keine Begeisterung auf Bestellung, sie kommt oder sie kommt nicht. Richtig. Wer kann eine so einfache Wahrheit nicht verstehen? Aber andererseits kann man auch nicht ein kaltes, trockenes und negatives Verhalten bestellen. Wenn sich die Sache von selbst entwickelt, dann wird auch die richtige Stimmung sich ergeben. Ich glaube, daß die Begeisterung auf den Kongressen natürlich ist, hingegen die Mißstimmung gemacht. Und manchmal wird es zu einer Mode, mit der sich' ein Mensch ziert, um zu beweisen, daß er nüchtern sei, daß er es versteht, Fehler auszusetzen und „kaltes Wasser" aus die erhitzten Gehirne zu schütten. Diesen Eispunkt haben schon andere vor der Begründung des Kongresses eingenommen und der Strom der Zeit hat sie weggeschwemmt. Und der Zionistenkongreß kommt immer wieder, weil er ein großes Bedürfnis im Leben des Volkes und in der Entwicklung seiner Zukunft befriedigt. Deswegen verstehe -ich diejenigen nicht, die da fragen: Was wird uns der Kongreß geben? Nicht weil ich es nicht mit denjenigen halte, die die Erschließung großer Hilfsquellen und gewaltiger Neuerungen vom Kongreß erhoffen. Es ist sicher, daß die Zeit, die Zeit der Taten ist, und wir haben das Recht, von jedem Kongreß praktische Auswirkungen zu erwarten; aber führt, sodann Alexander der Große in einer Landschaft eingeschlossen habe, die mit den Worten „intra Montes Caspios" bezeichnet werde. Der Heilige Vater selbst habe nun mit wahrhaftiger Freude die unerwartete und^frohe Kunde von dem Erscheinen des Botschafters vernommen, dessen Pläne mit seinen eigenen wohl erwogenen Absichten so sehr übereinstimmten, sowohl was den Kampf gegen den gemeinsamen Feind, die Türken, als auch was den Frieden und das Bündnis zwischen dem Könige von Frankreich und dem Kaiser anlange, die jetzt zum unaussprechlichen Schmerze seiner Heiligkeit auf italienischem Boden in erbittertem Kampf miteinander lägen. Ueber diese Absichten Näheres aus dem Munde des Großen Pontifex selbst zu hören, sei der Gesandte nunmehr in den vatikanischen Palast geladen. Weder die hebräische Rede Reubenis noch die des Kardinals, die in reinstem ciceronianischen Latein abgesatzt war, wurde übersetzt, — offenbar war der Wortlaut beider in den vorangegangenen Gesprächen zwischen dem Kardinal und dem Ambassadeur genau vorausbestimmt worden. Das beiderseitige Gefolge hatte stillschweigend, doch an mehr als einer Stelle durch Blick und Gebärde größte Bewegung kundgebend, dem Anstausch der Ansprachen zugehört. . * Im stillen, kleinen Belvederegarten, unter blühenden Orangenbäumen, deren Licht in der Frühlingssonne die da mrd dort aufgestellten Marmorstatuen überstrahlte, wartete Reuden: m Begleitung des Kardinals Egidio auf den Papst. Den ganzen weiten Weg vom Danrasushof des Vatikans an waren sie an halbseriigen Bauten, Bramantes Niesenhallen, an einem Turnierplatz und einem Park vorbeigegangen. Alles noch in Anlage begriffen. Wünschte der Papst seinem Besucher die ungeheuren Entwürfe, mit denen er nach dem Vorbild seiner Amtsvorgänger sich beschäftigte, wie Zeichen seiner weltumspannenden Größe vorzuführen? Reubeni hatte kaum ausgeschaut, nachdenklich war er dem Kardinal gefolgt. Erst hier, in der Ruhe des Lustschlosses, blickte er um sich. In einer Nische, am Ende eines schattigen Baumganges, stand das Wunder der Welt, die vor etwa zwei Jahrzehnte:: aus dem Schutt gehobene Laokoongruppe. Die in tötlichem Schmerz verzerrten Züge des Mannes schienen dey Sar anzuz-iehen, er ging auf die Statue zu und betrachtete sie lange. „Er hat es gewagt," wandte sich Reubeni an den Kardinal — „gegen seinen Gott!" „Und dabei war er im Recht, als er die Lanze schleuderte", lächelte Egidio. „Und dennoch kamen die Schlangen." Der Sar blieb ernst, ja es schien, als breite sich auf seinem peinvoll mageren, schwarzen Antlitz der bleiche Abglanz des Laokoonschmerzes aus. „Das ist die Gefahr, die man auf sich nimmt. Diese Gruppe sollte für das Zimmer jedes Politikers abgegossen werden." «Der Kardinal legte einen Finger au den Mund. Eine Geheimtür hatte sich bewegt, — die einzige Tür, die der unmittelbare Vorgänger des Papstes, der Nordländer und Heidenfeind Hadrian, rings um diesen Hof von „Götzenbildern" unvermauert gelassen hatte. Es gab wohl nichts, was dem Sinn des jetzt herrschenden Papstes weniger entsprochen hätte als diese ängstliche Vermauerung. Aber in seiner durch schwerste Sorge belasteten kurzen Regierungszeit hatte er noch nicht alle die düsteren Maßnahmen aufheben können, mit denen Hadrian sich dem heiteren Volte Roms unverständlich und unbeliebt gemacht hatte. Der Papst trug ein schlichtes weißes Mantelkleid. Ein schöner und stattlicher Mann: nicht mehr der klug umi> etwas neugierig blickende bartlose Jüngling, den Raffael gemalt hatte; vielmehr erinnerte die würdige Haltung, das volle, doch lebhaft modellierte Antlitz und der große Bollbart an das durch antike Philosophenstandbilder festgehaltene Ideal kraftvoller und weiser Männlichkeit. Nichts Greisenhaftes. Der weiße Vollbart, in den der gleichfalls weiße Schnurrbart herabhing, war gegen die Wangen hin noch tiefbraun; jugendlich träumerisch blickten die Augen. Als Clemens sich näherte, beugten der Gesandte und der Kardinal das Knie. Doch mit bezaubernder Anmut ließ der Papst die Huldigung nicht zu. „Meine lieben Söhne" — er nahm beide an der Hand und führte sie lebhaft aus einen nahen Gartenweg, der sich zu einem schönen schattigen Plätzchen erweiterte. Einem sprudelnden Brunnen gegenüber im Halbkreis einige Marmorsessel. Der Papst lud zum Sitzen ein. — War schon das Benehmen des Kardinals von höftscher Lsichttgkett gewesen, so fühlte man vollends von jeder Bewegung dieses Clemens eine Vornehmheit und Freiheit der Gesinnung ausgehen, die entzückte. Kerne andern als die menschlichen Maßstäbe und die natürlichen Werte sollen hier gellen, — das las man förmlich auf seiner lichten, durch schöne Buckel über den Augenbrauen gegliederten Stirn. Vor der erhaben-liebenswürdigen Gestatt verstand man den noch in den Ohren klingenden Jubelruf „Palle, Palle!", mit dem kürzlich das Volk unmittelbar nach der Wahl dieses Papstes das Wappenschild der reichen und weltfrohen Medici am Portal von Sau Pietro angebracht hatte. „Ein kriegerischer Jude", begann der Papst ungezwungen. „Der erste, den ich sehe. Und über mein Gefühl dabei bin ich noch nicht ganz im Klaren. Habe ich es doch bisher immer als einen eurer Vorzüge angesehen, daß ihr ganz friedlich und ohne Waffen lebt und nach dem Tag des Propheten trachtet, an dem Rind und Löwe nebeneinander weiden werden. Und ein Kind wird sie hüten. Und der Löwe wird Gras fressen wie das Rind." — Clemens lächelte, als könne er sich mit der Vorstellung des grasfressenden Löwen doch nicht ganz befreunden. Einem griechischen oder römischen Autor wäre solch eine Geschmacklosigkeit nicht unterlaufen! Sichtlich belustigt und ohne daß seine gewichtigen Worte in vollem Einklang mit feiner heiteren Miene standen, fuhr er fort: „Nach dem Friedensreich trachten, das verheißen ward, der ganzen Welt den Frieden zu geben, — nichts anderes ist mein Wunsch. Nun haben sett Jahrzehnten Frankreich und Spanien unser Land zun: blutigen Schlachtfeld und zum Trümmerhaufen gemacht. Sollen wir dem einen oder dem anderen Sieg wünschen? Wer auch siegt: der Sieger wird Riemen aus unserer Haut schneiden. Nicht für uns, nur gegen uns wird er gesiegt haben. Siegt aber keiner von beiden, so bedeutet das, daß auf unserem Rücken der Kampf