Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2331 (18.8.1925)
- Date
- 1925-08-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Btt. AM Mm, MmSW ' V . ' IN...------ Und es ist bekannt, ich erwähne dies, nicht um zu > lobe« oder zu tadeln, sondern im Namen der historischen Wahrheit, daß sich diesen Schwarzsehern auch ein Teil derjenigen anschloß, die sich mit der Kolonisation Palä-!stimE befaßten, treu ergebene nationale Juden, deren Anschauung über das Judentum und seine Bestimmung im krassesten Gegensatz stand zu den im „offiziellen Judentum" herrschenden Anschauungen; aber diese Männer hatten Angst, daß die Beziehungen zur türkischen Regierung durch die Enthiillung des Endzieles verdorben werden könnten, und daß infolge der öffentlichen Demonstration und ihres Bekanntwerdens in der großen Welt die „entscheidenden Kreise" in Kon-, stantinopel verstimmt und veranlaßt werden könnten, die Einwanderung der Juden nach Palästina zu beschränken und noch mehr Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg zu legen, die sich vor jedem „Firman" und vor der Bestätigung eines jeden „Kuschan" emportürmen. Sie hatten Angst, daß die zarten Pflänzchen des Jtschuw durch eine stille Pflege nicht weiter entwickelt werden, sondern daß sein Los einem politischen Experiment anvertraut werde, das von Erfolg weit entfernt, hingegen der Niederlage fast gewiß ist. In ehrlichem Glauben und ohne irgend ein Sentiment gegen den neuen Erwecker, der von draußen kam, jä sogar mit einem Gefühl der Hochachtung und Genugtuung über das Erscheinen dieses Menschen, der an unserem Horizont plötzlich aufgestanden war, jedoch zugleich auch mit einem entwickelten Sinn, und mit einem bewährten Verständnis von Männern der Tat, erachtete es ein Teil,der aktiven Führer für eine Pflicht des Selbstschutzes, alles zu tun, was sie vermögen, die übereilte und unvorsichtige Handlung zu verhüten. In ihrem Verantwortungsgefühle machten sie viele Aufregungen durch, erhielten sie Warnungen, versammelten sie sich in kleinen Gruppen und entsandten Emmissäre, die von Land zu Land zogen, um das interessante und gefährliche Ereignis zu besprechen und die Stellungnahme zu., klären und zu präzisieren gegenüber diesem angenehmen und trotzdem erschreckenden Experimente, das wunderbar und zugleich ruhestövend war. Dort bestand nicht die Frage: „Was tverden die anderen Böller sagen?", sondern „Was wird der „Jildis-Kiosk" sagen?", und manche fügten zu: „Und was wird der Baron sagen?" Es versteht sich von selbst, daß in diesen Fragen nichts von byzantinischer Unterwürfigkeit gegenüber einem Mächtigen lag, sondern das Gefühl der Sorge, aus ehrlichen Zionsgefühlen, uni die stufenweise und glückliche Entwicklung des neuen Jischuw, der damals mit fürchterlicher ' Anstrengung, hohen Opfern und schweren Geburtswehen sich zu entwickeln begann. Und diese Partei war dieser Frage gegenüber nicht absolut einheitlich. Ein Teil verhielt sich absolut negativ. Das heißt, sie beschlossen, sich zu bemühen, den Kongreß zu verhindern, und sollte es nicht gelingen, sich an ihm nicht zu beteiligen und ihn nicht anzuerkennen. Andere wieder waren zu sehr vom zionistischen Gedanken durchdrungen, als daß sie fähig gewesen wären, einem so wichtigen Experiment gegenüber sich vollständig negativ zu Verhallen, und sie fanden einen Ausweg aus dieser Verwirrung: Wir berufen ja den Kongreß nicht ein, w i r werden unser Werk fortsetzen, von unserem Weg nicht Massen — dieser neue Mann mit seinen Anhängern mache den Versuch auf eigene Wtentt Morgeirzettrms Verantwortung. Wird er gelingen, komme Gottes Segen über'sie, wenn nicht, so haben wir unsere Hände in Unschuld gewaschen. In gewissem Sinne möchte ich sagen, war dieses Verhältnis zu Herzl ähnlich dem Verhältnisse der italienischen Regierung zu d'Annunzio in der Fiume-Affäre oder des Polens zu Zieligowski in der Wilnaer Sache. Aber es gab noch andere, das waren die Besten, und die beschlossen, Anteil zu nehmen und mitzuhelfen, und zwar aus einem geraden und logischen Gedanken- Zsng heraus. Sie sagten: „Da eine neue Bewegung entstanden ist, dürfen wir nicht draußen bleiben, sondern müssen eintreten, um auf sie in unserem Geiste und im Sinne unserer Erfahrungen einzuwirken." — Und in ihrer Hoffnung, daß diese Bewegung beitragen werde, zur Erweiterung des Kreises der Chowewe-Zion und seiner weiteren Entwicklung, traten sie vollständig ein, und manche von ihnen wurden zu Hauplansührern. Fürwahr, es gab Nörgler, die diesen in die neue Bewegung Eintretenden vorwarfen, daß sie im Innern ihres Herzens noch unschlüssig sind: „Wir wollen sehen, was aus seinen Träumereien wird." Aber diese Nörgelei kann bei vernünftigen Menschen keinen Anklang finden. In dieser Gärung von Unzufriedenheit, Verdächtigungen und Schwiericfteiten wurde das größte Werk Herzls, der Zionistenkongreß, geschaffen! Er tat noch mehr: Er schuf die Zionistische Organisation, ohne die wir ein Luftgospinst waren; er gründete unsere Finanzinstrumerrte; aber das Allerbedeutendste, die Quelle und das Zentrum für alle diese Unternehmungen war doch der jüdisch-nationale Weltkongreß im Interesse des Zionismus, die jüdische Tribüne, der Ghrenthron des jüdischen Volles, die Konzentration in der Zerstreuung, der Kristallisationspunkt im Chaos, die Freiheit in der Knechtschaft! Das war wirklich ein Auflehnungsakt gegen Not und Bedrängnis, gegen Vernichtung und Zusammenschrumpfung, gegen Trübsal und Verzweiflung, gegen Nebel und Bodensatz unseres Lebenssumpfes. Die Katastrophen und Revolutionen, die das offizielle Judentum in Schrecken gesetzt, hinsichtlich der Pogrome und der Rechtsbeugung, die als naturnotwendige Wirkung des Zusammentrittes der Ir'niheit LTESSE —A. G. Wien, III., Renn weg 79-81 Tel. 91-4-72, 91-4-73 ✓ Strassenbahnlinie 71 ZigarefSan-Pdpiere und -HUIsen Eigene Marken und Spezialanfertigung * Sämtliche Kärtonnagen und Drucksorten für die Zigarettenindustrie 6U Alleinerzeugwng der Oragtaafl OlSeschauer Marken ÜB. August 1925 i*i Das grösste Kaufhaus Wiens.!**$&*& f", t - , The greatest störe of Vienna. •nmut-ntwvvw* der ganzen Welt zum Zionistenkongreß hervorbrechen sollten, waren in Wirklichkeit Schreckbilder, die Ausgeburt einer furchtsamen Phantasie. Solche Ereignisse spielten sich ab und werden sich abspielen vor und nach dem Zionistenkongreß, weil er nicht ihre Ursache ist und sie seiner als Ausrede nicht bedürfen. Und ebenso erwies sich jenes Kapitel von Heuchelei, Dummheit, Betrug, das da behauptete, „die Juden seien ausgenommen, oder seien im Begriffe, als Bürger ausgenommen zu werden, unter der Bedingung, daß sie sich ihrem Bolle entfremden, und daß sie sich assimilieren müssen usw.", als grundlos, und zwar sowohl durch die Zeitgeschichte und die alltägliche Erfahrung; sogar im Westen, wo die Zahl der Juden gering und verschwindend ist, um so mehr noch in den Zentren der Judenmassen, in denen die jüdische Nation bestand, kraft ihres eigenen Wesens, mit allen ihren Bedürfnissen, Idealen und Zielen, ohne irgend eine Neigung zur Selbstentäußerung und ohne irgend eine Neigung.der anderen zur Absorbierung — dieses ganze System des Wohlgefallenfindens durch Selbstentäußerung kam, wie schon genügend geklärt erscheint, nicht von den anderen Völkern, sondern von einem Teile der Juden, und auch von diesen nicht als ein Systenr, gegründet auf historische Forschung, nicht auf feinfühliges, psychologisches Verständnis, sondern als ein apologetisches Mittel, als ein Mittel, welches zu beschämenden Resultaten führte. Wiewohl alle diese Befürchtungen in sich zusammenfielen, will ich doch der Genauigkeit willen zugeben, daß es einem verantwortlichen und den Gang der Well verstehenden Menschen möglich war, vor Verkündigung des ersten Kongresses Zweifel und Befürchtungen zu hegen bezüglich gewisser Gefahren, bie nicht so schrecklich waren, aber wichtig genug, um berücksichtigt zu werden, und speziell die Gefahr der Rückwirkung auf die türkische Regierung mit der Möglichkeit von zeitweiligen Beschränkungen und Rückschlägen. Und wirklich bewahrheiteten sich diese Befürchtungen, denn der neue Jischuw litt zeitweilig darunter, und wiewohl ein klarer Beweis U»>»MWa>u*WUW>Wa>WW>W»WW>»W>aMW>>W>»aRW»»aWiN»alMWa»WWu»>UW»>»Wir»iii>■ i iirr^mi mnm r irantsvuM Wie mein „Mnbeni" entstand. Von Max Brod. Darüber habe ich mich in den Schlußworten des Romans Abst geäußert. Sie seien hier angeführt: „Dies ist das Schicksal Salomo Molchos. Der Sar Renbeni hingegen hatte noch eine grausame Enttäuschung zu erleben. Nicht der kurze Märtyrertod, zusammen mit Molche, — Schlimmeres war ihm beschieden. Unerwarteterweise wurde er aus dem Massenurteil von Mantua ansgereiht. Im letzten Augenblick waren Bedenken aufgetaucht, da man doch nicht genau wußte, ob man es mit einen: Fürsten der Juden, dem Prinzen eines souveränen Herrscherhauses zu tun habe. — Der Kaiser führte seinen Gefangenen nach Spanien mit und übergab ihn dort den Kerkern der Inquisition, in denen er vielleicht bald darauf, vielleicht Jahre später gestorben ist. Von diesen Kerkern wird Unsagbares berichtet. Mt Grauen senkt der Erzähler vor ihnen den Blick. Renbenis Reiseaufzeichnungen sind als Manuskript in hebräischer Sprache aus uns gekommen und in neuerer Zeit mehrmals gedruckt worden. Schon hat die Mühe ausgezeichneter Forscher manches in ihnen klargestellt. Manches freilich ist bis heute noch in Dunkel gehüllt. — Molchos Gebetmantel aber und seine Fahne mit den Psalmversen wurden von Regensburg nach Prag gebracht. Und hier, in der Pinkassynagoge, hat sie der Schreiber dieses Buches mit eigenen Augen gesehen. Die Nachrichten, die sich an die heiligen Gedenkstücke knüpfen, haben schon frühzeitig in ihm den Wunsch erweckt, das Leben der beiden Freunde zu erzählen. Dies hat er nun getan, wobei er vieles den alten Chroniken und den Darstellungen der Geschichtskundigen entnommen, vieles aber auch aus Eigenem, der blutsverwandten Seele gehorchend, hinzugefügt hat." , Aus »RSuieiU". Wie im obigen angedeutet, handelt es sich um eine Arbeit von vielen Jahren. Die Niederschrift beschäftigte Mich, fast drei Jahre lang, die Pläne und. .Studien aber reichen viel weiter zurück. Außer den Sozialwerken über Geschichte der Juden in Prag und Nom habe ich auch einen noch ungedruckten Codex der vatikanischen Bibliothek benützt, auf den ich durch Pastor „Geschichte der Päpste" aufmerksam geworden bin. In diesem Codex, der eine Chronik von Siena enthält, findet sich ein deutlicher Hinweis auf Neubenis' Papstcmdienz. Die nichijüdischen Quellen, die Graetz ausührt, um die Historizität des Auftretens Renbenis zu erhärten, sind somit um eine weitere vermehrt. Vor Graetz galt Renbeui als eine Fabelfigur. Es ist das große Verdienst von Graetz, diesem hervorragenden Mann einen Platz in der jüdischen Geschichte gerettet zu haben. Freilich ist seine Darstellung gänzlich verzeichnet. Er macht aus Neubeni einen Schwindler; daß er das ganz gewiß nicht war, geht aus der Lektüre seiner Memoiren hervor, die ich für eines der interessantesten Werke der hebräischen Literatur halte. Eine kritische Neuauflage dieses Werkes würde den Schatz unserer natiouälen Aeberlieferung beträchtlich vermehren. Eine Warschauer Ausgabe kommentiert wenig. Die Ausgabe Biber sels ist leider nur bis zur Hälfte gediehen. Ich habe das Leben Neubenis mit dichterischer Freiheit nachzufühlen gesucht; seine Jugend in Prag, die Mittelstellung seiner Mission zwischen Lüge und Wahrheit, Sünde und Ideal, und manch anderes in dem Buche, sind mein persönlicher Anteil an der hochlodernden Flamme dieser Seele, die als erste, ein früher Vorläufer Herzls, das Judenturn auf Iveltlichem, nicht geistigem Wege retten wollte. Die Erregung aller wurde zum Fieber, als noch am Ausgang desselben Sabbats ein Bote des Kardinals Egidio mit der Nachricht erschien: Seine Heiligkeit, der Papst, wolle am Sonntag um elf Ahr den Ambassadeur empfangen. Auf seinem weißen Pferde, von den zwölf Angesehensten der Gemeinde geleitet, ritt der Sar Neubeni zum Vatikan. Männer, Frauen, Kinder hatten alle Wege besetzt. Scheu wich man zur Seite, wenn der Zug herannahte; denn furchterregend blickte unter .dem großen, weißen Turban das ernste Gesicht des Frommen, mit Feueraugen und sonnverbrannten, ausgemergelten Zügen, aus denen nichts als Qual und Mühe sprach. Neubeni trug die lange weiße Ferredscha, das breitärmlige seidene Staatskleid des Ostens, dazu ein Krummschwert in edelsteinbesetzter Scheide. — Au der Porta San Spirito, dem Eingang ins Borgo, die päpstliche Stadt, empfingen ihn Würdenträger der Kurie, von Schweizerwachen in ihre:: vielfarbig gestreiften Aniformen begleitet. Unübersehbar war der Zulauf des Volkes. Römischer Adel schloß sich an, man sah auch einige der schönsten und vornehlnsten Kurtisanen mit ihrem Hofstaat. Denn die ganze Stadt war des Redens über den geheimnisvollen jüdischen Botschafter voll, und kein Gesellschaftsmensch, kein Neugieriger mochte der denkwürdigen Szene fernbleiben. Aeltere Bürger verglichen den Einzug Neubenis mit dem des Prinzen Dschem. Der Brm der des Sultans Bajazet, der Sohn des Byzanzstürmers, war nicht "feierlicher empfangen worden. Den Vergleich wollte man allerdings nicht weiterführen; denn später hatte der Borgiapapst den mohammedanischen Prinzen jahrelang in Haft behalten und, als er ihn ausliefern sollte, schließlich vergiften lassen. Indes bestand tatsächlich eine Aehnlichkeit zwischen jenen: Empfang vor mehr als dreißig Jahren und dem diesmaligen; in beiden Fällen halte man auf das übliche Zeremoniell verzichtet, das. der Religion des Gastes, den man als souverän ansah, svidersprocher: hätte. So hatte denn abends zuvor der Bote des Kardin.als Egidio von Viterbo folgende Ordnung der Audienz überbracht, zuerst sollte Neubeni im Palaste des Kardinals mit diesen» die förmlichen Staatsreden wechseln, zu welchem Akt Vertreter der jüdischen Gemeinde zugezogen werden konnten; dann sollte er zu einer vertraulichen Begegnung mit dem Papste in das Belvedereschloß geführt werden, au der nur noch der Kardinal selbst als Dolmetsch teilzunehmen hatte. Der Kardinal erhob sich von seinem Sessel, als der Sar eintrat, und ging ihm einige Schritte entgegen. Der freundliche Greis mit zarten:, halbverwittertem, in kluge Fältchen gezogenem Gesicht grüßte weltmännisch leicht:«