Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2616 (6.6.1926)
- Date
- 1926-06-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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fe 9826 Wien, Ssnstaq Wiener Morgenzettuns Wieder eröffnet fi Hotel National Wien, fl. Tabontraase 18 Telephon, 4iU5*93 VöSdUndig neu eingerichtet, zentrale Lage, 200 Zimmer mit fließendem kalten «. wannen Wasser, Bäder, Zentralheizung, Lift Kaffeehaus und Restaurant im Hausei Mluipfreliel Neve Leitung! Tagesbericht. Richard Beer-Hofmaun Aber die Habima. Gin Gespriich mit dem Dichter von „Jnakobs Lrnum". Dvaußen in Döbling, fern vom Straßenlärm, zurückgezogen in seinem mit viel Geschmack und Kunstsinn geschmücktem Heim wohnt der Dichter Richard B e e r - H o -fma n u. Ich suchte ihn auf, um ihn über seine Eindrücke von der .Habima M-befragen. Zögernd gemährt der Dichter, der mit seiner Arbeit stark beschäftigt ist, die Unterredung. „Ich bitte Sie, Herr Doktor, um die Mitteilung Ihres allgemeinen. Eindrucks, .den Sie von der Habima hatten." „Gewitzt werden auch in Rußland Direktoren Schauspieler engagieren, um Theater im europäischen Sinn zu machen, abet das Bezeichnende sowohl für Stanislawskh als auch für die Habima scheint mir doch, daß sich hier Menschen zusammengeftlnden haben, verbunden durch gemeinschaftliche Ideale und Uebereinstimmung in den Mitteln, sie zu verwirklichen. Solche Gemeinschaften nehmenfast den Charakter von Sekten an, sie haben den Fanatismus einer Sekte und die tiefe Ueberzeugung, allein — seligmachend zu sein. — Dieser Glaube an ein Ideal und -dieser Glaube an sich diese Inbrunst des Empfindens und dieser Wille, .das Ziel zu erreichen, geben dieser Gemeinschaft Kraft, Ausdauer, eine Opferbereitschaft, die es ihnen möglich macht, Leistungen zu erreichen, die bloßen Schauspielern und selbst dem genialen Schauspieler (der eben durch seine überragende Eigenart notwendigerweise einsam bleiben muß) versag-t sein werden. — All das glaube ich bei der .Habima in stärkstem Maße zu fühlen. Ueber das hinaus aber noch eine andere — wahrscheinlich entscheidende — Verbundenheit der einzelnen zu einem Ganzen, die allen anderen ähnlichen Gemeinschaften, selbst den so nahe -scheinen.-en russischen, versagt bleiben muß: Die tiefe Verbundenheit der einzelnen du r ch das e i n z i g da st eh ende s o n de r bare S ch i ck s a l i h r e s I u d e n t u nr s. Bei einem Volke ältester — ununterbrochener — stärkster Tradition werden alle Aeußernngen der Affekte scharf geprägte Form haben: Zorn, Zärtlichkeit, Zweifel, Hohn, Trauer werden so charakteristische Form und Farbe haben, werden --- fast musikalisch — so festgelegt sein, daß der einzelne mit seiner Eigengrt '.nur mehr ein — immerhin gegebenes — Thema variieren kann." Welche Vorstellungen haben Sie, Herr Doktor, bei der Habima gesehen? „Ich kenne bisher nur zwei Vorstellungen der Habima: .den „Dybuk" und „Iaakobs Traum", beide schon durch -das Stoffliche in einer religiösen Sphäre lebend (der „Dybnl" — über oder unter das Religiöse hinaus — noch in einer kultischritualen). Ich weiß, daß ein großer Reiz des „Dybuk" für den Nichtostfuden und den Nichtjuden darin liegen mag, daß auf ihn das Stoffliche als ein exotisch-buntes — durch Melodik und Rhythmik des Sprechtones, des Gesanges, des Tanzes bestechendes — Element wirkt. Aber unabhängig davon fühlte ich einen starken, ungebrochenen, zu Kompromissen nicht geneigten Willen am Werk, einen Willen, dessen — manchmal vielleicht doklrinär-hochmütg trotzendem Diktat — man sich kaum zu entziehen verntochte, ich sah Menschen, die mit unerhörter Inbrunst sich Hingaben, um in einem fremden Schicksal aichngchen. Szenen, wie die, in der eine junge Mutter an den heiligen Schrein herantritt, um die Genesung ihres Kindes zu erflehen, bleiben in der Erinnerung. Das dürftige Hebräisch, das die Schule mich lehrte, habe ich mit vielen anderen Dingen der Schule vergessen, und so fragte ich: „Sind das, was diese Frau spricht, singt, schluchzt, festgelegte Morte eines Gebetes?" „Nein", sagte man mit, „sie betet nur, was ihr Angst und Not über die Lippen treiben." Und hier begriff ich, was mich erschütterte. Tie Not, der Schmerz des einzelnen nahmen -von selbst sakrale Fornien an, welche Not und Schmerz eines ganzen Volkes -durch Jahrtausende vorgeprägt hatten, und wenn die Stimme versagte und ein Schluchzen anfstieg, war man nicht sicher: schluchzt diese Frau oder singt ein Volk seinen — schon Musik gewordenen — Schmerz. Wunderbar im zweiten Akt der Tanz der Armen, Bresthaften und Krüppel bei der Hochzeit des Neichen. Hinreißend der erste Eindruck: Musik, voll sinnlicher Wildheit und barbarischer Kraft, die den Blinden, den Lahmen, die Einarmige, -die Aussätzige, den Buckligen, -den Tauben mit elementarer Kraft in ihren Wirbel reißt. Und der zweite Eindruck — hinter dem ersten schon erkennbar — gefärbt mit der Farbe des revolutionären Rußland: Drinnen im Hause die Musik, drinnen die reiche Tafel, drinnen die Gutgekleideten und als ihre aufreizenden Vertreter auf den Stufen des Hauses in lächerlich gespreizter, altmodisch-bürgerlicher Vornehmheit drei Frauen, angetan mit Dummheit, Stolz, Selbstgerechtigkeit und Seide in starrer monumentaler Ungerührthcft dem Tanze der Aerinsten, ewig Dranßenstehcndcn zuschanend. Und wenn nach ostjüdische-r Sitte die Braut, in weißem Atlas unter dje Bettler tritt — verpflichtet an ihren: Hochzeitstage mit jedem von ihnen zu tanzen — und unter Blicken, Griffen, Berührungen der Finger, die auch einmal in ihrem Leben schönen Leib und kostbaren Atlas tasten wollen, e-rschaue.rt, leuchtet ein'Drittes-aus: Um den glücklichen Tag eines einzigen reichen Glücklichen ein Wirbel von zerstörtem -Leben — ein Tag, um den ungeMlte Jahre von Krankheit, .Not, Häßlichkeit und Älter ihren grauenhaften Reigen tanzen. Und als letzter Ausklang: Daß auch diese eine „Glückliche" in weißem Atlas an diesem einen Tage nicht glücklich ist und den zerstöre-ndeen Dämon in sich trägt. Im dritten Akt der Zadik ^— durch ein Leben vieler Tage, Nächte, einzig im Dienste eines Denkens, das um Tinge kreist, die über den Grenzen von Diesseits und» Jenseits schweben — wunderbar alterslos geworden. Kein gewaltiger Beschwörer von Ge.'ftrn, kein'' grimmiger Teufelexorzist, sondern weise, vorsichtig, fast sächlich in: gewohnten Umgang mit zerstörenden Mächten, wissend: Stunde, Zufall uvd eigene— stärker oder schwächer quellende ^lillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllillllllllllllllllllllllllllllllllllltlllllllllllllllllllll: eues ifllllill!lllllll!llllilli]illlilllllllllllllllllllllllllllllllllllllll|||||||||||||||||illlll!lllllll!ll|||||||||||!lllllll!IIIIIIIIIIIIII!llll|||||li!|j||||||ilini Eine neue Webmafchine. Die Verdrängung der Hcutüwebmaschine durch den mechanischen Webstuhl hat bekanntlich zu erbitterten sozialen Kämpfen uub wirtschaftlichen Umwälzungen geführt. Nunmehr soll auch dem mechanischen Webstuhl das Ende bevorstehen. Er soll ersetzt werden durch eine -selbsttätige und z wangsläufig arbeitende Maschine. Die neue Erfindung kennt das Weberschiffchen nicht mehr. Bei ihr ist die Fadenration eines Tages in zwei Kreuzspulen links und rechts aufgehängt, und von diesen wird der Schußfaden durch. Greifer abgezogen, doppelt in ein Fach bis zur Mitte eingeführt und dort jedem gegenüberliegenden Greifer übergeben. Alsdann wird der Faden innerhalb der Webkante durchgeschnittM und von dem Greifer einfach ausgezogen. Die Kante wird dadilbch gebildet, daß das beim Abschneiden entstehende kurze- Ende im Fach liegt rmd mit dem Blattanschlag angeschlagen /wird, wodurch eine haltbare Kante entsteht. Beide Greiser sind so ausgeführt, daß sie als zuführende und abnehmende Greifer wirken können. Der Schußeintrag erfolgt wechselseitig, tpodurch an beiden Seiten eine Kante entsteht. Alle zur Betätigung der Greifer und der sonstigen Hilfseinrichtungen erforderlichen Teile sind übersichtlich und leicht zugänglich angkzordnet. Die Maschine, die bereits in mehreren Großbetrieben aufgestellt ist, arbeitet zurzeit mit einer Umdrehungszahl von .170. Sie wiegt zirka 500 Kilogramm und ist z,tnt großen Teil ans Schmiedeeisen hergestellt. Sie eignet sich znm Wehen aller Art Textilien (Baumwolle, Wolle, Jute, Leinen, Flachs, Seide nsw.), ebenso zum Buntweben. Die Hatlptvorteile der Maschine sind, daß sie Tag und Nacht arbeiten kann,-daß bei ihr Schlag und Stoß unuröglich sind, die Kettenfäden geschont werden, die größten Spulformate verwendet Werden können, daß wenig Kraft erforderlich ist, Betriebsunfällevermieden, die Unterhaltungskosten verringert und Arbeiter cingespart werden. Ihre Bedienung ist äußerst einfach und kann durch Ungelernte geschehen. Erfüllen sich die Erwartungen, die an die Maschine geknüpft tverden, so wird sie in der T e x t -i l i n d u st r i e neue starke soziale und wirtschaftliche Veränderungen herbeiführen. Phosphorgewinnung «ruf elektrischem Wese. Auf dem staatlichen Stickstoffwerke Hüttenberg in Deutschland wollen die Interessengemeinschaft der Farbstoffindustrie und die Bayrischen Stickstoffwerke ein Verfahren zur Phosphorgewinnung auf elektrischem Wege vorbereiten. Man hofft, in Kürze auf diesem Wege zirka 150.000 Tonrlcn Phosphor im Werte von etwa 40 Millionen Mark erzeugen zu können. Gin Rtthio-Chiffrierapparat. Aus Loltdon wird gemeldet: Der bekannte Erfinder der ultrarapiden Seleni-um-Zelle William Prior hat einen Apparat erfunden, mit dessen Hilfe drahtlose Telegramme für Unbefugte unverständlich geinacht -werden können, und zwar geschieht dies durch zwei aufeinander abgestimmte Slpparate, einen Sender' und einen Empfänger. Durch diesen Sender kann jedes Telegramm in gewöhnlicher Sprache abgegeben werden, wie jedes andere drahtlose Telegramm. Wird es aber durch einen Unbefugtelt anfgesangen, so ergibt sich -nur -ein wirres Durcheinander von Buchstaben. Bloß der in Betracht kommende Empfänger kann das Telegramm richtig ai.fsangen. Unzerbrechliche Gramrnophonplatteii. Grammophon-Platten aus Papier, e-i-n-e australische Erfindung, -sollen demnächst auf feen Markt kommen. Ihr Gewicht soll kaum ein Achtel der bisherigen, aus Schellack angefertigten Platten betragen, der Preis einen Schilling nicht übersteigen. Es ist allerdings abzuwarten, wie lange sie den Stahlnadeln widerstehen werden; auch die Biegsamkeit ist iricht als Vorzug zu werten, da jede Verbiegung der Platte sich in mißtöniger Wiedergabe auswivk. S. Sei» 3 6. Juni 1926 .'ßriidcrfy Jchuhfabnk VII. KAIS ERST R:¥(A6. im stock JMatfmkxul ^-STäSu&ifnaM, — Kraft ist es, die uns ohnmächtig vor Geistern oder -Herr der Geister werden lassen." Jetzt, Herr Doktor, komme ich zu deni Schwierigsten. Ich weiß, wie Ihnen meine Frage unangenehm fein wird, ich weiß, -daß Sie eher nicht geneigt sein werden, über Ihr eigenes Work zu sprechen. Doch kann ich nicht umhin, Sic -darüber zlt befragen. „Bei dieser Ausführung der Habima habe ich ettvas Sonderbares erlebt. Sie werden begreifen, daß ich anfänglich erstaunt und befremdet dasaß, als ich merkte, daß eine rücksichtslose und unbedenkliche, aber dennoch irgendwie zärtliche, fast liebende .Hand mein Werk nach ihrem ureigensten Empfinden umzuformen versuchte. Menscher:, denen mein Werk etwas bedeutet, fühlten sich -dadurch in ihrem Empfinden tief verletzt. Ich selbst hatte das merkwürdige Gefühl, etwas bei lebendigem Leib zu erleben, was sonst nur Schicksal von Toten ist: Daß ein Work sich loslöst, sein eigenes Leben lebt, seinen eigenen Weg geht, unbekürnntert um den, der es schuf, und daß mein Werk diesmal Menschen begegnet war, die es liebten, ihm manches von der Tracht, die es trug — die ihnen zu unscheinbar erschien — vom Leibe rissen, aber nur, unr cs mit dem, tvas ihnen als Schönstes und Kostbarstes erschien. zu schmücken. All dies während der beiden ersten Bilder. Als aber in: dritten Bild Musik einsetzte — und in ihrer gottgewolltell Ueberlegenheit über das Wort mich ergriff — vergaß auch ich, daß ich der Dichter dieses Stückes war. Was da sonderbar fremdartig von obetl erklang, in einer Sprache, die ich nicht verstand, aber in einer Musik, die mir irgendwie von althcr rertrau: erschien — war doch in seiner Gesamtheit mir uub meinem Blute verwandt. Ich empfand, daß zu meinem Werke etwas nicht Alltägliches hinzugetreten war: Liebe, Hingabe von Menschett, die weit weg von mir — aus anderem Boden wohnen und aus anderer Umwelt kommend — meinem Werke begegnet waren. Und so viel von ihrer eigenen Sehnsucht, Zuversicht, Auflehnung und Ergebung hatte:: sie in meinem Werke gefunden, daß sie freudig und überströmend — als wollten sie mich beschenken —, noch all das hineinhäuften, was ihnen auf dem Herze:: lag. Nicht auf mich kam es mehr an, und nicht um mein Werk ging es. Was ihnen daran Schale erschien, war von jener: da droben leicht bei Seite geworfen worden, wenig bedacht, ob es mir nrehr als Schale gewesen war. Aber das was ihnen darin als Korn zit leuchten schien, trugen sie feierlich und ehrfürchtig einher. „Aufführung?" — „Schauspieler?" — „Theater?" — wie war das weit weg! Hier waren Menschen, dje mit Das größte Luftschiff der Welt. In den Fokkcr-Werken in Amsterdam wird gegenwärtig das größte F l it g z e n g der Welt erbaut, das für den transkontinentalen Dienst zwischen Now-Dork und Dan Franzisko bestimmt ist. Das -Luftschiff wird nicht weniger als 4 0 S ch l a f k a b i n e n enthalten, -.seine Motoren werden so stark sein, daß die Strecke N e w - I o r k—S a n Franzisko in dreißig Stunden absolviert werden wird. Mit der Antenne im Hut. Aus -dem S-trog, der weltbekannten Lästerallee Kopen» Hage ns, wo am Nachmittag „tont Köbnhavn" flaniert, erregt jetzt ein junger Mann großes Aussehen, der, gemütlich hin- und herspagierend, der: mehr oder minder interessanten Darbietungen des Kopenhagener Rundfunks lauscht. Von seinem Hut baumeln vorne und hinten e-inige Drähte, während unterhalb der Kopfbedeckung zwei Kopfhörer sich über die Ohren legen. Der unternehmende junge Alaun -ist ein Student der Technik. Die Antenne im Hlltsuttcr anfgerollt, die Spulen in -der Tasche, Kristall i,nt Knopfloch, und Erdung aus denr Rücken, so lustwandelt -der Studiosl-.s ans und ab und ergötzt sich an de:n Radiokonzert, ohne auf einem Fleck sitzen zu müssen. Eine Redaktion, der die Sache rasch mitgeteilt wurde, fahndete durch den Rundfunk ilach denr modernen Wunder, und siche da — kurz nach der rnndgefunkten Aussonderung fand sich der Betreffende in voller Ausrüstung bei der Schriftleitung des Blattes ein. Während des Spazierganges hatte -er die -Eir"- ladung aufgefangen. Ben Akiba würde sprachlos sein. Kein Gold im Meerwasser. Alle Projekte, den Reichtum des Meerwassers an God anszunützen, erfuhren eine vernichtende Kritik durch den Vortrag, den Geheimrat Prof. Dr. Haber dieser Tage in der altgetneinen Sitzung des Vereines deutscher Chemiker in Kiel hielt. Nach seinen uub seiner Atttarbeiter umfassenden uird sorgfältigen Untersuchungen hesteht d'. ... Reichtum nicht, sondern ist teils durch analytische Fehler, tsils durch zufällige mineralische Verunreinigungen vorgetänscht worden. Zufällige Fundstellen mit höherem Gehalt bleiben iurmerhin möglich. —eich. ifi.i^r.iiTrwMWwriignituiawiniTar - r